Euer Krieg ist viel zu chaotisch

von Anne Peter

Berlin, 14. März 2014. "Wir verstehen das nicht", unterbricht Niels Bormann seinen Schauspielkollegen Dejan Bućin, der gerade auf Serbokroatisch voller Inbrunst ein Lied der Belgrader Band Partibrejkers von 1989 ins Mikro rockt. Doch Bormann will endlich Fakten: "Da steigt keiner mehr durch. Euer Krieg war viel zu chaotisch und wirklich nicht gut organisiert. Bevor wir über Gefühle reden, sollten wir erst mal eine solide Wissensgrundlage schaffen."

Bormann steckt in seiner Leib-und-Magenrolle: in der des begriffsstutzigen, dauernachfragenden, egozentrischen, unsensiblen, aber überzeugt gutmenschlichen und immer ein bisschen beleidigten Deutschen, der kein Fettnäpfchen auslässt. Als solcher übt er sich denn auch in physisch engagierter Wissensgrundlagenschaffung, indem er mit seinen Körperteilen die verschiedenen Ex-Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien darzustellen versucht ("hier der Arm ist Kroatien ...") – Verstehensverrenkungen der krampfhaften Art, herrlich komisch.

Nachrichtenschnipselwettkampf

Wer die Hintergründe oder den Verlauf der Kriege durchschauen will, die Jugoslawien zwischen 1991 bis 1995 auseinanderrissen, ist hier falsch. Die israelische Regisseurin Yael Ronen, die mit "Common Ground" ihre zweite Arbeit als Hausregisseurin am Berliner Gorki Theater vorstellt, hat es nicht auf eine Geschichtsstunde abgesehen, nicht auf einen Crashkurs "Jugoslawienkriege in 100 Minuten".

commonground1 560 thomas aurin uGegen das Nachrichten-TV-Rauschen ankämpfen: Aleksandar Radenković am Mikro
© Thomas Aurin

Auf der mit multifunktionalen Holzkisten vollgestapelten Bühne liefern sich die Schauspieler zu Beginn einen Nachrichtenschnipselwettkampf. Sie jagen sich gegenseitig den Platz am Mikro ab, in das sie immer atemloser Eckdaten und Namen des Balkankonflikts hineinsprechen, dazwischen mischen sich Nachrichten aus Pop und Sport, von Erdbeben und Flutkatastrophen, von Kriegen in anderen Erdteilen und eigene biographische Kindheitserinnerungsfetzen der sieben Darsteller, von denen vier in Ex-Jugoslawien geboren sind und im Krieg nach Deutschland kamen.

News verdrängen News, bis alle Details und individuellen Geschichten im großen, gleichmachenden Rauschen des Nachrichtenstroms untergehen. Auf den Hintergrund werden in schnellem Wechsel Fernsehbilder der Neunziger geworfen, dazu gibt's eine Playlist von Nirvana über Ace of Base bis Portishead. Ja, so ungefähr fühlt sich das an. Wie schnell man abstumpft. Letzte Meldung: "Der Friedensvertrag von Dayton setzt dem Bosnienkrieg ein Ende."

Seelische Langzeitlasten

Cut. Durchatmen. Die Stille nach dem Overkill. Dann fangen sie noch mal an zu erzählen, von der Geschichte des Theaterprojektes und ihrer fünftägigen Recherche-Reise durch Bosnien, bei der sie nicht nur ihren geographischen "common ground" wiederentdecken, sondern sich auch eine gemeinsame Basis für Verständigung erst erarbeiten mussten.

Mit dabei Jasmina Musić und Mateja Meded, die beide aus derselben bosnischen Stadt stammen. Jasminas Vater wurde eines Tages von Tschetniks entführt und "verschwand", Matejas Vater arbeitete in einem Konzentrationslager, in dem jener Gefangener war. Die Kinder von Opfern und Tätern stehen hier zusammen auf der Bühne. Anekdoten aus dem belagerten Sarajevo mischen sich mit aufbrausenden Diskussionen darüber, wieviel Menschlichkeit im Umgang mit Kriegsverbrechern angezeigt ist. Das semidokumentarische Material arrangiert Ronen zu leichthändig angespielten Szenen und zerstäubt diese genauso so rasch, wie sie sie hingetupft hat.

commonground2 560 thomas aurin uEnsemble auf Hochtouren: Jasmina Musić, Niels Bormann, Vernesa Berbo, Dejan Bućin, Orit
Nahmias und Aleksandar Radenković © Thomas Aurin

Immer wieder ist davon die Rede, dass jemand auf der Reise in Tränen ausbricht – und auch auf der Gorki-Bühne bleiben nicht alle Augen trocken. Es ist die ernsteste, bewegendste Arbeit, die ich bisher von Ronen gesehen habe. Sie führt ihre Spieler dorthin, wo es weh tut. Der im serbischen Novi Sad geborene Aleksandar Radenković zum Beispiel, das einzige feste Gorki-Ensemblemitglied der Truppe, steigert sich gen Ende in eine radikal ungeschützte Schuldgefühlsarie hinein. "Ich beneide die Position der Opfer. ... Wie bin ich zu einer Seite in diesem Krieg geworden? Seit wann ist das für mich ein Wettbewerb, wer am meisten gelitten hat?" Wie ungestillt die Wunden von damals noch sind, welche seelischen Langzeitlasten jene zu tragen haben, die einst als Kinder nach Deutschland flohen, davon erzählt der Abend sehr eindringlich.

We are not the most fucked up

Doch für Comic Relief ist auch gesorgt, durch das Klassenkasper-Duo Niels Bormann und die resolute Israelin Orit Nahmias, die beide schon bei Ronens gefeierter Arbeit Dritte Generation (an der Berliner Schaubühne) über die hochexplosive deutsch-jüdisch-palästinensische Gemengelage dabei waren. Nahmias findet es angesichts des Balkankuddelmuddels unheimlich erleichternd, "that we are not the most fucked up".

Ronens Theater weiß es nie besser und hält sich nicht heraus. Sein Trumpf ist Selbstironie. Immer befragt es auch die eigene Perspektive, stößt sich und uns auf unsere eigenen Widersprüche, ohne dabei mit irgendeiner "richtigen" Haltung vor unserer Nase umherzuwedeln. Kaum der Rede wert, dass bei dieser vom Publikum ausgiebig bejubelten Premiere noch nicht alles wie am Schnürchen lief, mancher Satz verhaspelt wurde. In einer Zeit, in der Europa auseinanderdriftet und sich entsolidarisiert, populistischer Nationalismus vielerorts erschreckend hoch im Kurs steht und die Ukraine ganz konkret vor einer möglichen Teilung steht, beschert uns Yael Ronen einen brennend wichtigen Abend.


Common Ground
von Yael Ronen und Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Lina Jakelski, Video: Benjamin Krieg, Hanna Slak, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Vernesa Berbo, Niels Bormann, Dejan Bućin, Mateja Meded, Jasmina Musić, Orit Nahmias, Aleksandar Radenković.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Christine Wahl vom Tagesspiegel (16.3.2014) rechnet diesen Abend zu den "seltenen Glücksfällen" des Recherchetheaters. Während die meisten Rechercheprojekte "mehr oder weniger gehaltvolle Informationsveranstaltungen" blieben, würden Ronen und ihr Team "an einem Punkt, wo viele andere aufhören, erst beginnen und über die konkreten Zusammenhänge hinaus ins Allgemeine weisen". Man staune über "die heilsame Abwesenheit politischer Korrektheitsgebote und die hohe Bereitschaft aller Beteiligten sowohl zur Selbstreflexion als auch zur Selbstironie."

"Selten nur teilt man im Theater die emotionale Arbeit der Schauspieler so bereitwillig wie bei dieser Erzählung über eine Reise nach Bosnien, auf den Spuren der Kriege, die Jugoslawien zerlegt haben", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (17.3.2014). In diesem "ausgezeichneten Theater" würden "das Historische und das Biographische, der skeptische Blick auf die allgemeinen Sprachregelungen im Umgang mit der Geschichte auf der einen Seite und die Öffnung zu den versteckten Gefühlen der Performer auf der anderen" ausbalanciert "wie in die Luft geworfene Bälle".

"Dieser Theaterabend der israelischen Regisseurin Yael Ronen und ihrer Schauspieler ist schon wieder vorbei, bevor man überhaupt richtig begriffen hat, woran man da teilhat", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.3.2014). "Er fühlt sich an wie eine Schelle oder ein Kuss von einem Fremden im Gedränge." Yael Ronens Inszenierungsweise könne man als "freundliche Überrumpelung" beschreiben. Die Fünf mit ex-jugoslawischen Migrationshintergrund wären, so Seidler, vielleicht auch ohne die beiden Begleiter Niels Bormann und Orit Nahmias ausgekommen. "Aber die so komische wie beleidigende Karikatur des Deutschen, der es besser weiß, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, und die konfliktroutinierte Israelin, die nach der Reise zum ersten Mal Heimatgefühle entwickelt, weil sie doch nicht zum 'abgefucktesten Volk der Welt' gehört, sie beide helfen dem Zuschauer − und sicher haben sie auch der Regisseurin geholfen − bei aller Identifikation die eigene hilflose Außenperspektive zwischen hysterischer Empathie und analytischer Handlungsstarre selbstironisch zu überprüfen."

"'Common Grund' ist Betroffenheitstheater", schreibt Tobias Becker auf Spiegel online (17.3.2014), "Theater mit Schauspielern, die betroffen sind von dem, was sie zeigen - und die die Zuschauer damit betroffen machen." Der Abend möge an der einen oder anderen Stelle pathetisch sein, möge schon mal platt sein oder peinlich, aber insgesamt sei er doch roh und direkt, voller Kraft und Energie, "und so angenehm undidaktisch". Die Schauspieler hätten eine Dringlichkeit, die all den Kunsthandwerkern an anderen Stadttheatern allzu oft abgehe. "'Common Grund' ist, so pathetisch und platt muss man es formulieren, eine Theatersensation."

Yael Ronen arbeite sich seit Jahren "virtuos und ironisch durch die Konflikte dieser Welt", so Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (18.3.2014), wobei  die Schauspieler als Experten ihres eigenen Lebens aufträten."Wirkt die Selbstbespiegelung in 'Common Ground' anfangs noch befremdlich, dient sie am Ende einem höheren Zweck: einer stellvertretenden Therapie." Auch wenn man Sätze wie "Wir sind so etwas wie vertraut-verlorene Schwestern geworden" "gerne streichen würde: Das ist natürlich Wahnsinn. Fast hat man als Zuschauer das Gefühl, Zeuge eines neuen historischen Ereignisses zu werden: der Versöhnung der nachfolgenden Generation."

 

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