Kleiner Mann, was nun

von Christoph Fellmann

Zürich, 14. März 2014. Dieser Abend hat einen Refrain, das ist "Mr. Bojangles". Das alte Lied von Jerry Jeff Walker erzählt von einem Straßenkünstler, der in seinem Leben sehr große Sprünge machte, um dann ganz leichtfüßig wieder auf der Erde zu landen. Ein Traumtänzer, oder, wie man heute sagen würde, "eine Blase". Jay Gatsby nennt sich an diesem Abend einmal so, und immer, wenn das Lied spielt und der Applaus rauscht, kommt er nach vorne an die Rampe, um ein paar Steps anzudeuten. Bloß, die Blase ist geplatzt, Mr. Bojangles ist alt und Mr. Gatsby tot und nur seine Schuhe glänzen zum Abschied. Applaus. Aber auch der ist nur eine Rückblende.

Peter Kastenmüller, seit dieser Saison der Hausherr am Theater Neumarkt in Zürich, blendet sie noch einmal auf. Die Geschichte des zum Glück untalentierten Jay Gatsby, wie sie F. Scott Fitzgerald in seinem berühmtesten Roman erzählt hat. Das war 1925, mitten in einer Zeit, als die Menschen mit einem besonderen Talent zum Glück lebten, aber vielleicht schien das auch nur so, weil hinter und vor ihnen die Katastrophe lag. Doch, dies vorweg, der große Gatsby schafft es an diesem Abend nicht, über das große Nichts hinweg zu feiern und zu schwindeln, das ihm der große Krieg im Tausch gegen seine große Liebe gegeben hat. Es bleibt alles klein an diesem Gatsby.

Gebügelter Dandychic

So steckt bei Martin Butzke im weiß gebügelten Dandychic zwar jener verzweifelt beeindruckende Borderliner, den man dem Gatsby sofort abnimmt. Während er noch um diese Daisy kämpft und seine alte Liebe in seine neue Villa an der Küste einführt, blickt er doch schon in die Welt wie eine verbrauchte Stummfilmfigur.

dergrossegatsby1 560 caspar urban weber u Erste Altersmüdigkeit: Gatsby und Co. am Theater Neumarkt © Caspar Urban Weber

Nur eben, diese Figur bräuchte nun eine Party, einen Rausch oder einen Trip mit dem Wasserflugzeug. Aber wo Fitzgerald seinen Gatsby als leuchtenden Gastgeber einführt, schickt ihn Kastenmüller jeweils nach vorne an die Rampe, um gemeinsam mit Tom Buchanan, seinem Rivalen, und mit Nick Carraway, seinem linkischen Erzähler, ein paar Witze abzureißen über Labormäuse, Banker und prekäre Intendanten in Fussballvereinen und an Burgtheatern. Ist das die Party unserer Zeit? Die altersmüde Sit-down-Comedy von drei Männern auf Barhockern?

Selbstüberflügelung

Der Abend verlässt hier die Dramaturgie der sauber aufgeschnittenen und neu arrangierten Romanvorlage, die im erzählerischen Duktus nahe bei Fitzgerald bleibt, und gönnt sich ein paar zeitgenössische Extras. "Überflügle den, der du sein kannst", heißt es ja auch im Text, und sowas muss man Theaterleuten nicht zweimal sagen. Nur, dass in diesem Fall um Stilmittel der Desillusionierung gegriffen wird, wo diese Geschichte doch augenscheinlich genau davon handelt: Das ist zunächst von bummelwitziger Schlichtheit, wo sich, beispielsweise, Daisy mit Gatsby in dessen Sperrholzvilla umsieht. Und es lässt spätestens da die Geschichte einbrechen, wo dieser Gatsby eine überzeugende Liebe bräuchte.

Bei Yanna Rüger ist Daisy, man kann es kaum freundlicher sagen, eine hohle Nuss. Ein Düsenmädchen der rot lackierten Fingernägel, des Bling Bling und der über dem Bauchnabel verknoteten Bluse. "Ich wünschte, ich hätte einen Kopf, der vollkommen leer ist", sagt sie einmal, durchaus texttreu. In diesem Fall aber, da sie einen solchen Kopf tatsächlich hat, schrumpft Daisy aufs Format ihrer Namensvetterin in Entenhausen.

Schöne Illusionen

Schon klar, Gatsbys amerikanischer Traum ist längst nur noch ein bunter Comic für die Schlichten unter den 99 Prozent. Doch kommt dieser Geschichte in Zürich so das Zentrum abhanden, ihr Dreh- und Angelpunkt, nämlich diese flüchtige Frau, deren Leere all die schönen Illusionen erst erzeugt. Und ganz im Ernst: Was ist von einem Jay Gatsby zu halten, der fünf Jahre einer Daisy Duck nachtrauert? Warum soll man sich seine Geschichte anhören? Vielleicht, weil er wie Mr. Bojangles ist, der noch nach zwanzig Jahren über seinen toten Hund weint? Gut und recht, nur, der Sänger erzählt vom alten Traumtänzer bekanntlich aus der gemeinsamen Zelle heraus. Da hört man sich eine solche Geschichte schon mal an. Aber unter den gelockerten Haftbedingungen des Theaters?

 

Der große Gatsby
nach F. Scott Fitzgerald
Regie: Peter Kastenmüller, Bühne: Dominic Huber, Leonie Suess, Kostüme: Sabina Winkler, Dramaturgie: Inga Schonlau.
Mit: Martin Butzke, Maximilian Kraus, Yanna Rüger, Nicola Fritzen, Janet Rothe.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterneumarkt.ch

 

Mehr zu Gatsby-Inszenierungen der jüngeren Zeit, entstanden, nachdem die Rechte frei wurden: Christopher Rüping inszenierte den Stoff im November 2011 in Frankfurt/Main, Matthias Fontheim im Dezember 2011 in Bonn, Markus Heinzelmann im Januar 2012 in Hamburg. Die Arbeit von Abdullah Kenan Karaca am Volkstheater München im Oktober 2013 ist zum Festival radikal jung 2014 eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Als "allzu distanziert und holperig" hat Barbara Villiger Heilig den Abend empfunden und schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (17.3.2014): "Kastenmüller erzählt die bei Fitzgerald dramaturgisch clever mit Überraschungsmomenten gespickte Story in einer Art Simultan-Modus: Er dröselt den Handlungsfaden auf und flicht ihn neu zusammen." Zwar gebe es auch im Original Vor- und Rückblenden, "aber sie sparen Entscheidendes aus, um es erst im richtigen Augenblick zu servieren". Die Neumarkt-Fassung hingegen mixe einerseits Vorher und Nachher – "wenn die Figuren kommentieren, statt zu spielen" – und respektiere anderseits dennoch detailreich den Romanverlauf "mittels einer Folge von Szenen, in denen die Figuren spielen, statt zu kommentieren". Was genau Kastenmüller damit bezwecke, "darf man sich fragen". Für die eigentlichen Figuren bleibe bei dieser Methode jedenfalls wenig Raum. Fazit: Natürlich lasse sich jeder Stoff ins Postdramatik-Schema pressen. "Aber nicht automatisch entsteht daraus Theaterglück."

Kastenmüller habe "diesen bannenden Zauber, der im Roman von der besinnungslosen Selbstberauschung einer Oberschicht ausgeht, massiv zurückgefahren", so Julia Stephan in der Nordwestschweiz (17.3.2014). Die Illusion sei von Anfang an weggeputzt, Daisy trete um einiges berechnender und grausamer auf als im Roman und Gatsby um vieles charakterloser. Allerdings: "Die Ambivalenz zwischen Posse und echter Regung, wie man sie bei den Romanfiguren findet, sucht man in diesem desillusionierten, zynischen Goldküsten-Haufen – 'mein Gott, bin ich weltgewandt' – vergeblich. Irgendwann hat man begriffen, dass es da keine differenziertere Regungen mehr gibt. Und weil zur Posse erstarrte Menschen zum Gähnen sind, will man ihnen auch nicht fast zwei Stunden lang zusehen."

 

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