Was sich nicht ereignet

von Kai Bremer

18. März 2014. Auch wenn das Nachdenken über Ereignisse nicht neu ist – man denke nur an Heidegger –, so gibt es doch seit einigen Jahren einen regelrechten Boom der Forschungen, die sich Ereignissen und Ereignishaftem widmen – zu nennen sind beispielsweise Hans Ulrich Gumbrechts Überlegungen zur Präsenz und Dieter Merschs Arbeiten. Anna Häuslers Buch, das dem Untertitel nach "Ereignis-Lektüren" bieten möchte, ist allein schon deswegen bemerkenswert, weil es sich zu all diesen Überlegungen entweder gar nicht (die genannten Herren haben nicht einmal den Weg ins Literaturverzeichnis gefunden) oder nur sehr knapp verhält. Das ist – vorsichtig formuliert – selbstbewusst.

Doch sagt das natürlich nichts darüber aus, wie sich Häusler mit ihren Quellen (Einar Schleefs Tagebucheinträge zum 17. Juni 1953 und sein "Kontaktbogen Tod" aus der Fotoserie "Kontaktbögen" sowie Rainald Goetz' Bericht "Das Polizeirevier" und seine Materialsammlung "1989") auseinandersetzt. Spannend ist das nicht zuletzt deswegen, weil den interpretierten Texten selbst der Ereignisbegriff fremd ist (und den Bildern ist er dies selbstredend eh). Wie also verhalten sich die Quellen zum Ereignis, wie machen sie das, was passiert, zum Ereignis, wie wird aus der Darstellung ein Ereignis?

Punktuell lesenswert

Häusler versucht diese Fragen zu beantworten, indem sie zunächst untersucht, welche "Ereignisbegriffe" den Quellen zugrunde liegen. Sodann werden die "Beobachterpositionen", die die Texte und Bilder zum Ereignis einnehmen, erörtert; schließlich werden deren "Zeichensetzungen" dargelegt.

cover tote-winkelNicht nur, weil das überzeugende Zugriffe und Ordnungskategorien sind, finden diejenigen, die mit Goetz' und/oder Schleefs Arbeiten vertraut sind, in Häuslers Buch anregende Überlegungen, auch wenn sie sich vielleicht wundern, wie selten die inzwischen doch ganz ansehnliche Forschung zu beiden konsultiert wird. Ob sich hingegen auch bei den Lesern, die sich im Hinblick auf die Materialität und Medialität der Quellen etwas versprechen oder die einen umfassenderen Beitrag zur skizzierten Ereignis-Forschung erwarten, Zufriedenheit einstellt, darf bezweifelt werden.

Häusler schreibt schlicht den editionsphilologisch unbedarften Umgang mit Schleefs Tagebüchern fort, der insbesondere den ersten Band kennzeichnet. Man müsste sich also mit dem Buch gar nicht lange aufhalten, wenn es nicht zugleich immer wieder Denkfiguren bieten würde, die es punktuell lesenswert machen. Am Ende der Einleitung etwa veranschaulicht sich dem Leser, warum das Buch "Tote Winkel" betitelt ist. Gleichwohl überwiegt nach der Lektüre des ganzen Buches der Eindruck, dass es selbst zu viele tote Winkel hat.

 

Anna Häusler
Tote Winkel. Ereignis-Lektüren.
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2014, 238 S., 24,90 Euro

 

 

Zur Forschung über den Ereignis-Begriff, die sich immer mit der heiklen Frage beschäftigt, was unter einem Ereignis überhaupt zu verstehen ist, gehören die hier erwähnten Arbeiten von Dieter Mersch, vor allem seine Untersuchung zu einer Ästhetik des Performativen, "Ereignis und Aura" (2002), und von Hans-Ulrich Gumbrecht ("Präsenz", 2012). Einflussreich sind auch die beiden Bände zur "Dekonstruktion des Christentums" (2008/2012) von Jean-Luc Nancy. Einen eigenständigen, wesentlich auf die vorsokratische Philosophie sich stützenden Versuch, das Ereignis zu verstehen, hat Lászlo F. Földényi mit "Starke Augenblicke. Eine Physiognomie der Mystik" (2013) vorgelegt. Alain Badiou versucht das Ereignis in seinem Essay "Die Begründung des Universalismus" (2009) von jenem Paulus her zu verstehen, der sich auffallenderweise parallel zum Boom der Ereignis-Forschung derzeit großer Aufmerksamkeit erfreut. Sie ist vor allem im "Paulus-Handbuch", herausgegeben von Friedrich W. Horn (2013), dem umfangreichen Aufsatz-Band "Paulus – Werk und Wirkung" (2013) und dem von Christian Strecker und Joachim Valentin herausgegebenen Buch "Paulus unter den Philosophen" (2013) dokumentiert. Der Einfluss von Martin Heidegger auf das (deutsche und besonders französische) Verständnis des Ereignisses ist wahrscheinlich nicht zu unterschätzen, wird aber künftig neu zu bewerten sein. Zum einem, weil erst seit 2013 die gesammelten Schriften Heideggers zum "Ereignis-Denken" in der Gesamtausgabe vorliegen (als Bände 73.1 und 73.2, herausgegeben von Peter Trawny), zum anderen aber, weil jüngst seine Denktagebücher, die "Schwarzen Hefte" der Jahre 1931 bis 1941, erschienen (in der Gesamtausgabe als Bände 94 bis 96), die, so meine ich, deutlich dokumentieren, dass Heidegger seine Philosophie auf einem "seinsgeschichtlichen Antisemitismus" (Peter Trawny) gründete. (Dirk Pilz)

 

 
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