Raum der Glaubens-Möglichkeiten

von Claude Bühler

Mariastein, 20. März 2014. Ohne Umschweife macht Matthias Breitenbach von Beginn an klar: Ich bin Schauspieler, mein Auftrag hier ist nicht höherer Art, sondern profan: Für die Performance heute Abend werde ich bezahlt. Ich werde dazu meinen Körper und meine Ausstrahlung nutzen. Es gehe hier um eine Fiktion.

Glänzende Predigt-Rhetorik

Aber der Abend ist angeschrieben mit "Predigt". Breitenbach steht in der ehrfurchtgebietenden, freskenverzierten, spätgotischen Klosterkirche von Mariastein vor uns, er trägt Brille, Anzug und scheint es ernst mit uns zu meinen. Er hoffe uns erbauen zu können. Dass wir nach der Aufführung vielleicht etwas tun würden, von dem wir uns jetzt nicht mal vorstellen können, dass wir es tun würden. Wer würde sich das nicht wünschen? Schlüssig legt er uns dar, warum er etwa den ungläubigen Thomas bewundere, der sich laut dem Evangelisten Johannes den Beweis für die Auferstehung Christi – im Augenblick, wo er wirklich hätte Gewissheit haben können! – versagt habe, eben nicht Jesus in die Wunde gefasst sondern sich für den Glauben entschieden habe. Dies sei eine radikale Lebensentscheidung für den Glauben, für die "Fiktion", für den "Raum der Möglichkeiten", die er für "ungewöhnlich" halte.

howtoinfluencepeople1 560 borisniktin uMatthias Breitenbach in Aktion © Boris Niktin

Breitenbachs ruhige Erwägungen vermögen wohl jeden glaubensskeptischen Widerstand zu unterlaufen, zumal er den amerikanischen Lyriker Wallace Stevens zitiert: Glaube sei im Grunde immer Fiktion, zu der wir bewusst einwilligten. Worauf will er hinaus, fragt man sich? Bekehrung? Das Gegenteil? Indem er das Böse will das Gute schaffen? In einem Ton, den wir üblicherweise für den Ehrlichkeitston halten, peilt er unsere Angst an, wenn wir voller Sorgen und Unruhe nachts im Bett liegen, weil wir glauben, endlich auch mal einen radikalen Entscheid wie Thomas fällen zu müssen, für ein weniger zwangsgesteuertes Leben beispielsweise. Heben dazu sanft die Streicher im Stile eines Mozart-Adagios an, ist offensichtlich, dass Breitenbach und Regisseur Boris Nikitin uns manipulieren. Dass wir uns am Band einer glänzend aufgebauten Rhetorik mit den Inhalten einer Predigt abgeben. Dass wir uns vielleicht sogar auf deren dahinterliegende Hoffnungen einlassen.

Reale und fiktive Glaubensbekenntnisse

"How to win friends & influence people", wie man Freunde gewinnt und Leute beeinflusst, diesen Titel eines amerikanischen Motivationsklassikers von 1936 nahm Nikitin als Inspiration für diese Predigt, die zwar erkennbar keine ist, deren Inszenierung uns aber doch mit der emotionalen Wirkung, aufgefädelt an logischen Denkschlüssen, angetrieben von unseren Sehnsüchten und Bedürfnissen, dazu verführen soll abzuwägen, ob wir auf unsere vielfältigen, offenen Lebensfragen hier nicht doch Antworten erhalten könnten. Ob wir also glauben sollen – diesem mephistohaften Schauspieler-Prediger oder sogar an Gott. Daraus, dass Nikitins Inszenierungsmittel jederzeit durchsichtig sind und sich eine Diskrepanz in uns auftut zwischen Einsicht in die Mittel und deren emotionaler Wirkung, bezieht die Aufführung ihren unablässigen Sog.

Geschickt streut Nikitin reale Glaubensbekenntnisse ein, die Breitenbachs Vortrag unterbrechen, seine Aufführung mit Echtheit potentieren. Zu einem veritablen Coup wird da der Auftritt von Beatrice Fleischlin. Sie, dem Publikum als Performerin aus der alternativen Theaterszene bekannt, erhaben vom Verdacht auf kirchlich-dogmatischen Gemeindemief, steht da und sagt: Ja, ich glaube. Sie habe bis vor sechs Jahren Gläubige als Schwächlinge betrachtet und das Rasen der Zeiten und Dinge mit Entsetzen und Erschrecken erlebt. Sie habe aber dann Signale ausgesandt und Signale erhalten. Gott nehme in ihr nun ein Licht wahr, sie trage dieses Licht. Ihre einfach vorgetragene, glockenklare Selbstauskunft vermochte die Schönheit seelischer Intimität so sehr zu vermitteln, dass die Atmosphäre im Kirchenraum spürbar ernster, aber auch heiter wurde.

Der Tod ist nicht das Ende?

Im Abstand dazu wird der Schauspieler Breitenbach, der sich als nicht mehr gläubig bekennt, immer mehr als Manipulator offenbar. Er selbst sagt sogar, er komme sich vor wie ein Gebrauchtwagenverkäufer. Was ihn nicht davon abhält, mit warmem Timbre die "Gemeinde" zu einem "Ich-liebe-Dich" an den Sitznachbarn aufzufordern. Bis er ausbricht, schreit, er wolle unsere Liebe, er brauche sie: ein Wandel im Stil vom verständigen Gemeindepastor zum freikirchlichen Erweckungsprediger bis hin zum verzweifelten Schreihals.

Wenn er am Ende völlig desillusioniert Bob Dylans "Death is not the end" vorsingt, ist die Mehrdeutigkeit des Abends noch einmal zusammengefasst. Es könnte bei ihm nämlich heissen: Ich glaube es nicht oder ich glaube es doch, ich fürchte es sogar.
 
 
How to win friends & influence people.
Eine Predigt im Benediktinerkloster Mariastein, Gastspiel des Theater Freiburg, in der Kaserne Basel in der Reihe "Stadt als Bühne"
Regie, Raumkonzept, Idee: Boris Nikitin, Text: Boris Nikitin und Ensemble, Sound & Konzeptmitarbeit: Matthias Meppelink, Dramaturgie: Jutta Wangemann.
Mit: Matthias Breitenbach, Helde Cerny, Beatrice Fleischlin, Ulrich Winterhager.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.kaserne-basel.ch

Kritikenrundschau

Dominique Spirgi schreibt auf der Basler Website www.TagesWoche.ch (21.3.2014): Boris Nikitins "Theaterkosmos" sei das "flirrende Grenzgebiet zwischen der vermeintlichen Realität und dem inszenierten Spiel". Die Zuschauer erlebten in Mariastein, wie die "lockere Plauderei" des Schauspielers langsam in die "pathetisch-erbauliche Rede" eines Predigers umschlage und sich zur "predigenden Extase" steigere. Man höre und sehe dem Schauspieler bei seiner Verwandlung gerne zu. Das "eigentlich Irritierende" seien die drei Male, die Breitenbach seinen Platz hinter dem Rednerpult Menschen aus dem Publikum überlasse, die über ihren Glauben redeten. Die Performerin Beatrice Fleischlin etwa wirke so glaubwürdig, dass man doch verunsichert sei. Die einstündige Performance im eindrücklichen Kirchenraum habe eine Stimmung geschaffen, die dazu angeregt habe, über den eigenen Glauben oder Nicht-Glauben nachzudenken.

Tumasch Clalüna schreibt in der bz Basel (22.3.2014), der Schauspieler Matthias Breitenbach beginne im Stile amerikanischer Fernsehprediger von Erbauung durch Glauben zu sprechen. Nach und nach träten Gläubige nach vorne und legten Zeugnis ab, wie sie zurück zu Gott gefunden hätten. "Stimmt das?" Und was sagten sie eigentlich genau? Fleischlin etwa spreche von einem Gott, den sie sich gezüchtet habe. Breitenbach sei ein "brillanter Schauspieler", er gebe den "ständigen Verführer", man höre ihm gerne zu. Doch man habe sich mehr gewünscht von diesem Ort, einen Bezug, den einzig der Abt zu Beginn hergestellt habe, der unseren "Zynismus in Glaubensfragen" fast lächerlich habe erscheinen lasse. Der Abend selber sei "nicht zynisch, er sei ehrlich im Umgang mit dieser Unsicherheit". Fragen könne er keine beantworten.

Im Zürcher Tages Anzeiger (22.3.2014) schreibt Alexandra Kedves: Was sei wahr an den geschilderten "Glaubensbekenntnissen und Erweckungserlebnissen"? Der Schauspieler Matthias Breitenbach habe eine "meisterhafte Manipulationsmaschinerie" in Gang gesetzt und wider besseres Wissen sei das Publikum mitgegangen. Niktin habe "uns" durchaus am Wickel. Konsequent ziehe er alle "Erbauungs- und Erweckungsregister", jongliere mit dem "Surplus des Doktheaters, verpaart Fakt und Fiktion", und das anhand von Fragen, die "an allen nagen, Verzweiflungen die jeder kennt". Großetenteils "verdammt gut gemaht", aber "verändernd" sei es nicht. Eher eine Art "in sich stimmiges, hochkomplexes und arg artifizielles Gesamtkunstwerk", eine "überdiemsioniert aufbereitete theater-theoretische Messe", von der am Schluss "vor alem die tolle Location in Erinnerung" bleibe.

 

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