Raus aus dem Avatar, rein ins Familienleben

von Leopold Lippert

Graz, 23. März 2014. "Entnetzt euch!" hat der Soziologe Urs Stäheli Ende Januar kurz vor Einbruch der Dunkelheit einem wohlwollend kritischen Volksbühnen-Netzkonferenzpublikum zugerufen. Man solle doch diesen permanenten Vernetzungsaufrufen endlich mal ein paar handfeste Praktiken der Anschlusslosigkeit entgegensetzen! Verzögern, Verstecken, Entfolgen, so Stäheli, wären doch die wahren Strategien zur Selbstermächtigung in einer Welt, in der man permanent online und befreundet ist.

Eine solche hart an der Grenze zum Eskapismus vorbeischrammende Fantasie hat sich der Grazer Autor Johannes Schrettle zur Ausgangspunkt für seine Text-Miniatur "In allen Netzen ist Ruh" genommen: Was, wenn es plötzlich kein Internet mehr gibt? Was, wenn alle Verbindungen gekappt sind? Wird am Ende aus dem vermittelt Sozialen ein echtes Miteinander?

Tanz mir das Internet!

Bevor es allerdings soweit kommt, versuchen die Performer der "Zweiten Liga für Kunst und Kultur", eine theatrale Form zu finden, um virtuelle Existenz in sichtbare Präsenz zu übersetzen. Im Stroboskoplicht zu basslastigem Synthie-Sound tanzend erwachen drei Avatare (Christina Lederhaas, Barbara Kramer, Klaus Messner) in weißen Ganzkörperoutfits zum Leben. Weil sie verschlüsselt sind, können sie einander nicht sehen, und so tapsen, stolpern, rempeln und wälzen sie sich orientierungslos durch den Raum. Manchmal verschwinden die Avatare auch einfach, wie das eben so ist, wenn der User mal kurz offline geht und den Laptop zuklappt.

inallennetzen4 560 ClemensNestroy uDer Avatar, dein Freund und Hase: Klaus Messner, Barbara Kramer und Christina Lederhaas spielen Rebellion gegen das Internet © Clemens Nestroy

Die Onlinewelt wird durch einen Halbrund aus Videoleinwänden begrenzt, die apokalyptische Bilder von Hausruinen und Skelettgestalten zeigen (Design von Frédéric Guille). Vor diesem Hintergrund basteln die weißen Avatare gemeinsam an einem Virus, der das Internet lahmlegen und aus den Köpfen der Menschen das permanente Rauschen vertreiben soll. Sie sind Revolutionäre, die an die Utopie eines authentischen Lebens ohne Facebook und Twitter glauben. Zugleich jedoch sind sie durch und durch Geschöpfe einer vernetzten Welt, und das heißt zuallererst: Sie trauen einander nicht über den Weg.

Stern Slash Null Null Fragezeichen

Wie soll man denn auch nicht paranoid werden, wenn man dauernd mit neuen, fantasievollen Lebensentwürfen konfrontiert wird? In Schrettles verspielter Versuchsanordnung wartet eine neue Identität immer bloß ein paar Tasten weiter: Mal sind die Avatare Erwachsene in der Midlife-Crisis, mal abgebrühte Teenies, ein andermal einfach nur weiße Kaninchen. Wobei: "Naja, okay, das ist mir schon klar, dass du nicht wirklich ausschaust wie ein Hase!" Sie melden sich vom Skiurlaub in Kitzbühel, aus Thailand vom Strand, oder einfach nur aus dem Grazer Stadtpark.

Dabei zimmert sich Schrettle eine internetfreundliche, aber holprige Kunstsprache: Aus Erzähldialogen werden plötzlich Google-kompatible Schlagwortketten; scheinbar zusammenhangsloses Monologisieren entpuppt sich als der Multitasking-Sprech im Hin und Her zwischen den vielen offenen Bildschirmfenstern. Unsinnige Linkpfade werden genüsslich ausbuchstabiert ("Stern Slash Null Null Fragezeichen"), und das enden wollende poetische Potential von allerlei Internetkürzeln und Dot-Com-Unternehmen ("PN", "YouTube", "Love.at") wird voll ausgeschöpft.

Dem Halbfertigen der Sprache entspricht auch die billige Pointe am Ende: Als das Internet schließlich tatsächlich abgeschaltet wird, macht sich Ernüchterung breit. Die Avatare verwandeln sich in Vater, Mutter und Kind einer bürgerlichen Kleinfamilie aus Graz, die die ganze Zeit über mit Laptop, Tablet, und iPhone am Esstisch verbracht hat. Die Utopie der vollständigen Entnetzung, die Flucht aus dem Virtuellen ins vermeintlich Reale führt bei der "Zweiten Liga" bloß dorthin, wo das Theater eh schon immer war: in den ödipalen Würgegriff des Familiären.


In allen Netzen ist Ruh
von "Zweite Liga für Kunst und Kultur"
Text: Johannes Schrettle, Regie: Vera Hagemann, Design: Frédéric Guille, Sound: Robert Lepenik, Video: Peter Venus.
Mit: Christina Lederhaas, Barbara Kramer, Klaus Messner.
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.tao-graz.at

 

Kritikenrundschau

Eli Spitz schreibt in einer Kürzestbesprechung in der Grazer Kleinen Zeitung (24.3.2014): "Bemüht, Theatergewohnheiten zu zerhacken", hopste ein "anonymes Internet-Trio" in Weiß vor der Halbmondleinwand. Auf dieser formten Frederic Guilles Graffiti-Stadtbilder und das amüsante Video von Peter Venus ein eigenes Kunstwerk, mit dem die Zweite Liga für Kunst und Kultur nicht nur junges Publikum packe. 

 

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