Der Albtraum des Gottlieb B.

von Valeria Heintges

Bern, 29. März 2014. Biedermann schläft. Unruhig wälzt er sich auf dem Boden. Ihm träumt, ein fremder Mann sei zu ihm gekommen, habe sich von ihm bedienen lassen und dann Obdach auf dem Dachboden gefunden. Er weiß, es ist ein Brandstifter, aber er findet nicht die Kraft, ihn hinauszuwerfen. Auch seine Frau ist ihm im Albtraum keine Hilfe: Eigentlich wollte sie den Fremden direkt nach dem Frühstück am nächsten Tag loswerden. Aber nun sitzt sie, aufreizend zurechtgemacht, mit ihm am Frühstückstisch und lässt sich lasziv füttern. Auch Anna, das Dienstmädchen, ist als Retter nicht zu gebrauchen. Anstatt ihren Job zu verrichten, segelt sie in hochhackigen Schuhen und leuchtend türkisem Ballkleid daher, flötet Biedermanns Namen und bewegt sich, als sei sie eine Modepuppe mit Gummigelenken.

In einer schwarzen Höhle

Claudia Meyer hat im Stadttheater Bern Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" auf die Bühne gehievt. Aber sie hat das Stück nicht – wie kurz vor ihr noch Volker Lösch in Basel – als Kommentar zur vom Wahlvolk angenommenen Zuwanderungs-Initiative gelesen, sondern frei von jeder tagespolitischen Anspielung als Albtraum des Gottlieb Biedermann. Konsequent aus dessen Traumsicht lässt sie das Geschehen surreal über die Bühne gehen. In der Mitte des schräg gestellten, pechschwarzen, höhlenartigen Raums von Ausstatter Aurel Lenfert windet sich ein langer, geschlossener Holzkorpus, der als Tisch dient, aber auch als Laufsteg zu begehen ist. Hoch oben hinter einem Geländer der leicht schräge Dachboden, auf dem die Brandstifter ihre gelben Ölkanister scheppernd heranrollen lassen. In diese schwarze Höhle hinein denkt sich Biedermann die unaufhaltsame Katastrophe, der er willig und wissend Hand bietet, auf dass die Stadt zuletzt in Flammen aufgehe.

biedermann 02 560 p zinniker uBiedermann Stéphane Maeder, seine Brandstifter Jürg Wisbach und Jonathan Loosli, zwischen
ihnen Milva Stark als Madame Biedermann und hinten das "Mädchen" Henriette Blumenau 
© Philipp Zinniker

Streng konzipiert

Kaum ist Biedermann das erste Mal im Traum aus seinem Traum erwacht, bewegt ihm Dienstmädchen Anna die Arme, als führe sie eine Marionette. Milva Stark als Gattin Babette tritt in einem hochgeschlitzten, hauchdünnen Negligé auf, das mehr zeigt als verbirgt und ihre Figur irgendwo zwischen Vamp und Tyrannin ansiedelt. Später wird sie es gegen ein beinahe ballerinaartiges apricotfarbenes Kleid tauschen und zum dummen Püppchen werden – eben diese Rolle hat ihr der träumende Biedermann zugedacht. Wie Milva Stark finden in dieser streng konzipierten Regiearbeit  die Schauspieler mühelos den richtigen Ton für ihre Figuren. Stéphane Maeder ist schon rein äußerlich der gut situierte Managertyp. Ein Mitarbeiter, der sich wegen der Kündigung das Leben nimmt, bringt ihn noch lange nicht aus der Ruhe, aber dessen Witwe geistert gleich doppelt durch den Alb. Henriette Blumenaus Anna ist eine geschniegelte Mode-Trine, Jürg Wisbach als Schmitz mit Netzhemd und weißer Hose die Zirkus-, Jonathan Loosli als Eisenring die vornehme andere Hälfte des Brandstiftergespanns. biedermann 04 560 p zinniker uNoch im Traum ist dieser Alptraum zum Haareausraufen: Stéphane Maeder und das
ensemble ardent © Paul Zinniker

Gruselige Gäste zum Dinner

Die Albtraum-Atmosphäre wird entscheidend geprägt von Michael Wilhelmi, der nicht nur seinem Piano filmmusikartige Charakterisierungen der Situationen entlockt, sondern auch die Chorpassagen für das 24köpfige Berner Vokalensemble Ardent unter Leitung von Patrick Secchiari vertont hat – in Kauf nehmend, dass so die Texte nicht immer verständlich sind. Zu Beginn der Inszenierung stehen die Sänger in den Rängen des Berner Stadttheaters, schicken von dort ihre mal choralartigen, mal eher flirrenden Gesänge in das Geschehen.

Später baut Regisseurin Meyer den unheilverkündenden Chor immer wieder geschickt in ihre Arrangements ein: Mal steht er in der aufklappenden Wand und versperrt Biedermann den Weg nach draußen, mal erstarren die kleinbürgerlich gekleideten Sänger wie Säulen auf der Bühne, zum finalen Abendessen mit den Brandstiftern kommen sie lautlos als ungeladene Gäste an die lange Tafel, die so geselliger wird und gruselig zugleich. Weil auch sie am Ende nur den Brandstiftern in die Hände spielen und Biedermann nicht einmal im Traum als Held taugt, werden die beiden Herren am Ende alles in Brand setzen. Wenn sich der Rauch langsam über den Fußboden in den Vordergrund arbeitet und die Aschefetzen fliegen, kann man Biedermann nur wünschen, er möge endlich aus diesem eindrucksvoll verstörenden Albtraum erwachen.

 

Biedermann und die Brandstifter
von Max Frisch
Regie: Claudia Meyer, Ausstattung: Aurel Lenfert, Choreographie: Ester Ambrosino, Dramaturgie: Karla Mäder, Musikkomposition: Michael Wilhelmi, Chorleitung: Patrick Secchiari.
Mit: Stéphane Maeder, Milva Stark, Henriette Blumenau, Jürg Wisbach, Jonathan Loosli, Ute Giebisch, Eveline Gabaldon und dem Chor ensemble ardent.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

Claudia Meyer deute Frischs "Lehrstück ohne Lehre" gänzlich psychologisch und mache einen weiten Bogen um alles Aktualisierende, schreibt Regula Fuchs in Der Bund (31.3.2014). Meyer schaffe "eine durch und durch artifizielle Welt mit durch und durch artifiziellen Figuren" und dadurch Distanz zu all den "politisch mehr oder weniger expliziten Lesarten", die das Stück gewohnt sei. Es halte aber "durchaus auch eine solche Deutung aus, die ganz aufs seelische zielt". Das ganze sei "stilsicher inszeniert, tadellos gespielt und sinnfällig eingerichtet". Das "wirklich Ungeheuerliche der Situation" allerdings bleibe ob all der Distanzierung und Ironisierung "wie luftdicht verpackt". Das Verstörende, Abgründige bleibe an diesem Abend der Bühne fern.

Claudia Meyers Inszenierung punkte "weniger lärmig" (als die unlängst in Basel herausgekommene von Volker Lösch) und ohne aktuellen Politikbezug, schreibt Michael Feller in der Berner Zeitung (31.3.2014). Den Anfangschor beschreibt Feller als "magischen Moment", die Inszenierung insgesamt als "überaus musikalisch". Die Schauspieler brächten allesamt "tolle Leistung" – es blieben trotzdem in erster Linie die Musik und "die Regieeffekte" haften, auch wegen des "eindrücklichen Bühnenbilds", das für weitere "magische Momente" sorge.

Meyer präsentiere "eine eigenwillige Deutungsart" und verlagere das Geschehen "von der Aussen- in die Innenwelt", so Beatrice Eichmann-Leutenegger in der Neuen Zürcher Zeitung (1.4.2014). Biedermanns Angst "verdichtet sich zum Trauma und hindert ihn an der rettenden Aktion. Gequält von Traumbildern, wälzt er sich im Schlaf." So wandele sich Frischs Lehrstück in Meyers Lesart "zum Nachtstück", mit dem Anflug eines Tanzstücks und "deutlicher Stilisierungstendenz". Die Regisseurin nehme das Stück ganz nach Frisch als "Lehrstück ohne Lehre" und verbitte sich "jede Anspielung auf aktuelle Ereignisse". Bisweilen gebärde sich der Abend "schrill" und gefalle sich in Übertreibungen. Herauskomme insgesamt jedoch "ein Gesamtkunstwerk" im "Geist des absurden Theaters", "das die Zuschauer überrascht, weil es die gewohnten Blickrichtungen meidet".

 
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