Einer, der gefallen will

von Morten Kansteiner

Köln, 25. Januar 2008. In der ersten Reihe des Rangs feiern Célimène und ihre Gäste schon, während die Zuschauer die übrigen Plätze im Kölner Schauspielhaus einnehmen. Die Ensemblemitglieder sind nicht zu übersehen: Klaus Bruns hat sie in Diskokugelkostüme gesteckt. Julia Wieninger schillert als Gastgeberin von Kopf bis Fuß, ein bisschen Meerjungfrau mit Tiefseedecolleté, ein bisschen Königin des Standardtanzes. Michael Goldberg und Omar El-Saeidi tragen baugleiche Jacketts: Die Freunde Acaste und Clitandre changieren einträchtig zwischen Petrol und Schwarz. Der Tütü der Eliante fällt etwas matter aus, aber dafür macht Angelika Richter durch begeisterte Rufe auf sich aufmerksam.

Gast und Hast, Person und Hohn

Der Titelheld des Abends, der Menschenfeind Alceste fällt da kaum auf: Felix Goeser sitzt stumm abseits. Und selbst die monumentalen Lettern, mit denen Karin Henkel ihre Inszenierung ausschildert, haben einen fast diskreten Auftritt. Es poltert noch im Rang, als drei Worte auf dem eisernen Vorhang erscheinen: "Heim zum Reim". Eindeutig eine Drohung. In gewissem Maß ein Eingeständnis. Und vielleicht, naiv gelesen, ein Versprechen.

Die Regisseurin gibt kund, dass wir die Zone der Alltagssprache jetzt verlassen, dass wir uns der totalitären Ordnung des Endreims unterwerfen. Sie gibt zu, dass die Molière'schen Reime nicht einfach zu inszenieren sind: Die Selbstverständlichkeit zu behaupten, die sie vor dreieinhalb Jahrhunderten einmal hatten, dürfte kaum gelingen. Und letztens eben das Versprechen: dass das Theater sich auf seine Künstlichkeit besinnen könnte. Aber bis dieser Gedanke aufkommen kann, muss erst allerhand gehandelt werden.

Fürs erste muss Felix Goeser die Rampe hinunter, die quer durchs Parkett auf die Bühne führt. Alceste flieht die Gesellschaft, der er Heuchelei vorwirft. Sein Freund Philinte jedoch bleibt – in Gestalt von Carlo Ljubek – hartnäckig an seiner Seite. Es kommt zu den ersten Tiraden des Menschenfeinds, die Reime klappern los. Fast ein wenig ungelenk landet die Betonung auf "Gast" und "hast", "Person" und "Hohn".

Nachdrückliches Klopfen auf die eigene Brust

Dieser Alceste gehört nicht zu den Feinmechanikern unter den Versschmieden. Die Arsinoé der Anja Laïs zum Beispiel ist ihm überlegen, wenn es darum geht, den Reim im Fluss der Silben nach Belieben aufblitzen zu lassen. Und Felix Goeser breitet ziemlich plakativ die Arme aus, wenn er sein "weites Herz" erwähnt, er klopft sich arg nachdrücklich auf die Brust, wenn er sich selber Treue schwört. Aber das hat auch seine Richtigkeit: An seinen Mitmenschen verurteilt Alceste ja gerade die geschliffenen Formen, die glatte Oberfläche. Er will direkt sein, ehrlich.

In kritischen Momenten bleibt ihm der Reim sogar mal ganz weg. Etwa wenn er sich von Célimène, die er zum Objekt seiner unbedingten Liebe erkoren hat, einige Intrigen später betrogen sieht. Dann beantwortet er, von Eifersucht geschüttelt, die Frage "Was ist passiert?" ohne Rücksicht auf jede Etikette: "Sie hat mich verarscht." Und verbessert das Verb erst im Nachhinein: "...blamiert". Man könnte glatt auf den Gedanken kommen: Alceste ist eben echt, irgendwie einer von uns. Oder zumindest in der gebundenen Sprache ebenso wenig zu Hause.

Hinter der Wahrheit die Kunst

Aber Karin Henkel, die sich zusammen mit der Dramaturgin Rita Thiele eine eigene Spielfassung des Textes zurechtgelegt hat – anhand der Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens –, hat mit ihrem "Menschenfeind" doch ein wenig mehr vor. Sie lässt nicht einfach den aufrichtigen Alceste gegen eine verlogene Umwelt antreten. Ihr Klartextsprecher ist nicht ehrlicher als die Girlandenflechter: Auch seine Authentizität ist Pose.

Deswegen vertauscht Henkel auf den letzten Metern die Rollen: Nicht Alceste fordert Célimène zu einem zweisamen Leben abseits der Gesellschaft auf – wie von Molière vorgesehen –, sondern sie will umgekehrt mit ihm das Weite suchen. Und genau in diesem Moment, da er sie in der Hand hat, da sein Leiden, Klagen, Toben obsiegt, lässt Alceste all das fahren. Hat er sich vorher in wohlkalkulierter Wut die Kleider vom Leib gerissen, zieht er seinen schwarzen Anzug jetzt wieder an.

Viel beschwingter als zuvor tritt Felix Goeser auf den Steg, zwischen die Zuschauer. Gleichzeitig arrogant und offen strahlt er sie an – mit einem Mal ganz der Verführer, als der er zum Schauspieler des Jahres 2006 aufgestiegen ist. Er steht da als einer, der gefallen will, und weiß, wie man das macht. Hinter der Maske des Wahrhaftigen kommt der Kunstfertige zum Vorschein. Und das Theater ist schließlich ganz bei sich. Eine kapitale Pointe für das Ende einer klassischen Komödie.


Der Menschenfeind
von Molière
deutsch von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, Fassung von Karin Beier und Rita Thiele
Regie: Karin Henkel, Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Klaus Bruns. Mit: Felix Goeser, Carlo Ljubek, Michael Wittenborn, Julia Wieninger, Angelika Richter, Anja Laïs, Michael Goldberg, Omar El-Saeidi.

www.schauspiel-koeln.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (27.1.2008) zeigt sich Andreas Rossmann sehr unzufrieden mit Karin Henkels "Menschenfeind". Die Regisseurin mache es sich zu einfach, befindet der Kritiker, indem sie einfach das Publikum zu der Gesellschaft erkläre, die "Alceste als hohl und heuchlerisch erfährt", sie gebe "keine Vorstellung" davon, wie diese Gesellschaft beschaffen sei und auch der Widerstand  "an dem sich der Misanthrop reibt", falle "denkbar plump und pauschal aus". Rüde das Gebaren von Felix Goeser als Alceste, der Frauen umschubst, mit einem Schlagzeug lärmt und den blanken Pöter vorzeigt. "Grob und grapschend schnaubt Goeser durch die Aufführung, der es auch sonst an Maß und Manieren mangelt ..." Die Übersetzung hatten Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens vor 25 Jahren für ihre Kölner Aufführung angefertigt. Führte Gosch damals mit dem "Taktstock" Regie, habe Henkel die "Axt" benutzt.

Auch Brigitte Schmitz-Kunkel in der online-Fassung der Kölnischen Rundschau (27.1.2008) vermisst "die Schwärze dieser Komödie, in der der Utopist sich durch die unmenschliche Maßlosigkeit seiner Ansprüche selbst ins Unrecht setzt". Mit der Einbeziehung des Publikums sowie der modernen Ausstattung werde zwar eine Zeitlosigkeit von Molières "Gesellschaftssatire" behauptet. Aber es ergibt sich für sie daraus nichts Neues: "So weit, so konventionell." Die Sprache natürlich gebe der Inszenierung "wirklich Witz": "Immer mal wieder auch werden Verse (mit und ohne Endreim) direkt wiederholt – Zeichen kleiner Risse in der glattpolierten Kommunikation." Trotzdem bleibt die Sache allein wegen des "starken Ensembles" sehenswert.

Ihr Kollege Christian Bos befasst sich in seinem Artikel im Kölner Stadtanzeiger online bereits am 27.1.2008 zu lesen) fast ausschließlich mit den Sprachspielereien in Henkels Inszenierung. Die beiden letzten "Rückzugsgebiete" des Reimes seien das "peinliche biografische Gedicht auf der Hochzeitsfeier und die Büttenrede." Insofern sei es "geradezu nassforsch", wenn Henkel ausgerechnet in Köln alles auf den Reim setze – aber sie hätte gewonnen: "Die Neuübersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens gibt dem Text den Witz und die Schärfe zurück, die sich über Tausende von 'Menschenfeind'-Aufführungen seit 1666 abgeschliffen haben. Henkel und ihr Ensemble nutzen die flotten Verse, um den handelnden Personen klare Konturen zu geben." Was der Kritiker in umfänglichen Figurenporträts im Folgenden und Vorangegangenen gründlich darlegt.

 

 
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