In Lügen lächeln

von Michael Laages

Braunschweig, 12. April 2014. Erstaunlich gut tut es an diesem Abend dem Ensemble und uns, dem Publikum, sich mal wieder wie zum ersten Mal einzulassen auf eines dieser Dramaturgie-Maschinchen, die in der Schreibwerkstatt von Henrik Ibsen gerattert haben müssen; gnadenlos und unausweichlich, nach Bau- und Schaltplänen, die nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen. Noch für das entlegenste Nebenröllchen findet sich gegen Ende ein anderer Baustein seinesgleichen – bis wirklich alles passt. Und gern steht dann am Ende – wie in "Die Wildente", entstanden vor 130 Jahren – die schlimmstmögliche "Lösung"; schon darum, weil sie keine ist.

Das Kind nimmt sich das Leben – obwohl es niemanden gibt, der weniger "Schuld" verspüren müsste an dem tödlichen Gespinst aus Lügen, das der Familie des Fotografen Hjalmar Ekdal die Lebensluft abdrückt. Ihr Leben basiert auf einem "Deal"; Ekdals Vater (der mit in der Fotografen-Familie lebt) und der alte Werle haben vor gut fünfzehn Jahren einen massiven Wirtschaftsbetrug inszeniert, für den nur Ekdal ins Gefängnis ging. Werle finanziert dafür das Leben des jungen Ekdal und hat ihm dazu seine abgelegte Geliebte an die Seite gegeben.

Den Augen-Blick wörtlich genommen
Werles Sohn legt nun all dies offen – und lässt so erst den ganzen bösen Zauber aus der Büchse der Pandora. Als der Schwächling Hjalmar erfährt, dass nichts wahr war im bisherigen Leben, sprengt er quasi alles in die Luft: die Familie sowie den Traum vom Erfinden. Derweil hat der junge Werle, dieser fundamentalistische Aufklärer, Ekdals Tochter schwer begreifliche Phantasien vom "sich opfern" eingegeben – darum tötet sie sich selber und nicht die Wildente aus dem Stücktitel, die mit viel anderem Kleingetier auf Ekdals' Dachboden vegetierte; für Opa, den passionierten und nach der Zeit im Knast ziemlich weit jenseits von Gut und Böse siedelnden Jäger.

wildente 560 volkerbeinorn uAbrissparty? Famlie Ekdal am Tapeziertisch © Volker Beinhorn

Ohne klare Haltung muss jede Inszenierung an der sprach- und atemlos machenden Logik und Ausweglosigkeit dieses Stückes scheitern. Stephan Rottkamp aber ist der Ibsen-Maschine vom ersten Augenblick an Herr. Den Augen-Blick nimmt er wörtlich – und bannt das oft so schwergängige Fest in der Villa Werle, diese klassische Exposition aller Dramatik danach, in Familienbilder wie aus Ekdals Fotografen-Alltag. In gestellten Bildern zeigt Rottkamp die Bedienten im Hause, den alten Werle und seine neue "Perle" (die er später heiraten wird); dann tritt Werles verlorener Sohn auf, im Streit mit dem Vater bereit, alle Idyllen in die Luft zu jagen, dann kommen die Fest-Gäste und der junge Ekdal, der als Werles Party-Gast den ungeladenen (und mit Perücke verkleideten) Vater verleugnet: Die Eröffnung ist verblüffend und bereitet die massive Verdichtung des Texts vor.

Realismus durch Abstraktion
Rottkamp und das Ensemble haben auch die berüchtigten Klipp-Klapp-Dialoge à la Ibsen in den Griff bekommen; während Kathrin Frosch Ekdals Studio als kargen, hohen Raum zeigt, in dem es nicht mal Stühle gibt und alle Requisiten, alle kleinen Schätze und "Lebensmittel" unter abhebbaren Holzbohlen lauern. Gehen Vater und Sohn Ekdal zur Jagd in den Privat-Zoo, hebt sich die Dach-Schräge, und wir schauen in grelles Gegenlicht. Erst in dieser Form der Abstraktion funktioniert der Rest-Realismus: Bier trinken, Brot und Käse essen.

Der junge Ekdal ist bei Sven Hönig ein hybrider Naivling der extremen Sorte, der junge Werle bei Oliver Simon ein feuerspeiender Propagandist. Ursula Hobmair strahlt als 14-jährige. Das Ereignis aber ist Sandra Fehmers Gina Ekdal: ganze Akte hindurch still und lächelnd zu all den Lügen um sie herum und in ihr selbst; und dann, nach kurzem Ausbruch, im letzten Bild schon wieder lächelnd, weil sie (wie der klarsichtige Arzt Relling von Tobias Beyer) ja weiß, dass der Alltag alles wieder richten wird. Nur das Kind nicht wieder lebendig machen wird. Vielleicht machen sie ein neues.

Der alte Werle von Moritz Dürr und seine neue Geliebte Frau Sörby, von Rika Weniger, der alte Ekdal schließlich von Andreas Bissmeier – das komplette Ensemble macht sich den Text durch Haltung zu eigen. Und so wird in Braunschweig eine sehr besondere Begegnung mit Ibsen möglich: streng geformt und jenseits von aller Routine.

Die Wildente
von Henrik Ibsen
Deutsch von Inge Greiffenhagen und Peter Zadek
Regie: Stephan Rottkamp, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Justina Klimczyk, Dramaturgie Christine Besier.
Mit: Tobias Beyer, Andreas Bissmeier, Moritz Dürr, Sandra Fehmer, Ursula Hobmair, Sven Hönig, Oliver Simon, Rika Weniger und Statisterie
Dauer: Zwei Stunden 30 Minuten, eine Pause

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Kritikenrundschau

Ibsens Antihelden "sprechen, deklamieren" in den Saal hinein, mehr, als dass sie sich einander zuwendeten, die Vereinzelung der Figuren, zeige Rottkamps Inszenierung "etwas überdeutlich", moniert Florian Arnold in der Braunschweiger Zeitung (13.4.2014). Doch vieles sei "streng strukturiert und so konsequent wie kühl auf das Wesentliche reduziert" - bis hin zum Text. Das sei "ein wenig jakobinisch", in ihrem "unbedingten Willen zur Klarheit" atme die Inszenierung "ein wenig von dem übereifrigen Aufklärungswillen Gregers Werles". Anderseits sei sie "präzise und konsequent durchgespielt, mit einigen starken Szenen und Bildern, gut verzahnt und gut gesprochen." Und mit einer "anrührenden, unschuldig eindringlichen Ursula Hobmair als Hedwig selig zusätzlich gesegnet".

 

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