Bankrott und Wiederauferstehung

von Georg Kasch

Berlin, 14. April 2014. Wie politisch ist das Private? Ziemlich, wenn man dem gerade zu Ende gegangenen Festival Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne glaubt. Das begann schon mit der Bühnenfassung des Bolaño-Romans "2666", dieser virtuosen Höllenfahrt in die Grabkammern der Gegenwart, auch wenn die Umsetzung schwächelte. Das ging weiter mit der 240-Stunden-Performance "Meat" und der menschenleeren Installation "33 RPM and a few Seconds" von Rabih Mroué und Lina Saneh – in beiden wurde Facebook zur virtuellen Spur, auch wenn sie in verschiedene Richtungen wies (nämlich in die von kapitalistischer Narzissmus-Mimikry einerseits, von biografischen Spuren andererseits, aus denen sich Bilder politischer Realitäten puzzeln lassen).

So wie "33 RPM" tourt auch Angélica Liddell schon eine Weile mit Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy) (Der ganze Himmel über der Erde (Das Wendy-Syndrom)) über die Festivals, ihrer wütend-weiblichen Abrechnung mit sich und der Welt. Und stellte sich somit nicht nur dem Wettbewerb um den längsten Titel, sondern wurde zum Teil eines produktiven spanischsprachigen Schwerpunkts bei F.I.N.D. Die 14. Ausgabe dieses oft ein bisschen beliebig wirkenden Festivals zeigte panoramatisch, was man gerade so alles unter neuer Dramatik versteht: Zusätzlich zur klassischen Vorstellung neuer Bühnentexte, die sich selbst zwischen Rollen, Szenen und Textflächen aufspannen, gab es neben einer Roman- und einer Filmadaption gleich mehrere Stückentwicklungen und Performances.

Srbljanović' "Dieses Grab ist mir zu klein"

Das einzige klassische Stück war "Dieses Grab ist mir zu klein" von Biljana Srbljanović, in dem die serbische Dramatikerin die Attentäter von Sarajevo als ziemlich kindische Hitzköpfe zeigt, die aus Versehen den 1. Weltkrieg auslösen. Mina Salehpour inszeniert diese dritte, als "Werkstattinszenierung" gelabelte Eigenproduktion ziemlich holzschnittartig als albern-aufgedrehten Totentanz mit Anleihen bei Stummfilm, Revue und Volkstheater: Ein Bretterverschlag ist Dachboden und Straße, auf dem die großen Kinder und auch der nationalistische Verführer herumbalancieren. Fröhlich brettert sie über im Text angelegte Untiefen hinweg. Rotfrontfaust? Hitlergruß? Ist doch alles irgendwie dasselbe. Erst am Ende, als die Entwicklungslinien bis 1995 gezogen werden und allen Beteiligten die Sinnlosigkeit ihres revolutionären Strebens dämmert, bekommt der kurze Abend eine Dringlichkeit, die ahnen lässt, warum dieses Stück überhaupt entstanden ist.

Großartige Chilenen: La Re-sentida

Mit dem politischen Theater ist das ja immer so eine Sache: Bringt das überhaupt was? Und wenn ja, wem? Wer oder was lässt sich konkret verändern? Fragen, die die großartige Satire "Tratando de hacer una obra que cambie el mundo" (Der Versuch ein Stück zu machen, das die Welt verändert) der chilenischen Gruppe La Re-sentida ins Extrem denkt: Sechs Schauspieler sind seit vier Jahren von der Außenwelt abgeschlossen, um, der Titel sagt es, das weltverändernde Stück zu erfinden. Einer ist unterdes gestorben, die anderen befinden sich in Zuständen zwischen Apathie und Hysterie. Die Wände ihres Bunkers sind bis oben hin mit Zetteln und Bildern beklebt, unten stapeln sich die Bücher.

find tratando 280h clare-sentida u"Tratando de hacer una obra" © La Re-sentidaWürden sie doch, wie so viele andere in Stücken bei diesem Festival, die sozialen Medien, überhaupt das Internet nutzen! So aber hecheln sie unter Ganzkörpereinsatz die abgeschmacktesten Performance-Ideen durch, während sich oben die Welt längst weitergedreht hat. Als ein Brief (von oben! Deus ex machina!) verkündet, dass Chile zum Musterland geworden und alle sozialen Probleme gelöst worden sind, das Theater also nurmehr unterhaltende und therapeutische Funktion habe, kurz: ihr Opfer umsonst war, weigern sie sich, diese Realität anzuerkennen. Sie filtern den Brieftext so lange, bis die gewünschte Geheimbotschaft ("Kämpft weiter!") herauskommt. Nicht mal die CD, die die Tochter des gestorbenen Mitstreiters für diesen aufgenommen hat, rüttelt sie wach: Weil Europa aussterbe, habe sie ihren Bauch als freiwilliges Engagement für eine Leihmutterschaft zur Verfügung gestellt – das sei die wahre Revolution. Am Ende, man ahnt es, schließt sich der Kreis, werden die wenigen wahrhaftigen Worte des einen Schauspielers gleich vom Technikgemäkel des anderen weggewischt.

Lagartijas tiradas al sol aus Mexiko

Das ist natürlich ein einerseits ein fulminant ausgeführter Insiderscherz, eine aberwitzige Theater-Studie, eine Bankrotterklärung des politischen Theaters und seine Wiederauferstehung. Wie recht die Truppe mit ihrer Kritik hat, zeigte "Derretiré con un cerillo la nieve de un volcán" (Ich schmelze mit einem Streichholz den Schnee eines Vulkans) der mexikanischen Gruppe Lagartijas tiradas al sol. Engagiert erzählen sie die Geschichte ihres Landes anhand der zentralen Partei der institutionellen Revolution, die das Land über Jahrzehnte korrupt regierte, das Gute wollte und ziemlich viel Übles schuf. Letztlich bleibt's bei ziemlich viel Wikipedia-Wissen, weil die Verschränkung mit der Figur einer Autorin, die ein ziemlich neutrales Buch über diese Staatspartei schrieb, sich ansonsten aber wütend an allen möglichen Ungerechtigkeiten abarbeitete, nicht so richtig zündet. Auch szenisch nicht, wenn die drei Schauspieler mit Masken und allerlei Requisiten in immer neue Rollen springen im Zimmerpflanzendschungel, der zwar hübsch ist, sich aber auch nicht erschließt.

Rodrigo Garcias "Daisy"

Politisch in seinem Rundumschlag ist mal wieder Rodrigo Garcia, längst F.I.N.D.-Dauergast: In "Daisy" monologisieren zwei erwachsene Männer wie Pubertäts-Nihilisten, regen sich über Intimrasuren, Wasserski und Internet-Suchmaschinen auf. Dazu gibt’s echte Hunde, Schnecken, Kakerlaken (wegen einer hinreißenden Passage, in denen der Erzähler von ihrer Zähmung berichtet) und eine Schildkröte (im viel zu kleinen Becken) auf der Bühne, Leibniz doziert, ein Hamburger schwallt, im Video wird kultisch der Kakerlake gehuldigt, später schweben zwei ziemlich irdische Gespenster durch eine menschenleere Reihenhaus-Spießeridylle.find daisy 560 christian-berthelot u"Daisy" von Rodrigo Garcia © Christian Berthelot

Aus den Ritzen aber zwischen all dem beißenden Spott und der treffenden (Selbst-)Ironie schwitzt eine zärtliche Sehnsucht nach dem Eigentlichen, auch nach Erlösung, die in der schönsten Zumutung gipfelt: Ein Streichquartett spielt hier ausführlich Beethoven, so hinreißend schön, dass man nach all dem Kulturpessimismus doch wieder an die Kunst glauben muss.

Lars von Triers "Idioten" durch die russische Brille

find idiots 280 alex yoku u"Idioten" in der Regie von Kirill Serebrennikov
© Alex Yoku
Für den Glauben ans politische Theater sorgte unterdessen das Gastspiel des russischen Gogol Center. Regisseur Kirill Serebrennikov adaptierte Lars von Triers Film "Idioten" um eine Gruppe von radikalen Aussteigern und Verweigerern, die mit ihren herausgelassenen "inneren Idioten" die Gesellschaft schocken. In Russland funktioniert das noch besser als in Dänemark, und so treibt Serebrennikov die Handlung weiter ins Extrem: Die "Idioten" stehen in einer Rahmenhandlung vor Gericht (der Prozess zitiert deutlich die Auseinandersetzung um Pussy Riot), überall wimmelt es von religiösen Fanatikern und werden die roten Tücher - Nackheit, Sex, Homosexualität – zelebriert. Motivisch zieht sich das russische Kunst-Heiligtum Ballett durch den Abend, das natürlich ordentlich "geschändet" wird. Erst in der Schlussszene darf es flirren, wo Carina (wie Karen hier heißt, die ihr Kind nicht nur verloren hat, sondern beschuldigt wird, es ermordet zu haben und vor Gericht steht) mit Schauspielern des inklusiven RambaZamba-Theaters im Tutu über die Bühne wirbelt.

Serebrennikov inszeniert das nach auf die Bühne übertragenen Dogma-Regeln: Die Spielfläche ist eine Holzparkett-Ebene, auf der von Szene zu Szene die Raumgrundrisse neu abgeklebt und die Kostüme gewechselt werden und der Gerichts-Käfig zum strapazierfähigen Symbol gerät. Sicher lässt sich fragen, ob derartiges politisches Theater etwas verändern kann, ja, ob es nicht als Feigenblatt taugt für die russische Kunstfreiheit. Andererseits ist dieser aufreibende, oft wie improvisiert wirkende Abend mit seinen dann doch virtuosen Schauspiel-Momenten trotz Übertitelungsproblemen packendes Theater. Und das ist am Ende, was zählt.

 

F.I.N.D. 2014
Festival Internationale Neue Dramatik vom 3. bis 13. April 2014

Dieses Grab ist mir zu klein
von Biljana Srbljanović
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Céline Demars, Kostüme: Valerie Gasse, Musik: Markus Hübner, Dramaturgie: Maja Zade.
Mit: Bernardo Arias Porras, Konstantin Shklyar, Tilman Strauß, Luise Wolfram, Ulrich Hoppe.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Daisy
von Rodrigo García
Regie und Bühne: Rodrigo García, Kostüme: Méryl Costa, Video: Ramón Diago, Licht: Carlos Marquerie, Sounddesign: Daniel Romero, Skulptur „Daisy“: Cyrill Hatt.
Mit: Gonzago Cunill, Juan Loriente. Streichquartett: Dea Szuecs, Paul Valikoski, Boram Lie, Yodfat Miron.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Idioten
nach Lars von Trier
Regie: Kirill Serebrennikov, Dramaturgie: Valery Pecheikin, Bühne: Kirill Serebrennikov, Vera Martynova.
Mit: Julia Aug, Philippe Avdeev, Olga Dobrina, Oxana Fandera, Sergei Galakhov, Oleg Gutshin, Ilya Kovrizhnykh, Olga Naumenko, Alexandra Revenko, Ilya Romashko, Harald Tompson Rosenstrøm, Semen Shteinberg, Anton Vasilyev.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause

Derretiré con un cerillo la nieve de un volcán (Ich schmelze mit einem Streichholz den Schnee eines Vulkans)
von Lagartijas tiradas al sol
Text und Koordination: Luisa Pardo, Gabino Rodríguez, Video: Yulene Olaizola, Carlos Gamboa, Licht: Sergio López Vigueras.
Mit: Francisco Barreiro, Luisa Pardo, Gabino Rodríguez.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Tratando de hacer una obra que cambie el mundo (Der Versuch ein Stück zu machen, das die Welt verändert)
von La Re-sentida
Regie: Marco Layera, Bühne: Pablo de la Fuente, Kostüme: Carolina Sandoval, Produktion: Nicolás Herrera.
Mit: Benjamín Westfall, Carolina Palacios, Nicolás Herrera, Pedro Muñoz, Eduardo Herrera.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kommentar schreiben