Eine Höllenwanderung

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 26. Januar 2008. Manche Stücke brauchen ihre Zeit. Peter Weiss’ "Ermittlung", jenes Dokumentar-Oratorium über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, gehört seit der spektakulären Uraufführung 1965 (an 16 Bühnen) zum Kanon des politischen Theaters. Nicht so "Inferno" (1964), ein weiterer Teil seiner damals geplanten Trilogie – Weiss plante eine moderne "Divina Commedia", eine Weiterschreibung des Dante-Werks angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

"Inferno" ist ein komplementäres Gegenstück zur "Ermittlung". Es präsentiert eine andere Geschichtsperspektive – eine Selbst-Ermittlung: die Selbstbefragung eines jüdischen Emigranten beim Nachkriegsbesuch in seiner deutschen Geburtsstadt. Und als solche kann sie vielleicht heute offener rezipiert werden, als dies in den 60er Jahren möglich gewesen wäre – denn eine derartig radikale, noch dazu autobiographisch geprägte Identitätssuche im Gewand einer Dante’schen Hadeswanderung wäre als subjektivistische Pose missverstanden worden. Das wusste Weiss sehr wohl. So publizierte er die viel direkter politisch wirkungskräftige "Ermittlung" und ließ das "Inferno" liegen. Erst 2003 wurde das Stück aus dem Nachlass veröffentlicht und 2005 als Oper von Johannes Kalitze in Bremen auf die Bühne gebracht.

Dreiste Nazireden und Wirtschaftswunder-Party

Jetzt also die Uraufführung in Karlsruhe, die das "Inferno" als nachgereichte, heute besser in die Zeit passende, komplexe Innen-Außen-Perspektive auf den Holocaust und dessen Verdrängung im Nachkriegsdeutschland der 60er Jahre präsentiert: Regisseur Thomas Krupa, ein erfahrener Balancekünstler zwischen Imagination und Realität, inszeniert "Inferno" als Albtraum. Lastend, zermürbend, auch bizarr und wild. Überall gespensterhafte Fratzen. Ehemalige Nazi-Täter, längst rehabilitiert, halten wieder dreiste Reden. Ab und an schrilles Gelächter, Wirtschaftswunder-Partystimmung. Nur der aus dem Exil zurückgekehrte Dichter Dante steht abseits, und im Hintergrund raunt leise ein beharrlich-bedrohlicher Ton wie aus den Tiefen der Erinnerung. Mit Ausnahme des Tons steht so alles schon im Originaltext, in dem auch fast das gesamte Dante-Personal herumgeistert.

Um die strenge, blockartige Oratorienform aufzulockern, hat Krupa weitere Texte von Peter Weiss aufgenommen und – vielleicht um von vornherein eine Distanz zum Betroffenheitstheater zu schaffen – einen anmoderierenden Einstieg ins Thema gewählt. Ein Regieteam diskutiert im Branchenjargon kurz übers Procedere mit dem sperrigen Text: Soll er "wie ein Traum" über die Bühne gehen? Oder als Folge "ganz hart abstrakter Flächen"? Oder als "Identitätserklärung"? Dann erst setzt Krupa zur Höllenwanderung an, zu einer Erkundung der Innen- und Außenwelt, die teils geisterbahnhaft groteske Züge annimmt.

Selbstverhör eines Heimkehrers

Dante ist bei Sebastian Kreutz ein meist sprachlos somnambuler Heimkehrer, ein Alter Ego des Schriftstellers Weiss, der als Sohn eines jüdisch-ungarischen Textilfabrikanten 1935 emigrieren musste. Krupa übersetzt die Befindlichkeit dieser Doppelfigur Dante-Weiss in beklemmende Bilder: Etwa, wenn die einstigen Nazi-Täter ihm, dem Rückkehrer, den Teppich (sprich: den Boden) unter den Füßen wegziehen, wenn sie wie Höllenhunde über ihn herfallen und ihm die Kleider vom Leib reißen. Oder wenn Timo Tank als Chef (eine vielgesichtige Protagonistenrolle des Weiss-"Infernos") eben noch schnarrende Nazi-Reden schwingt und Sekunden später als wiederbestallter Nachkriegs-Politiker zufrieden salbadert, wie "heil" die Stadt doch in allen weltpolitischen Stürmen geblieben sei.

Krupa liest "Inferno" auch als krass entlarvende Studie zum Phänomen Verdrängung. Immer wieder dringen Erinnerungen, Bilder der Shoa, an die Oberfläche. Gleichzeitig unterzieht sich Dante-Weiss ständig eines radikalen Selbstverhörs, fragt nach der eigenen Gewaltbereitschaft, nach der eigenen Schuld, nach der eigenen Schwäche, als Kind zeitweise bei den Starken, Rücksichtslosen Schutz gesucht zu haben. Mit anderen Worten: Regisseur Krupa macht "Inferno" auch als psychoanalytischen Bewusstwerdungsprozess kenntlich.

Unter Krupas Regie schafft es das sehr präsent agierende Karlsruher Ensemble, das streng komponierte Oratorium zu einer szenisch eindringlichen Revue aufzufächern, in der sich Zeitanalyse und Selbstbefragung schillernd ineinander verschränken. So kann man Weiss heute inszenieren, ohne ihn zeitgeistig zu verflachen: durchdacht und vielschichtig, traumwandlerisch und dennoch anpackend.

Inferno
von Peter Weiss
Uraufführung
Regie: Thomas Krupa, Ausstattung: Valerie von Stillfried, Co-Bühnenbild: Katja Reetz, Musik: Mark Polscher.
Mit: Sebastian Kreutz, Stefan Viering, Annika Martens, Timo Tank, Jochen Neupert, Thomas Schrimm, Eva Derleder, Ursula Grossenbacher, Thomas Birnstiel, Teresa Trauth, André Wagner.

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

Peter Weiss' nachgelassenes Stück "Inferno" bleibe, so schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (28.01.2008), "an der Kante zwischen Allegorie und Autobiographie unentschieden hängen", auch hafte ihm mühsam Programmatisches an. "Der unmittelbar provokative Gestus von 'Inferno'" könne "heute nur ins Leere laufen", nachdem mittlerweile auf die "moralische Anklage der Täter ... die allein aus der Distanz mögliche Analyse der Nachgeborenen" gefolgt sei. Doch hole "einen in Krupas sorgfältiger, skrupulöser Inszenierung ein beklemmendes Stück Nachkriegsgeschichte ein." Krupa nehme "die damals revolutionären theatralen Mittel des Peter Weiss – keine Psychologie, keine durchgehende Handlung, keine individuellen Charaktere – beiläufig auf" und schließe sie "mit der postmodernen Dramatik kurz". Trotz allem gelinge es dem "gut geführten" Ensemble nicht, dem Text "das Leben einhauchen, mit dem der Sprung in die Gegenwart möglich wäre."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (28.01.2008) hat den Ex-Redakteur, Schriftsteller, Horrorexperten und Tausendsassa Dietmar Dath ins "Inferno" nach Karlsruhe geschickt. Auch Dath entdeckt an dem Text Mängel, "die Weiss nicht entgangen sein können: Die historische Parallele zwischen Dantes Schicksal und dem des deutschen Emigranten, an deren Plausibilisierung sich die Gestalten hier in manchmal kraftvollem, dann wieder hohlem Pidgin-Allegoresisch abmühen, ist mindestens problematisch, wenn nicht Schlimmeres." Doch: "Inferno" sei für Weiss "die Pontonbrücke" gewesen, "über die er musste, um seinen politischen und ästhetischen Urteilen zu angemessenen Formen zu verhelfen." Thomas Krupas Inszenierung diene dem Text selbst da, "wo sie ihn strafft oder um nah verwandte andere Weissiana ergänzt." Krupa überschreite "nirgends den Rayon der zeitgebundenen wie der binnenlogischen Voraussetzungen, aus denen das Stück gearbeitet wurde und in deren Blickwinkel es einzig zu verstehen ist." "Das Geheimnis dieses gelungenen Abends ist, dass die sechziger Jahre des Peter Weiss zeitgemäßer sind als die albernen Neunziger, in denen die kritischen Klamotten so vieler aktueller Inszenierungen herumsumpfen." Howgh!

In der Frankfurter Rundschau (29.01.2008) schreibt Peter Iden. Das "Ineinander szenischer Möglichkeiten", das Weiss´ Stück böte, sei Thomas Krupa "ganz vorzüglich" gelungen. "Die 33 Gesänge werden entfaltet auf einer breiten Spielfläche, die nebeneinander verschiedene Schauplätze anbietet (Ausstattung: Valerie von Stillfried) und Raum schafft für eine Vielfalt szenischer Aufrisse, vom kabarettistischen Maskenspiel und geschickt revueartig choreografierten Tanzeinlagen (musikalisch gestützt von Mark Polscher) bis zu knallhart von Ausbrüchen schierer Gewalt bestimmten Passagen." "Beeindruckend virtuos rekapitulieren Stück und Aufführung die Atmosphäre des kritischen Theaters, wie es sich in den sechziger Jahren herauszubilden begann. Die Frage ist, wie viel von den Verhältnissen, die hier geschildert werden, jetzt noch fortdauert. An der Gefahr kann kein Zweifel sein."

Für Florian Kessler in der Süddeutschen Zeitung (29.01.2008) hat Peter Weiss seinem "Künstlerdrama" so viel "aufgebürdet, dass Sebastian Kreutz in der Rolle des Dante gar nicht anders kann, als bloß immer wieder gegen alle anderen und sich selbst anzuwüten". Und Thomas Krupas Inszenierung versuche überdies, "Dantes Qualen möglichst komplett auf die Bühne zu bringen". Weiss´ "Vereinfachung" der politischen Verhältnisse (mit einem "schnarrenden Zappelphilipp von Diktator") findet er ebenso merkwürdig, wie dessen "Selbstkonfrontation mit der eigenen Künstlerschaft durch das Brennglas Dante". Aber als Wegbereiter-Drama indes, scheint ihm "Inferno" dann aber doch bedeutend: Schließlich besuchte Weiss nach Abschluss der Arbeit daran Auschwitz, wo sich ihm "das Material wie von selbst" ordnete. Und das Oratorium "Die Ermittlung", das als nächstes entstand, sei weit über jede künstlerdramatische Bearbeitung des Stoffes hinausgegangen. Es war "der Beginn eines neuen politischen Theaters". 

 
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