Schelme los!

von Lukas Pohlmann

Dresden, 17. April 2014. Manchmal, wenn sich das Theater alter Stoffe bedient und sie mit aktuellen Bezügen, historischen Referenzen anreichert, fragt man sich, warum da überhaupt noch ein Klassiker-Titel drübersteht – und nicht "versuchter Diskurs über irgendwas". Simon Solberg tut all das: Er fügt dem Schelmenroman von Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen alles mögliche hinzu, nimmt ihn ernst, nur um ihn im nächsten Moment mit Ironie zu brechen. Als Schablone und geniale Arbeitsgrundlage scheint er ihn aber zu lieben. Und so wird aus einem dreieinhalb Jahrhunderte alten Stoff ein Bühnenwerk des 21. Jahrhunderts, das taugt, die Notwendigkeit von Theater zu begründen.

Zunächst sind zu sehen: übermannshohe Rückseiten von Theaterkulissen, die augenscheinlich etwas verbergen (Bühne: Maike Stoff). Daran vorbei treten auf: fünf Gestalten wie Kosmonauten oder Spurensicherer mit Instrumenten und Mikrofonen. Unsicher, ob sie die Luft ohne Masken atmen können. Surreale Entdecker. Sie nehmen in Beschlag, was sie vorfinden, und aus den Einteilern (Kostüme: Tine Becker) schälen sich Theaterspieler, die fortan proben, was sie in einem Büchlein festgehalten finden: Simplicius' Geschichte bzw. die des Melchior Sternfels von Fuchshaim, die mit seiner Verschleppung im Dreißigjährigen Krieg beginnt; später wird er Offizier, läuft zum Feind über (und zurück) und entscheidet sich am Ende fürs Einsiedlertum.

Fröhliche Chaos-Produktion
Die Spieler verschieben die Bühnenwände, und angedeutete Orte entstehen: die Waldhütte des Einsiedel, eine Amtsstube in Hanau, der Boden großer Schlachten, feine Gemächer in Lippstadt. Sie wechseln sich ab, die Geschichte zu erzählen, besinnen sich immer wieder auf den Urtext, wobei einer (Sebastian Wendelin) in die Figur des Simplicius schlüpft. Und dabei nutzen sie alles, was ihnen ihre spielerische Lust und der Nährboden Kultur- und Popkulturgeschichte hergeben. Klischees werden bedient (schwäbische Beamte) und durch den Kakao gezogen (Dresdner Steuerfahnder). Die Spieler sind durchlässig für jedes Geschehen und fabrizieren ein Chaos auf der Bühne und im Kopf des Zuschauers, dass es eine Freude ist.

simplicissimus 560a matthiashorn u© Matthias Horn

Dragoner treten auf und Special Agents. Die in den Krieg ziehenden Schweden sehen aus aus wie Stefan Edberg in aktiven Zeiten (in einer seiner Rollen: Christian Claus). Jan Maaks Einsiedel ist ein herrlich versponnener Althippie. Julia Kathinka Philippi behauptet sich glänzend bei allem, was sie tut. Besonders vielleicht, als sie emotional am Bericht über die Opferzahlen bei der Magdeburger Bluthochzeit scheitert. Thomas Eisen ist ein beseelter Tausendsassa, der behände alle Rhythmus- und Figurenwechsel, alle Brüche und Turnereien nimmt, als wär's ein Leichtes.

Exit through the Büchlein
Zwischen allen aber, Primus inter Pares, Sebastian Wendelin. Diesem Schauspieler scheint der affektive Zusammenbruch ebenso viel Genuss zu bereiten wie der intellektuelle Diskurs und das Suhlen im Bühnendreck aus Konfetti-Kunstblut. Er tut alles mit anscheinend reflektierter Gelassenheit. Außerdem treten auf: Christian Wulff, Putin, der Irakkrieg (und seine Artgenossen der Gegenwart), Abbilder von TV-Sternchen und -Shows, Live-Videos, Politprominenz, Puppen, Konfetti, Kunstblut, Paketklebeband, Ritterhelme, Gasmasken, Eddings, Kuscheltiere, Nebel, Stroboskope. Gefühlt alle Mittel der Theatermaschine. Jedes passt in Quantität und Timing und nichts ist jemals nur Mittel zum Zweck. 

Dieses Theater ist nicht nur lebendig. Es ist ein tanzendes, formensprengendes Wesen, ein berauschtes und berauschendes. In seinen ständigen Bezügen auch eine Katze, die sich in den Schwanz beißt, erschrickt und dann vor lauter Lust am Schmerz immer und immer wieder versucht sich einzuholen. Simon Solbergs (und seiner ganzen Mannschaft) Tanz auf dem Vulkan ist heikel. Viel zu schnell könnten sie abstürzen und verglühen. Das Abenteuer Simplicissimus in Dresden tritt aber nicht fehl. Als der intensive, lange Applaus verebbt, laden die Spieler das Publikum ein, die Bühne zu erkunden. "Exit through the Büchlein" steht auf einer Pappe. Werdet mehr als Zugucker. Eine weitere große Idee.

Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch
nach Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen
Regie: Simon Solberg, Bühne: Maike Storf, Kostüme: Tine Becker, Musik: Kriton Klingler-Ioannides, Video: Joscha Sliwinski, Licht: Andreas Barkleit Dramaturgie: Ole Georg Graf.
Mit: Christian Clauß, Thomas Eisen, Jan Maak, Julia Kathinka Philippi, Sebastian Wendelin.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

Nachtkritiken zu Simplicissimus-Inszenierungen von Florian Fiedler und Thomas Dannemann.

 

Kritikenrundschau

In der Sächsischen Zeitung (19.4.2014) fragt sich Sebastian Thiele: "Grotesk, geschmacklos oder genial?" Die Regie reiße die Wundertüte von Einfällen und bildgewaltiger Symbolik weit auf. "In dieser packenden Achterbahnfahrt verzahnt die Regie aggressiv Vergangenheit und Gegenwart. Es funktioniert." Simon Solberg habe aus dem dicken barocken Schinken ein Gesamtkunstwerk auf die Bühne gestellt, "das Tausend Mal mehr will als bequeme Unterhaltung".

Andreas Herrmann schreibt in den Dresdner Neuesten Nachrichten (19.4.2014): "Wer Einordnung oder gar Erzähltheater erwartet, ist natürlich fehl am Platze." In seiner gelungenen Inszenierung bleibe die Komplexität ebenso erhalten wie die "diffuse Struktur und das stete Mäandern in abschweifenden Episoden". "Jede Wette, dass das Ganze ohne die Bühnenlivefilmerei und die Versuche, per Halbplayback-Musikmix zusätzliche Zeit- und Textbezüge herzustellen, genauso gewirkt hätte." Die Aufladung sei zwar en vogue, werde aber zur Chimäre, "saugt es doch ohne Not noch Aufmerksamkeit von der sowieso schon blühenden und blutenden Szenerie ab".

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