Im Spinnennetz der Utopie

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 17. April 2014. Eine Liebesgeschichte, wie sie utopischer kaum sein könnte, erzählt Katharina Gericke in ihrem Stück "Maienschlager": Der Hitlerjunge Mark Warweser und der junge Jude Jakob Glücksleben verlieben sich ineinander. Diese verbotene Liebe endet in der Reichspogromnacht am 1. November 1938 gar vor dem Traualtar eines jüdischen Rabbi – ein Happy End, während neben ihnen die Welt auch im Bühnenbild buchstäblich auseinander fällt.

Beklemmende Aktualität

Vergleichsweise selten ist Katharina Gerickes Stück seit seiner Uraufführung auf deutschen Spielplänen zu finden. 1996 gewann es den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts, 1997 wurde es am Heidelberger Theater uraufgeführt. Der Karlsruher Generalintendant Peter Spuhler hatte das viel diskutierte Stück 2004 am Landestheater Tübingen, damals in der Regie Esther Hattenbachs, auf den Spielplan gesetzt. Zehn Jahre später hat er es nun mit seinem Schauspielchef Jan Linders erneut ausgegraben. In einer Zeit, in der im Land Baden-Württemberg 192.000 Petenten ernsthaft fordern, dass der Diskurs über sexuelle Vielfalt keinen Niederschlag in Bildungsplänen finden soll, bekommt Gerickes historisierender und darin nicht immer überzeugender Ansatz eine beklemmende Aktualität.

maienschlager 560 felixgruenschloss uVerbotene Liebe vor der Klagemauer - und die Nazis kommen schon. © Felix Grünschloß

Am Staatstheater Karslruhe hat jetzt Stefan Otteni den schönen, poetischen Stoff stimmig und atmosphärisch dicht inszeniert und dafür eine zeitlos starke Formensprache gefunden, die das Stück trotz aller geschichtlichen Detailtreue ganz nah an moderne Erfahrungswelten heranrückt. Allerdings klammert er sich zu stark an Gerickes streckenweise sehr blauäugig konstruierten Plot, der sich im Spinnennetz der Utopie verheddert. Dann werden die griffigen Bilder, die er mit dem Ensemble für die Gewalt der Nazis findet, von Abziehbildchenkitsch wie aus dem Geschichtsbuch überdeckt.

Geistiges Gefängnis und Klagemauer

Das zeigt sich schon in der ersten Szene: An einem Strand in Montenegro treffen sich die ehemals Liebenden wieder. Die schwulen Männer haben das KZ und die Verfolgung durch die Schergen der SS überlebt und finden sich nun in spießigen, angepassten Existenzen. Bühnenbildner Peter Scior lässt tanzende Wellen an die Backsteinmauer projizieren, die den Spielraum im Schauspielhaus der Karlsruher Bühne prägt. Sie wird später zum geistigen Gefängnis und zur Klagemauer. Das Ensemble haucht romantische Klänge in den Raum. Sabin Flecks sehr nostalgisch geratene Kostüme zitieren Schlagerromantik.

maienschlager 280h felixgruenschloss uJohannes Schumacher (Jakob Glücksleben) und Michel Brandt (Mark Warweser) © Felix GrünschloßAus dieser traumhaften Szenerie erwacht ein Nazipimpf, der die grausame Menschenhatz eröffnet. Vom Vorzeige-Hitlerjungen Mark Warweser bekommt der infantile Mitläufer eine Gehirnwäsche verpasst. Klug legt der junge Schauspieler Michel Brandt seine schwierige Rolle an. Den Weg vom überzeugten Nazi zur homosexuellen Liebe vollzieht er überzeugend nach. Mit Johannes Schumacher als Jakob Glücksleben, der als Jude immer mehr gebrandmarkt und gedemütigt wird, gelingen ihm wundervolle Momente der Liebe. Brutale erotische Männerphantasien von einem zertrümmerten Schädel vermittelt Brandt ebenso überzeugend wie den ersten Kuss. Wie Schumacher die Identitätskrise des heranwachsenden Juden auf den Punkt bringt, ist bemerkenswert.

Simple Botschaft

Gerickes komplexe Figuren sind auch bei Luis Quintana, Florentine Krafft und Joanna Kitzl gut aufgehoben, während ihre Erwachsenen oft zu einfach gestrickt sind. Gnadenlos überzogen etwa sind Klaus Cofalka-Adamis Rabbiner und André Wagners Arzt Dr. Ehrlicher, der die liebenden Männer am Ende gegen jede religiöse Regel traut. In Zeiten der Judenpogrome scheint alles möglich. Diese Botschaft ist freilich zu simpel.

In überdreht-komischen Momenten wie diesem, die sich durch die ansonsten überzeugende Inszenierung ziehen, verrutscht Otteni und dem Ensemble die Balance zwischen Lachen und Schrecken. Das gilt auch für den allzu sportlichen Umgang mit dem Hitlergruß und mit anderen Nazi-Ritualen. Tobias Flick, der musikalische Leiter, jongliert mit populärer Musik und mit Naziliedern. Das hat etwas Gespenstisches und heizt die dichte Atmosphäre auf, kann aber die deutlichen Längen des Abends nicht überdecken.

 

Maienschlager
von Katharina Gericke
Regie: Stefan Otteni, Bühne: Peter Scior, Kostüme: Sabin Fleck, musikalische Leitung: Tobias Flick, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer.
Mit: Michel Brandt, Johannes Schumacher, Ute Baggerröhr, Gunnar Schmidt, Antonia Mohr, Frank Wiegard, Johanna Kitzl, Luis Quintana, Florentine Krafft, Robert Besta, Andreas Ricci, Elias Bettin/Quentin Birtolonu, Klaus Cofalka-Adami, André Wagner.
Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, eine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

In den Badischen Neuesten Nachrichten (20.4.2014) schreibt Andreas Jüttner: "Die Anziehungskraft der Körper" sei eines "der Leitmotive" des Stückes und dieser Körperlichkeit werde die Inszenierung Ottenis "mit viel Feingefühl" gerecht , vor allem dank der "jungen Hauptdarsteller". Das "zurückhaltende Abtasten ihrer ersten Gespräche, das langsame Annähern, das Ringen mit der überraschten Scheu vor dem eigenen Begehren spielen Brandt und Schumacher mit eindrucksvoller Natürlichkeit." Sprache und Nebenfiguren dagegen wirkten überwiegend hölzern und blass.

Georg Patzer im Badischen Tagblatt (22.4.2014) findet, der Inhalt des Stückes sei auf "recht niedrigem Niveau", "die Nazis sind böse, alle anderen sind gut, auch wenn sie schwach sind". Gerickes Sprache allerdings sei der "Widerhaken", um ihren eigenen "Platitüden zu entgehen", eine Sprache, die an Büchners "Woyzeck" erinnere, das Stück "gleichzeitig erhöht und verfremdet" und den Leser immer wieder aus der Bahn werfe. Leider werde in Karlsruhe, "wie so oft", über die Sprache "einfach hinweggespielt". "Feinheiten, auch psychologische" kämen nicht vor.

 

 

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