Unsern Shakespeare gib uns heute

von Rainer Nolden

19. April 2014. Ein literarisches Weltengenie. Nein, eine Nummer kleiner geht es wirklich nicht. Er hat sie alle in den Schatten geschrieben, seine Vorgänger, die Zeitgenossen sowieso. Und die Nachfolgenden hatten es schwer, aus eben diesem Schatten zu treten und selbst zu leuchten. Ein Leuchtturm, der bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht – und alles, was nach ihm kam, vor große Herausforderungen gestellt hat. "Nach Shakespeare hätte keiner mehr ein Theaterstück schreiben müssen", seufzte einst Tennessee Williams.

Shakespeare als Mann für alle Gelegenheiten, seine Worte als Vademecum durch die Jahrhunderte. Der polnische Regisseur Jan Kott prägte den Begriff vom "Zeitgenossen Shakespeare" und segelte dabei doch wieder nur im Kielwasser des Schweizer Volksdichters Ulrich Bräker, der bereits 1780 Lust verspürte, über Shakespeares Werke "mit diesem lieben mann (zu) reden als wenn er bei mir am tisch säße".

Jetzt also der 450. Geburtstag, am 23. April vermutlich. 450 Jahre ist es her, seit Englands größter Stolz auf diesem "Kleinod, in die Silbersee gefasst" das Licht der Welt erblickte, in Stratford-upon-Avon, seinerzeit eine prosperierende Marktstadt, heute literarisches Disneyland. Der Jubeltag ist den Theatern freilich kein Grund für einen inszenatorischen Overkill. Es vergeht ohnehin keine Spielzeit, in der nicht mindestens 80 Prozent seiner Werke auf irgendeiner Bühne die Ideen eines Regisseurs überleben müssen. Und egal, wie die Inszenierung ausfällt: Shakespeare überlebt immer!

Es ist alles gesagt?

Die Literatur über Shakespeare: Ein stetig anschwellender Tsunami, bestehend aus Millionen von wissenschaftlichen Artikeln, verteilt über Fachzeitschriften in aller Welt und allen Sprachen, und Zehntausenden von Büchern, die auf den Regalen in Bibliotheken weltweit (und oft vergeblich) auf Leser warten. Die studieren oftmals nur den Index und die Quellen, um sicherzugehen, dass das eigene Thema noch nicht in irgendeiner Dissertation durchgewalkt wurde.

guenther shakespeare cover 140 uDie Chance ist gering: Wer weiß schon, "ob das, was man da geistig angeregt Originelles denkt, nicht schon längst viel besser, origineller, vollständiger, konsequenter und schöner von anderen gedacht wurde?", fragt Frank Günther – und legt dennoch ein weiteres Buch vor. Mitten hinein in die deutsche Sturm- und Drangseele taucht der Regisseur und formidable Shakespeare-Übersetzer in seinem besitzergreifend betitelten Werk "Unser Shakespeare" ein.

In einer rasanten tour de force eilt er durch den Shakespeare-Kosmos und wirft eine Vielzahl von Fragen auf. Hat der Dichter wirklich alles selbst geschrieben? Ja, denn was seine Bildung angeht, war er dazu durchaus in der Lage. War er schwul? Möglich, wenn man die Sonette in Betracht zieht. Möglich auch, dass ihn die Liebesszenen in seinen Stücken, in denen ja nur Männer auftraten, auf den Geschmack gebracht haben. Nicht auszuschließen jedoch auch, dass er nur mit literarischen Konventionen spielt.

Noch einmal für's Parkett. Und für die Logen

Bei den Stücken pickt Günther sich jene heraus, mit deren Hilfe er sein Argumentationsgebäude solide aufbauen kann. Mit verblüffenden Brückenschlägen in die Aktualität zeigt er auf, dass sie nicht nur von historischer Relevanz sind. So fände sich der moralinsaure Angelo in "Maß für Maß" von einem Urteil des Bundesgerichtshofs darin bestätigt, den Geschlechtsverkehr zwischen Verlobten – nun, nicht gerade mit dem Tod zu sühnen, aber zu bestrafen: "Die sittliche Ordnung will, daß sich der Verkehr der Geschlechter grundsätzlich in der Einehe vollziehe …", legen die Bundesrichter fest – 1954!

Und wie besetzt man politisch korrekt den Othello, wenn man nicht einmal das Attribut "Mohr von Venedig" benutzen darf? Als schwarz geschminkten Weißen? Mit einem dunkelhäutigen, klassisch ausgebildeten Schauspieler, der Deutsch bühnentauglich beherrscht? Mit einem weißen, ungeschminkten Schauspieler? Hier spricht Günther, der Theaterregisseur: Er denkt konzeptionell, sucht Bilder und Bildhaftigkeiten, verbindet Jahrhunderte und rettet die Aktualität eines für das moderne Publikum vermeintlich Bedeutungslosen in die Gegenwart.

gelfert shakespeare cover 140 uWäre "Unser Shakespeare" ein Stück fürs Globe Theater, so würde sich der Inhalt zweifellos vor allem an die „groundlings“ richten. Der emeritierte Anglistik-Professor Hans-Dieter Gelfert dagegen hätte mit seiner profunden Untersuchung "William Shakespeare in seiner Zeit" vor allem das Publikum der Logen im Blick. Auf gut 400 Seiten Text plus umfangreicher Bibliografie gelingt ihm das Kunststück, nicht nur das gesellschaftliche, politische und kulturelle Umfeld konturenscharf zu skizzieren, sekundiert von zahlreichen zeitgenössischen Darstellungen, sondern auch jedes einzelne Drama anhand von Entstehungs- und Wirkungsgeschichte zu würdigen.

Vielleicht, vielleicht auch nicht, möglicherweise

Die Unterschiede der Ansätze beider Autoren sind jedoch, sozusagen bei paralleler Lektüre der Werke, unübersehbar: Während Günther plausibel darlegt, warum an Shakespeares Autorschaft keinerlei Zweifel besteht, belässt Gelfert, der vorsichtige Akademiker, hier vieles im Konjunktiv, wägt ab und verwirft. Zwar stimmt er dahingehend mit Günther überein, dass Schulbildung zu Shakespeares Zeiten viel intensiver betrieben wurde – ein 14-Jähriger habe nach seinem Schulabschluss damals mehr gewusst als heutzutage ein Student nach dem Master-Abschluss –, aber "scheint", "wäre", "hätte" und "möglicherweise" finden sich in seiner Untersuchung sehr viel häufiger als in "Unser Shakespeare".

Um beim Bild des Globe zu bleiben: Während sich Günther/Gelfert an das jeweils unterschiedliche Publikum wenden, steht der dritte Autor sozusagen vor den Toren des Theaters und gibt den Besuchern einen ausführlichen Handzettel mit, der sie vorab über die Vorführung informiert.

asimov shakeapeare 14 uIsaac Asimov, besser bekannt als Science-Fiction-Autor, hat in seinem 1970 erschienenen und jetzt erstmals auf Deutsch erschienenen Buch "Shakespeares Welt. Was man wissen muss, um Shakespeare zu verstehen" eine ausführliche Interpretation jedes seiner Dramen geliefert. In die deutsche Fassung haben zwar nur zwölf Stücke Eingang gefunden, also ein knappes Drittel, aber auch so kommen bereits stolze 600 Seiten zusammen. "In der Erfindung möglicher Welten, die unsere bekannte Welt in neue Perspektiven rücken, liegt die Affinität [des Science-Fiction-Autors und Weltenerfinders Isaac Asimov] zu Shakespeare", schreibt Tobias Döring, Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in der Einleitung.

Asimovs Deutungsansätze sind erfrischend pragmatisch und von einer genialen Schlichtheit. Um etwa die Atmosphäre des "Sommernachtstraums" zu erklären, beginnt er damit, dass "einem Volksglauben zufolge extreme Hitze wahnsinnig" machen könne. Deshalb neige der Mensch an Mittsommer besonders dazu, sich fantastische Erlebnisse einzubilden. "Wenn Shakespeare das Drama also mit A Midsummer Night’s Dream‘ betitelt, dann beschreibt er es ganz bewusst als ein Stück blanker Phantasie."

Und so geht es munter weiter, von Komödie zu Tragödie zu Historienstück. Asimovs Interpretationen sind Populärwissenschaft im allerbesten Sinne. Nicht all seine Deutungen werden von Günther und Gelfert, wo sie dieselben Themenkreise besetzen, geteilt. So bleiben Reibungsflächen und Widersprüche – allein bei diesen drei Autoren; von den anderen paar Tausend ganz zu schweigen. Shakespeare ist mithin noch für weitere 450 Jahre gut für akademischen Streit. Möge das Publikum profitieren! 

 

Hans-Dieter Gelfert
William Shakespeare in seiner Zeit,
C. H. Beck, München 2014, 471 Seiten, 26,95 Euro.

Frank Günther
Unser Shakespeare
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, 335 Seiten, 14,90 Euro

Isaac Asimov
Shakespeares Welt. Was man wissen muß, um Shakespeare zu verstehen.
Mit einem Vorwort von Tobias Döring.
Aus dem amerikanischen Englisch von Anemone Bauer u. a.
Alexander Verlag, Berlin 2014, 601 Seiten, 34,90 Euro.

 

Noch ein lesenswertes, zudem bilderreiches Buch über Shakespeare hat Neil MacGregor verfasst und nachtkritik.de im Jubiläumsjahr besprochen: Shakespeares ruhelose Welt.

Auch besonders: Eine der Shakespeare-Figuren hat es jetzt zu einem so hilf- wie umfangreichen Nachschlagewerk gebracht: Hamlet. In dem von Peter W. Marx herausgegebenen Hamlet-Handbuch wird umfänglich und gründlich, oft mit überraschenden Details versehen über die Stoffgeschichte, die Deutungsprobleme und Lesarten, die Übersetzungen und Rezeptionsgeschichten des Dramas informiert (Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2014, 563 S., 79,95 Euro).

 

 
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