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Alles ist verflochten

von Friederike Felbeck

22. April 2014. Die Pfade, auf denen Kultur von einem Ort an den anderen getragen wird, sind immer auch Handelswege: Die historische Seidenstrasse, die langjährige kulturelle Überprägung der Kolonien, aber auch aktuelle Sonderfonds und Kulturprogramme wie zuletzt "Deutschland und China – gemeinsam in Bewegung" nehmen die Kultur gerne Huckepack und dienen zu allererst der ökonomischen Verzahnung. Das derzeit viel diskutierte, zwischen der Europäischen Union und den USA verhandelte Transatlantische Freihandelsabkommen (TIPP) und die damit verbundene geplante Errichtung der weltweit größten Freihandelszone droht nicht nur Chlorhühnchen und Genmais den Weg nach Europa zu ebnen, sondern auch Kollateralschaden in der Deutungshoheit von Kultur und audiovisuellen Medien anzurichten.

Unter dem Titel "The Politics of Interweaving Performance Cultures: Beyond Postcolonialism" verabschiedet sich nun die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, gemeinsam mit Torsten Jost und Saskya Jain Herausgeberin dieser Aufsatzsammlung, vom lange gehegten Mythos und Label des "interkulturellen Theaters" und stellt diesem das Modell der "Verflechtungen von Theaterkulturen" entgegen.

Das kann auch scheitern

Denn was in den 1970er und 1980er Jahren als binäres Erklärungsmodell für die Begegnung und Fusion unterschiedlicher Theaterformen geschaffen wurde, hat längst ausgedient und wird hier vor allem in seiner einseitig-westlichen und (post)kolonialen Sichtweise entlarvt. Ausgangspunkt für die insgesamt zwölf Essays ist das gleichnamige internationale Forschungskolleg an der Freien Universität Berlin, das 2008 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gegründet wurde, und wo die zwölf Autoren zu bis zu einjährigen Fellowships zusammen kamen, um das gemeinsame Thema anhand von individuellen Fragestellungen zu beackern.

Der vorliegende Band vereint die Ergebnisse dieser Forschungen und liefert eindrucksvoll Beispiele von spezifischen Prozessen der Verflechtung von Theaterkulturen aus Marokko, Mexiko, China, Indien, der Karibik, aus Japan, den Vereinigten Staaten und Europa. Die Essays von Margaret Werry und Helen Gilbert erweitern zudem den theatralen Betrachtungsraum um ästhetische Transaktionen, wie sie am Beispiel der Geschichte von Weltausstellungen und Völkerschauen oder der Beteiligung indigener Völker an den Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele zu beobachten sind.

Neben historischen wie aktuellen "Leuchttürmen" ist aber auch vom Scheitern transkultureller Praxis die Rede, von der Schwierigkeit von Übertragbarkeit von Theaterformen oder dem Phänomen der Verweigerung jedweden kulturellen Austausches. Brian Singleton gelingt der pointierte Abriss einer Geschichte des "interkulturellen" Austausches seit den frühen siebziger Jahren. Natascha Siouzouli analysiert die Verflechtung von Festival und Tragödie seit der Gründung der großen europäischen Drei in Avignon, Edinburgh und der Ruhrfestspiele 1947. Unvertraute Transfer-Achsen zwischen Moskau und Peking, zwischen Japan und Australien oder Berlin und Mexiko City werden ergänzt von einem Kompendium international entstandener multilingualer Produktionen.

Im Dazwischen

Der Gewinn der Zusammenschau dieser so unterschiedlichen Autoren, die sich allesamt aufmachen einen neuen Kanon an Deutungen und Begrifflichkeiten zu entwickeln, ist die detaillierte Analyse dessen, was im Kern einer künstlerischen Begegnung, sei es innerhalb derselben oder zwischen zwei vermeintlich fremden Kulturen, stattfindet. Und so verwandelt sich der durchweg zupackend und mit wenig Elfenbeinturmgehabe formulierte theaterwissenschaftliche Ansatz zu einem inspirierenden Handbuch für internationale Kooperationen und Koproduktionen – geeignet für Künstler wie für Kulturpolitiker und Kuratoren.

Die auf eine mehrbändige Ausgabe ausgelegten Fallstudien bereichern die vorwiegend strukturell und kulturpolitisch geführte Diskussion der letzten Jahre um eine ästhetisch-utopische Komponente. Sie mobilisieren für den Leser Künstler und Werke und präsentieren zahlreiche aktuelle wie historische Aufführungen, die ihren Zuschauern einen Zustand von "Dazwischen" erlauben und abverlangen und so permanent destabilisierend und transformierend wirken. Das Modell der "Verflechtungen von Theaterkulturen", wie es hier vorgestellt wird, ist dabei ein vorläufiges und versteht sich durchaus als Impuls für weitere Forschung und Praxis.

 

Erika Fischer-Lichte, Torsten Jost, Saskya Iris Hain (Hrsg.):
The Politics of Interweaving Performance Cultures:
Beyond Postcolonialism
Essays von Khalid Amine, Gastón A. Alzate, Shen Lin, Brian Singleton,
Margaret Werry, Jacqueline Lo, Natascha Siouzouli, Helen Gilbert,
Rustom Bharucha, Carol Fisher Sorgenfrei, Marvin Carlson, Christopher Balme.
Mit einem Nachwort von Homi K. Bhabha
Routledge Verlag, New York, 2014, 308 S., 95,00 Euro