Der digitale Spiralblock

von Anne Peter

23. April 2014. Leuchtende Displays im dunklen Theatersaal, tippende Zuschauer, die auf ihr Handy statt auf die Bühne schauen – das ist die reinste Horrorvorstellung. Für die allermeisten Theateraffinen zumindest. Auch manch einer der Redaktionskollegen hält das Livetwittern aus Theatervorstellungen für eine "megadumme Idee". Doch es gibt auch ein paar Verrückte, die meinen, Mobiltelefone im Theater seien nicht der Untergang des Abendlandes, sondern könnten eine neue Art der Kulturvermittlung befördern, ja vielleicht sogar eine neue Art der Rezeption und des Austauschs ermöglichen, womöglich die Kunst verändern.

tweetup-koblenz rene-guels uTweetup aus einer Probe der "Comedian Harmonists" am Theater Koblenz, fotografiert von Twitterer @reneguels © Rene Güls

Brecht, dessen Radiotheorie immer wieder als Vorläuferin dessen beschrieben wird, was sich mit den Sozialen Medien realisiert hat, stellte sich den Zuschauer seines epischen Theaters als einen "rauchenden Mann" vor, der "hinlänglich mit sich selbst beschäftigt ist" und deshalb nicht 'in den Bann' gezogen werden kann. Er schrieb in seinen "Anmerkungen zur Dreigroschenoper" wider "die Sucht, den Zuschauer in eine einlinige Dynamik hineinzuhetzen, wo er nicht nach rechts und links, nach unten und oben schauen kann". In die neue Dramatik wollte er "die Fußnote und das vergleichende Blättern" einführen. "Das komplexe Sehen muß geübt werden." Dabei sei das "Überdenflußdenken" beinahe wichtiger als das "Imflußdenken".

Eine Aktivierung des Zuschauers, wie sie Brecht per Verfremdungseffekt zu erzielen trachtete, kann auch das Livetwittern begünstigen. Statt sich im Theatersessel zurückzulehnen, frönt der geneigte Twitterer dem Mitdenken und Metadenken, während er Kommentare, Beobachtungen, Fragen oder auch nur festhaltenswerte Zitate postet.

Noch geschieht dies meist nur zu besonderen Gelegenheiten, speziellen Twitterevents, sogenannten "Tweetups", eine Wortschöpfung aus "Twitter" und "meet-up" ('sich treffen'): Menschen treffen sich (meist geplant), um gemeinsam von diesem Treffen zu twittern und über den Mikrobloggingdienst miteinander zu kommunizieren. Dabei greifen die digitalaffinen Theaterverrückten etwas auf, das seit Ende 2011 von immer mehr Museen im deutschsprachigen Raum praktiziert wird und seine Vorgänger in den USA und in Asien hat.

cover all-you-tweet-is-loveEine erste Bestandsaufnahme zu
Kultur-Tweetups, herausgegeben
von den Münchner
Kulturkonsorten.
Verwendet wird der Begriff hierzulande für das gemeinsame Twittern über ein Kulturereignis, über die Führung durch eine Ausstellung, eine Opernprobe, eine Theaterinszenierung. Indem alle zugehörigen Tweets (Twitter-Nachrichten) mit Hashtags (Schlagworten, gekennzeichnet durch #) versehen werden, kann jeder Interessierte (egal, ob aktiver Teilnehmer oder Mitleser von außen) sich alle zum Thema geposteten Tweets gesammelt anzeigen lassen.

Gleichzeitigkeitsoverkill

Für die meisten Theater ist das noch Neuland. Bisher hat sich kaum ein Dutzend Häuser an das Experiment gewagt, aber es werden immer mehr (siehe die Liste im untenstehenden Kasten). Der erste Tweetup eines deutschen Stadttheaters fand im Februar 2013 in Heilbronn statt. Rund 30 Zuschauer twitterten unter #kultup von einer Bühnenprobe der Oper "Minsk" und waren in den Wochen zuvor vom Theater und dem Frankfurter Veranstaltungslabel KultUP schon mit Hintergrundinformationen, Probenfotos und -videos, Künstlerinterviews usw. versorgt worden. Auch in Bern, Neuss, Koblenz und Dortmund durfte man aus offenen Proben twittern, oft verbunden mit einer vorhergehenden Theaterführung. Das Schauspiel Köln weist auf seiner Website seit Neuestem jeder Inszenierung einen Hashtag zu – eine implizite Aufforderung ans Publikum, virtuell zu kommentieren, zu kritisieren, zu jubeln.

In Dessau durfte man im Februar 2014 hingegen direkt von der Premiere von Beggar's Opera / Polly twittern. Das Anhaltische Theater stellte dafür mehrere "Twitterlogen" zur Verfügung, in denen man die ob der finanziellen Krisensituation des Theaters aktivistisch aufgeladene Aufführung livekommentieren konnte, ohne den Rest des Publikums zu behelligen (#begop). Auch das Hamburger Thalia Theater erklärte im Rahmen der Social Media Week Ende Februar eine reguläre Vorstellung von Anne Lenks In der Republik des Glücks zum Experimentierfeld. Martin Crimps Triptychon-Stück thematisiert u.a. die Einflüsse der Medien auf unsere Selbst- und Idealbilder, auf unsere Glücksvorstellungen. Es gab also gewisse inhaltliche Gründe, ausgerechnet dieses Stück fürs Livetwittern freizugeben – mit Vorankündigung, aber ohne zugewiesene Plätze für die verstreut sitzenden Twitterer. Gut zwanzig beteiligten sich bei #RepublikDesGlücks, darunter auch die Nachtkritikerin im Selbstversuch.

wlan-tweetup thalia-theaterExperimentierfreudig und technisch wohl
präpariert: das Thalia Theater beim Tweetup
zur #RepublikDesGlücks. © @ThaliaTheater
Während ich kurz vor der Vorstellung noch optimistisch mutmaßte, geteilte Aufmerksamkeit müsse ja nicht unbedingt schlecht sein, fühlte ich mich diesbezüglich nach der Vorstellung doch sehr zwiegespalten. Das Bühnengeschehen zu verfolgen, selbst zu twittern, die Tweets der anderen zu lesen oder gar noch auf sie zu reagieren (dies vor allem), war meinem Empfinden oder Vermögen nach ein kaum zu leistender Gleichzeitigkeitsoverkill. Mancher Bühnenmoment hat es gar nicht erst bis in mein Hirn geschafft.

Man könnte jetzt den derzeit auch in Dramaturgenstuben beliebten Philosophen Byung-Chul Han zitieren, demzufolge Multitasking "keine Fähigkeit" ist, sondern ein "Regress" und besonders bei Tieren freier Wildbahn verbreitet. "Es ist eine Aufmerksamkeitstechnik, die unerlässlich ist für das Überleben in der Wildnis." Wer nicht gefressen werden will, sollte bei der Paarung lieber nicht zu konzentriert bei der Sache sein. Wissenschaftliche Studien haben 'Multitasking' ohnehin als Mythos enttarnt. Wir können nicht verschiedene aufmerksamkeitsintensive Tätigkeiten gleichzeitig tun, sondern nur nacheinander, also schnell hin- und herswitchen – auf Kosten der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.

Dennoch würde ich die Livetwitterflinte nicht ganz so rasch ins Theaterkorn werfen und mich den kulturpessimistischen Unkenrufen und Digitalisierungsskeptikern anschließen wollen. Schließlich handelt es sich beim Switching zwischen Bühne und Display nicht um völlig disparate Tätigkeiten: Ich betwittere, was ich auf der Bühne sehe und höre, was ich dazu denke und fühle. Teilnehmer von Tweetups sprechen immer wieder nicht nur von einer gemeinschaftsstiftenden Wirkung des gleichzeitigen Twitterns, sondern auch von der Intensivierung des Erlebten und der Auseinandersetzung, ja von gesteigerter Aufmerksamkeit.

Scrollen stört weniger als Austernschlürfen

Es wäre ja auch kühn zu behaupten, dass der gemeine Theaterzuschauer für die Dauer einer Aufführung hochkonzentriert und aufmerksamkeitsungeteilt auf seinen vier Buchstaben säße. Er schläft gern (und schnarcht), kramt nach Lutschbonbons (und knistert) oder raunt seinem Nachbarn was ins Ohr. Nichts davon ist im Theater gern gesehen, aber alles passiert, ständig. Im Vergleich ist der Livetwitterer in der Regel ein überdurchschnittlich konzentrierter und stiller Zeitgenosse. Im Nachgespräch zur #RepublikDesGlücks beschrieb einer das Twittern gar als Mittel der "Impulskontrolle" und als Tuschelersatz. Entgegen hartnäckig wiederholter Vorurteile muss das Livetwittern auch illuminatorisch niemanden stören, müsste man doch nur bestimmte Twitterzonen (einzelne Reihen, Randplätze, Logen) einrichten, in denen man die Twitter-Willigen einfach machen lassen könnte. Gern auch ohne großes Tweetup-Brimborium.

Die Forderung, der Theaterzuschauer müsse immerzu konzentriert nach vorn starren, ist ja ohnehin eine historische. Zu Shakespeares Zeiten wurde während einer Aufführung Bier getrunken, wurden Nüsse geknackt und Austern verspeist, in der Barock-Oper vergnügten sich die adeligen Herrschaften gern parallel in den Logen auf durchaus theaterferne Weise und warfen eher sporadisch einen Blick auf die Bühne. Nicht, dass ich das für einen wünschenswerten Zustand halte. Aber das Theater hat sich, zusammen mit der Gesellschaft, in der es stattfand, immer wieder verändert, und mit ihm die Art des Spielens und des Zuschauens. Das Publikum war immer wieder anders. Es wäre seltsam anzunehmen, die sozialmedialisierten Zuschauer der Zukunft würden wahrnehmungstechnisch genauso ticken wie wir. Ein Digital Native schaut, hört, verarbeitet höchstwahrscheinlich anders als einer, der noch die Erfindung des Fernsehens miterlebt hat.

handykamera-tweetup katharina-dielenheimBlick auf die Bühne durchs Smartphone-Fenster. Mancher Digital Native braucht "zwei, drei
Fenster, die gleichzeitig offen sind, um konzentriert funktionieren zu können."
© Theater Koblenz

Sie fühle sich regelrecht "gefangen", wenn sie im Theater ihr Handy nicht benutzen dürfe, sagte etwa die digitalaffine Autorin und Schauspielerin Bianca Praetorius beim Barcamp des Thalia-Theaters 2012: "Mein Hirn braucht zwei, drei Fenster, die gleichzeitig offen sind, um konzentriert funktionieren zu können. Es ist ein bisschen ein selbstgemachtes ADHS." Man kann das schockierend oder gut finden, sollte aber damit rechnen, dass in ein paar Jahren entweder die Theater leerer oder diejenigen, die es gewohnt sind, immer alles, was sie erleben, zeitnah zu kommentieren, in der Mehrzahl sein werden. Man muss sich ihnen deshalb nicht an den Hals werfen, aber vielleicht kann man gemeinsam mit ihnen herausfinden, was möglich ist. Was funktioniert. Und was eher nicht. Wenn Theater sich dafür interessieren, wie zukünftige Zuschauer ticken, dann tun sie gut daran, mit den neuen Kommunikationsformen zu experimentieren und sie auf ihr Potential fürs Theater hin abzuklopfen. Um es mit @cogries zu sagen: "Manche Wege und zuweilen auch die Ortskenntnis entsteht erst beim Gehen".

Wo die vierte Wand wackelt

Sicherlich eignen sich nicht alle Theaterabende gleichermaßen fürs Livetwittertum, so wie verschiedene Theaterformen, Regiestile, Schauspielweisen unterschiedliche Rezeptionsweisen erfordern, etwa je nach dem Grad an Einfühlung oder an Verfremdung, auf den sie abzielen, um noch mal den guten alten Brecht zu bemühen. Es ist wohl schwieriger, vielleicht auch unsinniger, aus einem Theaterabend zu twittern, der immersiv funktioniert, von Identifikation und vom emotionalen Mitvollzug lebt. Gut möglich, dass klassisches Repräsentationstheater mit illusionsfördernder Vierter Wand und Livetwittern per se nicht gut zusammengehen.

Dies schrieb @viertelnachvier während der von ersten, von Twitter Deutschland initiierten Twitter-Theater-Woche (#TTW13) im Dezember 2013, bei der fünf ausgewählte Theater jeweils für einen Tag den Hashtag mit Backstage-Posts (Fotos, Vine-Videos, Interview-Angeboten) bespielten und fürs Publikum ansprechbar waren. Die währenddessen kollektiv zusammengetragene Top-Liste "für potentielles #Twittertheater" beinhaltete nicht zufällig fast ausnahmslos "Inszenierungen ohne klassische Zuschauersituation" (@residenztheater), Projekte, die sich im Vergleich zum Durchschnitts-Theaterabend durch außergewöhnliche Länge auszeichnen und stark assoziativ, dekonstruktiv oder interaktiv funktionierten: Nicolas Stemanns vierstündigen Jelinek-Marathon "Kontrakte des Kaufmanns" (die wir auch als Nachtkritiker bei den Mülheimer Theatertagen eher notizartig begleiteten), alles Mögliche von Castorf, das Life & Times-Episoden-Projekt des Nature Theater of Oklahoma oder die Parallelweltinstallation Club inferno von Signa. Und natürlich die sich immer wieder verändernden Langzeitinstallationen der deutsch-norwegischen Exzesstheatermacher Vinge/Müller/Reinholdtsen, zu deren theatertreffen-geadeltem John Gabriel Borkman (#Borkman) und 12-Spartenhaus (#12sh) sich Tweet-Stränge entsponnen. Wie sehr Durational Performances das Twittern befeuern, zeigen auch die Experimente von Forced Entertainment, die ihre repetitiv strukturierten Abende "Quizoola" (in der 24-Stundenversion #Quizoola24) und "And on the Thousandth Night..." (#1000thLIVE) mit Twitteraufforderung livegestreamt haben.

12spartenhaus29-6 apeDas "12-Spartenhaus" im Volksbühnen-Prater war jeweils bis zu 12 Stunden geöffnet und
immer anders, spielte sehr frei mit Ibsen, Verdi und Co. – und regte so manchen zum
Twittern an. Am letzten Öffnungstag wurde es in Stücke gehauen. © ape

Die Verfertigung der Gedanken beim Twittern

Die meisten der Kritiker praktizieren längst Aufmerksamkeitssplitting, indem sie zwischendurch irgendetwas in ihren berüchtigten Spiralblock kritzeln – auf dass es nicht entfleuche. "spannend wäre ja mal der digitale spiralblock, so dass man live teil eurer gedanken wird", twitterte @Theaterheute entsprechend während der TTW13 in Richtung @nachtkritik und anderen.

Tatsächlich ist der Schritt vom Spiralblock zur Timeline nicht so groß, wie er scheinen mag. Dass in 140 Zeichen nichts gesagt werden kann, dürfte durch die Existenz gewisser literarischer Kurzformen widerlegt sein, die lange vor der Digitalisierung auftauchten. Hier wie dort gilt: Auf den Autor kommt es an. Für Spiegel-Kulturredakteur Tobias Becker ist Twitter "die anregendste Aphorismensammlung unserer Zeit". Oft seien Tweets "große Ideen in kleinem Format". Viele Twitterer nutzten das Medium "als supermodernes Sudelbuch, mit dessen Hilfe sie die Welt aufmerksamer beobachten; schreibend denken sie über sie nach". Frei nach Kleist könnte man auch sagen: Die Verfertigung der Gedanken beim Twittern.

twitterblock 280 matthias-weigelDer gemeine Kritiker hortet seine Gedanken
lieber im Spiralblock, als sie mit der großen
weiten Netzwelt zu teilen. © Matthias Weigel
Kathrin Passig verriet neulich im Tagesspiegel: "Meistens brauche ich eine halbe Stunde pro Tweet." Dem Theaterlivetweet ist derart sorgfältiges Ausformulieren allerdings versagt. Er wird unter Zeitdruck rausgeschossen. Und natürlich ist die Hemmschwelle, sich mit etwas womöglich halbgar Gedachtem, leichtfertig Assoziiertem, unfertig Gemeintem aus der Deckung zu wagen, ungleich größer, als wenn man hinterher die Notizbuchdeckel darüber zuklappen und über alles noch mal in Ruhe sinnieren kann.

Welchen Vorteil könnte es haben, seinen Gedanken umgehend mit der Allgemeinheit zu teilen, statt ihn zum Beispiel für die Kritik aufzusparen? Der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka, selbst praktizierender Twitterer (@stporombka), hat beschrieben, wie das Notieren auf Papier einem "spezifischen Geiz" folge, "zu dem die Buchkultur die Autoren erzogen hat. (...) Sie wollen alles für sich behalten. Statt sich mit einem Schwarm zu bewegen und das eigene Vermögen in den Kreislauf einzuspeisen, füttern sie die eigene Eitelkeit." Bei Twitter regiere "der Sinn für Flüchtigkeit", gepaart mit der "Einsicht in die eigene Beliebigkeit, Bedeutungslosigkeit und Endlichkeit. Statt geizig nach dem eigenen großen Werk zu schauen, geht es um das Weitergeben und Teilen." Allerdings bleibt der Urheber im Twitter-Archiv (z.B. via Topsy) ja langfristig auffindbar. Samplende (und twitternde) Autoren wie René Pollesch benutzen Twitter längst selbstverständlich mit als Materialsteinbruch. Hier fand @renepollesch auch den Titel für seine letzte Inszenierung in Frankfurt am Main:

Kollektiver "Stream of Consiousness"

Der Schauspieler Tilo Werner nannte die Tweet-Sammlung im Hamburger Tweetup-Nachgespräch einen "Stream of Consciousness" des Publikums. Eben dies ist das Versprechen der Livetwitterei: ein Ad-hoc-Brainstorming, eine Art kollektiver Spontan-Hermeneutik, bei der man sich gegenseitig in die Köpfe hineinsieht. Gemeinsam Zitate entdecken, Anspielungen dechiffrieren, zusammen deuten, kontextualisieren, assoziieren, fragen, antworten.

Das vielstimmige Brausen um ein Kunstwerk hörbar und nachlesbar zu machen, ist nicht zuletzt ja auch Ansinnen von nachtkritik.de, wo sich in den Kommentarsträngen immer wieder ein Diskurs um eine Inszenierung entspinnt, den die professionelle Kritik allein nicht hervorgebracht hätte. Und warum die Kanäle nicht auch via Twitter öffnen, wo sich die Publikumsstimmen aufgrund der formalen Eigenheiten wiederum anders – vielleicht emotionaler, verdichteter – anhören werden als im Kommentarraum? Die Tweets als Teil des von der großen Zuschauermasse gebildeten Deutungsapparates. Ausweitung der Diskurszone.

"Was kann das Twittern zur Inszenierung beitragen?", fragte der erfahrene Museumstwitterer und Tweetup-Mitinitiator Christian Gries, dessen Vorarbeiten ich viele Anregungen verdanke, auf seinem Blog. Gries war einer von fünf auf der Bühne platzierten "Twitter-Statisten", die im Rahmen der TTW13 eine Aufführung der Jean Paul'schen "Flegeljahre" im Münchner Residenztheater begleitet hatten. "Emotionen, Emotionen, Emotionen", war seine Antwort. "Denkweite und Dichte schaffen. Transparenz und Authentizität. Den Menschen im Theater abbilden. (...) Theater spürbar machen. (...) Vertiefung von Informationen und Ausweitung (nicht nur des Begleithefts) ins Digitale. Liveerlebnis nach Außen spiegeln. Neugier wecken. Kontextualisierung und Relevanz eines Themas steigern. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Bewertungen einer Inszenierung dokumentieren (jeder Twitterer erlebt die Aufführung anders)".

Statt sich über Castorfs Krokodile auf dem Siegfried-Alexanderplatz allein den Kopf zu zerbrechen, würde in einem Livetwitter-Setting die Frau am anderen Ende der Reihe vielleicht den Namen Dostojewski einwerfen, eine Reihe davor wüsste jemand, dass die Viecher auch in Castorfs "Spieler" auftauchen, und einem anderen fiele ein möglicher Brückenschlag zwischen der Erzählung und Wagners Helden ein. Live getwittert, mag das dem ein oder anderen Rezeptionstüren öffnen, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. Im besten Falle würde ein Sturm kreativer Fußnoten entfacht, die keine Bedeutung festschreiben, sondern miteinander in Bewegung bleiben, Dynamik und Stimmenvielfalt abbilden würden.

Zugegeben, in Sachen Geistesschärfe und analytischem Esprit sind die allermeisten zu Theateraufführungen herausgefeuerten Tweets noch ausbaufähig. Deutende, assoziierende und kommentierende Tweets sind in der Minderzahl, ebenso Interaktionen. Es dominiert die protokollarische Abschilderung (Zitate, Fotos, Szenenbeschreibung) sowie die emotionale Reaktion darauf bzw. die (meist positive) Bewertung. Ob der für die meisten noch neuen Erfahrung steht oft auch noch die Metaebene im Vordergrund: Wie ist das, live aus einer Probe oder Vorstellung zu twittern? Kurz: Da ist (hoffentlich) noch Luft nach oben (und: nein, ich nehme mich nicht aus).

Social TV, Social Reading, Social Theatre?

Beim sonntäglichen "Tatort"-Gucken oder den Talkshow-Formaten à la Jauch und Illner gehört das Mittwittern für viele schon fest zum Ritual. Wo hier der "Second Screen" des Smartphones die vereinzelt glotzende Krimi-Gemeinde erst zu einem kommunizierenden "Publikum" zusammenschweißt, ist der Theaterzuschauer ohnehin schon Teil einer Gemeinschaft. Anders allerdings als in der virtuellen "Tatort"-Arena oder bei den Buchleserdiskussionen via Lovelybooks, Goodreads und (in Zukunft) Sobooks – "Social TV" oder "Social Reading" sind in aller Medien Munde –, kann nach einer Theaterpremiere nicht jeder aufgrund (potentieller) eigener Lese- oder Seherfahrung einfach mittwittern. So befinden sich Versuche in "Social Theatre" in dem Dilemma, dass sie das Live-Ereignis nicht nur superkurz, blitzschnell und geistreich kommentieren, sondern auch noch anschaulich nach draußen vermitteln sollen. Meines Erachtens eine Überforderung, die der interessanten Binnenauseinandersetzung eher abträglich ist. Wer den Tatort nicht gesehen hat, wird unter #tatort meist auch nur Bahnhof verstehen, keiner erzählt dort die Handlung nach oder ergeht sich in Szenenbeschreibungen, zum Glück. Vielleicht müssten die Theatertwitterer entschiedener zum Insidertum stehen?

twitterstatisten flegel 280 residenztheaterDie Twitter-Statisten der "Flegeljahre" am
Resi saßen mitten auf der Bühne, sangen
Kirchenlieder und funkten nach draußen
© @residenztheater

Der Spagat, sowohl eine Kommunikation innerhalb twitternder Zuschauer zu befördern als auch etwaige Mitleser an die Hand zu nehmen, ist bisher wohl am ehesten dem Residenztheater mit den auf die "Flegeljahre"-Bühne geschleusten Twitter-Statisten geglückt. Indem sich Resi-Twitterer Ingo Sawilla über den Theater-Twitteraccount stark einbrachte, mit Szeneninhaltsangaben und Zitaten eine Art roten Faden durch das Stück legte, mussten Außenstehende nicht auf dem Schlauch stehen. Den Twitter-Statisten wiederum war die Last der Abschilderungserwartung genommen.

Bloß Öffentlichkeitsarbeitsbienchen?

Auf genau diese Außenkommunikation zielten allerdings die meisten der bisherigen Tweetups, die – verbrämt oder ganz offensiv – Vermittlungsprogramme, Hemmschwellenabbauprojekte, Marketingaktionen waren. Sie öffneten eine Probe und gewährten also eher Hinter-den-Kulissen-Einblick als Kunsterfahrung unter Realbedingungen, unter Federführung von Öffentlichkeitsarbeitern, oft auch in Kooperation mit Agenturen, die sich auf solche Social-Media-Events spezialisiert haben.

Es spricht nichts dagegen, dass solche neuen Angebote die Programmhefte, klassischen Publikumsgespräche, öffentlichen Proben und neuerdings auch Backstage-Blogs der Theater flankieren – als ästhetisch meist nur bedingt interessanter Teil der Vermittlungsanstrengungen, die die Theater derzeit auch im Zuge sinkender Zuschauerzahlen verstärkt unternehmen. Doch wer Livetwitterer lediglich als fleißige Öffentlichkeitsarbeitsbienchen begreift, übersieht das Potential der Sozialen Medien für das Theater. "Twitter ist nicht nur da für Transparenz und Werbung sondern auch für Gedanken und Meinungen" (@joepvandergeest), ja.

Konkretion der Feedback-Schleife

Die Livekommunikation via Twitter kann mehr sein als eine trendige Audience-Development-Maßnahme, mit der man sich an die jungen Zuschauer heranzupirschen trachtet. Doch um als Kulturpraxis eine Zukunft zu haben, müsste das Twittern im Theater selbst als ein Teil der Kunst begriffen werden – als Konkretion jener autopoietischen Feedback-Schleife, von der in den Theaterwissenschaften so viel die Rede ist.

In keiner Kunst ist das interaktive Moment so zentral wie im Theater. Nirgendwo kommen Künstler und Zuschauer während der Entstehung des Kunstwerks (der Aufführung) in einem Raum zusammen und spielt die Wechselwirkung zwischen beiden eine so spürbare Rolle. Ohne Zuschauer kein Theater. Und eben hier ist es den Sozialen Medien ähnlich, die, so bringt Medienwissenschaftler Stefan Münker auf den Punkt, "erst im gemeinsamen Gebrauch" entstehen, bei denen sich "alles um Kommunikation, Interaktion und Partizipation" dreht und die, wie zuvor kein anderes Medium, den Liveaustausch einer großen Masse von Menschen ermöglichen.

Writers' Room 2.0?

Die Kunstform Theater hat neu aufkommende Medien immer gern und oft höchst produktiv adaptiert (wie wurde es für seinen Einsatz von Videotechnik gescholten!) und ist doch nie in ihnen aufgegangen oder von ihnen verdrängt worden. Radio, Kino, Fernsehen, sie alle haben das Theater auf die eine oder andere Art beeinflusst, aber nicht abgelöst. Aller Voraussicht nach wird das bei den Sozialen Medien nicht anders sein.

Jochen Strauch, Leiter der Abteilung Marketing & Development am Hamburger Thalia Theater, brachte bei dem von ihm initiierten ersten Theater-Barcamp im Dezember 2012 unter der Überschrift Dramaturgie 3.0 die zentrale Frage auf, ob die Sozialen Medien als Plattform nutzbar wären, "um aus einer Fangemeinde, aus einer Gruppe interessierter Zuschauer heraus gemeinsam Handlungen, Inhalte zu entwickeln." Ideen, die Zuschauer über Social Media weitergehend in einen Theaterabend einzubeziehen, etwa das Publikum mit am Plot stricken zu lassen, wurden meines Wissens noch kaum realisiert. In Großbritannien hat zumindest die digital experimentierfreudige Royal Shakespeare Company unter Such Tweet Sorrow schon eine "Romeo und Julia"-Version vertwittert und einen mit sozialmedialem Material umwölkten "Sommernachtstraum" realisiert.

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=m0IXh_ICbek}

Im deutschsprachigen Raum kann man die Versuche eingreifender Verschränkung von Social Media mit der Bühne an einer Hand abzählen. Bianca Praetorius hat auf der Netzkonferenz re:publica 2013 ein potentiell spannendes Experiment gewagt, in dem die Akteure in einer Art Impro-Session auf die Tweets der Zuschauer reagieren sollten. Doch es fehlte hier an Dramaturgie, inhaltlicher Substanz, einem irgendwie interessanten Bühnengeschehen, kurz: an einem Gegenstand, über den man sich twitternd hätte austauschen wollen. Als künstlerisch wenig ertragreich wurde auch der als "Promotion" von der Agentur Jung von Matt erdachte Facebook-Versuch Effi Briest 2.0 eingeschätzt, bei dem jede Figur ein Facebook-Profil bekam, über das der Heiratsantrag gepostet wurde und das Publikum einen Liebesbrief schreiben oder über Effis Hochzeitskleid abstimmen konnte.

Das gelungenste mir bekannte Experiment auf dem Sozialmedienfeld hat es hierzulande bisher im Bereich der Musik gegeben: Das Anhaltische Theater Dessau veranstaltete im März 2014 – nach holländischem Vorbild – mit der Tweetfonie ein Twitter-Konzert, für das jeder Interessierte per Twitter vorab Melodien einsenden konnte, die dann innerhalb eines Tages von professionellen Komponisten vertont und am nächsten Tag von der Anhaltischen Philharmonie in einem live ins Netz gestreamten Konzert mit großem Orchester dargeboten wurden.

{denvideo https://www.youtube.com/watch?v=9RHqbLy5upI}

Es braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich eine Variante von Nicolas Stemanns "Kontrakte des Kaufmanns" vorzustellen, in die nicht nur Videoleinwände integriert sind, über die Schauspieler-Close-ups und aktuelle Zeitungsschlagzeilen flimmern, sondern auch eine Twitterwall, die Livetweets versammelt; in der Stemann als durch den Abend führender Moderator gelegentlich die ein oder andere Twitternotiz aufgreift oder seine Schauspieler aufgreifen lässt. Postdramatik meets Improtheater 2.0? Weiterdenken erwünscht. Ich wäre gespannt.

 

Ich möchte mich bei allen bedanken, die durch Tweets, Mails, Texte und Gespräche zu diesem Text beigetragen haben und hier so weit wie möglich verlinkt sind. Einen besonderen Dank an Andrew Haydon, Georg Kasch, Elena Philipp und Jochen Strauch sowie an alle Twitteraktiven, die an den Tweetups, der Twitter-Theater-Woche oder Diskussionen auf Twitter beteiligt waren.


Bisherige Theater-Tweetups im deutschsprachigen Raum (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

27.11.2012, freie Gruppe Lokstoff!, Stuttgart: #Engel1 zum Schaufenster-Straßenspiel-Projekt Himmel über Stuttgart – Engel I
(während Generalprobe, erster Theater-Tweetup in deutschsprachigem Raum)

16.2.2013, Theater Heilbronn: #kultup zur Oper Minsk
(während Opernbühnenprobe, Kooperation mit kultup, erster Theater-Tweetup an deutschem Stadttheater)

17.3.2013, Schlosspark Theater Berlin: #ladykillers zu Ladykillers
(während regulärer Vorstellung, in Kooperation mit livekritik, drei Reihen für Twitterer reserviert)

22.4.13, Konzert Theater Bern: #hexenhatz zum Tanztheaterabend Hexenhatz
(während Generalprobe, erster Tweetup eines Schweizer Theaters)

28.8.2013, Prime Time Theater, Berlin: #pttpreview zu Harry & Sally
(während Vorpremiere, Kooperation mit livekritik)

12.9.2013, Rheinisches Landestheater Neuss: #nibelne zu Die Nibelungen
(während Bühnenprobe, Kooperation mit Herbergsmüttern)

13.12.2013, Residenztheater München: #flegel zu Flegeljahre
(während regulärer Vorstellung, im Rahmen der ersten Twitter-Theater-Woche, fünf "Twitter-Statisten" auf der Bühne)

25.1.2014, Theater Koblenz: #TweetupKO zu Comedian Harmonists
(während Bühnenprobe, Kooperation mit der Rhein-Zeitung)

18.2.14, Thalia Theater Hamburg: #republikdesglücks zu In der Republik des Glücks
(während regulärer Vorstellung, im Rahmen der Social Media Week Hamburg, Twitterer frei verteilt im Zuschauerraum)

22.2.2014, Anhaltisches Theater Dessau#begop zu The Beggar's Opera / Polly
(während Premiere, zwei Logen für Twitterer reserviert)

4.4.2014, Schauspiel Dortmund: #dowahn zu Der nackte Wahnsinn
(während Generalprobe, eine Loge für Twitterer reserviert)

12.4.14, Theater Heilbronn: #relup zum Musiktheaterabend Relâche
(während Bühnenprobe)

 

 

Apropos Internet und Theater: Am 3. und 4. Mai findet in Berlin die zweite Ausgabe der Konferenz Theater & Netz statt. Die Bloggerin und Piraten-Kulturpolitikerin Tina Lorenz schrieb für nachtkritik.de jüngst über Livestreaming und das Theater als Router. Und hier geht's zu Esther Slevogts Bericht vom Thalia-Barcamp 2012.

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