Worte wie wild gewordene Mücken

von Dirk Pilz

24. April 2014. Und wie sie allesamt im Silbenmeer rudern und nach Worten schnappen, als drohte ihnen der Texttod durch Ertrinken. Wie sie sich die Sätze abstrampeln, die Gedanken ausschwitzen. Es ist, als wären sie von einer fremden, unergründlichen Schicksalshand in einen reißenden Strudel gestoßen worden und suchten vergeblich nach Ufern, oder einem Halm wenigstens, der Halt verspräche. Es ist aber kein Halm und kein Ufer. Ist überhaupt Hoffnung noch?

Britta Hammelstein steht am Schluss auf einem Podest im güldenen Gewand und verkündet "Ich steige aus", sinkt hin und stirbt einen Bühnentod, den Maximilian Brauer ausrufen lässt "Oh Gott, sie ist tot, jetzt habe ich keinen Grund mehr zu spielen", was wiederum Hendrik Arnst zu dem Kommentar veranlasst: "Mir ist auch nicht gut." Wie auch.

trompe d amour4 560 thomas aurin uMh, lecker! Ein saftiges Stück Balzac!  © Thomas Aurin

Zwei Stunden lang wurden die Figuren und ihre Spieler in Situationen und Gespräche verwickelt, die alles mit Verwirrung infizierte: Wer spielt wen und was und warum? Und ist denn des Spielens vor- und mit- und gegeneinander nie ein Ende? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich weiß niemand auf und vor und neben der Bühne zu unterscheiden, was Spiel ist, was nicht. Aussteigen gibt's jedoch nicht. Nur ganz am Ende allen Lebens, aber was danach kommt, weiß ja auch keiner.

Ein saftiges Stück Romanfleisch

Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zeigt "Trompe l'amour" nach Honoré de Balzacs Roman "Glanz und Elend der Kurtisanen", erschienen zwischen 1838 und 1846. Es ist der Abschluss einer Balzac-Trilogie, die René Pollesch begonnen, Frank Castorf fortgeführt und man Martin Wuttke nun aufgegeben hat, zum Abschluss zu bringen. Darauf hat sich Wuttke nicht eingelassen. Er hat sich, gemeinsam mit seiner Dramaturgin Anna Heesen, ein saftiges Stück aus dem Romanfleisch geschnitten und mit Schwung, aber ohne jegliche Rücksicht auf die gediegenen Ansprüche narrativer Nachvollziehbarkeit hininszeniert.

Eine Kutsche wird im Schummerlicht auf die Bühne gezogen. Das ist der Anfang. Kutsche da, Licht an, Text los – und schon hat man den Überblick verloren. So wird es bleiben. Die Worte summen einem wie wild gewordene Mücken ums Haupt, vom Kutschbock herunter, aus dem Kutschfensterchen heraus, von hinten, von der Seite und besonders gern von den drei in Reihe aufgebauten Leinwänden: Worte, Worte, Worte. Kaum hat man eines erhascht, schon surrt einem das nächste entgegen.

"Der Zufall", hat Balzac gesagt, "ist der größte Romancier der Welt". Insofern ist diese Inszenierung von großer Balzac-Treue: Sie zeigt lauter Gebeutelte, von Zufällen herumgewürfelte Figuren. Auch ein Grund, warum sie sich große Mühe gibt, den Erzählknoten unter keinen Umständen zu lösen, sondern so fest zu schürzen, dass er sich in die schiere Stimmung komprimierten Konfliktempfindens verwandelt. Was hier herrscht, ist einzig das Gesetz der Unerbittlichkeit, und nichts ist unerbittlicher als der Zufall. Aber taugt er auch als Bühnenspielregel? Ist's mehr als Schauspielsplitterwerk, was daraus erwachsen kann? Und wozu überhaupt einen epischen Teppich ausrollen, wenn er flugs wieder zerschreddert wird?

Als das Geld noch geholfen hat

So viel zur Handlung: Es wird jener Kurtisane Esther viel Raum gegeben, in die sich der Bankier Nucingen verguckt, was sie wiederum als Chance begreift, ihn ihrem Liebsten Lucien de Rubempré zum Wohle auszunehmen. Da will also einer mit Geld die Liebe oder wenigstens die körperliche Zuneigung einer Frau erwirtschaften, die wiederum mit gespielter Liebe das Geld für's echte Glück erhofft: Verzweifelte stoßen auf Verderbte, die verderbt sind, weil verzweifelt, oder andersherum.

trompe d amour2 560 thomas aurin uProst, Verderben! Das Ensemble mitten in der Glücksunmöglichkeit. © Thomas Aurin

Balzac war auch hierin ein Meister des Melodrams, wenn nicht der Kolportage, dass er Esther sterben lässt, bevor sie von einer üppigen Erbschaft erfährt. Wuttke dagegen versucht sich als gedankenspitzer Zeitdiagnostiker, wenn nicht als zynischer Kommentator heutiger Glücksunmöglichkeit – bei ihm erfährt Esther vor ihrem Tod vom großen Geldsegen, aber sie bringt sich dennoch um. Schlimm ist es um eine Welt bestellt, in der auch das Geld nicht mehr zu trösten und helfen vermag, die gleichzeitig das Geld als einzigen Werte- und Götzenmacher kennt.

Darauf läuft es bei Wuttke hinaus: auf Leerlauf, auf eine atemlose Hatz um ein sinnfreies Zentrum. Ringsum sind Lametta-Glitzer-Fäden aufgehängt: passt gut. Alles glitzert, nichts ist haltbar. Aber trägt das Leerspielen zwei Stunden lang?

Die leere Mitte

Die Chancen stehen hoch, dass zehn verschiedene Zuschauer dieser Inszenierung zehn verschiedene Abende sehen, weil derlei Leer- und Zufallsszenenwerk den Betrachter zum Abgleich mit dem eigenen Liebes- und Lebenserfahrungsraum herausfordert. Solches Theater wird deshalb auch notwendig herablassende Verächter und staunende Verfechter zugleich hervorbringen, eben weil man auf das eigene Erleben und den eigenen Bewusstseinsgrad darüber zurückgedrängt wird.

Wuttke entwickelt ja keine Figuren, führt keine Charaktere spazieren, keine Typen vor, die sich zur planen Identifikation eigneten – was sie sind, darf und muss sich jeder selbst zurechtbasteln, weil es Menschen sind, die in Umstände geraten und in Situationen verheddert sind, die damit etwas werden, von dem sie nie geahnt hätten, dass sie es sein könnten.

Auch das ist nah an Balzac, der im Detail und im Konkreten seine Gestalten als Ausdrücke des gesellschaftlichen Ringsum zeichnet, ohne dass die entscheidenden Faktoren der großgesellschaftlichen Zusammenhänge in Erscheinung träten. Napoleon und die Folgen seiner Politik etwa, die für Balzac wesentlich verantwortlich waren für das Wohl und Wehe des modernen, europäischen Daseins, tauchen nur am Rande auf. So auch bei Wuttke. Von Napoleon ist einmal die Rede, nebenher. Es gibt ja kein Zentrum.

Die Kunst des Satzboxens

Wahrscheinlich wäre all das unwesentlich anders, wenn Wuttke sich nicht kurz vor der Premiere selbst als Schauspieler gestrichen und von Jean Chaize vertreten lassen hätte, oder, wie die berühmten gut unterrichteten Kreise munkeln, vom Oberchef gestrichen wurde, der auch die Endproben übernommen haben soll. Aber der Abend hätte wohl selbst ohne Castorfs Eingriff wie ein Ausschnitt aus dessen früheren Dostojewskij-Abenden ausgeschaut, inklusive der Videoästhetik und Schwitzspielweise. Und sicher hätte Wuttke als Spieler gut in seine Inszenierung gepasst – als Regisseur, der sich zum Mitschwitzer und Mitruderer seiner Figuren macht.

trompe d amour3 560 thomas aurin uJeanne Balibar und Jasna Fritzi Bauer © Thomas Aurin

In Wien hat er, an einem langen, einprägenden Abend bei Castorf zuletzt den Richard III. von Hans Henny Jahnn hingestemmt und dabei gleichermaßen auf die Worte eingepeitscht wie er von ihnen verdroschen wurde. Diese Kunst des Satzboxens hat er jetzt auf seine Inszenierung geradewegs übertragen.

Und er hat aus Wien Jasna Fritzi Bauer mitgebracht, die wunderbar unvermittelte Gefühlumstürze spielen kann, ohne sich ins Gebüsch der hohen, schiefen Töne zu retten. Er hat zudem Britta Hammelstein, die jedes Wort hinwirft, als sei es mit blanken Händen aus glimmender Glut herausgerissen, er hat Franz Beils hysterische Attacken, die Bitt- und Bettelarien von Hendrik Arnst als Nucingen, lässt viel die Rollen wandern, mit Musik- und Filmschnipseln jonglieren und jede Szene mit einem Bein tief in der Vorlage und dem anderen fest in direkter Nachbarschaft zur Gegenwart stehen. Spagattechnisch ist dieser Abend auf Hochleistungsniveau.

Aber die vielen Worte für so wenig Leere.

 

Trompe l'amour
nach Honoré de Balzac
Regie: Martin Wuttke, Bühne und Kostüme: Nina von Mechow, Grundraum: Bert Neumann, Dramaturgie: Anna Heesen, Video: Jens Crull.
Mit: Hendrik Arnst, Jeanne Balibar, Jasna Fritzi Bauer, Franz Beil, Maximilian Brauer, Jean Chaize, Britta Hammelstein.
Spieldauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

 

Kritikenrundschau

Michael Laages, selbst ehemaliger Dramaturg an der Volksbühne, schreibt auf der Online-Seite des Deutschlandfunks (25.4.2014) über "die Wiederholung des Immergleichen". Die Volksbühne gebe sich noch immer "entschieden zu modern" für "vorgestriges Bildungsbürgertum", das "eventuell auch mal wissen will, worum es dem Autor einst wirklich ging". "Ein bisschen halb gares Geraune über Liebe, Geld und den Staat reichen hier völlig aus." - "Trompe l'amour" sei vor allem eine "Vor-Täuschung von Theater; zusammen gestoppelt, ohne Tempo, ohne Spannung, ohne irgendetwas, was mitreißen könnte - inszenatorisch von schmalem Talent und ohne jeden erkennbaren Stil". Der durchaus zum Geschwätzigen neigende Balzac-Text allerdings wehre sich mit Macht gegen den "immer gleich hysterischen Exzess-Ton an diesem Hause".

"Wuttke war nicht zu ersetzen und fehlte der Aufführung ungemein. Er hätte als Schauspieler wohl halbwegs zu kaschieren vermocht, wie entschieden ihm das Stück über den Kopf gewachsen ist", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.4.2014). Ohne den Darsteller Wuttke "ackerten und rackerten, tobten und brüllten" die übrigen Akteure, "was das konfus-dürftige Textgebilde hergab, ohne dass ihnen dabei aber je etwas wie Figuren, Relationen oder eine nachvollziehbare Geschichte gelungen wären."

Eine "Pleite" hat Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (26.4.2014) an der Volksbühne erlebt. Denn: "Eine Wuttke-Inszenierung ohne Wuttke ist etwa so faszinierend wie ein 'Tatort' ohne Leiche." Ohne den Hauptdarsteller, dessen gelegentliche Regie-Arbeiten "in der Regel aus frei laufenden, hochvirtuos Pirouetten drehenden Wuttke-Solos" bestünden, während der Rest "Ornament" sei, bliebe hier nurmehr ebendieses "Ornament übrig" bzw. die "routiniert eingesetzten Stilmittel" des Castorf-Theaters".

Frank Castorf habe während der Endproben geholfen, sei seitens der Volksbühne "vielsagend" verlautet worden, berichtet Wolfgang Behrens in der Berliner Zeitung (26.4.2014) und konstatiert: Das Ergebnis "fühlt sich jedenfalls sehr nach Castorf an" beziehungsweise: "Ein bisschen wirkt es so, als würden sich die bewährten Volksbühnen-Mittel von alleine inszenieren". Wobei sich der Kritiker von diesem "Volksbühnen-Business as usual" durchaus "ganz gut unterhalten" fühlte, u.a. durch die "hochenergetische Britta Hammelstein und die vom Wiener Burgtheater herbeigeeilte, sehr schnutensichere Jasna Fritzi Bauer".

Christine Wahl vom Tagesspiegel (26.4.2014) weiß ähnlich aus der "Gerüchteküche" zu berichteten, dass Intendant Frank Castorf "rettend in die Endprobenphase eingegriffen haben soll". In gewohnter Volksbühnen-Manier werde auf "den an der Volksbühne dankenswerterweise verpönten Romannacherzählungsstil" verzichtet und "unter offensivem Verzicht auf lineare Plotmuster eher an zentralen Motiven entlang" inszeniert. Die Kritikerin würdigt verschiedene Auftritte und die gelegentlichen "ebenso hübschen wie sinnfreien" Effekte auf den Leinwänden. Aber: "Das war's dann aber auch; in die Volksbühnen-Annalen wird dieser Abend eher nicht eingehen."

Nach "der mageren Attraktivität der sehr manieriert wirkenden ersten Stunde der Aufführung" konnte Tom Mustroph von der taz (26.4.2014) dem Abend noch einiges abgewinnen. Zwar enttäuschtet die Inszenierung mit "nicht nur an dieser Bühne längst ausgereizten Mitteln des Versteckens der Spieler, ihres Abfilmens und Liveprojezierens", wobei das Ensemble den Rückzug auch nur nutze, um "die Essenz allen Balzacschen Erzählens – Austauschbeziehung von Liebe und Geld – unverdaut in Kamera und Mikroarm zu blasen". Aber späterhin beginne das Spiel um die Todesmomente des Bankiers, der Kurtisane Esther und des Geliebten Lucien und vor allem Jasna Fritzi Bauer "fasst im Lebensabspann ihrer Figur die Härten des Daseins". Fazit: Dieser Abend "ist ein Steinbruch der Assoziationen, wenig gefügt, in seinem mortalen Ende aber überraschend vital."

Reinhard Wengierek in der Tageszeitung Die Welt (28.4.2014): Was bei "Balzac/ Wuttke TROMPE L'AMOUR" herausgekommen sei, sei "etwa so, als hätte Martin Wuttke ein paar der Vielhundert "Kurtisanen"-Seiten herausgerissen und in die Luft geschmissen: Eine verflatterte Kleinigkeit." Aus den "verschnippelten Szenchen" lasse sich kein Sinn basteln. "Der Geschlechterkampf und -krampf als verwirrt verbale Erregung, als albern-ironische Chaos-Klamotte. Ohne Plot, ohne erkennbare Figuren." Alles laufe ins Leere. Sei aber "aufgemotzt mit üppiger Ausstattung". Mit diesem "Einkapseln im total Diffusen" werde Theater "nicht nur beliebig, sondern, noch schlimmer, hermetisch. Also unverständlich. Es ist sein Weg in die Selbstabschaffung."

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