Eine Todesfuge

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 25. April 2014. So ist das mit den großen und letzten Dingen im Leben. Wenn es soweit ist, stellt man fest, dass es ganz anders kommt, als man es sich immer vorgestellt hatte. Diese bittere Erfahrung machen die drei Schwestern, die Henriette Dushe um das Sterbebett ihre Vaters versammelt hat. "Lupus in fabula", also etwa "der Wolf, von dem man spricht", heißt das Stück, für das die Autorin hier im Vorjahr den Autorenpreis des Stückemarktes gewonnen hat und das nun am gleichen Ort zur Uraufführung gelangt – und den Heidelberger Stückemarkt 2014 eröffnet.

Drei Schwestern am Sterbebett des Vaters

Es sind drei sehr unterschiedliche Schwestern, die angesichts des Todes nicht die rechten Worte und Gefühle zu finden glauben. Hinter ihnen lugt Shakespeares "König Lear" ebenso schattenhaft um die Ecke wie der Wolf aus der Fabel, der für den Vater steht – oder besser für Erzählungen über den nun Sterbenden aus der Zeit seiner aktiven Vaterrolle.

Der Tod eines nahen Angehörigen macht nach Ansicht der 1975 geborenen Autorin eben immer noch ratlos. Behalten wollen, loslassen müssen, nicht helfen können, erinnern, aufarbeiten heißt es wechselweise für die zunächst munter durcheinander plappernden Geschwister, deren Text eingangs kunstvoll wie eine dreistimmige Fuge komponiert ist. Gelegentlich finden sie ins chorische Unisono, schwenken ins Dialogische, um dann wieder in parallele Soli auszuscheren. Sie reden vom schwarzen Kleid für die Beerdigung, von der Geburt ihres Babys, vom Ex, von der Trauerrede und von fernen Kindheitsurlauben an der Ostsee.

lupus3 560 florian merdes uImmer wenn es regnet ... Maria Munkert, Lisa Förster und Hanna Eichel als älteste, mittlere und jüngste Schwester © Florian Merdes

"Die Älteste" (Maria Munkert), "Die Mittlere" (Lisa Förster), "Die Jüngste" (Hanna Eichel) heißen sie schlicht und familiäre Strukturen ergreifend. Pläne, Versäumnisse, Befindlichkeiten und Vorwürfe umkreisen das Pflegebett, wo Stillstand und Warten das alte wie das künftige Leben in einer diffusen Vortrauer besonders unerträglich machen.

Am Gipfel der Ironie

Das ist sehr genau und mit großer menschlicher Wärme beobachtet, wirkt höchstens da befremdlich, wo es sich weit hinaufschwingt, um am Boden der Hilflosigkeit zu landen: "Der Tod ist die schreckliche Begegnung, die für das Subjekt ironisch erscheinende Vereinigung von Konkretem und Absolutem, und der Gipfel der Ironie ist, dass dies noch nicht einmal erfahrbar ist, für das Subjekt, denn der Tod, der Tod, der Tod ...", schwadroniert die Mittlere dann weniger komplex zu Ende, "ist eine blöde Sau".

Es müsste uns eigentlich warm ums Herz werden, tut es aber nicht. Das hat dramaturgische und inszenatorische Gründe. Buchstäblich spielt sich das Trio einen Wolf, ist zu jung besetzt und viel zu sehr damit beschäftigt, in aktionistischen Schauspielschulen-Übereifer zu verfallen, den Regisseur Alexander Nerlich der traurigen Angelegenheit verordnet hat. Das geht auf Kosten der eigentlich sehr individuellen Figurenzeichnung. Kaum sind die Schwestern in dieser Inszenierung von einander zu unterscheiden, so nahe sind sich Spielweisen und Tonlagen. Zu hoch ist die Drehzahl, zu üppig der Einlagen-Kanon – leider glaubt man den drei inbrünstig aufspielenden Nachwuchsmiminnen kein einziges Wort.

Erschlagen von einem permanenten Zuviel werden auch die von Dushe duftig eingewobenen Landschaftsbilder, die zwischen Beerdigungsszenografie und geographischer Familienverortung den ewigen Kreislauf der Natur spiegeln. Freilich gibt es hübsche Ideen, aber irgendwo zwischen Trickbildern vom Baggersee, jungem Hunde-Getolle, zwischenschwesterlicher Tangoeinlage und launigem Beethoven-Gesinge zum Schlemmerfilet, säuft der Abend gehörig ab: Gluck, gluck – weg war er.


Lupus in fabula (UA)
von Henriette Dushe
Regie: Alexander Nerlich, Bühne und Kostüm: Stefan Mayer, Dramaturgie: Lene Grösch, Musik und Sounddesign: Malte Preuß.
Mit: Hanna Eichel, Lisa Förster, Maria Munkert.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Mehr über den Heidelberger Stückemarkt 2014 erfahren Sie auf der Festivalseite www.heidelberger-stueckemarkt.nachtkritik.de.

 

Kritikenrundschau

Von Henriette Dushe werde noch manches zu sehen und zu lesen sein, schreibt Egberth Tholl in der Süddeutschen Zeitung (28.4.2014). Regisseur Alexander Nerlich und seine drei Schauspielerinnen bewiesen, dass "Dushes Sprachpartitur" bemerkenswertes Theaterfutter sei. Nerlich bediene den Text und verdichte ihn. Er forme das Spiel der drei Töcher am Totenbett des Vaters "zu einem Flirren zwischen Trost, Komik und Trauer". Dadurch entstehe "ein Assoziationsraum, den der Text allein so noch nicht herstellt, ein Raum für eigene Erinnerungen an ähnliche Situationen. Seine drei fabelhaft engagiert und homogen miteinander spielenden Damen – Maria Munkert, Lisa Förster und Hanna Eichel – schaffen mit einem Tageslichtprojektor, Mikro, Echoschleifen und der atmosphärischen Musik von Malte Preuß viele kleine Szenen von emotionaler Wucht."

"Im Ganzen kein fetziger Festivalstart", schreibt Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (28.4.2014). Aus seiner Sicht war es insgesamt trotzdem ein vielschichtiger Abend und damit "eine gelungene Einstimmung auf das große Abenteuer des Heidelberger Theaterfestivals". Das Geschehen komme zwar "im kargen, ältlich wirkenden Ambiente zunächst etwas zäh in Fahrt. "Nach und nach jedoch werde der Zuschauer doch "unaufhaltsam in ein faszinierendes Schattenboxen mit dem Tod hineingezogen. Und dazu trugen vor allem auch die vielen so originellen wie einfachen Bildlösungen bei, mit denen gruppendynamische oder psychologische Vorgänge visualisiert wurden."

Überfrachtet findet Martin Eich auf dem Online-Portal der Rhein-Main Presse Allgemeine Zeitung (28.4.2014) diese Inszenierung. So versickert aus seiner Sicht die "existenzialistische Wucht" des Textes "in trauriger Lächerlichkeit, die schon frühzeitig zum falschen Grundton des Abends wird. Die wenigen Stimmungsmomente, die aus diesem Klangmeer herausdringen, vermögen daran nichts zu ändern. So vermag nur die Anfangsschärfe der gezeichneten Grundkonstellation zu berühren. Ansonsten spürt man den hochtourigen Leerlauf."

Der Text erweise sich "als dichte Sprachpartitur, die über die Genauigkeit des Wortes hinaus reizvolle Spielimpulse gibt", so Johannes Breckner im Darmstädter Echo (27.4.2014). Nerlich lasse sich Zeit beim Entwickeln des Spiels. "So bringt er den Abend auf eindreiviertel pausenlose Stunden, die auch mal lang werden können. Erst im Verlauf erliegt man dem Sog der Erinnerungen."

Die Regie von Alexander Nerlich setze auf Fantasie und Fantasterei, "was die drei jungen Darstellerinnen ständig in Bewegung hält", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (30.4.2014). Geschmeidig und lebhaft seien sie allemal dabei. "Ob man Maria Munkert, Lisa Förster und Hanna Eichel unbedingt abnimmt, dass sie in der Mitte des Lebens Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren, sei dahingestellt." Böse könnte man sagen, dass sich Nerlich dafür gar nicht so sehr interessiere. "Die drei Schwestern sind bei ihm vor allem die Mitarbeiterinnen für eine liebevoll arrangierte Illustration der Möglichkeiten des Theaters." So "possierlich" die "fabelhafte Bebilderung und Beschallung der Situationen mit zumindest scheinbar einfachen Mitteln" sei, so nah sei sie am Selbstzweck.

 
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