Viel abgelassenes Wasser

von Regine Müller

Wuppertal, 26. April 2014. Auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses ist ein Schwimmbad aufgebaut. Aus dem Off tönt aber nur von Ferne üblicher Schwimmbadlärm, derweil eine vollbusige Putzkraft den Wischmopp und das kurze Röckchen tanzen lässt. Eigentlich gibt es im Schwimmbad aber gar nichts mehr zu wischen. Das Wasser im auf Parkettebene hochgefahrenen Orchestergraben ist abgelassen. Und die Uhr ist auf fünf nach zwölf stehen geblieben. Das darf man leider sehr wörtlich verstehen. Denn für die Wuppertaler Bühnen ist in ihrer bisherigen Struktur die Zeit tatsächlich abgelaufen.

Als Christian von Treskow, der Regie führende Intendant des Sprechtheaters, sein Amt vor fünf Jahren antrat, musste er sich überraschend mit einschneidenden Sparvorgaben abfinden. Die große Bühne des Schauspielhauses wurde geschlossen, eine zugige Ersatzspielstätte im Foyer musste herhalten, die aber nun auch geschlossen wurde. Was aus dem toten Theaterbau – ein architektonisches Juwel der Nachkriegsmoderne – werden soll, ist ungewiss.

Prekäre Zukunft

Von Treskows Vertrag wurde nicht verlängert, von der designierten Nachfolgerin Susanne Abbrederis weiß man noch nicht, wie sie den kommenden Spielplan mit dem auf eine Handvoll herunter gehungerten Schauspiel-Ensemble in den Griff bekommen wird. Ebenso trostlos sieht es in der Opernsparte aus: Der designierte Intendant Toshiyuki Kamioka, der sich als umtriebiger Generalmusikdirektor in den Augen der kurzsichtigen Wuppertaler Kulturpolitik unentbehrlich machte, darf nun auch noch den Löwen spielen und hat entgegen ersten Beteuerungen dem gesamten Ensemble gekündigt. Und um die Sache rund, will sagen: abwicklungsreif zu machen, will Kamioka kein Repertoire mehr spielen, sondern nur noch ensuite-Produktionen einkaufen. Immerhin hat er seinen Spielplan bereits veröffentlicht, der freilich an Mutlosigkeit nicht zu überbieten ist.

Die Wuppertaler Oper, bis jetzt ein Ort weithin beachteter Uraufführungen und verdienstvoller Ausgrabungen, die mit ihrem hochkarätigen Ensemble auf Gastverpflichtungen weitgehend verzichten konnte, ist damit genauso am Ende wie das Sprechtheater. Ein "Opernstudio" genanntes Ausbeuter-System, das Anfänger-Sänger verschleißt und unterbezahlte Gäste für einzelne Produktionen einkauft, soll es nun reißen. Ein Trauerspiel.

In der Badeanstalt

Aus dieser Not macht Christian von Treskow nun in seiner letzten Inszenierung am Wuppertaler Theater eine Tugend, indem er selbstironisch und mit sprudelndem Galgenhumor alle Register zieht. Das besagte Schwimmbad, das Bühnenbildner Jürgen Lier in einladender Kühle lediglich mit ein paar Startblöcken, einer durchscheinenden Tür und einer Umkleide mit Vorhang ausstattet, darf als Anspielung auf die leidigen öffentlichen Debatten verstanden werden, die zu schließende Schwimmbäder zu schließenden Theatern vorziehen. Auch als Kulisse für Shakespeares turbulente Intrigenkomödie eignet sich die Badeanstalt vorzüglich.

viel laermen um nichts4 560 uwe stratmann uLetztes Aufbäumen: "Viel Lärmen um nichts" © Uwe Stratmann

Im ersten Stock – da, wo sonst der Bademeister Aufsicht führt – sitzt eine dreißigköpfige Abordnung des Wuppertaler Sinfonieorchesters und unterfüttert das verwirrende Geschehen mit Erich Wolfgang Korngolds hinreißender Bühnenmusik. Auch das ist wieder eine Ausgrabung. Der Spätromantiker, von dem nur noch seine Oper "Die tote Stadt" auf den Spielplänen steht, emigrierte in der Nazizeit nach Amerika, wo er in Hollywood als Filmmusik-Komponist zwei Oscars einheimste, in der Nachkriegszeit als "ernster" Komponist in Europa aber nie wieder Fuß fassen konnte.

Flirrende Tonspur

Die Bühnenmusik zu "Viel Lärmen um nichts" komponierte Korngold jedoch bereits 1918 für eine Produktion mit Max Reinhardt an der Wiener Volksbühne. Seine ungemein farbenreiche, flirrende, abwechselnd derb zupackende, dann wieder zart poetische Tonspur erinnert an Filmmusik expressionistischer Stummfilme und ist eine echte Entdeckung. Zumeist sind es Zwischenspiele, aber teilweise müssen die Schauspieler ihre Texte in der Art von Melodramen über die Musik transportieren.

Dem Stummfilmgestus der Musik begegnet Christian von Treskow mit greller Überzeichnung: Kristina Böcher steckt das aufgestockte, zwölfköpfige Ensemble in fettleibige Ganzkörperkostüme, die behaarte Männerwampen und zellulitische Frauenschenkel zeigen, rote Clownsnasen – und Münder, hochtoupierte Perücken und überdimensioniertes Schuhwerk tun ein Übriges. Herbert Fritsch goes Circus.

Feier des Überlebenswillens

Wie aufgezogen wimmelt das Ensemble mit artistischen Einlagen – aber Gottlob ohne Türenschlagen – über die Bühne. Schlägt Räder und Purzelbäume, tanzt, tobt, kreischt und singt. Das Knäuel der Intrigen um zwei gegensätzliche Paare wird durch diesen aufgekratzten Überaktionismus nicht unbedingt durchschaubarer, das fein gewürzte Spiel um Schein und Sein auf diese Art nicht eben subtil durchleuchtet.

viel laermen um nichts2 280 uwe stratmann u © Uwe Stratmann

Aber darum geht es dem scheidenden Intendanten und seinem Ensemble ganz offensichtlich auch gar nicht. Sondern um ein letztes Ausstellen ungebremster Spielfreude, um eine Feier des wilden, überlebenstrotzigen Theaters, das mit einem Feuerwerk an Einfällen und virtuosem Handwerk noch einmal zeigen will, was es kann. Und nicht nur von Treskow, auch das Wuppertaler Ensemble kann: Trotz heulend und keifend überzogener Sprechhöhen ist die Diktion vorbildlich und selbst grobe Slapstick-Nummern gleiten nicht ab ins Peinliche, oder zumindest nur selten. Das Ganze zieht sich mit mehr als drei Stunden zwar irgendwann. Aber in der Summe: Chapeau, was für ein Abgang!

Viel Lärmen um Nichts
von William Shakespeare, Bühnenmusik von Erich Wolfgang Korngold
Regie: Christian von Treskow, Musikalische Leitung: Tobias Deutschmann, Bühne: Jürgen Lier, Kostüme: Kristina Böcher, Dramaturgie: Sven Kleine.
Mit: Heisam Abbas, Thomas Braus, Markus Haase, Jochen Langner, Jakob Walser, Philipp Werner, Anne Simmering, Heiko Voss, Sebastian Weisener, Hanna Werth, Marco Wohlwend, Julia Wolff, Sinfonieorchester Wuppertal.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause.

www.wuppertaler-buehnen.de

 

Kritikenrundschau

Auf wz newsline, dem Online Portal der Westdeutschen Zeitung, schreibt Tanja Heil (27.4.2014), von Treskow vermische in "guter, alter Shakespeare-Tradition Comedia del'Arte, anzügliche Bemerkungen und politische Anspielungen". Er zeige eine "verlotterte Gesellschaft". Alle Figuren seien "dick ausgepolstert", es handele sich um "übersättigte, handlungsunfähige Menschen". Beim Maskenball versteckten sich die Figuren hinter Masken von Merkel, Putin und Obama, aber auch von Oberbürgermeister Peter Jung, von Treskow und Opernintendant Johannes Weigand. Hanna Werth spiele sich als schwedische Kammerfrau Margarethe in die Herzen der Zuschauer. Das Stück sei ein "Fest für seine Schauspieler", die "perfekt aufeinander abgestimmt" agierten.

 

 

 
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