Im Westen was Neues

von Rainer Nolden

Trier, 21. Mai 2014. Von einem Rand der Republik an den anderen führt Karl M. Sibelius seine nächste Aufgabe. Der Österreicher, 1969 in Bregenz geboren, wird demnächst nach dreijähriger Intendanz am Theater an der Rott im niederbayerischen Eggenfelden, gut 120 Kilometer nordöstlich von München, in den äußersten Westen ziehen. Er tritt das Amt als Nachfolger von Gerhard Weber an, der sich nach zehn Jahren am Stadttheater Trier in den Ruhestand verabschiedet.

Sibelius übernimmt das Haus in ebenso angespannten wie spannenden Zeiten. Das Schlimmste wurde für das Theater mit seinen 200 Beschäftigten gerade abgewendet: Weder wird eines der Ensembles (Schauspiel, Oper, Ballett) aufgelöst noch wird es in eine Bespielstätte umgewandelt. Dafür hat sich auch die Bevölkerung stark gemacht: Knapp 50.000 Unterschriften wurden für den Erhalt des Status quo gesammelt.

Tal der Tränen

Sibelius kennt sich mit der Grundsanierung von Theaterbetrieben aus. In Eggenfelden, einer Stadt im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn mit knapp 13.000 Einwohnern, hat er seit der Spielzeit 2012/13 ein im provinziellen Dornröschenschlummer liegendes Haus auf Vordermann gebracht, künstlerische und wirtschaftliche Umstrukturierungen durchgesetzt. "Wir werden durch ein Tal der Tränen gehen", hatte er seinerzeit bei seinem Amtsantritt in Eggenfelden prophezeit. Es schloss ihn selbst ein, denn das konservative Publikum zeigte dem neuen Theaterleiter mit den unkonventionellen Ideen zunächst die kalte Schulter; der Zuschauerschwund war enorm, Sibelius musste sich harsche Kritik anhören.

Zum vorgezogenen Schluss seiner Intendanz wurde im Internetforum der Lokalzeitung Rottaler Anzeiger schweres Geschütz gegen den Theatermann aufgefahren. Knackpunkt der Diskussion war eine Inszenierung von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen", in der Regisseurin Caro Thum nicht mit Ekeleffekten sparte. "Wir brauchen in Bayern keinen Sibelius und auch kein Theater", ereiferte sich daraufhin ein Leser. "Es gibt wichtigere Dinge zu unterstützen als sowas."

praesidentinnen1 560  rupert rieger uDiskutiert: Werner Schwabs "Die Präsidentinnen", von Caro Thum inszeniert © Rupert Rieger

Dennoch: Mit seinem Change Management hat Sibelius es geschafft, dass das Theater 36 Prozent seiner Kosten wieder einspielt, was in Zeiten leerer Kassen für überregionale Aufmerksamkeit sorgte. Seitdem ist er ein gefragter Redner an Universitäten sowie kulturellen Institutionen, wo man mehr über diesen Erfolg erfahren möchte.

Verjüngungsschub

Vor allem hat er den behäbigen Spielplan im Theater an der Rott entrümpelt, in dem die traditionellen Klassiker von der Operette bis zur Komödie ein Publikum von 65+ unterhielten, und es geschafft, den Altersdurchschnitt auf 42,5 Jahre hinunterzuschrauben. Außerdem, darauf ist er besonders stolz, hat er 9000 Schüler als neues Publikum gewinnen können.

Kein einziges Stück in seiner Eröffnungssaison sei zuvor jemals in Eggenfelden zu sehen gewesen, staunte die Lokalpresse: "Ein ausgesprochen bunter, neugierig machender, mutiger und vielversprechender Spielplan ist das." Und ein wenig säuerlich, aber immerhin mit verkniffenem Lob kommentierte dasselbe Blatt nun Sibelius' Wechsel nach Rheinland-Pfalz: "In nur anderthalb Spielzeiten hat Karl Sibelius das Theater an der Rott im Design, in seiner digitalen Präsenz, in der Aufmerksamkeit der Medien und der Theaterszene und in frappierender künstlerischer Qualität umgekrempelt. In rastlosem Tempo und mit allen Mitteln einer überbordenden Kreativität, die viele für genial halten. Und mit einer Selbstdarstellung, die viele ebenso genial und viele schwer erträglich finden." Ein Trost dürften die beiden Auszeichnungen sein, die er in der vergangenen Spielzeit für seine Arbeit eingesammelt hat: der Jurypreis der Bayerischen Theatertage, und bei der Autorenumfrage der Zeitschrift "Die Deutsche Bühne" erhielt Eggenfelden die meisten Stimmen in der Kategorie "bemerkenswertestes Theater abseits der Zentren".

Theater darf nicht stehenbleiben

Jetzt also Trier. Nicht ganz so abseits der Zentren und vor allem nicht abgeschnitten vom "großen" Theatergeschehen: Im nur 40 Kilometer entfernten "Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg" gastieren in regelmäßigen Abständen Spitzenensembles aus Berlin, Hamburg, München, aus den Niederlanden sowie dem benachbarten Belgien und Frankreich. "Grand-Théâtre"-Intendant Frank Feitler gehörte zu der Findungskommission, die für Sibelius gestimmt hat. Trier hat gut acht Mal so viele Einwohner wie Eggenfelden, 600 statt 400 Plätze im Theater, einen Etat, der mit 15 Millionen Euro etwa zehn Mal so groß ist wie in Niederbayern.

karl-m-sibelius 280 rupert-riegerKarl M. Sibelius, Porträt auf der Website des
Theaters an der Rott © Rupert Rieger
Aber auch in Trier werden wohl Tränen fließen. Er habe zwar noch kein festgezurrtes Konzept, erzählt Sibelius, aber die Konturen seiner geplanten Veränderungen zeichnen sich im Gespräch deutlich ab. "Man muss sich fragen: Braucht man 48 Musiker? Brauche ich ein festes Ensemble von zehn bis fünfzehn Schauspielern und Sängern, die alles, aber wirklich alles spielen und singen müssen?" Sei es nicht viel besser, einen Schauspieler oder einen Sänger punktgenau für die Rolle zu engagieren, für die er gerade gebraucht werde und am besten geeignet sei? Einen Regisseur dann zu holen, wenn man davon überzeugt ist, dass er der Aufgabe am besten gewachsen sei?

Mit anderen Worten: Auch das Trierer Publikum wird sich an neue Gesichter, neue Namen gewöhnen müssen – quer durch die Sparten. Zwar gibt es einen kleinen Kern von unkündbaren Künstlern – "gute Leute, sonst hätten sie ja nicht so lange hierbleiben können, bis sie unkündbar geworden sind", aber eben auch eine Reihe von Schauspielern, Sängern und Tänzern, "mit denen wir Gespräche führen müssen", wie Sibelius seine Trennungsabsichten euphemistisch umschreibt. Um sofort anzuschließen: "In jedem Adieu steckt auch eine Chance. Für gute Leute wird sich immer eine Tür öffnen. Da ich selber Schauspieler bin, weiß ich natürlich, was in den Künstlern vorgeht, wenn ein Umbruch bevorsteht. Aber ich muss einen Anstoß geben, hinauszugehen. Theater darf nicht stehenbleiben, es ist kein Ort des Festhaltens, es muss immer Veränderungen geben."

80 Prozent Konfliktmanagement

Gemessen an diesen Worten hat Sibelius es erstaunlich lange an einem Ort gehalten: 20 Jahre lang hat er am Landestheater Linz als Sänger, Schauspieler und Regisseur gearbeitet. Und er wäre vermutlich weiter dort geblieben, wenn man ihm die Leitung der Musicalsparte in die Hände gelegt hätte. Als daraus nichts wurde, zog er einen Schlussstrich, wechselte das Haus und über die Grenze. Er studierte Sozialwissenschaften und absolvierte an der Universität Zürich eine Ausbildung zum Kulturmanager ("Executive Master of Arts Administration"). Außerdem darf er sich nach einer entsprechenden Ausbildung auch "Friedensforscher" nennen.

Was macht ein Friedensforscher am Theater? "80 Prozent der Arbeit am Theater, vor allem in einer Leitungsfunktion, sind Konfliktmanagement", erklärt Sibelius. "Die Arbeit am Theater hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Theater ist für mich ein zutiefst sozialer Ort und kann auf diesem Gebiet auch sehr viel leisten." Auch nach seinem Weggang von Linz hat er im Grunde nie daran gezweifelt, dass es für ihn nur diese Wirkungsstätte gibt: "Ich kenne mich auf künstlerischem Gebiet aus, auf dem wirtschaftlichen – und habe mir zum Schluss die soziale Kompetenz angeeignet." Das alles gebe ihm eine gewisse Sicherheit, die großen Aufgaben am Theater zu stemmen.

theatertrier1 560Charme des Sechziger Jahre, der täuscht: Stark sanierungsbedürftig ist der Trierer Theaterbau aus
dem Jahr 1964. © Theater Trier 

Von denen hat er einige in Trier zu bewältigen. So ist derzeit nicht klar, ob das stark sanierungsbedürftige Haus bei Antritt seiner Amtszeit überhaupt bespielbar sein wird. Die Alternativen sind eine aufwändige Sanierung oder ein kompletter Neubau. Wohl auch deshalb will er noch nicht mit konkreten Plänen für seinen Amtsauftakt herausrücken. Er könne sich vorstellen, von den Klassikern bis zur Moderne alles in den Spielplan zu packen – über neue Sichtweisen mit neuen Regisseuren. "Ich will die Leute neugierig machen. Denn wenn sie erst mal neugierig sind, habe ich sie schon gewonnen."

Mut zur Beratung

"Problemtheater Trier" – diesen Begriff will er ab sofort aus seinem Wortschatz streichen. "Es gibt kein Problemtheater Trier. Es gibt hier nur ein Theater der Zukunft, in dem alle Beteiligten ihren Beitrag leisten müssen, um das Theater für diese Stadt zu ermöglichen. Das ist nicht einfach, auch für mich nicht. Aber es ist wichtig. Es braucht jetzt einfach wieder einen neuen Startpunkt, um dieses Haus in eine neue Richtung zu führen, denn sonst hätten die keinen neuen Intendanten gebraucht." Für das Motto der Spielzeit 2015/16 hat er den Slogan "Aufbruch in eine neue Welt" angedacht.

Das hört sich nicht gerade revolutionär oder sonderlich originell an – aber es kommt ja darauf an, was hinter dem Etikett steckt. Im Übrigen gilt für ihn: "Ich habe einen Riesenrespekt vor der Aufgabe, die auf mich zukommt. Ich bin keiner, der alles weiß, ich bin einer, der sich Hilfe holen kann. Ich habe den Mut, mich beraten zu lassen, und ich habe eine Riesendemut vor der Kunst – und ich habe keine Angst vor Politikern", fügt er schmunzelnd hinzu. Spannende Zeiten also für das Theater Trier. Mit Künstlern vom Schlage eines Sibelius könnte es tatsächlich passieren, dass etwas Neues, Wagemutiges, "Revolutionäres" in der sogenannten Provinz zu rocken beginnt.

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