Ausbruch aus der Animal Farm

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 9. Mai 2014. Das Ehedrama, das mit dem berühmtesten Türknall der Theatergeschichte endet, bleibt aktuell, denn auch heute und in Zukunft werden Frauen ihre Männer verlassen, wenn diese sich als Arschlöcher entpuppen. Michael Thalheimer rückt dem 1879 uraufgeführten Ibsen-Klassiker jetzt mit seinen bewährten Mitteln und Methoden zu Leibe. Olaf Altmann hat ihm die Bühne wieder einmal als bedrückende Dunkelkammer hergerichtet. Diesmal laufen die rabenschwarzen Wände wie ein Tortenstück aufeinander zu und an der engsten Stelle schießt eine lange Tür nach oben.

Das Zuhause der Familie Helmer erweist sich in Frankfurt als ausgesprochen düster. Doch anfangs scheint Nora das nicht zu merken. Unauffällig tritt sie auf, steht auf einmal im Matrosenkleidchen und schlichten Pumps an der Rampe, sagt nichts, sondern pfeift gekonnt in der Gegend herum, wobei die Schauspielerin Bettina Hoppe sich selbst zu zitieren scheint, denn so ähnlich beginnt sie in Oliver Reeses Inszenierung von Wille zur Wahrheit am selben Ort. Bei Thalheimer wird sie ihren Platz rechts an der Bühnenrampe nicht verlassen. Angestrahlt und ausgestellt steht sie da, den Blicken ausgeliefert, ohne selbst jemanden anzuschauen.

nora2 560 birgithupfeld uLiebe? Dass ich nicht lache! Marc Oliver Schulze als Torvald und Bettina Hoppe
als Nora.  © Birgit Hupfeld

Die anderen kommen von weit hinten nach vorne gelaufen, um zu ihr zu gelangen. Alle wollen etwas von ihr: Ihr Mann Torvald das Übliche, Dr. Rank ihre fleischfarben bestrumpften Beine, ihre alte Freundin Kristine eine Anstellung und Krogstadt Gerechtigkeit. Die bestünde für ihn darin, dass er seinen Job behalten darf. Da der frisch aufgestiegene Torvald ihn jedoch kündigt, rächt sich Krogstadt an Nora, indem er petzt, dass diese sich Geld von ihm geliehen und obendrein eine Unterschrift gefälscht hat. Der Skandal von gestern mag heute lächerlich wirken, doch auf diesen kommt es weniger an als auf Torvalds Reaktion. Nora erwartet sich nicht weniger als "das Wunderbare" von ihm. Die Sicherheit, dass er ihrer Liebe wert ist. Den Liebesbeweis.

Nora geht, Torvald schreit

Nichts davon gewährt er ihr. Er versagt, sie geht. Doch weder erschießt die Frankfurter Nora ihren Mann, wie sie es einst bei Thomas Ostermeier durfte, noch kommt sie zurück, wie es Ibsens weichgespülte zweite Schlussfassung wollte. Bei Thalheimer zwitschert Nora sich einfach fort, während ihr Mann nach ihr schreit wie ein Säugling nach seiner Mama. Dabei beginnen die beiden den Abend in irrem Tempo, reden, gehen und bewegen sich wie aufgezogene Puppen, sprechen anfangs ihren Text rasend schnell und wirken so manieriert und blöd dabei, dass es einfach Lachen macht.

Torvald erscheint bei Marc Oliver Schulze als schwachköpfige Marionette. Seine Gestik und sein Gebaren treibt er derart auf die Spitze, dass er zur Witzfigur mutiert. Michael Benthin indes gibt Rank als schweren kranken Schlurfenden und Viktor Tremmels Krogstadt ist der sprichwörtlich Schiffbrüchige, der klatschnass die Bühne betritt, während Verena Bukal sich als Kristine an ihre Handtasche klammert wie an einen letzten Rest Lebensmut. Mit ihren rot unterlaufenen Augen, ihren strähnigen Haaren und ihrer nachlässigen Kleidung setzt sie einen Kontrapunkt zur frisch gewaschenen Bürgerlichkeit Noras.

nora3 560 birgithupfeld uNora, das Eheschaf  © Birgit Hupfeld

Dauerschleifende Spieldosenmusik

Requisiten benötigt Thalheimer wieder so gut wie keine, ein paar Papiere und ein paar Makronen, die sich Nora verbotenerweise in den Mund stopft genügen. Dabei gelingen ihm aller formalen Wiederholungen zum Trotz eindrückliche Szenen. Und am Ende rührt seine Nora in ihrer unbeirrbaren Entschlossenheit beinahe zu Tränen. Zuvor glotzen die fünf Darsteller schon mal mit effektvollen Tierköpfen in den Saal: Rank als Esel, Kristine als Maus, Krogstadt als Hyäne oder was auch immer, Torvald als Gorilla, Nora später als Schaf. Ihre wilde Tarantella-Tanzszene ersetzt Thalheimer mit einer Ausrast-Nummer zu lauter Musik.

Also headbangt Nora unbeholfen ekstatisch zu laut krachendem Metal, derweil die dauerschleifende Spieldosenmusik nach Art von Mike Oldfields "Tubular Bells" nur noch zart tönt. Hampelte Nora zu Beginn noch im Gleichklang mit ihrem Gatten herum und gebärdete sich wie eine rückgratlose Puppe, deren Gliedmaße nur notdürftig angenäht schienen, wird sie im Laufe des Abends immer gerader, richtet sich mit der Zeit förmlich auf und steht am Ende mit beleidigtem Mund kalt und ruhig da: nicht siegreich, aber selbstgewiss.

 

Nora
von Henrik Ibsen
Deutsch von Heiner Gimmler
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Marc Oliver Schulze, Bettina Hoppe, Michael Benthin, Verena Bukal und Viktor Tremmel.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Schon die Überschrift – "Nora oder Ein Deppenheim" – lässt keinen Zweifel: Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen (12.5.2014) hat sich in Thalheimers Ibsen-Streich nicht gut aufgehoben gefühlt. Nora habe in dieser Aufführung "weder eine Welt noch eine Bewegung", sie scheine dem Regisseur "absolut gleichgültig". Was hier "an Menschen-Substanz und Figuren-Möglichkeiten unter die Regie-Räder gerät, ist: die Schandtat der Saison. Die Inszenierung weist mit höhnisch gestrecktem Zeigefinger auf Ibsens Menschen, die sie offensichtlich zutiefst verachtet. Dabei übersieht sie, dass drei Finger auf sie zurückweisen."

"Natürlich ist das ein deutliches, manchmal überdeutliches Nach-außen-Wenden des Innersten, ist Manier im Schnellsprechen und kalkulierten Zappeln im Spiel", räumt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (12.5.2014) ein. Dennoch sehe "das alles nicht nur unheimlich gut aus, sondern es legt auch den Kern frei: Dass der Mensch ein Zwerg ist, aber mehr sein könnte; dass uns Ibsen mit einer perfekten Handlungskonstellation, die auch in der Frankfurter Kurzfassung (…) noch funktioniert, bis heute vor den Kopf stößt." Und: "Selbst wer vorhatte, zuckende Darsteller satt zu haben, wird sich dem Sog des Keils, der Durchführung der Thalheimerischen Pläne durch die großartigen Darsteller und der unerbittlichen Menschenkenntnis Ibsens, die mitnichten auf der Strecke bleibt, schwerlich entziehen können."

Thalheimer habe "Ibsens ohnehin didaktisches Stück über das verlogene Bürgertum allen Brokats und Plüschs und Stucks entledigt [sic!], das Skript per Schere und Schnellsprech auf 80 Minuten konzentriert, so wie man in der Küche eine Essenz reduziert", schreibt Jan Küveler in der Welt (14.5.2014). "Das Fin-de-Siècle-Wohnzimmer ist reine Geometrie. Und  (…) letztlich sind das alles keine Figuren, sondern bloß Chiffren." Alle machten ihre Sache "formvollendet, besonders der begnadete Techniker Schulze ist in seinem Element. Trotzdem oder gerade deshalb muss sich diese Screwball-Tragödie fragen lassen, worin ihr Mehrwert zu Königs Erläuterungen von Ibsens 'Nora' besteht."

Auch Astrid Biesemeier ist in der Frankfurter Neuen Presse (12.5.2014) nicht restlos überzeugt: "Auch wenn die Diagnose des Regisseurs, die allen ein nicht unerhebliches Auseinanderklaffen von Schein und Sein attestiert, schlüssig ist, wirkt sein Umgang mit den Figuren sehr holzschnittartig." Zwar setzten "alle Schauspieler diese Plapper- und Hampelgesellschaft virtuos in Körper und Gesten um", dennoch werde "man manchmal den Eindruck nicht los, dass sie in ihrer Körpersprache gewissermaßen auf Piktogramme zurechtgestutzt sind, wie sie in den Inszenierungen des Regisseurs schon öfter aufgetaucht sind."

Bei Thalheimer sei Nora "kein Emanzipationsstück", sagt Cornelie Ueding auf der Website des Deutschlandfunk (12.5.2014). "Nur ein Stück Wahrheit über emanzipatorische Worthülsen und Selbsttäuschungen – und ein großer, im besten Sinne aufklärerischer Theaterabend, in dem das sattsam bekannten Stück eine völlig neue Dimension gewinnt, dank dieses ebenso klugen wie tückischen Spiels mit den Defiziten unseres Lebens."

"Die leidlich bekannte Geschichte mit dem Schuldschein, sie wird im sprachlichen Rekordtempo heruntergerattert, was sollen auch die wohl gebauten Ibsen-Dialoge, wenn doch alles auf dem ersten Blick augenfällig ist", spottet Alexander Kohlmann in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (9.5.2014). "Mehr Eindeutigkeit war selten", weshalb sich "trotz der sagenhaften Kürze von 80 Minuten, Müdigkeit breit" mache. "Thalheimers Botschaft von der Nora, die sich weigert ihr Leben so zu sehen, wie es wirklich ist, erschließt sich nach zwei Minuten, die Interpretation des Ibsen-Textes verharrt trotz ästhetischer Kunstfertigkeit auf Proseminar-Niveau."

Der "Meister der Verdichtung" inszeniere Ibsens 'Nora', ohne Kinder und Hausangestellte, ohne Requisiten oder viel Ausstattung, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.5.2014). Nach 80 Minuten sei alles vorbei und doch hat Tholl nicht den Eindruck, "Thalheimer habe gerade den Kern eines Dramas bloßgelegt, habe, wie oft in seinen frühen Arbeiten, die Essenz eines Stoffes radikal aus diesem herausgefiltert. Vielmehr glaubt man, etwas Kaltes sei gerade an einem vorbeigehuscht, einen kleinen Schauer hinterlassend, ganz kurz nur." Die Figuren plappern sich aus seiner Sicht an den Rand der Karikatur. Nur einmal, da hat er den Abend fast schon als mäßig interessantes Exzerpt des Originalstücks ad acta gelegt, wird es für den Kritiker interessant: "die vier Menschen um Nora stellen sich mit Tiermasken nebeneinander an der Rampe auf ...Dieses Bild ist endlich ein tolles Theaterbild."

"Nora ist noch heute eine Symbolgestalt der Frauenbewegung", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (22.5.2014), "und der Regisseur Thalheimer, von Noras Ruhm provoziert, inszeniert sie in Frankfurt, als sei sie nichts anderes als eine Repräsentationsfigur." Nora stehe den ganzen Abend reglos am selben Bühnenfleck und schaue in die Ferne, "als folge sie mit den Augen einem unendlich langsamen Zeppelin". Die Schauspielerin Bettina Hoppe gucke dazu so treuherzig, als zähle sie immerzu eins und eins zusammen und komme auf keine Lösung. "Eine Hohlfigur auf ihrem Sockel." Alle Gestalten tappten hier unter dem Umhang der Illusion und des Selbstbetrugs dahin, bemäntelt von großen Begriffen (Ehe, Liebe, Ehre, Treue, Familie). Wie auch Stephan Kimmig mit seiner Berliner Gorki-Inszenierung Wassa Schelesnowa, die Kümmel mit "Nora" zusammen bespricht, sei Thalheimer in die Theatervergangenheit aufgebrochen und hätte nichts gefunden, was zu verteidigen sich lohnte. "Beiden Inszenierungen ist anzusehen, dass die Regisseure die Schuld daran nicht bei sich selbst suchen."

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