Große Klappe, Mord dahinter

von Martin Krumbholz

Köln, 9. Mai 2014. An sich hätte der Alte die Sache auch selbst in die Hand nehmen können. Wie er da auf dem Sofa hockt, in seinem schrecklichen kurzärmeligen Freizeithemd, und den "Herrn des Hauses" markiert, der Proll-Spießer schlechthin (Guido Lambrecht spielt ihn). Da traut man ihm beinahe auch zu, dass er aufsteht, die auf dem Tisch liegende Knarre nimmt und der eigenen Tochter eine Kugel ins Hirn jagt.

Aber er hat es an den Knien bzw. im Rücken bzw. in den Bandscheiben. Will sagen, vier Jahre Knast würde der arme alte Mann nicht überstehen, nein. Also muss der Bruder ran. Den spielt Johannes Benecke. Eine große Klappe hat auch der, er führt sogar Fachausdrücke im Mund wie "Synapsen". Und, bitteschön, einer muss es ja tun, es geht schließlich um die Ehre der Familie. Aber da klopft leider die Polizei an die Tür – wegen nächtlicher Ruhestörung. Die Nachbarn haben angeblich eine Frau schreien hören.

Ehrenmord als Farce

Der syrische Autor Ibrahim Amir hat ein Stück zum Thema Ehrenmord geschrieben, das er im Untertitel eine "Parallelgesellschaftskomödie" nennt und das im Januar 2013 in Wien herauskam (hier die Nachtkritik der Uraufführung). Amir wurde 1982 in Aleppo geboren, kam als Student nach Wien, wo er heute als Arzt lebt; sein Stück entstand unter den Fittichen der "Wiener Wortstätten". Es liest sich, als hätte Amir Siebziger-Jahre-Farcen eines Dario Fo studiert und als Blaupause für sein Thema benutzt: Auch bei Fo ging es im Kern um bluternste Anliegen, die mit den Mitteln der Satire behandelt wurden. Im Programmheft erzählt Amir, er hätte ursprünglich gar keine Komödie schreiben wollen, es sei ihm um das Thema gegangen; er hätte als Kind in seiner Heimat auf dem Dorf einen doppelten Ehrenmord wegen Ehebruchs erlebt (wenn auch dergleichen in Syrien nicht an der Tagesordnung sei).

habedieehre 560 davidbaltzer uSondereinsatzkommando Sprachverwirrung: Robert Dölle, Jakob Leo Stark und Benjamin
Höppner © David Baltzer

Der entstandene Text funktioniert jedoch als Komödie, und zwar geradezu beängstigend perfekt. Situationskomik, Wortwitz, ein abgeschlossenes Biotop fast ohne Kontakt nach außen, das Prinzip der konsequenten Eskalation bis hin zu einer drastischen Pointe am Schluss. Interessanterweise wurde bei der Kölner Premiere über weite Strecken kaum gelacht. Nicht weil der Abend nicht komisch wäre – im Gegenteil, Stefan Bachmanns Inszenierung ist punktgenau, gut getimed, die Figuren sind ausnahmslos stimmig. Durch den Plot schimmert der blanke Mythos: die geraubte Helena und die sich anschließenden Vergeltungstaten. Im Prinzip: Alles nichts Neues. Nur die Art und Weise, wie hier einer die bekannten Zutaten mixt und dem Publikum vor den Latz knallt, die ist frech und offenbar nicht ganz geheuer. Geht es hier nicht um ein Milieu, das bei seiner Abbildung auf der Schaubühne als moralischer Anstalt Anspruch hat auf politische Korrektheit?

Die Lärm-Macher

Immerhin, der zentrale Auftritt der Polizei rettet die Ehre des deutschen Theaters und stellt Ausgewogenheit her: Denn die beiden Bullen, Mann und Frau, sind herrlich tumb. Ihre Rede kommt anfangs – schon im geschriebenen Text – als sinnloser Sprachbrei oder, besser noch, als Sprachlärm heraus. Also ganz so, wie die ältere Generation der porträtierten Familie, die kaum Deutsch spricht, sie versteht oder eben nicht versteht. Diesen schönen Einfall hätte man gern noch besser ausschlachten können (die Figuren sprechen ganz normales Theaterdeutsch, erst beim Auftritt der Polizisten stellt sich heraus, dass die Älteren offenbar normalerweise in ihrer Heimatsprache reden und auf die Jüngeren als Dolmetscher angewiesen sind). Jedenfalls: Die Polizisten in ihrem martialischen Outfit kontrollieren zwar die Pässe der Anwesenden, bekommen aber nicht einmal heraus, dass im Nebenzimmer die Tochter des Hauses gefoltert wird, weil sie einen Liebhaber hat (nächtliche Ruhestörung!).

Spielen lässt Bachmann das Ganze in einem Container, auf einer Grundfläche von vielleicht 20 Quadratmetern – eine völlig schmucklose Wohnküche mit Sofa, Kühlschrank, Tisch, Fenster, Türen. Aus diesem Sud, in dem man gemeinsam schmort, gibt es kein Entkommen. Die Schauspieler sind in Topform – Sabine Orléans als gepeinigte Schnapsdrossel ist eine Pracht –; schon deshalb besteht hier kaum die Chance auf einen schonungsvollen Umgang mit prekärer Thematik. Das Publikum, das zuvor fast etwas überfordert wirkte, hat am Schluss dann aber doch heftig geklatscht, beinahe getobt, könnte man sagen.


Habe die Ehre. Eine Parallelgesellschaftskomödie
von Ibrahim Amir
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Thomas Garvie, Kostüme: Birgit Bungum, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit Guido Lambrecht, Sabine Orléans, Johannes Benecke, Benjamin Höppner, Jakob Leo Stark, Julischka Eichel, Mohamed Achour, Robert Dölle, Melanie Kretschmann, Larissa Aimée Breidbach.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 
Kritikenrundschau

Über eine "umjubelte" deutsche Erstaufführung berichtet Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (12.5.2014). Zwar herrsche anfangs im Publikum Verhaltenheit angesichts der Frage, ob man "über derart archaische Macho-Rituale mit Migrationshintergrund lachen" dürfe. Zumal die biographischen Erfahrungen des Autors, der als Kind in seinem Dorf einen Ehrenmord erlebt habe, nicht in Richtung Komödie deuten. "Im Lauf des Abends freilich zeigt sich, dass Lächerlichkeit die krude Selbstjustiz wirksamer ächtet, als jede Tragödie dies könnte." Den Komödienfiguren "gelingen im Pulverfass verletzter 'Familienehre' nur Fehlzündungen, die Bachmann mit bitterböser Verve und makellosem Timing auf den Pointenpunkt bringt."

Eine "lupenreine Boulevarkomödie" habe Ibrahim Amir geschrieben, berichtet Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (12.5.2014), und Stefan Bachmann habe sie entsprechend "ohne Netz und doppelten Interpretationsboden" inszeniert. "Tür auf, Tür zu. Keine Atempause, keine Improvisationen." Aber "es funktioniert“, denn Amir ziehe nicht nur Ehrenmorde, sondern "das Konzept der Ehre“ ins Lächerliche. Das Fazit zu dieser "rasanten, schnörkellosen Inszenierung" lautet: "Das richtige Stück am richtigen Ort, richtig umgesetzt."

Mit entwaffnender Leichtigkeit spiele Amir sämtliche Stilmittel der Gesellschaftskomödie durch, Situationskomik in Hochgeschwindigkeit, skurrile Wendungen, immer absurdere Frontenbildung, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (13.6.2014). Bachmann habe die gesamte Familie "als Inbegriff nicht etwa türkischer sondern deutscher Klischee-Prolls besetzt und inszeniert, so dass peinliche Akzent-oder Kopftuchwitzchen ausgeschlossen sind". Fazit: Ami und Bachmann gelingen das schwer Vorstellbare, "eine urkomische, zeitgemäße, im besten Sinne irritierende Gesellschaftskomödie, die alles entlarvt und nichts verharmlost."

 

 
Kommentar schreiben