Piff-Paff-Puff!

von André Mumot

Berlin, 15. Mai 2014. Der Autor, das ist jemand, der alles weiß, der von seinem sicheren Schreibtisch aus nie die Übersicht verliert und den man im Theater wohl gerade deshalb immer häufiger verdächtigt, ein Auslaufmodell zu sein. Aber wie ist das wohl, wenn's ihn nicht mehr gibt? Die Antwort: einsam irgendwie. So fühlt man sich jedenfalls, sehr einsam und verlassen, auf diesem ausgestorbenen Hinterhof im Berliner Osten, weit weg vom Haus der Festspiele. Hier, wo einem die anonymen Plattenbauten das Gefühl geben, sehr klein zu sein, und wo man aufgefordert ist, einen Zahlencode in einen Kasten zu tippen, worauf sich automatisch eine Pforte öffnet. Und nirgends ist ein Schauspieler zu sehen, ein Kollektiv oder ein Regisseur. Ein Autor natürlich erst recht nicht.

Videotagebuch einer eingesperrten Frau

Der Zuschauer ist allein – und wie. Die leerstehende Anlage, die für die Raum- und Zeitinstallation von Mona el Gammal zum "HAUS//NUMMER/NULL" umfunktioniert wurde, empfängt den einsamen Erkunder als Folge frisch gestrichener, detailgenau eingerichteter Zimmer aus der Zukunft. Er wird nun – von der elektronisch verzerrten Stimme aus dem Nichts – zum Händedesinfizieren aufgefordert, abgescannt, durchschreitet ein klinisches Bade-, dann ein Behandlungszimmer in fahlem Neonlicht. Ein bedrohlich wirkendes Ultraschallgerät ragt dort auf, auch ein paar blutige Instrumente liegen daneben.

haus nummer null 280c pauline fabry"Haus Nummer Null" © Pauline FabryAuf den Überwachungskameras kann man sich selbst beobachten und schließlich die Geschichte der Frau N. konstruieren, die, wie es scheint, im perfekten Überwachungsstaat nicht mitmachen wollte und nun hier interniert und für medizinische Experimente missbraucht wurde. Anhaltspunkte stellen sich ein durch Radiosendungen mit Propagandainhalt, durch Nachrichten auf einem Anrufbeantworter, durch das Videotagebuch der eingesperrten Frau, deren winziges, weiß eingerichtetes Schlafzimmer mitsamt Elektroden-Haube über dem Kopfkissen unzweifelhaft eine der beklemmendsten Kammern ist, die man sich überhaupt vorstellen kann. Dass man sich hier rasch fortwünscht und doch nicht aufhören kann, den Blick schweifen zu lassen, ist kein kleiner Verdienst.

Signa Köstler, die mit Mona el Gammal bereits selbst zusammengearbeitet und die Installation als Patin für den Stückemarkt ausgewählt hat, spricht bei der Eröffnung sehr einleuchtend davon, dass es diese Räume sind, die an die Stelle des Autors treten, die das Erzählen übernehmen. Ihre eigenen Signa-Arbeiten lassen hier natürlich schön grüßen, aber gern gibt man zu: Dieses sich Verselbständigen von Gängen, Gegenständen und Papieren stellt in der Tat eine ganz eigene, faszinierende Variante von Autorschaft dar, nach der in diesem Jahr offenbar mit großer Leidenschaft gesucht wird. Der Stückemarkt jedenfalls hat sein bisheriges Konzept gekippt, lässt keine unaufgeführten Dramen junger Autoren lesen, sondern präsentiert drei fix und fertige Aufführungen, die von renommierten Paten im Vorfeld ausgewählt wurden. Es rücken damit "internationale Theater-Nachwuchskünstler/-gruppen" in den Fokus, die "neue Formen von theatraler Sprache und außergewöhnliche performative Erzählweisen entwickeln".

"Welche Stücke bringen das Theater weiter?"

"Wir sind uns des Abenteuers bewusst", sagt Festspiele-Intendant Thomas Oberender bei seiner Eröffnungsrede und kommt doch merklich ins Schwimmen, als er zu erklären versucht, was Zweck und Ausrichtung des gewandelten Konzepts sein soll. "Welche Stücke bringen das Theater weiter?", fragt er möglichst global in die Runde, beeilt sich aber, zu versichern, er wolle den klassischen Autor keineswegs loswerden. Schon neben der griechischen Tragödie aber habe es schließlich die Tradition des Satyrspiels gegeben, das stets ohne komplette Verschriftlichung ausgekommen sei. Gesucht seien nun auch beim Theatertreffen solche alternativen Wege zu außergewöhnlichen Bühnenereignissen und damit "Künstler der nächsten Generation, die vorbildlich und wegweisend sein können".

Als leicht anarchisches Sartyrspiel für Zwischendurch muss wohl auch die Produktion verstanden werden, die Patin Katie Mitchell ausgewählt hat, und die in der Tat mehr Jahrmarktsspektakel ist als Stück. Nach Mona el Gammals dystopischer Geisterbahnfahrt fühlt man sich bei Miet Warlops "Mystery Magnet" jedenfalls direkt in eine quietschbunte Zaubershow versetzt. Die einstündige Performance der Belgierin mit offenkundigen Wurzeln in der Bildenden Kunst ist ein größtenteils nonverbales Exerzitium der visuellen und olfaktorischen Transformationen und Tricks: Darsteller mit gigantischen Perückenköpfen, in Fatsuits und Ganzkörperhosen reagieren sich gemeinsam an einer neutralen Aufstellkulisse und dem Bühnenboden ab.

mystery magnet 560 c reinout hiel 01"Mystery Magnet" @ Reinout Hiel

Da werden Löcher in die Wände gehauen und Handschuhhände angetackert, aus denen das blaue Kunstblut in Strömen fließt. Riesige Ballons blasen sie auf und führen allerhand chemische Reaktionen herbei: Es macht Piff-Paff-Puff, qualmt in lila und riecht nach Sylvester, während gewaltige Schaumwülste aus Flaschen gen Himmel steigen. Von Magneten gesteuerte Dartpfeile kommen in Scharen über die Wand geflogen, ein ferngesteuerter Hai-Ballon schwebt wunderlich ins Publikum und die Stimmung geht immer stärker in Richtung Cartoon-Massaker. Kunststückchen sind das in launiger Parade, und ein beständiges "Guckt mal, was wir alles können!" scheint dem Publikum entgegen zu flirren, das das Ganze dann auch mit einem wohlwollenden Kinderstaunen quittiert.

Vorbildliches, wegweisendes Theater?

Abgerundet wird das Aufführungs-Trio von der Einladung, die der britische Star-Dramatiker Simon Stephens an seinen Landsmann Chris Thorpe ausgesprochen hat. Dessen Stück "There Has Possibly Been an Incident" bringt Stephens jedenfalls bereits in seiner Laudatio dazu, jede Menge Neid auf das Talent des jungen Kollegen zu formulieren. Eine Begeisterung, die jedoch nur schwer nachvollziehbar ist. Letzten Endes sitzen hier drei Darsteller, zu denen auch der Autor selbst gehört, vor Lamellenvorhängen und sprechen mehrere Monologe und einen Dialog in ihre Mikrofone – streng, sachlich, immer schön abwechselnd und ohne den Hauch einer inhaltlichen oder formalen Auffälligkeit.

Es sind Geschichten vom politischen Widerstand, vom Mut im Angesicht der Katastrophe, die wohl nicht zur Gänze am Schreibtisch entstanden sind, sich aber trotzdem so anhören: Eine junge Frau erlebt einen Flugzeugabsturz. Ein Amokläufer berichtet kaltblütig von seinem Hass auf die multikulturelle Gesellschaft, ein Zivilist stellt sich den Panzern entgegen, die eine Demonstration niederwalzen wollen, und die Tyrannenstürzlerin von einst entdeckt in sich selbst totalitäre Anwandlungen. Brav und bierernst, bieder und wichtigtuerisch ist das – so sehr, dass man vor Ungeduld ganz kribbelig wird, obwohl auch diese überaus konventionelle Sprech-Aufführung gerade einmal eine Stunde in Anspruch nimmt.

incident 560 c jonathan keenan 01"There has Possibly Been an Incident" © Jonathan Keenan

Die Verwirrung ist also groß, die Ratlosigkeit über den neuen Kurs mit den Händen zu greifen. Gewiss: Es steckt eine unheimliche Magie in den narrativen Räumen im "Haus//Nummer/Null", aber selbst hier: Schaut man genauer hin, zwischen die medizinischen Horror-Utensilien, die Schutzanzüge und traurigen Kämme, entdeckt man hauptsächlich futuristische Klischees, beklemmend aufgebaut, aber ohne inhaltliche, ohne gedankliche Herausforderung. Und der Rest, der im Haus der Festspiele irritierend reibungslos und banal vonstatten geht, ist ohnehin nur buntes, bedeutungsloses Farbenspiel und selbstgewiss politisches Bühnengerede von vorgestern.

Ach, sie sind nur schwer zu schlucken, die großen Worte und Erwartungen. "Vorbildliches und wegweisendes Theater" jenseits der literarisch orientierten Stückemärkte? Die überraschende postdramatische Avantgarde? Nein, sicher nicht. Und sowieso bleibt mehr als fraglich, ob die aufregendste Innovation ausgerechnet von Künstlern aufgespürt werden kann, die schlicht diejenigen Kollegen auswählen, die ihnen persönlich nahestehen und mit denen sie sich konzeptionell verbunden fühlen. Wie also ein neuer Stückemarkt aussehen mag, einer, der den Alleswissern und Schreibroutiniers konstruktiv misstraut und der die Theaterzukunft sucht, ohne Geist und Inhalt zu vernachlässigen, einer, der vielleicht am Ende sogar Stücke auf den Markt wirft und nicht nur eine Handvoll zusätzlicher Gastspiele durchschleust? Noch weiß es niemand, aber das muss ja nicht so bleiben.

 

HAUS//NUMMER/NULL
Eine Zeit- und Rauminstallation von Mona el Gammal
Ausgewählt von Signa Köster
Künstlerische Leitung/ Konzept, Szenografie und Regie: Mona el Gammal
Produktionsleitung: Dana Georgiadis; Konzept, Text und Regie: Juri Padel; Ton: Tom Förderer; Licht: Michael Rudolph; Screendesign: Tim Stadie; Videoinstallation: Horst von Bolla
Sprecher: Petra Bogdahn, Lara Hoffmann, Petra Gantner, Markus Klauk, Siri Nase, Wanda Fritzsche, Jenny Steenken
Dauer: 30 Minuten

Mystery Magnet
Eine Performance von Miet Warlop
Ausgewählt von Katie Mitchell
Konzept, Szenografie und Regie: Miet Warlop
Mit: Christian Bakalov, Sofie Durnez, Ian Gyselinck, Wietse Tanghe, Laura Vanborm, Ondrej Vidlar, Miet Warlop
Dauer: 1 Stunde

There Has Possibly Been an Incident
Ein Theaterstück von Chris Thorpe
Ausgewählt von Simon Stephens
Regie: Sam Pritchard, Ausstattung: Signe Beckmann; Licht: Jack Knowles; Ton: Sorcha Willims
Mit: Chris Thorpe, Gemma Brockis, Yusra Warsama
Dauer: 1 Stunde

www.berlinerfestspiele.de

 

Bericht zur TT-Diskussion "Neue Formen der Autorschaft und kreative Prozesse am Theater" von Matthias Weigel

Debattentexte zur Neuausrichtung des Stückemarktes auf nachtkritik.de:

Zur Entscheidung, den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens neu auszurichten von Sascha Krieger (12.11.2013)

Warum Autoren am Theater nicht mehr gebraucht, Schreiber aber dringend benötigt werden – ein Plädoyer für den Writers' Room von Ulf Schmidt (13.11.2013)

Wunschzettel für einen neuen Stückewettbewerb von Frank Kroll (4.12.2013)

 

Kritikenrundschau

Im Tagesspiegel (15.5.2014) schreibt Patrick Wildermann, das Problem sei nicht die freizügige Auslegung des Begriffes der Autorschaft. "Nein, was der nominierte Nachwuchs auf dem Stückemarkt ausbreiten darf, ist durchweg ziemlich banal." Mona el Gammal errichte einen "prätentiös aufgeblasenen Erlebnis-Parcours", der den "Unterhaltungs- und Erkenntniswert einer Geisterbahnfahrt" biete. Das Stück von Chris Thorpe füge sich "weder zu einem sinnvollen Ganzen, noch 'entzieht es dem Zuschauer jegliche Distanz und macht ihn automatisch zum Mittäter' wie das Programmheft tönt." Und bei Miet Warlop "spritzt, schäumt und explodiert allerlei – bis die Bühne aussieht, als hätte ein Teenie den Termin seiner Geburtstagsparty bei Facebook gepostet." Nun müsse bloß noch "der Stückemarkt neuerlich überholt werden".

Nicht die zeitgemäße Öffnung für einen „erweiterten Autorenbegriff“ sei das Problematische an der Neuausrichtung des Stückemarkts, schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (13. 5. 2014), fragwürdig sei vielmehr das Auswahlverfahren dieser „neuen Autorenschaften“, die keine kritische Jurydiskussion mehr zu brauchen scheine. Die Theatertreffen-Chefin Yvonne Büdenhölzer habe auf Nachfrage die Problematik durchaus gesehen und schließe nicht aus, den Wettbewerbsgedanken wieder neu zu stärken und die Patenschaften zu überdenken. Das Theater der beiden bildenden Künstlerinnen Miet Warlopp und Mona el Gammal seien Installationen: "Handwerklich gekonnt lassen sie Objekte und Räume sprechen, statt Menschen. Inhaltlich aber bleibt beides auf der Strecke."  Die irrlichternde Science-Fiction-Installation „Haus/Nummer/Null“ von Mona el Gammal überzeuge dabei mehr als die "dadaistische Farbenschlacht" „Mystery Magnet“. Aufständische Pinsel und Schaumkanonen balgen sich darin um die Hoheit über eine Leinwand: "Und wären die Farbeimer nicht bald ausgeschüttet, sie balgten sich noch heute."

Mit Begeisterung schreibt Katrin Bettina Müller von der taz (15.5.2014) über die "höchst spannende Erzählperformance" von Chris Thorpe "There has possibly been an incident". Die "Struktur des Textes" versuche, den Zuschauer "jedes Mal zum Komplizen zu gewinnen und trickst mit den parallelen Mustern in der Konstruktion des Richtigen und des Falschen." Bei Thorpe hänge man wie "Katastrophenjunkie" den "Schauspielern an den Lippen". Lob hat die Kritikerin auf für Miet Warlops "60-minütiges Action-Painting" namens „Mysterie Magnet" übrig. Der neustrukturierte Stückemarkt erscheint ihr im Ganzen "wie eine Akademie strukturiert": Von den Leitern "ernannte Künstler schlagen etwas vor, was ihnen wichtig für den erweiterten Theaterbegriff scheint."

In einem Text für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (23.5.2014), in dem sie im Wesentlichen den Unmut des Stückemarkt-Förderers Heinz Dürr über die Neuausrichtung dieses einstigen Dramatiker-Wettstreits dokumentiert (hier zusammengefasst), gibt Theaterkritikerin Irene Bazinger auch eine Kurzeinschätzung der gesehenen Beiträge: Sie erlebte "die Farbbeutel-Schlacht im ausufernden Kindergeburtstagsambiente bei 'Mystery Magnet' der belgischen Künstlerin Miet Warlop. Oder die klaustrophobisch-banale Geisterwohnung in 'Haus/Nummer/Null' von Mona el Gammal. Oder auch die Performance mit drei Erzählern in Chris Thorpes 'There Has Possibly Been An Incident'."

 

Kommentare  
TT-Stückemarkt: Vorbildlicher Filz?
Klingt eher wie vorbildlicher wegweisender Filz.
TT-Stückemarkt: Bitte einstellen!
Offenbar ein zweites Theatertreffen, welches den ursprünglichen Kerngedanken (bemerkenswert) wiederbelebt. Möglich geworden dadurch, dass kein Konsens einer Jury notwendig ist. Sehr gut. Theatertreffen bitte einstellen und nur noch den Stückemarkt!
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