Kein Leben jenseits der Bilder

von Willibald Spatz

München, 16. Mai 2014. Jean Genet sperrt seine Helden ein, die Zofen können den Raum nicht verlassen, nicht etwa weil er abgesperrt wäre oder weil jemand es ihnen ausdrücklich verboten hätte, nein, die Sperren sind in ihrem Kopf und nur dort. Gegen Ende verlässt eine von ihnen, Solange, sogar das Haus, um im Auftrag der gnädigen Frau ein Taxi zu suchen. Es begegnet ihr ein "Schwarm Taxis". Doch sie läuft nicht fort, sie kehrt zurück zu der Schwester, in den geschlossenen Raum.

Traum und Rausch

Denn die eigentliche Flucht kommt nur in den Gedanken vor. Die zwei Schwestern träumen sich eine andere Wirklichkeit. Bloß ihre Phantasie reicht gerade für Spiegelungen und Verzerrungen der Realität. Sie spielen gnädige Frau und Zofe, und sie spielen die Ermordung ihrer Herrin und Peinigerin. Sie scheitern jedes Mal an der Knappheit der Zeit. Sie sind in jeder Hinsicht armselige Kreaturen.

zofen 560 judithbuss hRaum für Spiegelungen und Projektionen: die Bühne von Barbara Ehnes mit Videos von
Ute Schall. © Julian Röder / Ostkreuz

Das könnte trist und bitter und als eine herbe Klage über die Ausweglosigkeit der menschlichen Existenz inszeniert werden, doch Stefan Pucher will das Gegenteil: Er steigert sich bis zum Ende in einen wahren Bilderrausch, man will alle zwei Minuten das Geschehen anhalten und ihm dieses Bild abkaufen, um es zuhause an die Wand zu hängen.

Es beginnt allerdings in schwarz-weiß: Brigitte Hobmeier als Claire im strengen Gewand in der Rolle der außer Haus weilenden gnädigen Frau besetzt die tonnenartige Spielfläche. Annette Paulmann als Schwester Solange steht hinter dem Spiegel im Hintergrund, sie spielt Claires Rolle und rät der gnädigen Frau zum roten Kleid. Sie sind wie Puppen geschminkt und einander bis zur Verwechselbarkeit ähnlich. Sie spielen ihr Spiel mit kühler Lässigkeit, doch die Fassade bricht zusammen, als sie aus ihren Rollen treten, dann keifen sie. Sie sind irgendwie aufeinander angewiesen und verabscheuen sich doch gegenseitig, weil sie in der jeweils anderen ihr Elend und ihre Unfähigkeit, ihm zu entkommen, vorgeführt kriegen.

Kampf um Leben und Tod

Die Aufführung wird durch Videoprojektionen von Ute Schall in Sinnabschnitte unterteilt. Es mischen sich Live-Bilder und Filmaufnahmen auf einem Gaze-Vorhang, der den Blick auf die Bühne vernebelt. Diese Videobilder lenken den Blick auf Details, sie fügen aber wenig Neues hinzu. Mobiliar, das erst nur im Film zusehen ist, ist im nächsten Moment tatsächlich vorhanden. Die Phantasie der beiden Träumerinnen, die diese Videos repräsentieren, ist klein.

Die Farbe kommt mit dem Auftritt der gnädigen Frau, Wiebke Puls. Sie trägt ein rotes Kleid und ist noch affiger, als man es sich vorgestellt hat, während Claire sie zuvor imitiert hat. Sie schleudert virtuos von einem Gemütszustand in dessen Gegenteil, ist verzweifelt, will alles aufgeben, weil ihr Geliebter im Gefängnis gelandet ist – das Ergebnis einer Intrige der beiden Zofen. Sie ist kurz drauf fest entschlossen, ihrem Mann in Gefängnis und Verbannung zu folgen, ihr verweichlichtes Leben aufzugeben. Claire will ihr einen vergifteten Lindenblütentee einflößen. Es misslingt.

zofen1 560 judithbuss h 7Gnädige Frau, dürfen wir Sie vergiften? Wiebke Puls (Mitte) und die Zofen Brigitte Hobmeier (links) und Annette Paulmann (rechts). © Julian Röder / Ostkreuz

Wiebke Puls und Brigitte Hobmeier gelingt dieses Ringen um Leben und Tod, aufeinander losgelassen mit Teetasse und brennender Zigarette. Die gnädige Frau verschwindet wieder, weil ihr Mann doch frei ist und sie mit ihm Champagner trinken und die ganze Nacht feiern wird. Die Schwestern sind allein, und keiner wird kommen und sie diesmal unterbrechen, sie können ihr Spiel zu Ende bringen. Eine wird tot sein am Ende und zwar keineswegs nur im Spiel.

Genet goes gothic

Das letzte Bild zeigt dann aber keine Leiche, sondern Wiebke Puls darf singen, verkleidet als gnädiger Herr – wieder videovergrößert. Sie singt einen der schaurig-pathetischen Songs, die Christopher Uhe als Soundtrack fürs Stück komponiert hat. Der Tod wird erträglich, wenn man ihn mit Musik romantisiert. Entschiedener kann man die Oberfläche nicht feiern, ein Jean Genet-Abend für Gothic-Fans. Man kann sich der Schönheit dieser Bilder und dieser Lust am Spielen mit dem Spiel und dem Ernst schlecht entziehen. Es funktioniert zu prächtig und tut letzten Endes dem Stück nicht Unrecht, denn Jean Genet wollte nicht jammern oder gesellschaftliche Missstände anprangern. Er lässt sich nur zu gern mitreißen von seiner Phantasie und seiner Sprache. Und Stefan Pucher lässt sich auf dieser Welle nur noch weitertreiben. Davon wird die Welt nicht besser, aber wesentlich erträglicher. Alles andere wäre zu viel erwartet. Oder um es mit André Heller zu sagen: "Die wahren Abenteuer sind in deinem Kopf und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo."

 

Die Zofen
von Jean Genet
übersetzt von Simon Werle
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Ute Schall, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Ute Schall.
Dauer 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Die Besetzung sei "top, keine Frage", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (19.5.2014). "Brigitte Hobmeier als blitzschnell von süß-naiv auf knallhart schaltende Claire ist die Eisheilige des Abends; Annette Paulmann ihr weicheres, zugänglicheres Pendant." Trotzdem seien die "Zofen" bei Pucher "zurechtgemachte Kunstfiguren". Wenn die "artifiziell in allen Ton- und Stimmungslagen rangelnden Schwestern dann auch noch singen (…)", werde "der Abend vollends zum Grusical". Der "Film, der dieser Theaterabend sein will", habe "faszinierende Bilder, sinnfällige Spiegelungs- und Doppelungseffekte, er bietet vor allem aber: kalte Perfektion. Extreme Künstlichkeit. Ein Höchstmaß an Stilisierung, ästhetisch hehr, aber auch: wohlfeil."

"Mit Brigitte Hobmeier und Annette Paulmann hätte der Regisseur Stefan Pucher in den Münchner Kammerspielen zumindest schon einmal die Idealbesetzung für die unbarmherzigen Schwestern gehabt", meint Bernd Noack auf Spiegel online (19.5.2014): "zwischen spitzen Schreien und dumpfer Demut, als sadistische Seelen-Folterer und geknebelte Opferlämmer agieren die beiden großartig." Doch Pucher habe sich "nicht allein auf die Kunst seiner Schauspielerinnen verlassen. Er mochte offenbar auch der Wucht des Textes nicht so ganz trauen. Also begann er zu illustrieren, was ihm in seiner kargen Direktheit und sprachlich spröden Poesie zu dürftig erschien." Dabei entstünden mitunter "schöne, doch auch viel zu gelackte und geleckte Bilder", so dass schließlich Genets "garstige 'Zofen' im harmlos schrägen Fummel-Reich" landeten.

Stefan Pucher habe "das Artifizielle Genets in seine Bühnenästhetik übersetzt", sagt Sven Ricklefs auf Deutschlandfunk (18.5.2014). Seine drei Schauspielerinnen seien bereit, "den ästhetisch eingeschlagenen Weg der artifiziellen Überspitzung auch im Spiel vollständig auszuschreiten. Denn Jean Genets Stück 'Die Zofen', das ist kein aufrührerisches Sozialdrama, sondern ein grauenfreier Blick in die tiefsten Abgründe menschlicher Möglichkeiten, ebenso kunstvoll wie abstrakt kühl. Und genau diese Perspektive kann man jetzt in den Münchner Kammerspielen einnehmen." Mehr gehe bei Genet nicht.

Dieser Abend sei "eine Orgie der Opulenz, ein Rausch der delikatesten Obszönitäten, eine präzise Choreographie der ausgestellten Gesten oder Blicke, mal untermalt von Orgelklängen, mal von dumpfem Paukenschlag", jubelt Alexander Altmann im Münchner Merkur (29.5.2014). Die "Zofen" "chargieren und outrieren so bizarr und so subtil in einem, dass die ironische Brechung nicht bloß komisch wirkt, sondern auch eine Atmosphäre gespenstischer Unwirklichkeit erzeugt." So etwas gelinge "nur absoluten Spitzenschauspielerinnen wie Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann und Wiebke Puls. (…) Schon allein, weil diese drei Ausnahme-Solistinnen zusammen auf der Bühne stehen, ist die Aufführung, dieser psychedelisch-surreale Lust- und Albtraum eine Sensation. So eine Stimmungsmischung aus Eiseskälte und brütender Schwüle muss man erst mal hinkriegen."

Man sehe den Schauspielerinnen "gebannt zu", meint Gabriella Lorenz im Münchner Abendblatt (19.5.2014) – nur leider lenke Puchers Inszenierung, die aus den "Zofen" eine "hochstilisierte, von Bildern überfrachtete Kunstwelt" mache, immer wieder von ihnen ab. "Alle Ebenen werden ständig gebrochen, aber die angepeilten Assoziationen verunklaren mehr als sie erklären. Alles ist in Puchers Inszenierung mit möglicher Bedeutung überfrachtet, alles ist überdeutlich als Kunstform ausgestellt. Das ist schlichtweg zu viel Artifizialität. Etwas weniger Künstlichkeit hätte den Künstlern mehr Raum gelassen."

Der multimediale Rahmen, in dem Stefan Pucher in jeder Sekunde dieses fast zweistündigen Abends den schwierigen Autor Genet, den existenzialistischen Gedanken zwischen der Freiheit und der Absurdität des Daseins und seine drei den Zuschauer ganz in ihren Bann ziehenden Schauspielerinnen inszeniert, ist aus Sicht von Teresa Grenzmann in der FAZ (20.5.201) perfekt durchdacht ausgefüllt. Pucher inszeniere "Angst, Trotz, Hass, Zaudern, Liebe, Verlangen, Großmut, Sucht". Barbara Ehnes habe dafür den passenden Traum-Raum erfunden, den die Regie auch nutze, um das Spiel im Spiel zu brechen: "Die Zofen folgen ihrer gnädigen Frau, die Schauspielerinnen ihrem Regisseur, während Ute Schall mit der Videokamera auf der Schulter magische Vexierfilme dreht."

 
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