Abfluss ohne Wiederkehr

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 17. Mai 2014. Terry Eagleton bezeichnete in seinem Buch "Die Wahrheit über die Iren" (2001) das Land als "erste postkoloniale Gesellschaft der Moderne". Mit Sean O'Casey und seinem Stück "Purpurstaub" sind wir ein paar Jahrzehnte früher dran, aber der darin verhandelte Konflikt der britischen Herren und irischen Knechte ist in dem Sinn Vorspiel zu diesem komischen europäischen Sonderfall.

Vielleicht üben auch Theatermacher eine Form von Gewalt- und Fremdherrschaft über den Theatergeher aus. Sebastian Hartmann müsste zum Ehren-Engländer erklärt und mit dem Victoria-Cross ausgezeichnet werden, nicht etwa, weil er die Sache Irlands verriete, doch weil er die Zuschauer in Leibeigenschaft zwingt wie England lange seinen Nachbarn.

purpurstaub2 560 ju ostkreuz uTanz den O'Casey und lass den Staub leuchten!  © Julian Röder / Ostkreuz

Von allen guten Geistern des Erzähltheaters verlassen

Ein Dreiklang: Steve Binettis E-Gitarre rockt, wird überboten von barocker Klangpracht, die wiederum variiert zu fiddelnd irischer Folklore, zum Mitklatschen animiert vom juchzenden, die Beine schmeißenden, sich mit Riesenzahnbürsten schrubbenden Sechser-Ensemble. Da kommt Stimmung auf beim chronisch erheiterten Ruhrfestspiel-Publikum. In der hohen leeren Bühnenschachtel bilden Blinklichter das Wort "Dust", während vorn der silbrige Vorhang die Buchstaben Pur-Pur zweiteilt. So wird – fast – Atmosphäre kreiert. Viel später am Abend wandelt sich der Raum mit mobilen Kastenelementen und Licht-Batterien zum pompösen, plötzlich hochdramatischen installativen Environment, das die totale Entleerung und allein mit sich selbst beschäftigte Rotation feiert, zu deren Teil auch die Schauspieler werden. Zunächst aber ruft ein rotlockiges ballettöses Püppchen nach den Figuren des Stücks (vergebens), ein zweites in Schwarz zeigt sich auch irritiert und von allen guten Geistern des Erzähltheaters verlassen.

Dabei gäbe es sehr wohl ein Stück. Das geht so. Zwei Börsenspekulanten, die Engländer Cyril Poges und Basil Stoke, haben im irischen Clune-na-Geera einen Landsitz aus der Tudor-Zeit erworben; eine Gruppe Arbeiter soll die halbe Ruine aufmöbeln. Die Gentlemen brachten ihre Geliebten – die irisch stämmigen Souhaun und Avril – mit, die die Knacker ausnehmen (das Motiv der betrogenen Betrüger), um dann patriotisch zu ihren Landsleuten überzulaufen, wenn die irische See nach einem Deichbruch das Anwesen und die Fremden fortspült. Das Landleben! Kälte, kein elektrisches Licht, Rattenplage, hysterisches Federvieh, eine wild gewordene Kuh, ein durchgehendes Pferd, Arbeiter mit sagenhaftem Geschichtsbewusstsein. Satt und deftig.

purpurstaub1 560 ju ostkreuz uFummeltrinen, Zylinderherren, Perückenträger und Vorhanghalter 
© Julian Röder / Ostkreuz

Verpuppte politische Parabel

Sebastian Hartmann aber will die Mechanik offenlegen. Will die Antithese zur Antithese der These von philologischer Text-Analyse (die Peter Palitzsch 1963 für die deutsche Erstaufführung ebenfalls in Stuttgart leistete, wohin die Inszenierung weiterziehen wird). Will die Demontage des Schwanks mit dessen eigenen – verzerrten – Mitteln: Überdehnung, Verschiebung, Sinnentleerung, Rhythmusstörung, Durchhängern, Extremtypisierung. Und koste es einen halben Arbeitstag und schönen Feierabend. Will die Essenz von O'Casey herausfiltern. Tut es auf rabiate, nicht nur, aber meist blöde Weise.

O'Casey ist im Volksstück verhaftet. Und das mit Stolz auf eine "Rasse älter als sie selber um eine Kleinigkeit von tausend Jahren", wie jemand gegen britische Hochnäsigkeit ins Feld führt. Die neureichen Schlossherren berufen sich auf das Empire, sehen sich als Leuchten des Fortschritts und schwadronieren von "Wahrheit, Gerechtigkeit, Ehre, Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Frieden", was in den Ohren der Iren wie Hohn klingt und von den grünen Jungs mit gleicher Münze heimgezahlt wird. In der Posse hat sich die politische Parabel verpuppt.

Nach eineinhalb Stunden habe ich meinen Platz im Parkett mit einem im Rang vertauscht, wo man aus der Aufsicht den Zweidrittel-Schwund im Saal in Ruhe beobachten konnte. Denn zwischenzeitliches Abwandern war zwar programmatisch gefördert und anheim gestellt worden. Wurde aber zur Einbahnstraße aus dem Theater. Abfluss ohne Wiederkehr.

Der Rest ist Vermeiden

Hartmanns eher noch emotional als intellektuell wirkende, indes nur mäßig lustige Methode hat einen Bart, wie ihn sich die wacker bewährenden, grandios aus und mit dem Nichts spielenden, selbstreferentiell sich betätigenden Darsteller als Kostüm-Witze auf sechs mal zwei Beinen, als Fummel-Trinen und bärtige Damen, Pantomimen und Perücken-Partner haben ankleben lassen. Man spricht schwäbisches Deutsch und schwäbisches Englisch. Immer wieder werden Requisiten aus dem Stück, Fetzen von Text sowie einmal der Autor selbst als Video eingeschoben. Rudimente. Der Rest ist Vermeiden.

Die Purpurbestäubten quieken, kreischen und röhren, predigen rheinisch, telefonieren berlinernd, gähnen ausgiebig, verdünnen Theatertheorie, singen im Kanon, ballern und zündeln, bis der Abend verleppert in viele Finale. Eingenebelt sind Sinn und Unsinn (durchaus effektvoll mit Filmbildern einer großen Flut) in eine einzige graue Suppe. Unwirklich schwindet es dahin.

Purpurstaub ist ein Sekret, das Schnecken absondern: Man muss das Tier zerquetschen, um den wertvollen Farbstoff wie aus der Tube zu gewinnen. Ein Akt der Gewalt. Übergriff. Ausbeutung. Was aber bleibt, ist wie ein Hauch, entmaterialisiert und sich verwehend.

Wenn es nur so gewesen wäre!

 

Purpurstaub
von Sean O'Casey
Deutsch von Michael Eberth
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Steve Binetti, Licht und Video: Voxi Bärenklau, Dramaturgie: Katrin Spira.
Mit: Manolo Bertling, Sandra Gerling, Manja Kuhl, Peter René Lüdicke, Anja Schneider, Holger Stockhaus.
Dauer: 4 Stunden, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspiel-stuttgart.de

 

Bei der Übernahme dieser Koproduktion am Schauspiel Stuttgart im Oktober 2014 durfte die Inszenierung nur noch unter der Überschrift "Staub" gezeigt werden. Da nur "Reste von Stück und Übersetzung" übrig gelassen worden seien, habe der Suhrkamp Verlag dem Schauspiel Stuttgart die Aufführungsrechte für Vorstellungen in Stuttgart nicht erteilt. Deshalb komme der Abend im Schauspielhaus der Staatstheater Stuttgart unter dem in Absprache mit dem Verlag geänderten Titel Staub. Ein Abend von Sebastian Hartmann zur Premiere, heißt es auf der Webseite des Schauspiel Stuttgart.

 

Kritikenrundschau

"Mit lustvoller Konsequenz" verfolge Sebastian Hartmann "seine Strategie, das Stück nicht zu inszenieren, sondern in Bestandteile zu zerpflücken, die er dann ins Groteske steigert", schreibt Harald Suerland in den Westfälischen Nachrichten (19.5.2014). "Jede normale Verabredung zwischen Bühne und Publikum" werde "ad absurdum geführt", vieles aber, "was Hartmann mit sechs Schauspielern und einem Musiker anzettelt", habe tatsächlich "absurden (oder albernen) Witz". Das "fröhliche Zerfleddern" kristallisiere aber auch "die Frage des Textes heraus 'Wo ist die wirkliche Welt?' Mit dem Theater sollte man sie zumindest nicht verwechseln."

Wer 'Purpurstaub' nicht kenne, werde "das Stück auch nicht kennen lernen", vermutet Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (19.5.2014). Hartmann zerlege "Texte in Spielanlässe, von denen aus die Darsteller improvisieren, Anspielungen einbringen, mit dem Publikum agieren. Das kann furchtbar auf die Nerven gehen." Aber, auch das müsse "gesagt sein, wer bleibt, amüsiert sich wie Bolle." Es sei schade, "dass viele Zuschauer das Beste verpassen, und sie verpassen großartige Momente. Aber man erkauft sie mit viel vergeudeter Lebenszeit."

Für Hartmann sei "Handlung höchstens Nebensache", so Stefan Keim in der Welt (21.5.2014). Ihm gehe es um grundlegende philosophische Themen, die " Entfremdung von der Natur zum Beispiel". Allerdings: Hatte man bei Krieg und Frieden noch "das Gefühl, dass die Schauspieler gemeinsam nachdenken und nach Wegen aus dem Gedankenchaos suchen", habe "das Durcheinander des Seins so heftig von ihren Körpern Besitz ergriffen, dass kaum noch Zeit für Hirnaktivitäten bleibt". Fast scheine es, als wolle der Regisseur sein Publikum selektieren und nur die Leidensbereiten belohnen. "Wer dennoch durchhält, erlebt wie so oft bei Hartmann überraschende, umwerfende, tolle Theatermomente."

Das Schauspiel Stuttgart hat die Aufführung koproduziert, deshalb ist die Kritikerin der Stuttgarter Nachrichten Nicole Golombek nach Recklinghausen gereist. Sie schreibt (19.5.2014), früh sei zu ahnen gewesen, dass es mit einem "gepflegten Salonstück" nichts werden würde. Nach drei Stunden hätte sich der Saal merklich geleert hat. Die Regie habe darauf "spekuliert", Hartmann "als Bürgerschreck einen gewissen Ruf zu verteidigen". Diejenigen, die geblieben seien, hätten einen "intellektuell nicht allzu fordernden, manchmal klamaukig doofen, aber auf alle Fälle amüsanten, fantasievollen Abend" erlebt. Trotz absichtsvoller Zerfaserung, zeige sich die Liebe zu diesem Text über "Menschen, denen der Lebenssinn verloren gegangen ist". Trotzdem hätten die "ernst gemeinten Momente" oft nicht so beklommen gemacht, "weil sie nur dahingeschwätzt wirkten".

"Die Zeichen stehen auf Redundanz", vermeldet Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (23.5.2014). Sean O'Casey Komödie "steckt voller Wärme (einerseits) und sarkastischem Witz (andererseits)", Hartmanns Inszenierung bestehe "aus vier entscheidenden Modulen", nämlich: eine "nahezu komplette Fabel- und Pointenauslöschung", sodass man ohne Kenntnis des Stückes "aufgeschmissen" sei. Zudem eine "konsequente Fragmentierung" (wenn sich der Zuschauer ob der langen Dauer selbst seine Pausen wählen muss). Drittens: "dadaeske Zuspitzung" und viertens: "Musik ersetzt Text." Das Resutat dieses "langen (und langweiligen) Abends" ergibt: "Hartmann riskiert viel und verliert alles." Er bringe hier anders als in "Krieg und Frieden" von zwei Jahren in Recklinghausen "letztlich nur Stückwerk zustande".

"Es sind auch schon Leute an Konfetti erstickt", resümiert Judith Engel in der tageszeitung (7.10.2014) nach der Stuttgart-Premiere, die nur noch "Staub" heißt. Zwischen Pantomime, Kabarett, Komödiantenstadel und Slapstickeinlagen empfinde man pure Aggression. "Als in der letzten halben Stunde die Klamaukkritik einsetzt, hat man sich sein Hirn leider zu Staub zerlacht."

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