Der Rest wird Rauschen sein

20. Mai 2014. "Die Mobiltelefon-Bearbeiter sind dabei, die letzten multimedial befreiten Bastionen sturmreif zu schießen," schreibt Dieter Schnaas in der Wirtschaftswoche vom 18. Mai 2014 und sieht die die Glückserfahrung seiner "passiven Konzentrationsakte in Oper, Konzert, Theater" auf das Äußerste gefährdet, wo er Schutz findet vor dem medialen Grundrauschen der Gegenwart, das er als Banalitätsterror und Kollateralschaden des massenmedialen Fortschritts beschreibt.

"Der jüngste Angriff erfolgte während des Theatertreffens, das heute in Berlin zu Ende geht. Unter der Überschrift Warum wir twittern erschien im Blog des Theatertreffens aus der Feder von Jan Fischer eine Apologie des Schnellkommentars aus dem Zuschauerraum: "Ich bin nicht mehr innerhalb eines schmalen Regelwerkes dem ausgeliefert, was mir vorgesetzt wird, mit viel zu wenigen Interaktionsmöglichkeiten für das, was ich loswerden will, muss, soll," zitiert Schnass aus Fischers Blogbeitrag. "Wir reden hier von einer Aneignung von unten, davon, die - von Zeit zu Zeit - doch sehr elitär dahin schreitende Form "Theater" dem Publikum fast gleichberechtigt zu übergeben... In der Schauspieler und Regisseure nicht präsentieren - sondern zittern müssen, schwitzen müssen, sich das Schweigen des Publikums hart erspielen müssen."

"Klingt gut? Klingt demokratisch, kommunikativ?" fragt Dieter Schnaas in seinem Text. "Nach Austausch und Augenhöhe statt nach chefdramaturgischer Anmaßung und Selbsterhöhung? Für mich nicht. Für mich klingt es schrecklich. Für mich klingt es nach: Vorurteil und Schnellgericht. Vom großen Bazon Brock stammt sinngemäß der Satz, dass der Künstler die Pflicht habe, sich in seinen Werken verständlich auszudrücken - und der Zuschauer/Zuhörer umgekehrt die Pflicht, den Künstler verstehen zu wollen. Übersetzt man diesen Satz in das Sinnbild einer Symmetrie, die zwischen Kunstwerk und Rezipient bestehen muss, will die Begegnung zwischen ihnen glücken, heißt das nichts anderes als: Auch der Zuhörer hat sich die Musik, die Oper, das Theaterstück anzueignen, bevor er sich ihm aussetzt."

Aus Sicht von Dieter Schnaas bedeutet Dialog also nicht, "wenn Aufführende und Zuschauer um die Wette plappern. Sondern wenn sie ausreden dürfen. Insofern schwöre ich hier und heute hoch und heilig: Wenn ich irgendwann einmal erleben muss, dass Gustav Mahler beim Vortrag seiner Dritten Sinfonie durch die Berliner Philharmoniker nach siebzig Minuten unterbrochen wird, weil einer in den Saal hinein meint twittern zu müssen, an der ein oder anderen Stelle hätte dieser Mahler sich ruhig ein bisschen kürzer fassen können; wenn der Dirigent daraufhin den Vortrag abbricht und den Zuhörer meint erklären zu müssen, die Tempobezeichnung "ohne Hast" sei vom Komponisten durchaus mit Bedacht gewählt... - bin ich das letzte Mal in Oper, Theater, Konzert gewesen. Der Rest wird Rauschen sein."

(sle)

 

Texte zum Thema Social Media und Theater auf nachtkritik.de:

Das Barcamp "Theater und Internet" am Thalia Theater Hamburg von Esther Slevogt (11/2012)

Twitter und Theater – Wie die Sozialen Medien im Theater funktionieren (könnten) von Anne Peter (4/2014)

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