Vampirische Seelenfänger zuhause

von Stefan Schmidt

Saarbrücken, 24. Mai 2014. Und schon wieder ist es gelungen, einen prominenten Plagiator dingfest zu machen. Spätestens nach diesem Saarbrücker Theaterabend ist es nur allzu offensichtlich, dass auch die Hollywood-Größe George Lucas die Kulturtechnik des kunstvollen Kopierens beherrschen muss: Maxim Gorkis "Wassa Shelesnowa" offenbart sich als Blaupause für den schwarzen Jedi Darth Vader. Die Geschlechtsverwandlung muss irgendwo auf dem Umweg über die Nosferatu-Stummfilme passiert sein. Ob aber nun in der Alten Feuerwache des Saarländischen Staatstheaters Gertrud Kohls Wassa "Ich bin Deine Mutter" röhrt oder auf der Kinoleinwand David Prowses Darth "Ich bin Dein Vater" - in beiden Fällen wird die Familie zur düsteren Bedrohung, steht die nächste Verwandtschaft auf der dunklen Seite der Macht.

Zum Glück findet das der Theaterregisseur Michael Talke nicht nur ganz schön schrecklich, sondern auch grotesk komisch. Ohne einen gelegentlichen hysterischen Lacher wäre diese Geisterbahn der Gefühle aber auch kaum zu ertragen, so nah holt die Inszenierung Gorkis Horrorvisionen aus dem frühen 20. Jahrhunderts an unsere Lebenswirklichkeit. Und das mit einem fiesen, verdammt effizienten Trick: Die zupackende Regie und die stimmige Ausstattung betonen nämlich zunächst einmal das Alte, das Fremde, das Gespenstische an Figuren und Handlung, auf dass uns die (Selbst-)Erkenntnis umso schauriger erwischt.

Warten auf die Zukunft

Die Patriarchin Wassa Shelesnowa thront auf einem Ohrensessel, der unmittelbar aus dem Gemälde gefallen sein könnte, das in Übergröße hinter ihr aufragt und den Bühnenraum zu weiten Teilen füllt: Ilja Repins "Unerwartete Rückkehr", revolutionärer russischer Realismus, der in diesem Fall zeigt, wie ein Verbannter nach Hause kommt und damit eine vermeintliche bürgerliche Wohnzimmeridylle aufmischt. In Gorkis Stück - und noch viel stärker in Talkes konsequent zugreifender Inszenierung - kommt diese Rolle einer Frau zu, Anna, der Tochter des Hauses, verheiratet und ausbezahlt eigentlich, aber von ihrer Mutter Wassa zurückgeholt, weil die um das Erbe der Familie fürchtet.

wassa3 560 thomas m jauk hErstarrung und Bewegung in "Wassa Shelesnowa" © Thomas M. Jauk

Schließlich ist der eine Sohn ein schöngeistiges Weichei, der andere ein kontrollierter Schleimbeutel, beide haben die falschen Frauen geheiratet, und der dauergeile Onkel droht, sein Geld aus der Firma Shelesnow heraus zu ziehen, sobald der Vater das Zeitliche gesegnet hat, worauf ohnehin alle warten. Und so prügelt man sich und betrügt sich, hetzt Katzen auf Tauben, Menschen auf Menschen, und träumt von einer besseren Zukunft diesseits des dann doch etwas langweiligen Geschäfts mit Kacheln und Ziegeln.

Stummfilm-Verfremdung

Darauf warten sie jetzt wohl schon reichlich lange, denn auf der Bühne spuken Zombies herum, Figuren in historisierenden Kostümen, mit bleichen Gesichtern und dicken dunklen Augenrändern. Bühnen- und Kostümbildnerin Barbara Steiner zeigt uns plakativ, schlüssig und überzeugend, wie und warum Untote länger leben: Sie haben nämlich so ausdauernd auf ihre eigene Zukunft gewartet, dass ihnen kaum noch auffällt, dass sie schon gar keine Gegenwart mehr haben. Armselig wie sie sind, können diese Vampire allenfalls noch einander das Blut abzapfen. Auch darum beißt Cino Djavids Pawel in einer Szene seiner Frau Ljuda, die Sophie Köster als sinnlich sehnsüchtige Schlampe in Nylons und Négligé gibt, einmal so kräftig in den Arm, dass der rote Saft über die Bühne spritzt.

In dieser splatterhaften Entgrenzung steckt mehr Leben als in Pawels dauerndem feigen Geschwätz von Freiheit, mehr Kraft als in seinen wiederkehrenden Fluchten ans Klavier. Bei diesen Gelegenheiten begleitet er unter anderem die Stummfilmsequenzen, die sich der Regisseur als weiteres Mittel der Übertreibung und Verfremdung hat einfallen lassen: Einer der Schauspieler spricht über Mikrofon alle beteiligten Rollen, die anderen agieren so verlangsamt und überdeutlich, wie wir es aus der Leinwandurzeit kennen - weit aufgerissenen Münder, glotzende Augen, wüste Mimik, ausladende Gestik.

Ersatz-Befriedigungen

Das verweist nicht nur auf die Entstehungszeit von Gorkis Ursprungstext; das ironisiert auch das aus unserer heutigen Sicht holzschnittartige blöde Handeln der Figuren. Und doch: Es gibt eben immer noch haufenweise Mütter, die in ihren Kindern oder Enkeln weiterleben möchten, genug Söhne, die die albtraumhafte Bequemlichkeit der risikoreichen Eigenständigkeit vorziehen. Die Firma, das Erbe, um das hier alles und jeder kreist, wird dabei zur Ersatzbefriedigung. Hinter dieser degenerierten Familie offenbart sich die ursprüngliche Fratze des Kapitalismus, zu dem wir deshalb keine Alternative sehen, weil wir schon längst alle unsere Sehnsüchte in ihn verlagert haben.

Dass da mal welche gewesen sein müssen, lässt das Ensemble mit einer erstaunlichen Sensibilität und Spielfreude durchscheinen - allen voran die Frauen: Yevgenia Korolov projiziert die seelisch-moralische Verkommenheit ihrer Schwiegertochter Natalja in körperliche Verkrümmung. Sophie Köster liefert ihre Ljuda mit all ihrer Lust und Verzweiflung rücksichtslos physisch der Bühne aus. Und Christiane Motter führt als verlorene Tochter Anna vor, wie großartig wandelbar sie eigentlich sein kann, gibt die abgezockte Intrigantin, die zweifelnd Suchende und die verzweifelt Gejagte in einer Person.

Überdauerndes Erbe

Hitchcock hätte nicht besser ausstellen können, was für einen Horror es bedeuten kann, plötzlich zur Hoffnungsgestalt dieser fürchterlichen Familie zu werden. Mehrmals zischt und wispert es von allen Seiten ihren Namen, aber diese Frau hat ganz andere Pläne: Sie wird die Kontrolle übernehmen, ihre Mutter ablösen. Das Grauen geht weiter, in anderer Gestalt, es scheint die Jahrzehnte genauso zu überdauern wie dieser Text, den gleich mehrere deutsche Bühnen in der laufenden Spielzeit wiederentdeckt haben. Michael Talke zeigt in Saarbrücken furchtbar eindrücklich, beängstigend deutlich und schrecklich unterhaltsam, warum sich die Entstaubung lohnt. Wann sich dieser Krieg der Familie mal erledigt haben könnte, das steht in den Sternen.

Wassa Shelesnowa
von Maxim Gorki, Deutsch von Rainer Kirsch
Regie: Michael Talke, Bühne und Kostüme: Barbara Steiner, Dramaturgie: Ursula Thinnes. Mit: Marcel Bausch, Cino Djavid, Gertrud Kohl, Yevgenia Korolov, Sophie Köster, Charlotte Krenz, Georg Mitterstieler, Christiane Motter, Johannes Quester.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater-saarbruecken.de

 

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Kritikenrundschau

"Wer Michael Talke engagiert, bekommt keine Regie-Stromlinienware. Das hat das hiesige Publikum bereits drei Mal erlebt, auch Talkes Affinität zum Film", so Cathrin Elss-Seringshaus in der Saarbrücker Zeitung (26.5.2014). Für "Wassa Shelesnowa" bediene sich Talke beim Stummfilm, im Nosferatu-Fach sowie bei Hitchcock, zumindest musikalisch und atmosphärisch. "Der Sturm peitscht Staubwolken und Geschäftspapiere auf die Bühne, es rumpelt und kracht – ein Konzert des Untergangs." Ästhetisch gehe es aufdringlich zu, grell, "die Regie wirkt überambitioniert – zugleich ist das alles ziemlich gut, weil außergewöhnlich." Und die Horror-Anmutung passe vorzüglich zur giftigen Botschaft des Autors.

 

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