Die Letzten der Tzoolkman

von Thomas Rothschild

Mannheim, 1. Juni 2014. Zwei salopp gekleidete Männer treten etwas unbeholfen an die Rampe im voll besetzten Studio des Mannheimer Nationaltheaters und sprechen das Publikum in gebrochenem Deutsch an: Hier zu sein, bedeute ein Risiko. Man wisse nicht, ob man danach wieder nach Hause, nach Chile zurückkehren könne. Dann wechseln sie in die spanische Sprache. Theaterleute, sagen die Theaterleute vom Teatro de Chile, behaupten auf der Bühne völlig unglaubwürdige Dinge. Und sie erzählen vom unwirtlichen Leben im äußersten Süden Chiles, in Punta Arenas und auf Feuerland.

Ein paar witzige Vergleiche konterkarieren den pseudowissenschaftlichen Tonfall. Die beiden Herren lesen aus den Schriften von Charles Darwin vor, dem Erfinder der Evolutionstheorie, wie sie artig verraten, der mit der Expedition von Robert FitzRoy Patagonien besucht hat. Dann erzählen sie vom Stamm der Tzoolkman, der nach der weißen Kolonisation von 1829 dezimiert worden und dessen vermeintlich letzte Angehörige namens Ursula 2003 verstorben sei.

Yoel und Tusoyo machen Feuer

Doch dann hätten die beiden Herren zwei Überlebende des Stammes entdeckt: Yoel und Tusoyo. Die beiden "Primitiven" werden nun vorgestellt. Sie betreten die Bühne mit Motorradhelmen, deren Visiere verschlossen sind, heben zu einem Gesang an und werden mit einem Bissen, einem Zuckerwürfel vielleicht, belohnt wie dressierte Bären.

zoo 560 patricio imbrogno uÄrzte oder Patienten? Forscher oder Irre? Im "Zoo" von Manuela Infante
© Patricio Imbrogno
Die Forscher schildern, wie sie die Namen der Stammesmitglieder, deren Sprache sie nicht verstehen, herausbekommen haben, und ihr Bericht wird von unscharfen Bildern auf einem Monitor begleitet. Der eine markiert mit Filzstift auf dem Bildschirm, was beachtet werden soll, und wischt die Striche dann mit einem fingerlosen Handschuh wieder ab. Wir sehen, wie Yoel und Tusoyo Feuer machen, wie sie Knoten knüpfen, und werden informiert, dass sie kochendes Wasser nicht kannten und daher nur rohe Speisen aßen – eine Parodie wohl auf "Das Rohe und das Gekochte" von Claude Lévi-Strauss. Wir erfahren auch, dass sie sich nicht zur Wehr setzen, wenn sie angegriffen werden.

Der Stoff berührt sich mit der Jules-Verne-Adaption Les Naufragés du Fol Espoir, die Ariane Mnouchkine mit ihrem Théâtre du Soleil erarbeitet hat. Während aber Mnouchkine die aufwändige, spektakuläre Inszenierung pflegt, beschränken sich das in Santiago beheimatete Teatro de Chile und Manuela Infante, Autorin und Regisseurin in einer Person, in "Zoo" auf ein minimalistisches Theater. Die zum Teil satirische Wissenschaftskritik, insbesondere an der Ethnologie von Margaret Mead und ihren Nachfolgern, wird ebenso deutlich wie die antikolonialistische Stoßrichtung.

Die Quelle unseres Vergnügens

Aber darüber hinaus ist das Stück, das nun beim Theater der Welt zu Gast war, ein dramatischer Beitrag zur Verurteilung von Menschenexperimenten, in der Tradition von Büchners "Woyzeck", Tollers "Hinkemann" oder Handkes "Kaspar". Yoel und Tusoyo werden im buchstäblichen Sinne vorgeführt. Und wir Zuschauer werden, ob wir wollen oder nicht, zu Voyeuren einer menschenverachtenden Abrichtung. Denn die beiden Forscher wenden sich von Anfang bis Ende ans Publikum. Dialoge gibt es nicht. Die vierte Wand wird ignoriert. Die Zuschauer werden nicht zum Antworten animiert, dies ist kein Mitmachtheater. Aber es imitiert eine Vorlesung, die frontal stattfindet.

Das ist überaus bühnenwirksam, wie die Präsentation Woyzecks durch den Doktor, wie die Nummer, in der Hinkemann den Ratten auf Geheiß des Budenbesitzers die Kehlen durchbeißt. Die Vorlesung, die medizinische Demonstration – man denke an den Begriff des "Anatomischen Theaters" und an Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp – haben an sich etwas Theatrales. Und so rückt das Theatererleben in die Nähe des "Experiments", das Manuela Infantes kleines Stück gerade missbilligt. Was unsere Empörung auslösen soll, ist zugleich die Quelle unseres Vergnügens. Eine Aporie, aus der es keinen Ausweg gibt. Gerade deshalb ist "Zoo" politisches Theater im besten Sinne, nämlich sowohl politisch wie auch Theater ohne Abstriche.

Das Caligari-Dilemma

Yoel und Tusoyo erscheinen zunehmend als Geisteskranke. Sie entwickeln eine Obsession für Buntstifte, ordnen Gegenstände in ihrem von einer Videokamera überwachten Wohnraum nach Farben an und versuchen hinter ihnen zu verschwinden. Da überrascht das Stück mit einer Pointe. Yoel und Tusoyo, der so, nämlich (spanisch) "Du bist ich", gar nicht heißt, verwandeln sich in weißbemantelte Forscher und die beiden Herren, denen sie bis dahin ausgeliefert waren, in deren Objekt. Das Caligari-Dilemma: Wer ist Arzt und wer Patient? Wer ist normal und wer verrückt? Yoel und Tusoyo haben die ganze Zeit gestreifte Kleidung getragen, wie Insassen eines Gefängnisses oder eben einer Irrenanstalt. Aber auch ihre beiden Kontrahenten trugen Streifen. Sie waren nur etwas schmäler.

 

Zoo
von Manuela Infante
Regie: Manuela Infante, Bühne, Kostüme und Licht: Rocio Hernandez, Claudia Yolin.
Mit: Cristián Car Vajal, Héctor Morales, Ariel Hermosilla, Rafael Contreras, Katy Cabezas. Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.teatrodechile.cl
www.theaterderwelt.de

 

Weitere Nachtkritiken von der diesjährigen Ausgabe von Theater der Welt: Thyestes in der Regie von Simon Stone, Next Day von Philippe Quesne, Super Premium Soft Double Vanilla Rich von Toshiki Okada und Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann.

 

Kritikenrundschau

Dennis Baranski vom Mannheimer Morgen (3.6.2014) hat eine "Parabel auf den Umgang mit Kulturen in Einwanderlungsländern" gesehen. Die "stolz vorgeführten Ureinwohner" führten das Selektionsprinzip "erfolgreich ad absurdum – sie wehren sich nicht" und zeigten "keinerlei Wille zur Verteidigung". All das sei "drastisch und wäre gewiss schwer zu ertragen, bediente sich Infante nicht der Groteske, um ihre ungeheuerlichen, menschenverachtenden Vorgänge abzubilden. In einer bunten und durchweg amüsanten Theaterstunde findet sie zu einer – weltweit – tauglichen Form, die ein ernstes Anliegen unmissverständlich ausformuliert: Überassimilation zerstört kulturelle Identität." So gelinge "ein gerade für in hiesigen Breiten leidenschaftlich geführten Integrationsdebatten relevanter Beitrag und ein eindrückliches Plädoyer für die Vielfalt".

Die zentralen Fragen werden lauten laut voe (Rhein-Neckar-Zeitung, 3.6.2014) von Manuela Infantes "zwischen den Zeilen formuliert": "Wie gehen wir um mit dem Fremden? Wie finden Kulturen zueinander?" Die Assimilation werde hier vorgeführt als "in Windeseile vollzogen: Fremdes wird vertraut, Vertrautes fremd, die Prozesse von Anpassung, Spiel und Mimesis machens's möglich." Das Ganze sei eine "improvisierte Lecture Performance", bei der insgesamt gelehrt werde, "dass Assimilation und Integration von Migranten Wunschbilder und Klischees hervorrufen, die in der Realität kaum Bestand haben."

 
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