Die Neger sollen sich vernegern

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 3. Juni 2014. Nur zwei haben ein Gesicht, und die beiden sind einer. Der eine, Stefan Hunstein, stellt sich uns als Archibald vor, Spielleiter der bevorstehenden bitterbösen Clownerie. Aber er bekommt augenblicklich Konkurrenz von einem Zweit-Archibald: Felix Burleson aus den Niederlanden ist wirklich dunkelhäutig. Wirklicher "Neger" also, wie der Stücktitel von Jean Genet heißt, der prompt im Vorfeld der Wiener Festwochen-Premiere die politisch Korrekten auf den Plan gerufen hat – so dass jetzt nach jeder der drei Vorstellungen im Wiener Theater Akzent ein Publikumsgespräch angesetzt ist, damit nur ja niemand irritiert bleibt von Sätzen wie "Es ist genug Schuhpaste vorrätig"…

Die Schuhpaste lässt Johan Simons in der Dose, bis auf die Schminke für den Archibald-Doppelgänger eben. Dunkelbraun wäre Zwischenfarbe zu viel für seine – wie sich aber zeigen wird: nur vordergründig – schwarz-weiß gehaltene Recherche über den Plot von Jean Genet und über die geschliffenen Sätze der Übersetzung von Peter Stein aus dem Jahr 1983. Der niederländische Theatermann räsoniert auf dem Programmzettel über die historische Kolonialschuld seiner niederländischen Landsleute und der anderen europäischen Ex-Kolonialmächte. Klar, Genets "Neger" halten den Weißen einen Spiegel vor und lassen sie in die Fratze der eigenen Hautfarbe blicken. Aber auch die Schwarzen sind nicht ohne. "Die Neger sollen sich vernegern" heißt es einmal, sprich: radikalisieren, den Hass ausleben, das Potential zur Meuterei, zur Rebellion, zur Schlächterei nutzen.

die neger1 560 julianroeder ostkreuz u.pgSchwarz-weißes Maskenspiel @ Julian Röder / Ostkreuz

Denn die Hofgesellschaft ist ja eine Karikatur der Kolonialherren, die ein geheimnisvolles Opferritual der Schwarzen beobachten, das Archibald anleitet. Am Ende werden sie von den Schwarzen massakriert. Johan Simons blendet die Gesichter aus, stülpt den Darstellern kohlrabenschwarze und weiße Masken aus Papiermaché über. Keine Augen, Nasen, Münder, wie sie die Individualität ausmachen. Eiförmige Gebilde bloß, die nach oben in jeweils gleich-unfarbigen Kopfputz übergehen und zumindest in der "weißen" Gruppe des Hofstaats die Stellung kenntlich machen. Die Maske der hinfälligen Königin (Maria Schrader) wächst zur zackigen Krone empor, der Kirchenmann hat ein Kreuz obenauf, der Richter ein Gesetz-Büchlein als abnehmbare Kappe. Praktisch, wenn es drum geht, unter den Schwarzen Gericht zu halten.

Auch die Weißen sind schwarz

Freilich: Im Schattenspiel sind auch die Weißen schwarz. Und wenn die Schwarzen – was oft passiert – hinter den Papier-Paravent gehen, sind sie so ohne weiteres von den weißen Höflingen nicht zu unterscheiden. Das Bühnen-Setting unterstützt des Regisseurs hinterhältig angelegtes Rollen-Kuddelmuddel. Eine Fläche aus weißen Papierbahnen bloß, dahinter thronen die Weißen als Schattenbilder und lugen oft neugierig durch Schlitze hervor, um zuzusehen, was da die Schwarzen vorne vorbereiten an der Bahre der toten jungen weißen Frau.

Der Mord ist ja der Anlassfall für die grotesken Dinge, die da demnächst Bühnen-Scheinleben annehmen werden: Die Tote in Hinteransicht ist aus Latex, wassergefüllt. Aus ihr tröpfelt es in einem fort, die Gestalt wird immer dünner, der Po verliert seine Rundung. Am Ende wird die Leiche ausgeronnen sein, sich aufgelöst haben wie der Anlassfall der schwarz-weißen Auseinandersetzung. Übrig bleibt das Sammelsurium an fehlgeleiteten Ansichten, verqueren Meinungen, unhaltbaren, aber hartnäckigen Vorurteilen über die jeweils anderen. Alle liegen sie tot da, sogar der "europäische" Archibald, wogegen sein Doppelgänger kopfschüttelnd dasteht, fassungslos nestelt er an der Zigarettenpackung. Auf so was gibt's keine Antworten, nur ratloses Abgehen.

Raum zum Weiterdenken

Viel Text quillt in den beinahe zwei Stunden aus den Masken hervor. Messerscharfes, Zugespitztes, Hohles, alltäglich Banales und ebenso alltäglich Unverrottbares. Das ewig Haltbare an den faulen Früchten des Rassismus, Paternalismus, Kolonialismus. Dies krass herauszustellen ist Johan Simons aufs "Neger"-Schlachtfeld gezogen, über das gelegentlich der Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" tönt. Da halten dann alle, Schwarze und Weiße, bemüht andächtig Stille, denn ihre christliche Sozialisierung haben sie ja gleichermaßen abbekommen. Vom schwarzen Generalvikar erfahren wir, dass er manch "gute" Eigenschaften der Weißen geschultert hat, in der Hand gar Wohltätigkeit trägt …

Nein, im Detail ist das alles gerade nicht so schwarzweiß. Die Clownerie / Farce erfordert konzentriertes Zuhören, erfreut mit vielen präzis gesetzten gestischen Irritationen, mit Subtexten. Das ist streckenweise auch recht mühsam. Johan Simons jagt uns mit seinem Setting gelegentlich auch in Zeitlupe ins Bockshorn, da bleibt genug Raum zum Weiterdenken. "Wir müssen die Sprache so dehnen, dass wir uns mit ihr umhüllen, in ihr verstecken können", sagt der Spielleiter.

Gut versteckt, ja: Den Kolonialismus heutiger Tage, die globalisierte Wirtschaft, hätte sich Jean Genet nicht in seinen kühnsten Träumen ausmalen können. Die Festwochen-Aufführung, eine Kooperation mit den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg, kommt trotzdem ganz ohne Gegenwartsanspielungen aus. Genet schrieb sein Stück 1958, fünf Jahre vor Martin Luther Kings Rede "I have a dream". Damals durften gerade Schwarze gemeinsam mit Weißen dieselben öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Unglaublich eigentlich, wie wenig lang das her ist.

 

Die Neger
Clownerie von Jean Genet
Deutsch von Peter Stein
Regie: Johan Simons, Bühne: Eva Veronica Born, Kostüme: Greta Goiris, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Koen Tachelet, Rita Thiele.
Mit: Felix Burleson, Stefan Hunstein, Christoph Luser, Benny Claessens, Kristof van Boven, Anja Lais, Karoline Bär, Bettina Stucky, Gala Winter, Maria Schrader, Jeff Wilbusch, Hans Kremer, Edmund Telgenkämper, Oliver Mallison.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at
www.muenchner-kammerspiele.de
www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Einen sinnloseren und öderen Theaterabend kann man sich nicht vorstellen", schreibt Matthias Dell auf Zeit online (4.6.2014). Weder erfahre man irgendetwas über Rassismus noch über die Kritik daran. Der Rezensent haut nach allen Seiten: Simons habe den (überkommenen) Stoff von Genet "überhaupt nicht begriffen" und delegiere sein schlechtes Gewissen an den in Surinam geborenen Schauspieler Felix Burleson, der den verdoppelten Archibald gibt. "Dieser Archibald präsentiert bis zum scheinbar lässigen Rauchen am Schluss ein Best-of der prätentiösesten Theatergesten, die sich für was Besseres halten." Anders lasse sich "die Bad Bank, in die Simons seine Schuldgefühle outsourct", wohl auch kaum spielen. Man könne an dieser Arbeit, so Dell zum Schluss, "die Krise eines Theaters, dessen analytische Unschärfe und politische Ahnungslosigkeit in keinem Verhältnis zur behaupteten Richtigkeit des eigenen Tuns stehen", ablesen.

Die Inszenierung hätte ein Aufreger werden können, schreibt Bettina Steiner in der Wiener Presse (5.6.2014), wenn auch anders als gedacht. Aber vielleicht sei die Angst vor Missverständnissen zu groß gewesen. "Vielleicht wollte Simons seinen Genet intellektuell erhöhen, ihn für uns zurechtrücken, erklären." Doch wo Genet derb sei, "ist Simons sich zu fein, wo Genet ein 'Rumms' schreibt, inszeniert Johan Simons ein 'Hach'. Sehr zimperlich."

Skandal-Entwarnung gibt auch Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (5.5.2014): "Gar nichts ist passiert. Leider gilt das auch für das, was auf der Bühne los war – oder eben nicht." Genets Originalstück wirke "zauberisch, wild, gefährlich, erregend, bewegend, exotisch, böse, komisch und tragisch; auch ist fast schon plakativ klar, dass mit Klischees und Stereotypen jongliert wird, auf schwarzer wie weisser Seite. Bei Simons, der politische Inkorrektheit meidet wie der Teufel das Weihwasser, wirkt alles nur defensiv – und papieren."

"Ratlosigkeit, Enttäuschung, Kunstanstrengungsermüdung" gibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll (5.6.2014). "Der Abend verpuffte wie der Nebeldunst seiner Explosion. Vor der Vorstellung kein einziger Demonstrant, während der Vorstellung keinerlei Zwischenfälle, nachher nicht einmal ein Buh."

Von "unerträglicher, feiger Langeweile" spricht Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.6.2014). Denn Johan Simons – ("ein theatralischer Grobholzschnitzer") – verstecke "die zur zappelnden Leblosigkeit verdammten Schauspieler" hinter Papier und Pappe, "womöglich aus Angst davor, anzuecken. Womöglich aber auch aus Angst davor, dass herauskommen könnte, dass Genets weiß- und schwarzbleiche Figuren auch nur aus Wachs sind."

Simons macht das Stück aus Sicht von Sven Ricklefs in der Sendung "Kultur heute" beim Deutschlandfunk (4.6.2014) "zu einer Art Mummenschanz, indem er fast allen Darstellern unterschiedlich verformte eierschalenartige Masken über den Kopf stülpt - mal schwarz, mal weiß. Es sind gesichtslos einher stolpernde Wesen, mehr Puppen oder Schachfiguren als Menschen, die sich nun in dieser Wiener Festwochenproduktion durch Jean Genets ohnehin sehr eigenartige Figurenkonstellation quälen."

Das Hauptereignis der Neger wäre für Ronald Pohl vom Wiener Standard (5.6.2014) "die von Genet verwendete Sprache. In Peter Steins kanonisierter Übersetzung bleibt diese entsetzlich blass."

Als "Bankrotterklärung" empfindet Jan Küveler auf Welt-online (6.6.2014) diese Inszenierung. Das ausgestelle Selbstbewusstsein des Abends samt Textbombardements an der Rampe ist aus seiner Sicht "eine einzige Flucht nach vorn. Simons versteckt sich feige hinter hohlen Gesten, leeren Zeichen, Eierschalenmasken, Gazevorhängen."

Johan Simons und sein Ensemble finden aus Sicht von Uwe Mattheis in der taz (6.6.2014) einen Weg, mit dem Stück umzugehen. "Sie bringen dafür ein Opfer, das zuerst erschütternd hart erscheint, sich aber im Lauf des Spiels rechtfertigt." Irgendwo zwischen Schau-, Schatten- und Maskenspiel eröffnet Johan Simons in den Augen dieses Kritikers "dem Theater einen unverhofft neuen Weg, der neugierig macht, weil er den Bildern, die der Rassismus hervorbringt, den Köper und die Natur verweigert. Eine Art von protestantischem Bilderverbot im barocken Wien."

Zur Hamburger Premiere schreibt MN im Hamburger Abendblatt (6.10.2014): Der im Vorfeld mit allerlei Protestaktionen und aufgeregten Skandalnachrichten garnierte Abend "entpuppte sich als theatrales Hochamt zelebrierter Langeweile und verpuffte als Rohrkrepierer, ohne Zerstörungen zu hinterlassen". Weil Genet das Stück als Clownerie bezeichnete, "wird uns Kasperltheater vorgeführt, bei dem wir darauf warten gefragt zu werden, ob wir alle da sind".

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