Tanz' den Diktator!

von Esther Boldt

Mannheim, 6. Juni 2014. Und so wird ein Mann als Diktator eingesetzt: Man salbe ihm das Gesicht mit Erdöl. Man schwöre ihn kniend auf seinen Feind ein: George Bush, der Sohn von George Bush. Zum Abschluss unterziehe man ihn einer Prüfung schier unsinniger Fragen: Welches Sternbild wandert über den Horizont? – Das Banner der Vereinigten Staaten. Wie kann man den Durst überwinden? – Mit der Liebe zum Durst. Was haben der Esel und das Öl gemeinsam? – Dienstleistungsbewusstsein. Und dann schießt der frisch ernannte Diktator als erste Amtshandlung jene nieder, die ihm zu seiner Macht verhalfen. Elegant gleiten sie darnieder – und stehen gleich wieder auf.

Wie inszeniert man Geschichte? In akribischen Rekonstruktionen wie Milo Rau? Oder als durch die Musikmaschine gedrehte Zitatenschleuder wie andcompany&Co.? Wer kann, wer soll wessen Geschichte erzählen? Immer wieder kreuzen diese Fragen die Bühnen der Gegenwart, und beim Festival Theater der Welt in Mannheim haben sie es nun auf recht besondere Weise getan. "Saddam Hussein – A Mystery Play" des Regisseurs und Dramatikers Yonatan Levy aus Tel Aviv hatte hier Europa-Premiere, und beim Lesen des Programmheftes schon zwinkert man einmal, dass sich da ein Israeli mit dem irakischen Diktator auseinandersetzt. Für Matthias Lilienthal, den Künstlerischen Leiter des Festivals, eine politische Geste: Damit ordne sich Israel, das sich sonst als europäische Insel begreife, im Mittleren Osten ein.

Machtgesten als Kriegstanz

Levy interessiert sich nicht für das Kleinklein der Geschichtsbücher, sondern zeichnet mit einer wüsten Mischung aus Sufismus, Anthroposophie, Husseins eigenen Gedichten im Besonderen und der Poesie im Allgemeinen ein Porträt des irakischen Machthabers. Der heilige Ernst des Geschichtsschreibers ist ihm fremd, dann doch lieber die Zitatenschleuder mit einem guten Schuss überbordenden Aberwitzes darin, der das Mysterienspiel zu einem grotesken Tanz auf dem Vulkan macht – oder besser: auf dem Ölfeld.saddam 560 eyal landesman uDiktator und Doppelgänger in Sufiröcken: Yonatan Levys "Saddam Hussein"
@ Eyal Landesman

Über die Bühne wabern dicke Weihrauchwolken, rote Orientteppiche bedecken den Boden, darauf stehen vier Männer (Amir Farjoun, Nir Shauloff, Saar Székely und Levy selbst). Alle sind sie Saddam Hussein. Sie tragen Schnurrbärte, helle Hemden und rote Barette – und als Störfaktoren keine Hosen dazu, sondern rote Sufiröcke. Sie singen, sie feuern den Diktator an, der sein Land in Brand setzt, und sie tanzen Kriegstänze aus Gesten der Macht: die ausgebreiteten Schwingen des Adlers, die emporgereckten Hände des Siegers, die angelegten Ellbogen des Kriegers. Schließlich heißt es, Hussein habe für seine öffentlichen Auftritte mindestens drei Doppelgänger gehabt.

Saftiges Wortduell mit Knochenlutschen

Auf der Bühne jedoch wirkt seine Macht nicht ungeteilt, sie bricht sich im Chor der Doubles. "Steig zum Öl herab!", beschwören sie ihn eins ums andere Mal, und ein Saddam Hussein wird auf dem Rücken am Boden liegen, zuckend und Öl spuckend, gurgelnd und blubbernd, und er wird flehen, noch einmal an der Mutterbrust von Mama Öl gesäugt zu werden.

Denn eigentlich geht es hier nur um das Erdöl, um die umkämpften Quellen des Irak. Ihrer Herrschaft ist der Herrscher unterstellt, sie hat er zu beschützen. Beispielsweise vor seinem Erzfeind George Bush, Sohn des George Bush. Für beider Herrschaft ist der gegenseitige Hass konstitutiv. In einem ungeheuer komischen Dialog stehen sie nebeneinander und teilen sich eine Zigarette, während sie sich ein saftiges Wortduell liefern, in dem einer dem anderen ausmalt, wie er ihn vernichtet. Hussein verliert. Als Bush sagt, er esse seine Frau, er lutsche ihre Knochen, lässt der Diktator die Schultern hängen: "Irak ist gefallen."

Entlassene Doppelgänger

Obgleich Levy, der in Deutschland weitgehend unbekannt ist, aber schon als neuer Shootingstar gehandelt wird, die arabischen Herrscherinsignien wie Löwenfell, Diamant und Falken zitiert, ist die Macht seines Saddams von vornherein geteilt, zersetzt. Das Bild des verkörperten Bösen, wie es der Westen pflegte, erscheint vielfach gebrochen und perspektiviert, ohne dass die Gewalttaten beschönigt werden. Das Komische ist immer ambivalent, und diese Ambivalenz ist die Stärke dieses überbordenden und ziemlich kruden kleinen Abends.

Und so setze sich ein Mann als Diktator ab: Er, der ohnehin zwischen Leben und Tod wandelte, gestehe mit großer Ruhe seine Niederlage ein – und entlasse seinen Doppelgänger in seine Selbstheit. Soll er doch sehen, wie er allein zu Recht kommt!

 

Saddam Hussein – A Mystery Play
von Yonatan Levy
Regie: Yonatan Levy, Live-Musik: Yiftah Kadan, Harel Gal, Kostüm: Ruth Gwily, Sakrale Tänze: Nataly Turjeman. Licht: Shahar Marom.
Mit: Amir Farjoun, Nir Shauloff, Saar Székeley, Yonatan Levy.
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.theaterderwelt.de
www.hazira.org.il

 

Weitere Nachtkritiken von der diesjährigen Ausgabe von Theater der Welt: X-Firmen von machinaEx, Chris Kondek u.a., Zoo von Manuela Infante, Thyestes in der Regie von Simon Stone, Next Day von Philippe Quesne, Super Premium Soft Double Vanilla Rich von Toshiki Okada und Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann.

 

Kritikenrundschau

Ein wenig ratlos hat Bernd Mand die Halle verlassen, wie er im Mannheimer Morgen (7.6.2014) schreibt. Denn: "Vieles an textlicher Untiefe und sarkastischem Wortspiel lässt sich in der blumigen Lyrik und Herrscherpropaganda als Mitteleuropäer auch trotz der Übertitel leider nur erahnen." Das gepfefferte Beschimpfungsduett zwischen Hussein und Bush gehe allerdings auch ohne kulturelle Übertragung gut auf. "Ansonsten läuft der Abend dramaturgisch betrachtet eher schleppend über die Bühne und verliert sich recht zügig in seinem formalen Stellungsspiel."

"Beklemmung und Irritation stellen sich ein, während man die Inszenierung verfolgt", befindet hingegen Alexander Jürgs in seiner Festivalübersicht in der Welt (8.6.2014). In Israel, so weiß Jürgs zu berichten, solle das Publikum regelmäßig in Gelächter ausbrechen.

"Ausgangspunkt des Spiels sind die letzten Tage des irakischen Diktators, der sich mit drei seiner Doppelgänger in ein Versteck unter der Erde zurückgezogen hat", schreibt Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (10.6.2014). Nicht zuletzt dank der rhythmisch stark betonten Live-Musik wirke das alles sehr suggestiv und ungemein unterhaltsam, auch wenn manches trotz deutsch-englischer Übertitelung unverständlich bleibt. "Höhepunkt ist ein Rede-Duell der beiden Despoten, das in der wüsten Drohung gipfelt, 'eine rauschige Sau wird in deinen Eingeweiden nach Trüffeln suchen'. Bush siegt mit der Replik, 'ich esse deine Mutter'. Der Irak ist gefallen."

 

 
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