Altes Pulverfass Balkan

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Juni 2014. Zwei Schüsse in Sarajevo an einem schönen Sommertag. Nein, nicht jene tödlichen Schüsse vom 28. Juni 1914, als der serbische Nationalist Gavrilo Princip mit seinem Revolver auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin zielt. Sondern unbekanntere in einem Gefecht im August 1878, als Sarajevo nach jahrhundertelanger osmanischer Besatzung durch k.u.k.-Soldaten erobert wird. Wobei die Befreiung je nach Blickwinkel eine neue Besetzung war, die eine Reihe Attentate zur Folge hatte, bis dann über den Umweg vom Balkan aus der Erste Weltkrieg hereinbrach.

Aber über diese Verkettung erfährt man wenig in Hans-Werner Kroesingers neuem Dokumentartheaterabend im Hebbel am Ufer, wo über den Tischen wie Handgranaten aussehende Hängelampen bedrohlich hin- und herschwingen. Ansonsten bleibt diese Geschichtsstunde allerdings ziemlich ungefährlich.

In den Gassen ein Gemetzel

Dabei hat Kroesinger sich in "Schlachtfeld Erinnerung 1914 / 2014" selbst übertroffen, soviel Material ist zusammengetragen. Mit den vier Schauspielern ist er nach Belgrad, Sarajevo und Istanbul gereist. Es wird ein großer Bogen geschlagen von der Schlacht am Amselfeld bis zum Balkankrieg 1992, und nicht nur das. Auch im Kleinen werden hier die Schlaglichter geworfen: Wie der Thronfolger blaßgrüne Federn am Hut trägt, auf die später gezielt wird. Welche Farben die Standarten seines Wagens haben, das Verdeck heruntergelassen. Welche Zigaretten die serbischen Nationalisten rauchten, die sich an der Marke erkennen.
schlachtfelderinnerung 560a davidbalzer uArmin Wieser breitet Fakten aus – und wirft sich dabei mit sympathischem Pathos in
den Text. © David Baltzer

Mit äußerster Detailfreude erzählen die vier Schauspieler, manchmal alle durcheinander, als könnte man damit noch mehr Beschreibungen los werden. Erzählen erst einmal, wie das etwa war bei den Kämpfen im Sommer 1878, wie morgens Nebel über der Stadt liegt, Rauchsäulen aufsteigen, mittags die Verteidigung zu weichen beginnt, sich in den Gassen ein Gemetzel abspielt und am Nachmittag die Reichsflagge über der Stadt gehisst wird.

Wer spricht da eigentlich?

Was sie schildern, macht jedoch nicht klar, wer da eigentlich spricht. Zwar stellen sich die Schauspieler anfangs wie Kongressteilnehmer vor: Damjan Kecojevic, der sein richtiges Manuskript suchen geht, auf Serbisch und Englisch, Lajos Talamonti im weißen Hemd, der den sachlichen Konferenzton am besten beherrscht, oder Armin Wieser, der sich mit stets sympathischem Pathos in den Text wirft und manchmal tatsächlich an den britisch-australischen Historiker Christopher Clark erinnert. Auch an Tischen sitzend werden die Texte vorgetragen, in jenem Berichtsmodus, in den Kroesinger seine Informationen am liebsten packt. Wenn mal Lampen aufblenden oder Papier geblättert wird, symbolisiert das das Recherchieren, aber auch das Verhören – Situationen, die so etwas wie die Suche nach der historischen Wahrheit repräsentieren.

Doch aus welchem Inneren eigentlich gesprochen wird, ist nur mit Ausnahmen klar. Hier tut sich der Abend wesentlich schwerer als etwa zuletzt FRONTex SECURITY, in dem es abgesteckt um die titelgebende Institution und ihre Sprache ging, die sich als Agentur zum Schutz von Europas Außengrenzen versteht.

Die Macht der Redenden

Tatsächlich sind die Momente am stärksten, in denen das Reden der historischen Figuren hör- und sichtbar wird. Wenn Damjan Kecojevic sich wie der reale Attentäter Gavrilo Princip verteidigt: "Wir sind ehrlich und edel, wir sind Idealisten. Wir wollten Gutes tun. Wir sterben für unsere Ideale", oder wenn Talamonti eine Rede von Goebbels zitiert, die das Attentat 1914 zur Rechtfertigung des Kriegs missbraucht, dann wird klar, wie die Redenden die Macht der Deutung in ihren Händen halten.

Die letzten Szenen der knapp zweistündigen Inszenierung gelten der Gedenktafel, die in Sarajevo zu Ehren Princips aufgestellt wurde. Die Inschriften wurden mehrmals geändert, 1991 wurde sie zerstört, 2003 neu angebracht. Talamonti und Wieser tragen das im planen Ton vor, der wenig von der Dramatik der Ereignisse vermittelt. Aber neutral ist er eben auch nicht.

schlachtfelderinnerung 560 davidbalzer uLicht an in der historischen Dunkelkammer: Armin Wieser und Lajos Talamonti
© David Baltzer

Der Balkan wurde bereits 1914 zum Pulverfass, er blieb es, gebeutelt von einem Nationalismus, der dem zersplitterten europäischen Feudalfürstentum im 19. Jahrhundert die Demokratie brachte, um kurz darauf seine böse Fratze und gewalttätige Seite zu zeigen. Das ist die diffuse Botschaft des Abends, der mit einer immensen Materialsammlung zu beeindrucken versucht, aber für die realen Verkettungen, diplomatischen Winkelzüge und politischen Fehleinschätzungen, die den Balkan erschütterten, keine Erzählung findet. Stattdessen verrennt sich der Text in vielen Kleindetails von gewissem Unterhaltungs- aber zweifelhaftem Informationswert. Dass die Vorstellung begleitet wird von einer Ausstellung, für die Regine Dura weiteres Film-, Foto- und Infomaterial zusammengestellt hat, bedeutet da nur noch weitere Anhäufung von Material, das zu keiner Zuspitzung findet.

 

Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014
Regie: Hans-Werner Kroesinger, Dramaturgie/Open Spaces: Regine Dura,
Raum/Kostüm: Valerie von Stillfried, Ausstellungsdesign/Bühne: Dominik von Stillfried, Sound: Daniel Dorsch.
Mit: Benjamin Bajramović, Damjan Kecojević, Lajos Talamonti, Armin Wieser.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Mehr zum Thema Balkan auf dem Theater: Welche seelischen Langzeitlasten die Jugoslawienkriege der Neunziger bei jenen hinterlassen haben, die damals als Kinder aus der Region flohen, davon erzählte jüngst sehr eindringlich Yael Ronens Common Ground am Berliner Gorki-Theater (Premiere im März 2014).

Kritikenrundschau

"Eine Provokation der Aufnahmefähigkeit, für Performer und Publikum" nennt Kirsten Riesselmann den Weltkriegsaufarbeitungsabend in der taz (13.6.2014). Richtig aufgehen tue das Ganze nicht. "Es geht so viel um das Davor und das Danach, dass der Erste Weltkrieg selbst nur als Phantom in den Blick gerät." Offenbar sei Kroesinger "irgendwie in Sarajevo hängen geblieben", wobei er selbst unschlüssig zu sein scheine, ob er jetzt ausschließlich darauf scharfstellen dürfe. "Die Kriterien für seine Materialauswahl zumindest bleiben völlig intransparent", so Riesselmann, was Kroesinger plötzlich als unangenehm allgewaltigen Auteur eines der politischen Ideologie natürlich schön unverdächtigen Mash-up-Zirkus erscheinen lasse. "Und was nach all dem Reiseaufwand und dem in einer Begleitschau von Regine Dura ausgestellten Recherchefuror etwas wenig ist."

"Es ist, als würden Lexika geschüttelt, in der Hoffnung, dass aus dem herauspurzelnden Wissen irgend Leben entstünde", so beschreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (13.6.2014) diesen Abend, der "auf spielerische Elemente" weitestgehend verzichte und im Ganzen auch die These belege, "dass schlimmer als jedes Dogma und jede feste Meinung das völlige Fehlen von Überzeugungen ist". Das Problem sei dabei weniger, dass Kroesinger "auch diesmal wieder die Bühne als Unterrichtsanstalt nimmt", sondern "dass dieser Abend glaubt, sich über die Fachwissenschaften erheben zu müssen, also Genaueres, vielleicht auch Verstörenderes zu liefern als in den Geschichtsbüchern zu lesen ist". Dabei biete er nur eine "ungute Mischung aus Pseudowissenschaft und Pseudotheater, die Pseudoaufklärung betreibt".

 

 
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