Weichsingen des Hirns

von Falk Schreiber

Hamburg, 14. Juni 2014. Exzess ist eine gefährliche Sache. An der Bar in der Kampnagel Music Hall hängt jedenfalls ein Ausschnitt aus einer Klatschzeitschrift mit der Überschrift "Beauty-Killer Alkohol", was einem exzessives Verhalten schon im Vorfeld vermiesen soll. Andererseits sind Beauty, Würde, Struktur ohnehin Konzepte, die man mal hinterfragen sollte, und das "Ja!" zum Exzess ist wohl der erste Schritt zu diesem Hinterfragen.

Hysterische Kiekser bei Dildoattacke

Neal Medlyn hinterfragt. Indem er singt: die größten Hits von Phil Collins, Lionel Ritchie, Prince, grausige Songs teilweise, die die New Yorker "Paris Hilton der Performance-Szene" allerdings mit Inbrunst (und gar nicht mal schlechtem Stimmschmalz) intoniert. Während er bis auf einen ausgeleierten Schlüpper nackt ist. Und tanzt, voller Hingabe. Und von Dildos attackiert wird, denen er mit hysterischen Kieksern ausweicht. Ein hübsches Bild: Ein Schlacks, Ende Dreißig, mit schütter werdendem Haar und leichtem Bierbäuchlein, singt extrem uncoole Achtziger-Hits und hüpft kreischend um Gummischwänze. Nein, um Würde geht es hier nicht.

NealMedlyn 560 NealMedlyn uUm Würde geht es hier nicht: Schlager-Performer Neal Medlyn © Neal Medlyn

Medlyns Performancereihe "Pop Star Series" ist eine Mischung aus Konzert, Theater und queerer Comedy. Vor allem aber ist sie der perfekte Auftakt zum Live Art Festival auf Kampnagel, das bislang den Genrebegriff "Live Art" recht unorthodox auslegte und dieses Jahr unter dem Oberbegriff "Excess yourself" ein Stück weit zurückkehrt zu einer engeren Definition: zu einem Theater, das in den Grenzbereichen von Popkultur und alltäglichen Inszenierungsstrategien eine eigene Ästhetik mit Fokus auf den Livecharakter entwickelt. Medlyns "Pop Star Series" erfüllen diese Genredefinition nahezu mustergültig, wenn der Künstler aus der Popkonzertdramaturgie narrative Formen herausschält und währenddessen sympathisch-trashige Minidramen zwischen Drumkit und E-Piano performt.

Dokutheater = Völkerschau?

Drums und Piano tauchen auch bei Ariel Efraim Ashbels "All white people look the same to me: Notes on the national pornographic" wieder auf. Außerdem: Topfpflanzen. Und eigenartig geometrische Bühnenarchitektur. Das Stück besteht aus kurzen Szenen, mal mit einem Zug ins Clowneske, mal mit einem zeitlupenverzögerten Actionsetting, mal an lebende Bilder erinnernd. Was toll aussieht, aber im Unklaren lässt, wo es eigentlich hin will. Erst nach rund 70 Minuten verwandelt sich die Szenerie, mit einem Schlag sind die Miniaturen aufgelöst, und man befindet sich in einem Vortrag namens "From the Völkerschauen to contemporary documentary theatre". These: Was Theatermacher wie Milo Rau heute praktizieren, wenn sie Laien oder Alltagsexperten auf die Bühne stellen, ist im Grunde nichts anderes als das, was der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck Ende des 19. Jahrunderts machte – das Bedienen eines voyeuristischen Publikumsinteresses.

ArielEfraimAshbel1 560 DavidBaltzer uWillkommen im Menschenzoo: Ariel Efraim Ashbels "All white people look the same to me: Notes on the national pornographic" © David Baltzer

Ashbels Konzept ist extrem selbstbezüglich, aber es ist nicht ohne Raffinesse. Zumal das Stück damit einen hübschen Link herstellt zum letztjährigen Live Art Festival, das unter dem Motto "Zoo 3000" ebenfalls Bezug auf Hagenbecks Völkerschauen nahm – allerdings ohne das böse Zeugnis, das Ashbel der zeitgenössischen Theaterszene ausstellt. Was bei "All white people look the same to me" hingegen in den Hintergrund tritt, ist das Exzess-Thema. Nur kurz vor Schluss singt ein Chor. Und zwar ein Kapitel aus Hegels "Phänomenologie des Geistes", einen Text, den man schon mit massiver Konzentrationsanstrengung nicht sofort versteht. Gesungen wird dieser Text zur reinen Kakophonie – am Ende nimmt man nur noch Vokale war. Exzess als Überforderung, Exzess als Weichsingen des Hirns: Sage niemand, dass so etwas keinen Spaß machen würde.

Schwer verstörendes Gesamtkunstwerk

Weichgesungenes Hirn ist auch eine Spezialität von HGich.T. Das vielköpfige Hamburger Kollektiv inszeniert sich seit acht Jahren als Band mit CD-Veröffentlichungen, Auftritten bei Musikfestivals und Videoclips, funktioniert allerdings fast ausschließlich auf der Performance-Ebene. Musikalisch ist das HGich.T-Programm schwer erträglicher Billigtechno mit betont debilen Texten, die Clips zitieren aber munter aus dem Transgressions-Repertoire von Wiener Aktionismus bis Softporno. Und wenn man dieses bewusst infantile Konzept mit dem akademischen Hintergrund der Protagonisten vermengt (die meisten HGich.T-Mitglieder studierten an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste), erhält man ein schwer verstörendes Gesamtkunstwerk.

Für das Live Art Festival haben HGich.T gemeinsam mit der Wiener Performancegruppe God's Entertainment die Produktion "Niederlage über die Sonne" entwickelt, eine Mischung aus Goa-Konzert und Parcours über das gesamte Kampnagel-Gelände, dessen Durchschreiten einen auf einen Trip mitnehmen soll: "Goa als soziale Praxis." Man kann sich in einen Orgonakkumulator nach Wilhelm Reich setzen, man kann ein Selbstfindungsseminar besuchen, man kann sich in einer Apotheke mit obskuren Pillen eindecken (weswegen die lokale Boulevardpresse Kampnagel vorwarf, mit Steuergeldern Drogenverherrlichung zu betreiben). Praktisch heißt das allerdings, dass man ziemlich viel Zeit damit verbringt, vor den einzelnen Stationen zu warten, bis man endlich eingelassen wird – und nicht überall ist dieses Warten so spannend wie am Eingang zum "Stimulanzreaktor", wo man mit einem hübsch detaillierten Film darüber aufgeklärt wird, wo am weiblichen Körper der G-Punkt zu suchen sei.

GodsEntertainment hoch HGichT uPop-Exzess von Gods Entertainment und HGichT: "Niederlage über die Sonne" © HGichT

Falsche Pillen?

HGich.T und God's Entertainment mögen mit ihrer konsequenten Parallelführung von Theater- und Popmusikstrukturen den Stand der Dinge im Live-Art-Bereich darstellen. "Niederlage über die Sonne" aber ist eine Enttäuschung: weil die Produktion zu groß ist für ihren inhaltlichen Gehalt, weil zu viele Ideen angerissen werden und nichts wirklich zu Ende geführt wird. Ein wenig ärgert man sich hinterher, dass man für "Niederlage über die Sonne" die zeitgleich laufende Produktion "Essay upon projects" der hoch gehandelten Hamburger Gruppe Geheimagentur verpasst hat. Aber vielleicht ärgert man sich in Wahrheit, weil man die falschen Pillen genommen hat. Oder weil man Goa in seiner naiven Hippie-Love-Anmutung ohnehin für eine recht doofe Angelegenheit hält.

Im Grunde baut "Niederlage über die Sonne" auf Einfühlung: Hochreflektierte Künstler aus einem akademischen Kontext fühlen sich in die Goa-Kultur ein, die rein gar nichts mit Reflektion am Hut hat, sondern ausschließlich auf den Affekt setzt. Im Vergleich ist "Giselle – A Spiritual Cyberpunk Ballett" von Halla Ólafsdóttir und John Moström genau umgekehrt aufgebaut: Ólafsdóttir und Moström lassen den Ballettklassiker "Giselle" von 25 Performern interpretieren, die sich in einem gerade mal viertägigen Workshop zusammenfanden. Basis ist ein kanonisierter Stoff, der den auf eine extrem heterogene Gruppe losgelassen wird: Frauen, Männer, Laien, Profis, Alte, Junge. Szenisch überzeugt das Ergebnis vor allem in den Massenszenen, als Auflösung der Grenzen von Handwerk, Geschlecht oder (Tanz-)Hierarchie ist das Konzept aber insgesamt stimmig.

Starke Fokussierung

Und am Ende funktioniert auch die Einordnung ins Gesamtkonzept des Live Art Festivals: dann nämlich, wenn exzessive Tanzbegeisterung einen Kontrapunkt setzt zur strengen Form des klassischen Balletts, mit zu großen Sprüngen, kehligem Lachen und übermütigem Stolpern. Exzess! Ganz ohne Drogen!

Mit seiner sechsten Ausgabe wurde das Live Art Festival von einem echten, mehrwöchigen Festival zu einer Art Themenblock eingedampft, weil eine EU-Förderung weggefallen war. Der Fokussierung auf ein Thema tat diese Schrumpfung allerdings gut: "Excess yourself" deckte von Musik über Theater bis Tanz alle Genres ab, ohne inhaltlich zu zerfasern, die Kuratorinnen Melanie Zimmermann und Nadine Jessen erarbeiteten ein Programm, das immer auf ein Thema konzentriert blieb und das Genre Live Art intelligent fassen konnte. Inhaltliche Konzentration ist zwar genau das Gegenteil von Exzess – aber Exzess killt ja auch die Schönheit (siehe oben), entsprechend: passt schon.
 
Live Art Festival #6: Excess yourself
10.-14. 6., Kampnagel, Hamburg
Mit: HGich.T und God’s Entertainment ("Niederlage über die Sonne"), Neal Medlyn ("Pop Star Series Vol. 1-6"), Ariel Eshraim Ashbel ("All white people look the same to me: Notes on the national pornographic"), Halla Ólafsdóttir und John Moström ("Giselle – A Spiritual Cyberpunk Ballett"), Geheimagentur ("Essay upon projects")

www.kampnagel.de

 
Kommentar schreiben