Die Phantome des Schriftstellers

von Claude Bühler

Zürich, 19. Juni 2014. Wenn der französische Autor Michel Houellebecq sein vereinsamtes Alter Ego gleichen Namens gedankenverloren Sätze hinbrabbeln lässt wie "Sie blasen dir einen ohne Gummi, das war wirklich gut", mag man dies als bloße Provokation oder Banalität abtun. Aber, keine Frage, er will etwas damit. Er setzt sie in seinem jüngsten großen Roman "Karte und Gebiet" von 2010 mit dem Bewusstsein, dass sie treffsicher auf die Schande des Daseins einer hochgebildeten, aber ausdrücklich als depressiv geschilderten Figur hinweisen – die die Not anderer Leute, von Prostituierten, ausbeutet – und deshalb wehtun.

Krankhaft selbstbezogene, westliche Welt

In ähnlicher Weise versetzt Houellebecq einen in Spannung mit seinem anderen Romanhelden, Jed Martin, dessen Aufstieg zum Star der Kunstszene er nachzeichnet und den er am Ende an Darmkrebs verrecken lässt. Gab es für diesen sensiblen und belesenen, offenbar für Frauen attraktiven Mann keine Alternative zur Einsamkeit in einer verwahrlosten Wohnung, zum tagelangen Herumirren in den Straßen von Paris, zum endlich totalen Rückzug in das Landhaus seiner verstorbenen Großmutter, um das er einen stromgeladenen Zaun ziehen lässt? Ein einziges Mal nur zeigt er unwillkürliche Emotion: Er verprügelt die Angestellte einer Schweizer Sterbehilfeorganisation, mit deren Hilfe sich sein krebskranker Vater getötet hatte.

karteundgebiet 560 casparurbanweber uIm Pissoir des Lebens: Maximilian Kraus, Simon Brusis und Janet Rothe © Caspar Urban Weber

Beide Männer sind immer nett, beide sind auf je andere Weise monströs, beide zucken traurig mit den Schultern, wenn sie auf ihre Lebensweise angesprochen werden. Das kann man schon als Befund über eine krankhaft selbstbezogene, westliche Welt lesen, wo einer für die Fotografien von Michelin-Straßenkarten als Künstler gefeiert wird, die aber zu keinerlei positiven oder sonstwie weitergehenden Utopien mehr in der Lage ist. Houellebecq schildert seine Heimat Frankreich nur mehr als Touristenland in einer postindustriellen Zukunft, das die reichen Amerikaner, Russen und Chinesen in die aufgeputzte Provinz lockt. Und als könne so eine Vorstellung nur mit einer Farce enden, lässt er seinen Roman-Houllebecq ausgesucht brutal ermorden und in einem Kindersarg beerdigen.

Ins Krimi-Format gepresst

Von solchen unangenehmen, gesellschaftskritischen Fragen, von einer Konfrontation mit schwer verständlichen, menschlichen Aspekten bleibt das Publikum im Neumarkttheater aber weitgehend verschont. Es hat der todtraurigen Geschichte in einer unterhaltsamen, ja heiteren Inszenierung mit raschen Szenewechseln applaudiert. Chefdramaturg Ralf Fiedler hat in seiner Spielfassung die polizeilichen Ermittlungen im Mordfall Houellebecq, die im Roman dem letzten Drittel vorbehalten sind, über die ganze Stückelänge portioniert. Das hat den Vorteil, dass die Eckdaten von Jed Martins Autisten-Biographie in einer Krimigeschichte rasch abgerollt werden können. Das hat den Nachteil, dass Houellebecqs Vielschichtigkeit in das Genre eines TV-Krimis mit den üblichen Büro-Nervereien allzu eng eingespannt wird. Und dienen die Schilderungen der Ermittlungen und der Ermittler im Roman nicht eher dazu, zu illustrieren, wie hilflos Polizeiorgane den wirklichen Phänomenen des Lebens gegenüber stehen?

Regisseur und Theaterleiter Peter Kastenmüller hat Michel Houllebecq (Martin Butzke) in einen Raum, dessen Wände wie die Wand eines Pissoirs angeordnet sind, weit hinter die Hauptbühne gestellt, von wo er mit dem typischen Riesenseitenscheitel, im typischen Parka, in typischer Weise die Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger haltend seiner Fiktion folgt. Oder seinen Phantomen zuschaut. Nur: Welcher Houellebecq ist das? Der Romanheld oder der "echte" Schriftsteller?

Äußerliche Zitate

Kastenmüller genügt nicht nur da die Wirkung des äußerlichen Zitats. Wenn etwa Jed Martin als letzte Werke nur mehr Pflanzen in mehrfachbelichtetem Verfahren filmt und dies zur Metapher dafür wird, dass am Ende die Vegetation alles besiegen wird, so tritt das ganze Ensemble mit um den Leib gebundenen Ästen und Büschen auf. Das ist doch allzu putzig und versteckt die wesentliche Aussage. Auch dass zu Beginn und am Ende eine Musette anklingen muss, das verpackt das Drama zu sehr in Lokalkolorit.

Eindrücklich ist die Szene gelungen, in der Jed (Maximilian Kraus) und seine Geliebte Olga (Janet Rothe) sich erstmals lieben. Sein Bett besteht aus lauter Radiatoren. Dass der Mann im Leben unbehaust ist, wird so direkt spürbar. Überhaupt die vielen Radiatoren auf der Bühne: Sie sind nicht bloß Buchzitat, sondern Sinnbild dafür, dass für Jed die Welt eine kalte ist und aus anonymen Wärmequellen besteht. Von thematischen Vertiefungen wie diesen hätte man sich mehr gewünscht.
 
Karte und Gebiet
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Regie: Peter Kastenmüller, Textfassung und Dramaturgie: Ralf Fiedler, Bühne: Doris Dziersk, Kostüme: Sara Kittelmann, Film: Tobias Yves Zintel.
Mit: Simon Brusis, Martin Butzke, Maximilian Kraus, Janet Rothe, Yanna Rüger, Heiner Stadelmann.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterneumarkt.ch

Mehr zu Karte und Gebiet, dessen Autor äußerst gerne auf deutschen Bühnen gespielt wird? Die deutschsprachige Erstaufführung besorgte Falk Richter in Düsseldorf 2011, Ali M. Abdullah die österreichische Erstaufführung an der Garage X in Wien 2012.

 

Kritikenrundschau

Enttäuschung gibt Alexandrea Kedves im Zürcher Tagesanzeiger (21.6.2014) zu Protokoll. Aus ihrer Sicht hängt der Abend "furchtbar durch". Denn Peter Kastenmüller trage den Roman inszenatorisch auf Händen: "so, als ob er sich lustvoll durch das Buch blättert, verzückt von den Pointen und Splatterszenen, die er dann eine nach der andern präsentiert, herunterrezitiert. Bloss brauchts lästigerweise noch ein Theater drumherum, das irgendwie zum Laufen gebracht werden muss." Nur einer komme stark herüber: "Martin Butzkes Michel Houellebecq. Bei ihm hat der Furor der Verstörung jenen Esprit, der in den besten Romanpassagen des Franzosen glitzert!" Was sonst noch "glitzert und teils sogar brilliert": die Lichtregie.

Von einem zwar coolen, aber "existenziell leeren Kulturkuchen" spricht Katja Baigger in der Neuen Zürcher Zeitung (21.6.2014). Der ungelöste Mordfall, der im Zentrum des Romans stehe, gleicht aus Sicht der Kritikerin "einer Wunde, die sich nicht schliessen will". Von dieser Leerstelle her rolle der Regisseur den Roman auf. Dramaturg und Co-Leiter Ralf Fiedler habe in seiner Fassung den Fokus auf das Krimi-hafte gelegt, "womit andere Genres wie jene des Gesellschaftsromans oder der Science-Fiction, welche das Buch verschränkt, in den Hintergrund treten." Trotz dem Krimi-Schwerpunkt wird für die Kritikerin auch die Houellebecqsche Depression und seine Lust am Lästern spürbar.

 
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