Lustig, das Zigeunerleben

von Stephanie Drees

Göttingen, 20. Juni 2014. Carmen wirft das Haar in den Nacken. Carmen stampft auf. Carmen springt auf den Tisch. Wie sie ihren roten Rüschenrock in den Händen rafft, wie sie jauchzt, wie sie mit dem Zeigefinger alles Männliche um sich herum heranlockt – diese Frau ist eine wandelnde Geste. "Ja, die Liebe hat bunte Flügel", singt sie im roten Lichtkegel und umkreist ihren Offizier.

In Göttingen scheinen die Dinge an diesem Abend recht klar. Da tobt er über die Bühne, der Inbegriff des weiblichen Lasters. Eine Art rot berüschte Naturgewalt, die über die Leben der Männer hinwegfegt. Oder ist das alles nur Projektion? Durch wessen Augen sehen wir eine der berühmtesten Frauenfiguren des Theaters? Oder, so simpel wie schwierig: Wer ist Carmen?

Carmen mal vier
All das sind spannende Fragen. Sie drehen sich um einen Mythos, über den es sich lohnt nachzudenken. Allein schon deswegen, weil sich in dieser Carmen, wie es so oft der Fall mit mythischen Frauenfiguren ist, viel von dem spiegelt, was als Konfliktstoff seit Jahrhunderten in gesellschaftlichen Konstruktionen steckt – auch über das Konstrukt von Weiblichkeit hinaus. Carmen, das "Zigeunermädchen", verkörpert das Fremde, an den Rand gedrängte und ist doch inmitten einer Gesellschaft, die von Anderen beherrscht wird, die Akteurin, Kämpferin, vielleicht sogar Sinnstifterin.

ayaycarmencita 560 thomasmueller uTanz Carmen, tanz! © Thomas Müller

Der Regisseur Mark Zurmühle interessiert sich offenbar für diese Frau. Darauf deutet in der Göttinger Lokhalle hin, dass es es Carmen gleich in vierfacher Ausführung gibt. Es gibt sie als große Blonde. Klar: femme fatale. Es gibt sie als tätowierte, zierliche Ungestüme. Aha: die Gangsterbraut. Es gibt sie als ältere Dame mit Knoten im Haar. Ja, genau: die Mutter. Und es gibt sie als gestandenes, Weste tragendes Wesen, das keinen Deut auf Weiblichkeitsvorstellungen gibt: die Burschikose, Anpackende.

Großes Showmenü
Diese Seiten der Carmen stehen nun gemeinsam auf der Bühne, und man könnte denken: Da nimmt das Nachdenken doch seinen Anfang. Dann sieht man, wie sich das Ensemble der Wesenszüge in Reihe aufstellt und choreographisch die Bandarbeit der Hauptfigur andeutet – ein Hüftschwung nach rechts, einer nach links, Klatschen, und das Ganze nochmal von vorn. Flamenco in der Fabrik. Mark Zurmühle mag sich für diese Carmen interessieren. Vielmehr interessiert ihn aber die Sättigung der Zuschauer mit dem großen Showmenü.

"Ay! Ay! Carmencita!" ist seine Abschlussinszenierung. Fünfzehn Jahre hat Zurmühle in Göttingen gewaltet und den nicht immer leichten Mittelweg zwischen zeitgenössisch-äshetischer Offenheit und breitenwirksamer Unterhaltung begangen. In Göttingen konnte man unter seiner Leitung Stücke sehen, die klug ausgewählt und doppelbödig inszeniert waren, die im Mantel des Boulevardesken unsere Gegenwart befragen. Die Carmen-Adaption ist eine einzige, im warsten Sinne satte Antwort. An langen, weißen Tischen sitzen die Zuschauer um die Bühne der Lokhalle herum. Eine Spielstätte direkt am Hauptbahnhof, eine große Halle, die noch den Geruch von Maschinen zu atmen scheint. Ein wunderbarer Ort, um Theater aus der Guckkastenbühne zu befreien. Dort, ausgerechnet dort, gibt es zum Abschied einen riesigen, bunten Strauß an spanischem Foklore-Kitsch.

Inbrunst und Flamenco-Rhythmen
Das Ensemble, das sich in den Flamenco-Kostümen ehrgeizig warm und wärmer spielt, tanzt. Auf dem Boden, auf den Stühlen, auf den langen Tischen, auf denen das Geschirr vom Carmen-Catering steht, das man als Zuschauer mitbuchen konnte. Eine Band spielt live und in bunten Kostümen, lustig ist das Bild vom Zigeunerleben. Die Schauspieler singen Stücke aus der Oper, mit viel Inbrunst und noch mehr Flamenco-Rhythmen. Nicht nur die Figur der Verführerin mit "zweifelhafter Herkunft" wird von mehreren Schauspielerinnen verkörpert, auch die Figur des Offiziers, den sie zu sich in die Halbwelt zieht und der schlussendlich zum Mörder wird, ist mit verschiedenen Schauspielern besetzt. Sie alle brechen immer wieder aus ihren Rollen und gehen in die Position des Erzählers und der Erzählerin.

Orientiert hat sich der Regisseur an der Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée, die später die Grundlage der berühmten Oper werden sollte. "Eine szenische Fantasie mit Musik" hat Zurmühle seine Inszenierung genannt. So sehr wie sich hier alle um Leidenschaft und die großen Bühnenmomente bemühen – Fantasien wie diese sollte man manchmal einfach Fantasien bleiben lassen.

Ay! Ay! Carmencita!
nach Prosper Mérimée von Mark Zurmühle
Inszenierung: Mark Zurmühle, Bühne: Eleonore Bircher, Kostüme: Ilka Kops, Musikalische Leitung: Albrecht Ziepert, Choreographie: Catarina Mora, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Gaby Dey, Angelika Fornell, Marie-Kristien Heger, Andreas Jeßing, Benjamin Krüger, Michael Meichßner, Karl Miller, Andreas Daniel Müller, Sarah Schermuly, Anja Schreiber, Musiker: Paulo Cedraz, Hannes Daerr, Viktor Wolf, Sebastian Klose, Takashi Peterson, Tabea Schrenk, Gregor Fuhrmann, Miguel Altamar De La Torre, Jean-Luc Jossa, Daniel Zeinoun, Johannes Böhmer.
Dauer: Zwei Stunden, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

 

Kritikenrundschau

Jonas Rohde schreibt auf der Website des Göttinger Tageblatts (21.6.2014): "Eine schlanke, leichtfüßige, aber stringente Inszenierung, die dem bekannten Stoff und der Institution des Theaters neue Facetten abgewinnen kann". Die "klug und witzig inszenierte Handlung", die "die Künstlichkeit der Theatersituation hervorbrechen" lasse, bilde einen "schönen Gegensatz zu Bizets eigentlich schon veristischer" Oper. Die "prismenartige Zerlegung des komplexen Charakters" der Carmen funktioniere
dank des "großartigen Charakterspiels der Schauspielerinnen". "Weiteren Aufwind" erhalte der Abend durch die Musikeinlagen der siebenköpfigen Band.

Bettina Fraschke schreibt auf HNA.de, dem Internet-Portal der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (20.6.2014): "Ay! Ay! Carmencita!" sei wie ein "Leitfaden durch Zurmühles Art und Weise, Theater, Stadttheater, zu machen": "starke Bilder und eine große Lust, auf der Bühne Menschheitsfragen zu erforschen". Auch die Arena, in der die Spieler von allen Seiten beobachtet werden, sei "exemplarisch für Zurmühle und Bühnenbildnerin Eleonore Bircher". Das Ganze behalte bei aller "optischen Eindringlichkeit" einen "gewissen Forschungs-Charakter", der für Zurmühles Team zum Theater gehört: "Erkunden, was Menschsein ist. Mann und Frau sein. Lieben. Eifersüchtig sein".

 
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