logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Apfelschuss aus dem Zauberkasten

von Georg Kasch

München, 28. Juni 2014. Ach, diese Schweizer: Saturierte Wohlstandsbürger in 60er-Kostümen, steif und umständlich, wie Christoph Marthalers Bühnenfantasien entsprungen, die nicht wissen, wie man das Gewehr richtig hält und erst mal anfangen, dran rumzuputzen, um dann in rockende Männlichkeitsgesten auszubrechen. Ihr Anführer Tell? Ein schlecht gelaunter Pullunderheld, dem seine Frau die Brille aufsetzt, die Krawatte zurechtrückt, die Knarre abnimmt und in der eigenen Handtasche verwahrt – könnte ja noch was passieren.

Europaskeptische Revolutionäre

Schon witzig, was Antú Romero Nunes in seiner Inszenierung von Giacomo Rossinis "Guillaume Tell" sehr frei nach Schiller an der Bayerischen Staatsoper aus dem revolutionären Alpenvölkchen gemacht hat. Die Schweizer Spießer, das sind natürlich nicht nur die anderen: In der Apfelschuss-Szene treten die Habsburger Truppen mit schwarzweiß verfremdeter EU-Fahne auf, statt Geßlers Hut dient hier ein Stierkopf als Verehrungs-Fetisch. Wem nutzen Revolutionen? Wer greift bei separatistischen Freiheitskämpfen eigentlich zu den Waffen und mit welchem Ziel? Sind Europaskeptiker wie die AfD die Schweizer von heute?

guillaumetell4 560 wilfried hoesl uFreiheitskämpfer in Wallung, mit Evgeniya Sotnikova als Tell-Sohn Jemmy © Wilfried Hösl

Das geht erstaunlich gut, obwohl Rossinis 1829 in Paris uraufgeführte Gran Opéra (heißt: Schweiz-Folklore und ausufernde Ballette inklusive) Schillers Freiheitsdrama in Sachen Pathos um nichts nachsteht. Statt des Schiller'schen Nebenpaars Berta und Ulrich gibt's eine standes- und nationenübergreifende Liebesgeschichte zwischen dem Schweizer Arnold und der Habsburgerprinzessin Mathilde – mit reichem, umwerfend schönem Arienertrag. Und aus dem wortkargen Grübler Tell, einem Held umständehalber, wird in der Oper ein Freiheitskämpfer und Anführer, der eloquent für seine Sache wirbt.

Partituren-Umbau

"Guillaume Tell" ist Nunes' Operndebüt – sein Mashup von Mozarts Don Giovanni am Hamburger Thalia Theater zählt nicht, schließlich hatte er da alle Freiheiten, die er sich auch sonst mit Klassikern herausnimmt zwischen Peer Gynt und Die Räuber, wo selten ein Vers auf dem anderen bleibt. In der Oper steht dem eigentlich die Partitur entgegen, die heute meist als sakrosankt gilt. Allerdings besitzt "Guillaume Tell" in voller Länge schon wegen der Ballette eine ziemliche Unwucht, auch gibt es mehrere Fassungen von Rossini selbst (und danach eine ewige Bearbeitungsgeschichte). Also streichen Nunes und Dirigent Dan Ettinger, der das Bayerische Staatsorchester ordentlich in Wallung bringt und die Sänger auf Händen trägt, das Werk radikal zusammen und bauen um – mit packendem Ergebnis.

Von den möglichen vier bleiben nur drei Spielstunden übrig. Der erste Teil endet mitten im dritten Akt in dem Moment, als Tell den Apfel zerschießt. Erst nach der Pause setzt die berühmte Ouvertüre ein, zu der Nunes einen Alptraum aus wilden Masken der Alemannischen Fasnacht choreografiert, aus fies uniformierten Kindern, dann marschieren Männer in Nazi-Breeches auf – der berühmte Marsch-Galopp der Schweizer Soldaten klingelt ja auch ziemlich martialisch.

Düstere Erhabenheit der Alpen

Schließlich stößt das Volk hinzu und formt wie vor der Pause die Apfelschussszene, wo Tell aus der Bühnentiefe mit der gespannten Armbrust auf seinen Sohn an der Rampe und damit ins Publikum zielte und schoss. Der Apfel zerbarst, ohne das der Pfeil im Parkett gelandet wäre – ein typischer Nunes-Trick, gut aufgehoben im Zauberkasten Oper.

Auf die riesige Staatsopernbühne hat Florian Lösche eine nicht minder riesige "Menschenschrottpresse" gesetzt, schwarze säulenartige Röhren, die vertikal die Erhabenheit der Alpen symbolisieren, den Wald andeuten, in einigen Szenen aber auch wie faschistische Kulissen wirken. Einmal, als Arnold von seines Vaters Haus singt, formen sie ein abstraktes Häuschen, dann wieder stampfen sie unerbittlich vor sich hin wie die Kriegsmaschinerie.

guillaumetell2 560 wilfried hoesl uApfelschuss vor Röhrenalpenpanorama © Wilfried Hösl

Eine beeindruckend mehrdeutige Erfindung – die in dem Moment in Peinlichkeit umschlägt, als sie in einigen Arien zu tanzen beginnt, als bräuchte es für die innere Bewegung der Protagonisten noch eine äußere Entsprechung. Mit diesen handlungsarmen Emotionsinseln fremdelt Nunes, da lässt er die Sänger allenfalls Operngesten zuspitzen. Nicht beim großartigen Michael Volle, der neben seinem Prachtbariton auch ein ausgeprägtes Spieltalent besitzt, aber der muss ja auch nicht minutenlang akrobatisch gurgeln wie Marina Rebeka und Bryan Hymel als verhindertes Traumpaar – das bei allem vokalen Glanz schon mal ins Händeringen verfällt.

Starke Bilder

Dass dieser "Guillaume Tell" Nunes' Opernerstling ist, macht sich vor allem beim Chor bemerkbar, der zwar individuell aufgemotzt ist, sich aber ziemlich flächig von links nach rechts schiebt und szenisch im Detail versagt, wenn etwa erhobene Arme erschütternden Schmerz ausdrücken sollen. Was bei einer derart ausgeprägten Chor-Oper natürlich besonders auffällt. Dennoch macht der Abend Lust auf mehr. Aus dem Schauspiel ist der 30-jährige Nunes nicht mehr wegzudenken. Wenn es ihm gelingt, zu den vielen starken Bildern die Figurenregie auch in den statischen Momenten zu knacken, dürfte es ihm im Musiktheater ähnlich ergehen.


Guillaume Tell
von Gioachino Rossini
Libretto von Etienne de Jouy und Hippolyte Bis nach Friedrich Schiller
Inszenierung: Antú Romero Nunes, Musikalische Leitung: Dan Ettinger, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Annabelle Witt, Licht: Michael Bauer, Mitarbeit Inszenierung: Johannes Hofmann, Produktionsdramaturgie: Rainer Karlitschek, Chöre: Sören Eckhoff.
Mit: Michael Volle, Bryan Hymel, Goran Jurić, Christoph Stephinger, Evgeniya Sotnikova, Günther Groissböck, Kevin Conners, Enea Scala, Christian Rieger, Marina Rebeka, Jennifer Johnston.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.bayerische.staatsoper.de

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (30.6.2014) wirft Marco Frei Nunes Aktionismus vor und schreibt: "Nunes deutete viel an, dachte aber nichts konzis zu Ende." Statt klar zwischen Gut und Böse zu trennen, wie dies bei Rossini geschieht, wolle er neutral bleiben – "wofür er mit dem Material von Rossini recht frei umging". Zum Beispiel zur Idee, die Ouvertüre in den dritten Akt zu verlegen, schreibt Frei: "Es hätte ein guter Einfall sein können, wenn sich die Regie nicht im abstrakt-banalen Säulenreigen der Bühne von Florian Lösche verirrt hätte."

Nunes sei "zwar einer der tollsten Regisseure der deutschsprachigen Theaterszene, aber auch einer der vielbeschäftigtsten", schreibt Manuel Brug in der Welt (30.6.2014) und fragt sich: "Muss jemand, der sich bisher durch Reduktion und Minimalismus ausgezeichnet hat, als Musiktheateranfänger ausgerechnet auf einen der schwierigsten Achttausender der ganzen Opernliteratur losgelassen werden? Und das auch noch zur zusätzlich Druck machenden Glamoureröffnung des Roten-Teppich-Events Opernfestspiele?" Nunes sei nicht gescheitert, aber gewonnen habe er auch nicht. "Die Regie hat Respekt vor dem Arienmonster, fasst sie diesen "Tell" kaum an, nähert sich ihm nur ängstlich und bleibt in Klischees wie Mätzchen stecken." Sicher, Florian Lösches Wald/Mauer/Irrgarten-Einheitsmetaphern-Bühne sehe berückend aus. "Doch die Kompositionen nutzen sich schnell ab, da sie zu eindeutig, bzw. zu beliebig sind: Rossini schaut bald in die Röhre." Stattdessen erlebe man eine "Dauervorführung der perfekt funktionierenden Münchner Punktzüge".

"Rossinis 'Tell' ist fast nie ganz, und auch sonst nur selten zu erleben. Was nicht nur an der Länge und den teils aberwitzig schweren Partien liegt. Sondern auch an dem unerträglichen Patriotenpathos, das ungefiltert durch das Stück schwappt", schreibt Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (30.6.2014). Aber München könne, erstens, diese Rollen mehr als achtbar besetzen, "und zweitens unterläuft der junge und im Sprechtheater längst durchgestartete Regisseur Antú Romero Nunes dieses Pathos mit Intelligenz, Können, Gelassenheit, Hintersinn und subtiler Komik". "Dass er ausgebuht wird, gehört zur rätselhaften Folklore des Hauses." Wie viele jüngere Regisseure habe Dunes "die Lehren des Regietheaters verinnerlicht". Anderseits respektiere er das traditionelle Rampengestehe der Oper. Der Mix aus beidem mache den neuartigen Reiz solcher Inszenierungen aus.  Nunes erzähle ohne zu beschönigen von einem Aufstand, der wider alle Wahrscheinlichkeit gelingt, wobei er jeden Heroismus meide und die Beteiligten als Alltagsmenschen mit all ihren Macken und Ängstlichkeiten zeige. "So lässt sich diese Inszenierung durchaus als distanziert ernüchterter Kommentar zu den derzeitigen Aufständen und Unabhängigkeitsbewegungen weltweit lesen."

"So angenehm quietsch- und schepperfrei, so reibungs- und lautlos haben wir solcherart protzige Monumentalbauten noch nie auf der Bühne in Bewegung erlebt", schreibt Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11. Juli 2014) über das Bühnenbild. "Dafür übertönen sie aber mit ihrem riefenstahlästhetischen Überwältigungspathos einfach alles, was aus dem Graben, aus den Kehlen kommt." Die "Lösche-Röhren" erdrückten und erdrosselten die lebendige Aktion – und die Musik. "Oft bleibt nur ein schmaler Streifen frei, vorn an der Rampe, wo Regisseur Antú Romero Nunes die großartig-beweglichen Volkschöre dieser Freiheitsoper zu starren Tableaus zusammenstaucht, aus denen einzelne Akteure sich lösen, von links nach rechts spazieren oder aber alle miteinander im Gegenlicht erstarren, mit Fackeln oder Waffen fuchtelnd, als wär’s ein antiker Fries." Nunes wolle den Augenblick festhalten, so Büning. Er misstraue der Oper in Bewegung. "Aber Musik ist nun einmal eine Bewegungskunst."