Facetten des rastlosen Wahnsinns

von Lea Kosch

München, 5. Juli 2014. Es war ein kühnes Vorhaben. Dass es das werden würde, konnte allerdings keiner voraussehen. Als am Freitag um 18.00 Uhr im Marstalltheater das Licht erlosch für die erste der sechs Premieren an diesem Wochenende, ertönte exakt im selben Moment in Brasilien der Startpfiff für das Viertelfinale der Fußball-WM Deutschland gegen Frankreich. Umso überraschender: Der Marstall war fast bis auf den letzten Platz besetzt. Offenbar gibt es in München noch genügend Menschen, die ein Theaterfestival dem Sportspektakel vorziehen oder zumindest bereit sind, zugunsten der Kunst einmal darauf zu verzichten.

Und etwas Beachtliches hatte sich das Residenztheater für seine zweite Ausgabe des Festivals Marstallplan vorgenommen. Zwei Tage, sechs Premieren. Mit hohem Experimentier-Charakter, denn für einige der sechs jungen Regisseure war das die erste Inszenierung überhaupt.

Faust II für die jungen Regisseure

2012 gab es den Marstallplan zum ersten Mal, damals stand das Mini-Festival unter dem Motto "Hochstapelei". Dieses Mal waren die Regie-Neulinge dazu aufgerufen, rund um den "Faust II"-Stoff kreativ zu werden.

Nun gehört der zweite Teil der goetheschen Menschheitsparabel bekanntlich zu den schwersten Stoffen, die die deutsche Literatur so zu bieten hat und wird daher auch nicht allzu oft auf die Bühne gebracht. Auch Resi-Intendant Martin Kušej beschränkte sich in seiner dreistündigen Faust-Inszenierung (Premiere 5. Juni 2014) auf der Tragödie ersten Teil. Mit Teil II durften sich nun die jungen Wilden herumschlagen.

Diese Herausforderung haben sie sehr unterschiedlich gelöst. Mal wurden nur einzelne Motive aufgegriffen, mal hat man sich an den Originaltext gewagt. Und wieder andere Inszenierungen lassen nur sehr entfernt Anleihen an Goethe durchscheinen.

Griechenland in der Finanzkrise

Den Anfang macht Sarantos Zervoulakos mit seiner Inszenierung "Grieche sucht Griechenland". Das liegt nicht so fern, denn Zervoulakos ist selbst Grieche. Und wie wohl die meisten Europäer beschäftigt ihn ganz offensichtlich die Finanzkrise seines Landes. Die ist auch Thema seines Stückes. Da prallen Goethes Traum von Griechenland (das im 18. Jahrhundert, als der Dichter seine Iphigenie auf Tauris verfasste, nicht einmal als Staat existierte, da es Teil des Osmanischen Reichs war, wie uns die Inszenierung lehrt) und das heute bankrotte Griechenland aufeinander.

marstallplan griechesuchtgriechenland1 560 foto thomasdasuber uZerren am Landesbild: "Grieche sucht Griechenland" © Thomas Dasuber

Insgesamt entpuppt sich "Grieche sucht Griechenland" immer mehr als Schulstunde – zum Sturm und Drang, zu Helenas antikem, stolzem Griechenland, zum Verhältnis zwischen den Deutschen und den Helenen damals und heute. Dabei switchen die vier Schauspieler etwas abrupt hin und her zwischen Erklär-Modus und halbherzig gespielten Szenen aus dem Leben von Goethe und aus seiner "Iphigenie".

Schwarz-weißes Metatheater

Viel weniger konkret mutet die Arbeit "Vorbei! – Verweile!" von Jakub Gawlik an. Sehr viel Meta-Ebene, sehr viel schwarz-weiß, sehr leere Bühne. Der Regieassistent des Resi fragt sich in seiner "Faust II"-Annäherung: Was passiert mit Faust, wenn ihn niemand mehr spielen kann? Wie genau hat Gretchen ihr Baby getötet?

In einem grausamen Verhör muss sie den Kindesmord haargenau schildern. Gawlik sucht konkrete Antworten auf philosophisch-religiöse Fragen (Gott und Teufel – wo sind die? Links oben? Oder rechts unten?) und kreiert einige sehr anrührende Momente (vor allem der Anwesenheit eines Hundes und eines kleinen Jungen zu verdanken). Vieles in seiner kargen Inszenierung aber wirkt gewollt reflektiert und am Ende auch unfertig.

Grenzgänger Mensch

Von der puristischen Trostlosigkeit wird der Festival-Zuschauer alsdann hineinkatapultiert in eine Show der guten Laune und der perfekten Unterhaltung. Gregor Turecek, ebenfalls Regieassistent am Haus, erinnert mit seiner Arbeit "Taken From Real Life" an futuristische Androiden-Filme wie "Blade Runner". Menschen werden hier zu moralisch einwandfreier Ware, die der Meistbietende ersteigern kann. Angelehnt an die Figur des Homunculus aus dem 2. Akt in "Faust II" erschaffen zwei roboterähnliche Menschen einen dritten künstlichen Artgenossen.

marstallplan takenfromreal1 560 foto thomasdasuber uMenschlich einwandfreies Material: "Taken From Real Life" © Thomas Dashuber

Die Idee ist alles andere als neu und steht in harter Konkurrenz zur legendären "Rocky Horror Picture Show". Überzeugend ist bei Tureceks Inszenierung die Ästhetik. Die gesamte Aufführungsdauer über regnet es leuchtende Wurfgeschosse von der Galerie. Und wenn Genija Rykova und Jens Atzorn knapp bekleidet in einem blinkenden Karren Burgerfleisch anbraten und dabei wieder und wieder dieselben Phrasen für ein glückliches Leben ("völliger Reichtum und Wohlstand in allen Bereichen") herunterbeten, ist das durchaus komisch. Die Inszenierung hält, was sie verspricht – eine Show, die bestens unterhält.

Faust ist tot

Christoph Todt hat sich für seinen Beitrag zum Marstallplan als einziger eine bereits bestehende "Faust"-Adaption ausgesucht: "Faust ist tot" des englischen Dramatikers Marc Ravenhill. Die Inszenierung ist ebenso abgründig, wie man es von Ravenhill-Stücken gewohnt ist. Zwei Männer, ein Philosoph, der keine Lust mehr hat auf die akademische Welt, und ein Hacker, dem sein Vater auf den Fersen ist, treffen zufällig aufeinander und brechen gemeinsam aus ihrem bisherigen Leben aus.

marstallplan faustisttot1 560 foto thomasdasuber u Parcours aus Lebens- und Spaßresten samt Sex, Drugs, Rock 'n' Roll: "Faust ist tot"
© Thomas Dashuber

Sie testen so ziemlich alle Grenzen aus, die es gibt – Drogen, Sex, Gewalt. Dann kommt ein Dritter ins Spiel und am Schluss gibt es Tote. Faust und Mephistos Reigen des uneingeschränkten Tabubruchs sind in Ravenhills Figuren wiederzuerkennen. Und Shenja Lacher und Franz Pätzold agieren toll als düsteres, nicht zu bremsendes Faust-Mephisto-Paar der Jetzt-Zeit.

Experimentier-Spielwiese

Am zweiten Tag des Marstall-Festivals gibt es nochmal zwei Premieren. Eigentlich hätten es drei sein sollen, doch eine ist nicht fertig geworden. Das ist aber nicht weiter schlimm, schließlich soll der Marstallplan ein Ausprobier- und Experimentier-Spielwiese für die angehenden Regisseure sein. Die Inszenierung der Schweizerin Magali Tosato können die Festival-Besucher zwar nicht sehen, wohl aber ihr Bühnenbild. Das schmückt nicht zu übersehen den Marstallplatz – in Form einer überdimensionalen Weißwurst. Was die mit Faust zu tun hat, erschließt sich einem als Besucher allerdings nicht wirklich.

So finster wie die Freitagnacht mit Ravenhill geendet hat, geht es am Samstag mit Patrick Steinwidders "Final Faust II Fantasy" weiter. Faust findet sich mit der Diagnose Persönlichkeitsstörung festgeschnallt auf einer Liege in einer schaurigen psychiatrischen Anstalt wieder. Im Delirium verfolgt ihn die Schuld an Gretchens Tod, mit seinem eigenen Blut malt er das Wort an die geflieste Wand, bevor ein Kissen der Krankenschwester auf seinem Gesicht ihn von seinem Leid befreit ("Wer immer strebend sich bemüht, // Den können wir erlösen."). Faust steigt auf in höhere Sphären. Steinwidders Übertragung des Originaltextes in die Klinik-Situation geht auf, erschöpft sich allerdings rasch.

Alle Mittel, viel Mühe

Der Marstallplan endet mit der aufwändigsten der sechs Produktionen. Christoph Hetzenecker hat für seine allererste Regiearbeit keine Mühen gescheut. Die Musik in seinem selbst konzipierten Singspiel "Mefistocks" hat er eigens komponieren lassen (Rudolf Gregor Knabl), überfrachtet seine Inszenierung mit so ziemlich allen theatralen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: Schwarzer Schnee, riesige Projektionen, Nebel, Auftritte von der Galerie – nichts darf fehlen in dem Kitsch-Musical über den vom mephistophelischen Kapitalismus verseuchten Bankenmanager-Faust, der die Lust an seinem Reichtum verloren hat und neue Lebensfreude in seiner Liebe zu Gretchen findet, die ihn einige Momente vorher noch umbringen wollte, um die Welt von Unheil zu befreien. Bei all dem platten Pathos und der Statik während der zahlreichen Gesangseinlagen kommt man nicht umhin sich zu fragen, wie ernst das alles gemeint sein kann. Ein Minimum an ironischer Brechung hätte dieser Inszenierung gut getan.

marstallplan mefistocks2 560 foto thomasdasuber uGretchens Shutdown: "Mefistocks" © Thomas Dasuber

Dann werden die Zuschauer in die milde Walpurgisnacht entlassen und beginnen später unter dem riesigen Kronleuchter auf dem Marstallplatz zu Balkan-Beats zu tanzen. Etwas faustisch Düsteres, rastlos Suchendes steckte in jeder der sechs Inszenierungen. Am überzeugendsten aber waren die Ansätze, in denen der Goethe-Text lediglich als Assoziationsanstoß diente für etwas ganz Eigenes. Innovative Regie-Ideen hatte der diesjährige Marstallplan nur wenige zu bieten. Vielleicht müssen die Jungen erst noch an ihrer Wildheit arbeiten.

Grieche sucht Griechenland
Regie und Konzept: Sarantos Zervoulakos, Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm, Dramaturgie: Veronika Maurer.
Mit: Valerie Pachner, Lukas Turtur, Ulrike Willenbacher, Manfred Zapatka.

"Vorbei! – Verweile"
Regie und Konzept: Jakub Gawlik, Bühne: Marina Felix und Peter Schloss, Kostüme: Katja Kirn, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Götz Argus, Valery Tscheplanowa, Simon Werdelis.

Taken From Real Life. Eine Show.
Regie und Konzept: Gregor Turecek, Bühne: Maximilian Lindner, Kostüme: Johanna Hlawica, Choreographie: Johanna Richter, Dramaturgie: Christina Hommel und Götz Leineweber.
Mit: Genija Rykova, Andrea Wenzl, Jens Atzorn.

Faust ist tot
von Marc Ravenhill
Regie: Christoph Todt, Bühne: Svetlana Klee, Kostüme: Nina Hoffmann, Dramaturgie: Angela Obst Mit: Shenja Lacher, Franz Pätzold, Simon Werdelis.

Final Faust II Fantasy
Regie und Konzept: Patrick Steinwidder, Bühne und Kostüme: Bob Bailey, Sounddesign: Alexander Zahel, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Guntram Brattia, Sophie von Kessel, Sonja Viegener.

Mefistocks. Eine musikalische Spekulation
Regie und Konzept: Christoph Hetzenecker, Musik: Rudolf Gregor Knabl, Text: Martin Harbauer, Bühne: Bärbel Kober, Kostüme: Cátia Palminha, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Katharina Pichler, Katrin Röver, Wolfram Rupperti.

www.residenztheater.de

 

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