Save my beer

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 9. Juli 2014. Durch einen mit Stacheldraht gekrönten Zaun gelangt man zur Turnhalle des ehemaligen US-Hospitals am wenig attraktiven Südrand Heidelbergs. Konventionelles Theater ist hier nicht zu erwarten; Darsteller, die Rollen verkörpern oder Dialoge sprechen, wird hier niemand verlangen. Aber oh Wunder: Was an diesem ungewöhnlichen Ort geboten wird, ist so innovativ und experimentell wie eine katholische Sonntagsmesse. Nicht ein Einfall, den man nicht anderswo schon gesehen hätte, nicht ein Augenblick der Überraschung. Stattdessen: ein permanenter Déjà-vu-Effekt und eine Ästhetik der Beliebigkeit.

Von 1945 bis zum Krieg gegen den Terror

Das Theater Heidelberg kündigt "Conversion_1", der in der kommenden Spielzeit eine "Conversion_2" folgen soll, als "eine deutsch-amerikanische Chogeographie in Zusammenarbeit mit der costa compagnie" an. Was genau bedeutet hier "Zusammenarbeit"? Das Theater stellt seine Infrastruktur zur Verfügung und sichert, unterstützt vom Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes, der genau solche Kooperationen fördert, die Finanzierung, wie das immer häufiger auch koproduzierende Festivals tun. Das Ensemble und die Mitarbeiter samt Autor-Regisseur Felix Meyer-Christian liefert, mit einer geringfügigen Beteiligung des Heidelberger Theaters an Choreographie, Performance und Dramaturgie, die Hamburger costa compagnie, die das Projekt grundsätzlich auch in Hamburg, Berlin oder in Mainz verwirklichen könnte, wo man vermutlich lediglich wegen des regionalen Stoffs geringeres Interesse daran hat.

conversion 560 florianmerdesuTanz in der Turnhalle – Spielort von "Conversion_1" ist ein ehemaliges US-Hospital
am Südrand von Heidelberg. © Florian Merdes

Anlässlich des Abzugs von 8000 Soldaten der US-Armee aus Heidelberg im Sommer 2013 hat das Team 32 Amerikaner und 25 Heidelberger interviewt, die hier mit US-amerikanischen Armeeangehörigen Kontakt hatten. Die Erinnerungen reichen vom Einmarsch der US Army im Jahr 1945 bis zum "globalen Krieg gegen Terror" im Irak und in Afghanistan und sind mal gestelzt ("Sie schrieb, hier finde sie den unerschütterlichen Glauben an das Amerikanische Narrativ wieder. Der Glaube an die Richtigkeit und die moralische Bestimmung des eigenen Handelns, auch wenn die Folgen und Konsequenzen nicht vollends vorausgesehen und berücksichtigt werden können oder werden sollen"), mal eher kolloquial ("And one of the things I did after the first bomb went off, I told the bartender: 'Save my beer. Would you?'"). Die Darsteller sprechen auf Deutsch und Englisch Auszüge aus diesen Interviews in Mikrophone. Hinzu kommen Projektionen, die Homevideos ähneln: Menschen, die in die Kamera schauen, Straßenszenen. Das geht so etwa zwanzig Minuten, bis die Regie offenbar merkte, dass Theater hier nichts leistet, was der Dokumentarfilm nicht besser kann. Die Recherche jedenfalls ist besser gelungen als die szenische Umsetzung.

Ästhetik des Déjà-vu

In der Folge sieht man von den beteiligten Tänzern selbst entwickelte minimalistische Choreographien, die in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Text stehen. Das wirkte vor zehn Jahren noch irritierend und, wenn es von guten Tänzern ausgeführt wurde, faszinierend. Aber mittlerweile ist das Bestandteil jeder zweiten Inszenierung, egal, worum es geht, wie einst die Trenchcoats und die Schlapphüte. Ästhetik des Déjà-vu. Begleitet werden Tanz und Rezitation durch ein Ostinato von Einzeltönen und -geräuschen aus den Boxen.

Dann ist die Zeit für das Mitmachtheater reif. Die Zuschauer müssen von ihren Papphockern aufstehen und die Seiten tauschen wie beim "Bäumchen wechsel dich" der Kindheit, während ein ferngesteuerter Flugkörper unter der Decke kreist. Wenn das demonstrieren sollte, wie artig das Publikum jeder Anweisung gehorcht, dann ist die Rechnung aufgegangen.

conversion2 560 florianmerdes uTanz und Rezitation vor Tierbildern: Lee Meir, Elena Nyffeler, Ana Laura Lozza, Toni Jessen.
© Florian Merdes

Fusion von Stadttheater und Freier Szene

Das Heidelberger Projekt fügt sich bruchlos in die Tendenz, Freie Gruppen zeitweilig oder auch kontinuierlich an größere, subventionierte Häuser zu binden, um dem reflexartigen Vorwurf eines antagonistischen Gegensatzes zwischen angeblich veraltetem Stadttheater und zeitgemäßen Freien Gruppen zuvorzukommen. Dass diese Unterstellung Unsinn ist, lässt sich auch ohne solche Kooperationen leicht belegen. Auf der einen Seite bieten die meisten Tourneetruppen oder Sommertheater, die ihrer Organisationsform und ihrem Finanzierungsmodell nach den Kriterien für Freie Gruppen entsprechen, aber auch manche Freie Gruppen im engeren Sinne erzkonservatives Theater an, auf der anderen Seite sind Spielformen und Verfahren, die einst als signifikant für Freie Gruppen galten – vom kollektiven Entwickeln der Texte und szenischen Realisierungen über die Suche nach unkonventionellen Spielstätten und die Beteiligung des Publikums bis hin zum Anspruch auf unmittelbare politische Einmischung –, nicht nur bei René Pollesch, Jan Neumann oder Volker Lösch, längst in den Stadttheatern angekommen.

Dass diese (noch) von der öffentlichen Hand subventioniert werden, sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Die Hoffnung, dass bei Schließung von Theatern eingesparte Mittel den Freien Gruppen zufließen, erweist sich in der Regel als trügerisch. Die hitzigen Debatten um das gültige Theater, wo es in Wahrheit um den Zugang zu den Fleischtöpfen geht, nützen weder den Stadttheatern, noch den Freien Gruppen. Ob freilich die Fusion anstelle des Bekenntnisses zur Vielfalt, zum Nebeneinander unterschiedlichster Möglichkeiten die richtige Antwort ist, bleibt auch nach dem Heidelberger Experiment offen.

 

Conversion_1
von Felix Meyer-Christian
Regie: Felix Meyer-Christian, Bühne: Eylien König, Kostüme: Paul Sebastian Garbers, Video: Jonas Plümke, Audio: Katharina Kellermann, Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki, Sonja Winkel.
Mit: Paolo Amerio, Ana Laura Lozza, Lee Meir, Toni Jessen, Elena Nyffeler.
Dauer: 1 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Die Diskussion um das Verhältnis von Stadttheater und Freie Szene wurde auf nachtkritik.de mehrfach aufgegriffen – hier das Dossier zur Stadttheaterdebatte mit gesammelten Positionstexten. Auch der Heidelberger Intendant Holger Schultze hat sich in der Debatte unlängst zu Wort gemeldet, zusammen mit seiner Dramaturgin Lene Grösch – ihr Plädoyer fürs Stadttheater.


Kritikenrundschau

"Kann man aus der Vergangenheit überhaupt Erkenntnisse für die Zukunft ziehen? Oder wiederholt sich Geschichte ohnehin nie?" Die Costa Compagnie stelle diese Fragen sehr deutlich und zeige in vielen Sequenzen, "dass es 'die' historische Wirklichkeit, geschweige denn eine dokumentierte Wahrheit, nicht gibt", schreibt Ingeborg Salomon in der Rhein-Neckar-Zeitung (11.7.2014). Der Künstlerische Leiter Felix Meyer-Christian setze die Mitglieder der Costa Compagnie eindrucksvoll in Szene, "besonders die Tanz-Szenen zeugen von großer Professionalität."

Special Effects, Tanzeinlagen und hübsche Lichtstimmungen könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese erste Arbeit des Konversionsprojektes auf hohem Niveau ihr Thema verfehlt habe, schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (11.7.2014). Der Abend trage, solange hinter den Texten Menschen mit persönlichen Erinnerungen zu erkennen seien. Leider saufe das "über weite Strecken aktionistisch ratlose Geräume und Gelese" aber im Ganzen "gehörig ab", weil die Zusammenfassung der Interviews hohe dramaturgische Collagenkunst statt menschliches Zeugnis sein wolle.

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Conversion_1, Heidelberg: über Arbeit, nicht über Förderung schreibeni wonder 2014-07-10 15:55
ich wunder mich darüber, dass in nachtkritiken häufig über die einmischung der (jungen) freien szene ins stadtheater geschimpft wird. (s. i can be your hero baby in leipzig). anscheinend liefern die doppelpass projekte den autoren eher material zur besorgnis über diese kooperationen, als dass sie die produktionen besprechen. denn ob ein regieassistent eine konventionelle produktion auf der kleinen bühne vergeigt oder eine freie gruppe dasselbe an einem fremden spielort tut, ich finde sie haben doch beide das recht, dass über ihre arbeit und nicht über ihre förderung geschrieben wird. vielleicht regen sich die kritiker aber einfach über sich selbst auf, weil sie hoffen an dem theaterfremden spielort eine neue theaterperle zu heben und können ihrer enttäuschung dann nur luft machen indem sie mal ganz grundsätzlich werden. mir helfen diese kritiken leider nicht weiter um zu verstehen, was denn jetzt in dieser turnhalle stattgefunden hat. das einzige was hängen geblieben ist, dem kritiker hats nicht gefallen und er findet das stadttheater duffte. deswegen hab ich die kritik aber nicht gelesen. und ich wunder mich über den letzten absatz der kritik der für mich aussagt, stadttheater solle man nicht schliessen, freie gruppe wollen ihnen ans geld, fusion sei aber wie man sieht auch nichts. ein trauriges, fast jammerndes fazit, das nirgendwo hinführt. eine mäkelkritik.
#2 Conversion_1, Heidelberg: in Heidelberg was BesonderesSusanne 2014-07-10 16:37
Ich sehe nicht ganz, welchen Nachteil diese Form von Kooperation zwischen Stadttheater und freier Szene für die einen oder die anderen hat, wenn sie als eine Möglichkeit unter vielen gesehen wird Theater zu machen. Im Fall des Heidelberger Theaters und der costa compagnie sehe ich allein schon darin einen Gewinn für Heidelberg, dass hier überhaupt einmal eine Performance wie CONVERSION_1 zu sehen ist. Sicher gibt es, gerade in größeren Städten viele freie Gruppen, die mit Video, Audio, Tanz und dokumentarischer Form arbeiten, in Heidelberg aber nicht. Ist doch toll, dass ein städtisches Theater sich darum bemüht so eine Arbeit zu zeigen, die es alleine ja auch eher nicht leisten könnte - oder gibt es ein Stadttheater von der Größe dessen in Heidelberg, das aus eigener Kraft einem Regisseur über Monate ein Team von Künstlern an die Seite stellen kann, die dann vor sich hin recherchieren und experimentieren und daraus langsam ein Stück entwickeln? Im Repertoirebetrieb? Ich finde nämlich das ist schon etwas anderes als die (auch sehr tollen und nur selten in Heidelberg anzutreffenden) Polleschs etc.
#3 Conversion_1, Heidelberg: Zustimmungfre 2014-07-10 16:52
@1 absolute zustimmung zu diesem kommentar!
die kritik spricht weder über die inszenierung noch fügt sie in irgendeiner weise brauchbares zu debatte hinzu
#4 Conversion_1: Armut macht nicht kreativInga 2014-07-10 17:50
Auch ich empfinde es als in der Begriffswahl daneben gegriffen, dass hier immer wieder vom "Zugang zu den Fleischtöpfen" gesprochen wird. Denn um das Thema "Hunger" geht es im Bereich der Kultur dann doch wohl eher nicht. Oder vielmehr geht es darum, dass Künstler - egal ob freie Szene oder Stadttheater - eben auch von etwas leben müssen. Armut macht eher selten kreativ, auch wenn der Spitzwegsche Poet uns genau das suggerieren will.
#5 Conversion_1, Heidelberg: weg von der Eindeutigkeit, hin zur FormJens 2014-07-10 18:25
Wenig attraktive Vorstädte und katholische Sonntagsmessen? Nun gut, neben der hitzigen Debatte um die Förderungsstruktur kam ich an den Ort, da ich auf dem Flyer etwas von einer essayistischen Dokumentation und einer Choreographie gelesen hatte. Und die gab es dann auch, anstelle von Theater oder Dokumentarfilm. Und zwar u.a. mit dem Publikum, indem man sich immer wieder in neuen Formationen, Perspektiven und Räumen wiederfand und sich innerhalb der unterschiedlichen Mittel einen eigenen Weg durch die Geschichte in die Gegenwart bahnen konnte, ohne dabei die Welt erklärt zu bekommen. Und weg von der Eindeutigkeit und hin zur Form ist etwas, was ich wiederum von einer freien Gruppe erwarte.
#6 Conversion_1, Heidelberg: Frage nach angemessener ErinnerungJM 2014-07-11 01:06
Es war für mich eine sehr klug durchdachte Performance, die mich zum Nachdenken über den Ort (Halle bzw Kaserne),der damit verbundenen Geschichte und über die Frage nach einer angemessenen Erinnerung an diese anregte.
#7 Conversion_1, Heidelberg: großartige ArbeitLen. Pappe 2014-07-17 05:10
Kritik basiert auf einer subjektiven Perspektive und nach dem Lesen dieser hier zeigt sich, sie basiert ebenso auf Interessen. Wie zwingend individuell eine Perspektive überhaupt entsteht, wurde mir in der installativen Arbeit der Costa Compagnie in differenzierter Weise klar. Das ganze Team gestaltete für und mit dem Publikum eine multimediale Auseinandersetzung, die für mich als Zuschauerin erfahrbar machte, wie unterschiedlich die Gedanken und Meinungen zu dem Thema sind und genau das stellt für mich ein politisches Statement her. Es ging offensichtlich nicht darum, den Text als Meinung der Künstler_innen zu vermitteln, sondern um die Erfahrung von Komplexität durch die Einzelnen. In fein ausgearbeiteten Sequenzen stellten die Performer_innen kontinuierlich neue Perspektiven auf die multimediale Montage aus Text, Tanz, Soundebenen und Raum her. Es war eine Gesamt-Musik und bestimmt keine Beliebigkeit. Denn hierbei wurde ästhetisch erfahrbar, dass unterschiedliche Meinungen zu einem geteilten Moment natürlich auf unterschiedlichen Perspektiven im Raum basieren und darauf, wo die Einzelnen gerade genauer hinhören, die individuelle Entscheidung zur Aufmerksamkeit war gefordert. Durch das Sprechen der montierten Textfragmente ihrer Recherche-Arbeit teilten die Künstler_innen die vielseitigen Denkweisen mit, die sie gesammelt hatten und regten so zum Nachdenken über die Gegenwart an, anstatt Geschichte zu erklären. Die Interview-Fragmente wurden Text, nicht einfach wiedergegebene Attitude. Hierbei wurde mir inhaltlich klar, welchen Einfluss historische oder auch nostalgische Ansichten auf bestimmte politische Argumentationen in der Gegenwart haben. Das politische Statement steckt im Detail und in der Form. Die Offenheit für neue Lesarten ist die Voraussetzung, um dieser großartigen Arbeit eine Chance zu geben und nur der eigene Kopf muss hinter die politische Aussage den Punkt setzen. Wer hinter der Costa Compagnie Theater erwartet, wird natürlich enttäuscht. Hier geht es um neue Lesarten im bestimmten Kontext und für diese braucht es eine kritische Offenheit, keine verschlossenen Erwartungen an etwas, was man sich unter dem Establishment zum Begriff der dokumentarischen Performance vorstellen könnte. Es braucht kein Vorwissen, es braucht Bewusstsein währenddessen.
#8 Conversion_1, Heidelberg: international geguckt Dennis Waterhouse 2014-07-27 22:28
Ich bin Deutsch-Amerikaner und in Mannheim aufgewachsen und auch in den USA. Ich kannte das Hospital-Gelände noch als Kind. Wir hatten vor einiger Zeit die Kritik in der RheinNeckar-Zeitung gelesen und dann die Vorstellung besucht. Nun schaue ich einmal und sehe die Diskussion hier und bin wirklich sehr überrascht über den Kritiker und das Feedback. Ich will nur sagen, als Amerikaner war ich sehr froh über die Performance und auch darüber, dass keine Schauspieler Amerikaner gespielt haben oder ich andauernd den Interview-Text hören musste. Ich finde es immer schwierig, wenn deutsche Theater oder Performance Gruppen Recherche machen und dann so “starke“ Abende anhand von Schicksalen kreieren, die nicht ihre eigenen sind, anstatt von einer weiteren Perspektive zu gucken. Und das ist was ich gut fand, dass ein international team auch international geguckt hat und da eine Umsetzung findet. Besonders in Bezug auf die Deutsch-Amerikanische Beziehung die sehr ambivalent ist wie ich finde. Und interessant ist, ich habe auch einige Performances geguckt bei Theater Der Welt und sie waren nicht irgendwie “aktueller” oder “anders” was der Kritiker schreibt in Bezug auf sein Deja-Vu. Was ich aber wirklich mochte als guten “Einfall“, das wir immer unterwegs waren oder im liegen zusammen die selbst gemachten Drone-Videos geguckt haben und es hat sich dann eine echte kleine Gemeinde in den Zuschauern gebildet. Für mich war das an diesem Ort zusammen mit Deutschen etwas spezielles. Trotz der politischen Kritik im Text, was ich verstehen kann als etwas relevantes. Was ich nicht mochte war das der Tanz so konzeptual war bis auf die Stelle mit dem Ballett von dem amerikanischen GI-Choreograph. Aber das ist wahrscheinlich mein persönlicher Geschmack.
D.W.
#9 Conversion_1, Heidelberg: ErgänzungHD-Stud 2014-08-15 17:39
Und hier eine sorgfältige aber unvoreingenommene Ergänzung zur Debatte durch die unabhängige Heidelberger StudentInnenzeitung 'ruprecht' (www.ruprecht.de/?p=5597)

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Konversion mal anders
Veröffentlicht von: ruprecht in Feuilleton, Heidelberg, Startseite 26. Juli 2014

Im vergangenen Jahr zogen die US-Truppen endgültig aus Heidelberg ab. Nun setzt sich das Stadttheater in einem Langzeitprojekt mit dieser Vergangenheit auseinander.
Aus den Kopfhörern ertönt ein dröhnender Bass. Langsam nimmt er den Rhythmus eines Pulsschlags an. Ein Triangelschlag erklingt. Plötzlich herrscht Stille. „Heidelberg is a beautiful place. I miss it sometimes somehow,” sagt eine ältere männliche Stimme. Der Triangelschlag erklingt erneut, der Bass setzt wieder ein. Ein kräftiger Windstoß wiegt die hochwachsenden Sträucher und Bäume gegen das verlassene Krankenhausgebäude. Es riecht nach Löwenzahn.
Die Atmosphäre ist eine ganz besondere während des Audiowalks „Bilder aus Morgen“ auf dem ehemaligen Gelände des US-Hospitals in Rohrbach. Er ist Teil eines großen Projektes des Theaters Heidelberg: Während die städtebauliche Umwandlung der ehemaligen Kasernengelände in vollem Gange ist, blickt das Stadttheater zurück auf die fast 70 Jahre dauernde Präsenz der US-Streitkräfte.
Zusammen mit der Costa Compagnie, einer Hamburger Künstlergruppe, hat man das Projekt „Conversion – Eine deutsch-amerikanische Cho-Geographie“ initiiert. Die auf zwei Jahre ausgerichtete Kooperation, die erst durch eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes ermöglicht wurde, will mit Tanzaufführungen und Installationen die Präsenz des US-Militärs in Heidelberg aufarbeiten. Als Basis dienen Interviews, die von Mitgliedern der Costa Compagnie in Heidelberg, den USA und in Afghanistan durchgeführt wurden.
„Die zentrale Frage des Conversion-Projekts ist: Wie soll man erinnerungskulturell mit diesem historischen Umbruch umgehen?“ sagt Katharina Kellermann, die den Audiowalk konzipiert hat. Ihr war es wichtig, nicht nur die Heidelberger zu fragen, welche Erinnerungen sie an diese Zeit haben. Dieses Mal standen die Amerikaner im Vordergrund. Fast alle haben für einen gewisse Zeit auf den Militärflächen gelebt.
Zu Beginn der Audiotour erhält man einen MP3-Player, Kopfhörer und eine Karte, auf der die Route gekennzeichnet ist. Drückt man auf „Play“, ertönt der Pulsschlag. Amerikaner berichten über die Kirche, die man als erstes passiert, die Turnhalle, in der sie spielten. Dann gelangt man zum Krankenhaus. Die Sirene eines Krankenwagens erklingt. Doch auch eigene Wege sind möglich: Während über die Kopfhörer Protestsongs gegen den Vietnamkrieg laufen, kann man in die teilweise leer stehenden Kellergewölbe einzelner Baracken klettern.
So gelingt der Audiowalk vor allem deshalb, weil er eine perfekte Symbiose aus dem leerstehenden Gelände, den einzelnen Stationen und der durch die Natur hervorgerufenen Atmosphäre entwickelt. Nach zwanzig Minuten steht man vor einer freien Wiese, Lautsprecherboxen ragen aus dem Gras. Der Blick wendet sich nun nicht mehr zurück, sondern nach vorn: Soll es ein Denkmal geben, um an die amerikanische Präsenz zu erinnern? Die Antworten fallen unterschiedlich aus.
Die Denkmaldebatte spielt aber beim Conversion-Projekt nur am Rande eine Rolle. Zumindest die um ein festes, statisches. „Erinnerung sollte viel mehr als ein Moment der Teilhabe betrachtet werden. Und das Theater eignet sich da besonders gut. Erst durch das Zusammentreffen kann Erinnerung entstehen. Sie wird so zum Ereignis,“ sagt Felix Meyer-Christian, Gründer der costa compagnie, während einer Podiumsdiskussion im Theater Heidelberg.
An diesem Abend geht es vor allem darum, das Conversion-Projekt auch wissenschaftlich zu rechtfertigen. So sitzen neben Meyer-Christian und Kellermann auch drei Historiker auf dem Podium. Dürfen Theaterkünstler Geschichte schreiben? Eine Frage, die die anwesenden Historiker bejahen. „Die Geschichtswissenschaft sollte eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Darbietungsformen zeigen,“ sagt Martin Klimke, Geschichtsprofessor an der New York University in Abu Dhabi. „Gerade das Conversion-Projekt mit seinen Zeitzeugengesprächen bietet da eine ganz hervorragende Plattform.“ Felix Meyer-Christian war selbst mit in den USA und hat die Gespräche geführt. Für ihn haben sich an vielen Stellen Parallelen in der Arbeit des Historikers und des Theaterkünstlers ergeben: „Bei der Auswertung der Interviews mussten wir uns von diesen Distanzieren und wurden dann aber gleichzeitig bei der Auswahl der Abschnitte wieder zu Akteuren. So stellten wir uns die Frage: Welche Erzählung entwirft man von Zeitgeschichte?“ Der Großteil der Interviews wurde dann nicht nur für den Audiowalk verwendet, sondern vor allem für die Tanzperformance „Conversion_1“, die dieser Tage in der Turnhalle des ehemaligen US-Hospital-Geländes aufgeführt wurde.
Beim Betreten der Halle herrscht zunächst Verwunderung: Bis auf ein paar Projektoren und Leinwände ist sie fast komplett leer. Wo sind die Stühle, wo ist die Bühne? Zumindest kleine Hocker werden auf einem Wagen angefahren. Als nach ein paar Minuten die ersten Zuschauer unruhig hin und her rutschen, erfolgt die erste Aufforderung, sich diagonal zur Turnhallenmarkierung zu platzieren. Es wird nicht die letzte Anweisung an diesem Abend sein. Die Aufführung bietet insgesamt eine atemberaubende Mischung aus Tanz, Musik und Video. Die geführten Interviews werden vorgelesen, auf Leinwänden gezeigt und tänzerisch umgesetzt. Der Fokus richtet sich dabei nicht mehr so sehr auf die Anwesenheit der Amerikaner in Heidelberg. Im Laufe des Abends wird auch immer wieder die amerikanische Militärpräsenz in Afghanistan und im Irak thematisiert.
Ist es dieser Aspekt, der einige Heidelberger nach etwa einer Stunde zum Verlassen der Halle treibt? Oder wohl doch eher die Anweisung, sich auf den Hallenboden zu legen? Nach kurzem Zögern folgen die meisten aber doch. Auf die untere Seite des Hallendachs werden Bilder einer kleinen Drohne projiziert, welche die Künstler in den USA und in Heidelberg aufgenommen haben. Am Ende steht man mitten in der Halle und ist umgeben von vier quadratisch von der Decke herunterhängenden weißen Vorhängen. Das Licht geht aus und dem Zuschauer bleibt nichts anderes übrig, als zu applaudieren.
Der Costa Compagnie und dem Theater ist es gelungen, die Heidelberger Geschichte der US-Streitkräfte der Öffentlichkeit wieder ins Gedächtnis zu bringen. Fortsetzung folgt: Im Oktober gibt es eine Wiederaufnahme des Stücks und des Audiowalks, im nächsten Jahr folgt „Conversion_2“. Dann geht es um Afghanistan.
von Michael Graupner
#10 Conversion_1, Heidelberg: Vielfalt und AgendaAlsterwasser 2014-08-18 17:09
@ (5-) 9
Aha, interessant allemal für jemanden, die die Gruppe zwar aus Hamburg kennt, aber die besprochene Performance nicht gesehen hat. Denn was sich hier mittlerweile an unterschiedlichen Stimmen und Wahrnehmungen seitens Presse und privat so ansammelt zeigt, mit was für einer (
kulturpolitischen Agenda der oberste Rezensent (T. R.) ins Felde zog. Und das Eingangsniveau erinnert dann doch eher an die MoPo als Nachtkritik ; )

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