Schafe statt Atomraketen

von Friederike Felbeck

Duisburg, 15. August 2014.Wenn der Regisseur Heiner Goebbels ankündigt, auf der Bühne seien kaum Menschen zu sehen, klingt das wie ein verheißungsvolles Versprechen. Und hier sind es tatsächlich erstmal sechs Flüchtlingszelte, die dominieren und eine Flucht bilden in den 160 Meter tiefen Bühnenraum. Über ihren weißen Giebeln geht der Mond auf, der sich bald als Zeppelin entpuppt, der leise summend durch den Raum segelt. Ein zweites und ein drittes Luftschiff fliegen hinein und formen zusammen eine genau choreografierte Flugshow. Kurze rabiate und immer schneller werdende Schläge aus dem Orchester peitschen durch die riesige Halle.

In einer Nische steht ein achtköpfiger Chor in Wams und Pluderhosen, der sich wie in einer Mimikry kaum noch von der Wand abhebt. Mit scharfem schneidenden Staccato erklären sie die Unabhängigkeit der Niederlande vom spanischen Königshaus. Schemenhaft erscheinen Figuren in den hell beleuchteten Zelten: sie hämmern und zimmern und schmieden an einem Schiff, der Chor souffliert ihnen jeden Handgriff und nennt jedes Werkzeug. Auf der Galerie gegenüber breitet der Wissenschaftler David Gorlaeus seine Theorie von den Atomen aus, wie er sie im frühen 17. Jahrhundert entwickelt hat. Mit feiner melodiegetriebener, manchmal sich hitzig überschlagender Stimme verteidigt der Freigeist von der Kanzel herunter seine bahnbrechenden Ideen.

Erde, Mond und Projektionen

Mit der Neuinszenierung von "De Materie" ehrt die Ruhrtriennale den niederländischen Komponisten Louis Andriessen, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Die seit ihrer Uraufführung 1989 nur selten gespielte Oper kreist um das Wechselspiel von Geist und Materie, Eros und Glaube, Natur und Wissenschaft. Gemeinsam mit dem Ensemble Modern Orchestra unter der Leitung von Peter Rundel und dem ChorWerk Ruhr gelingt in der größten Spielstätte des an ehemaligen Industriestandorten des Ruhrgebiets beheimateten Festivals ein packendes Musiktheaterspektakel, das viel Raum für Assoziationen lässt.

DeMaterie2 560 WongeBergmann uMeditation archaischer Art: Schafherde in "De Materie" © Wonge Bergmann

Die vier Teile von jeweils 25 Minuten Länge basieren, bis auf eine Ausnahme, auf Texten aus dem niederländischen Sprachraum. Goebbels schreibt das Libretto auf alle nur erdenklichen Projektionsflächen im Raum und balanciert so die Übersetzungen der teilweise aus dem 13. Jahrhundert herrührenden Originaltexte in die sich ständig verändernden Überprägungen des markanten Industrieraums hinein.

Spiel mit Farben und Formen

Im zweiten Teil der Aufführung verwandelt sich die ehemalige Kraftzentrale, die die benachbarten Hochöfen mit vorgeheizter Luft und Elektrizität versorgte, in eine Kathedrale, in der die Mystikerin Hadewijch ihre erotischen Visionen beichtet. Umringt von Kopf bis Fuß in Schwarz verhüllten Nonnen lockt die Sopranistin Evgeniya Sotnikova in ihre Erlebnisse körperlicher Vereinigung mit Gott hinein. Die durch die akustische Verstärkung glatte Oberfläche des perfekt abgemischten Sounds von Orchester und Stimme entwickelt hier eine fast magische Dichte, die die Erzählung zu einem ekstatischen Abenteuer werden lässt.

Überhaupt erfährt Andriessens Komposition vor der zumeist menschenleeren Bühne eine erstaunliche Plastizität und Anziehungskraft. So auch im dritten Teil, der dem Maler Piet Mondrian gewidmet ist. Mondrian, ein passionierter Tänzer, liebte den Boogie-Woogie und so nimmt Andriessen die typischen Riffs als roten Faden auf. Goebbels schickt ihm zwei Tänzer mit weit schwingenden Armen und Gummibeinen zur Hilfe, die vor einem glitzernden Revuevorhang zeigen, wie schmissig und tanzbar die Musik hier wird. Mondrians Spiel mit Farben und Formen wird in der Bewegung von drei kreisrunden Flächen aufgenommen, die in den für ihn typischen gelben, blauen und roten Farbtönen beleuchtet sind, und sich an langen Gelenkarmen einen frechen Schlagabtausch liefern.

Klangkulisse der Natur

Während Andriessen den vierten Teil mit lange anhaltenden Akkorden beginnt, die sich in den verschiedenen Instrumentengruppen abwechseln, wird der meditative Charakter durch die Betrachtung einer echten Schafherde unterstützt. Über den frisch geschorenen und von Ferne blökenden Tieren kreist ein Zeppelin und ihr beißender Geruch legt sich langsam über den Zuschauerraum. Dann werden zwei Tafeln mit mathematischen Formeln und Atommodellen und ein großer Tisch hinein gefahren: ein Bildzitat der ersten Solvay-Konferenz für Physik und Chemie 1911 in Brüssel, das die doppelte Nobelpreisträgerin Marie Curie umringt von männlichen Wissenschaftlern zeigt.

DeMaterie3 560 WongeBergmann u Entdeckung des Poloniums: Marie Curies Dankesrede in "De Materie"
© Wonge Bergmann

Marie Curies Texte, zwischen deren Zeilen das Orchester buchstäblich explodiert, zitieren ihre Dankesrede an die Schwedische Akademie, sind aber vor allem der Trauer um ihren verstorbenen Mann gewidmet. Curies Verquickung von Liebe und Wissenschaft beschließt eine brillante, melodiös-schockierende Oper, die zeigt, welcher üppige Fundus an Musiktheater noch immer brach liegt.

De Materie
von Louis Andriessen
Regie: Heiner Goebbels, Musikalische Leitung: Peter Rundel, Bühnenbild, Licht: Klaus Grünberg, Kostüme: Florence von Gerkan, Klangregie: Norbert Ommer, Dramaturgie: Matthias Mohr, Musikalische Assistenz: Nicolas Chesneau, Einstudierung Chor: Klaas Stok, Choreografische Mitarbeit: Florian Bilbao.
Mit: Evgeniya Sotnikova (Sopran), Robin Tritschler (Tenor), Catherine Milliken (Stimme), Statisterie der Ruhrtriennale, ChorWerk Ruhr, Ensemble Modern Orchestra.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

"Andriessen schreibt eine Musik, die man als Hardcore-Minimal bezeichnen könnte: Im von Peter Rundel geleiteten Ensemble Modern Orchestra sitzen kaum Streicher, dafür E-Gitarren, Synthesizer und sehr viele Bläser", schreibt Michael Stallknecht in der Süddeutschen Zeitung (18.8.2014). Die eingängige Textur vermag Meditationsmomente von großer Zartheit zu schaffen, häufiger aber setze Andriessen auf die große Kraftorgie. Entsprechend grobflächig zelebriere auch die Inszenierung von Heiner Goebbels die Reize der Technik. "Doch in sich bleiben diese Bilder zu statisch, es fehlt ein Bewegungsmagier wie der Uraufführungsregisseur Robert Wilson." Für eine Länge von über zwei Stunden sei das alles denn doch zu simpel, die ewigen Repetitionen im Orchester eingeschlossen.

Goebbels kapituliere vor der Majestät des Raumes, findet Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.8.2014). "Mag das erste Bild – darin kleine grüne Astronautenmännlein aus flachen hellblauen Expeditionszelten herauskriechen – noch zu verstehen sein", so wirken Solo- und Chorsänger, so vokalprächtig sie auch singen mögen, nurmehr wie kostümierte Puppen. Die Plattform mit dem kompletten Ensemble Modern Orchestra sowie dem Dirigenten Peter Rundel fahre die gesamte Länge der Halle hinunter, weit weg von der Publikumstribüne. "Wozu das gut sein soll? Vielleicht wollte Goebbels nur mal zeigen, was man hier so alles Tolles kann." Die Schafsherde trottet aus dem Background nach vorne, "ab und zu, in genial schafsmäßiger Aleatorik, ein 'Mäh' in den Fluss der Musik streut. "Man kann jetzt noch ein Weilchen darüber nachdenken, welche Botschaft sie überbrachten. Man kann es aber auch seinlassen."

Das Stück ist sperrig, "enzyklopädisches Musiktheater, als ob man in einem Lexikon mit akustischer Begleitung blättert", ohne opulente Optik würden Andriessens Stücke kaum genießbar sein, so Stefan Keim in der Welt (18.8.2014). Es ist schon eine große Materialschlacht nötig, um diesen seltsamen Musiktheateressay aufführungstauglich zu machen. "Genau darin sieht Heiner Goebbels die Aufgabe der Ruhrtriennale." Aber auch ihm gelinge trotz aller Leichtigkeit der Bildersprache nicht, "das zähe Werk durchgängig zu einem Erlebnis zu machen. Es gelingen wunderbare Momente, das Zuschauen ist aber auch schwere Arbeit."

"Goebbels verrätselt das Rätselhafte in seiner Inszenierung noch einmal", schreibt Markus Schwering in der Berliner Zeitung (18.8.2014). Auf ziemlich rüde Art werde dem Zuschauer hier seine – traditionsgebundenen – Urteilskriterien aus der Hand geschlagen. "Soll er sich widerstandslos aufs Meer der Assoziationen hinausziehen lassen, das sich durch Goebbels’ zweifellos wuchtig-suggestive Bildideen öffnet?" Oder solle er das Ganze ob seiner Statik, äußeren Geschehensarmut und Einfallsaskese langweilig finden? Ist hier vielleicht ein anspruchsvoller Betrug am Werk, muss man mal wieder das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern bemühen? "Der Beifall klang ratlos. Der Rezensent ist es ebenfalls."

 
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