Meister Proper dreht durch

von Elisabeth Maier

Salzburg, 22. August 2014. Der Golem des 21. Jahrhunderts putzt die Wohnung und macht Frühstück. In Suzanne Andrades moderner Lesart der jüdischen Legende von der Lehmkreatur des Rabbi Löw, die den Menschen am Ende völlig beherrscht, ist die Fantasiegestalt ein Comic-Held. Die Performerin aus London, die mit ihrem Ensemble 1927 Schnittstellen zwischen Schauspiel und Computeranimation auslotet, entrollt bei den Salzburger Festspielen den atemberaubenden Bilderbogen einer Großstadt im 21. Jahrhundert. Alles in dieser Welt ist automatisiert. Selbst geheiratet wird auf Knopfdruck.

Virtuos montiert der Filmemacher Paul Barritt Trickszenen und das stilisierte Spiel der Akteure. Das sorgt für einen Aha-Effekt bei den Festspielen, das Programm von deren Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf sonst weniger durch ästhetische Grenzgänge auffällt. Was das Ensemble 1927 auf der Bühne des Landestheaters handwerklich bietet, ist bemerkenswert. Inhaltlich dagegen verschenkt Andrade Möglichkeiten. Die verspielten Animationen sind zu gefällig und meist auch zu platt, als dass sie dem Stoff zu Aktualität verhelfen könnten. Andrade ist zum zweiten Mal in Salzburg. 2013 war ihr Ensemble mit "The Animals and The Children Took The Streets" beim Young Directors Projekt vertreten.

Spiegel der Machtlosigkeit
Passend zum Schwerpunkt "100 Jahre erster Weltkrieg" haben sich die Regisseurin und ihr Kollektiv von Gustav Meyrinks Roman "Der Golem" inspirieren lassen. Als der Klassiker der phantastischen Literatur 1915 erschien, war der Krieg im Gange. In dem Bestseller aus dem Prager Ghetto, der die Menschen elektrisierte, spielt Meyrink mit Motiven der Legende vom Rabbiner Löw. Der erschuf den Golem aus Lehm, weil dieser am Sabbat für ihn arbeiten sollte. Als Löws Magie versagte, drehte der Golem, was etwa "unfertiges Wesen" heißt, völlig durch und richtete Verwüstung an. In der Legende spiegelt der Autor die Machtlosigkeit der Menschen angesichts der Massenvernichtung in den Schützengräben. Jede seiner Zeilen haucht Angst aus. 1920 machte Paul Wegener in der Titelrolle den Stoff mit dem Film "Der Golem, wie er in die Welt kam" noch populärer.

golem will close 560 bernhard mueller uWill Close © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Obwohl Andrade für ihren Text den Untertitel "nach Motiven von Gustav Meyrink" wählt, bleiben diese oberflächlich. Ihr erdiger Held hat nichts Magisches; er ist ein gutmütiger Meister Proper, der sich in der Familie von Robert Robertson unentbehrlich macht. Ben Whitehead, der den Erfinder Wallace im Animationsfilm "Wallace and Gromit" spricht, leiht dem lustigen Gesellen, der reimt und spricht, seine sonore Stimme. In Sarah Munros gnadenlos überzeichnetem Kostüm wirkt Robert lächerlich. Er trägt gelbe Stiefel und am Ende gar ein ergonomisches Outfit. Shamira Turner lässt ihn rastlos durch die Großstadt rennen, deren Leuchtreklamen ein Gefängnis sind. Mit Mut zur Nostalgie, aber mit Biss, hat Lillian Henley Live-Musik zum Filmgenuss auf der Bühne komponiert. Laurence Owen steuert eine Klangkulisse mit scharfen Spannungskurven bei.

Skeptischer Blick auf die Computerwelt
Dass die Schauspieler dynamisches Lachtheater aus dem Effeff beherrschen, ist unbestritten. Die herrliche Komödiantin Rose Robertson als Großmutter und als spätes Mädchen Joy setzt da Akzente. Als gescheiterter Vorarbeiter in der Mathematik-Fabrik macht Will Close eine tragikomische Figur. Die fragile Esme Appleton als zornige Musikerin einer Protest-Band überzeugt ebenso.

golem esme appelton will close lllian henley 560 bernhard mueller uEsme Appelton, Will Close, Lllian Henley © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Die Chance, aus der Golem-Legende, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, Sozialkritik an der heutigen Maschinenwelt herauszufiltern, verschenken Andrade und ihr Ensemble. Der skeptische Blick auf die Computerwelt, die den Menschen immer mehr steuert, schimmert in ihrem Text durch. Das ist der Fall, wenn der stromlinienförmige "Golem 2" am Ende die Macht über seinen vermeintlichen Boss übernimmt. Den politischen Kontext zwängt das Kollektiv zu sehr ins beschränkte Sprechblasen-Korsett, als dass er ernsthaft zum Nachdenken anregen könnte.  

Golem
nach Motiven von Gustav Meyrink
Regie und Stücktext: Suzanne Andrade, Film, Animation und Design: Paul Barritt, Musik: Lillian Henley, Sounddesign: Laurence Owen, Kostüme: Sarah Munro, Dramaturgie: Ben Francombe, Mitarbeit Regie und Design: Esme Appleton, Mitarbeit Animation: Derek Andrade.
Mit: Esme Appleton, Will Close, Lillian Henley, Rose Robinson, Shamira Turner. Golems Stimme: Ben Whitehead, weitere Stimmen: Suzanne Andrade.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

Koproduktion der Salzburger Festspiele mit Ensemble 1927, dem Young Vic / London und dem Théatre de la Ville / Paris

www.salzburgfestival.at



Kritikenrundschau

"Die Aufführung ist frisch, doch ihre Methode eine mit dem Holzhammer", befindet Norbert Mayer in der Presse (online 23.8.2014). "Ihre Animation erinnert an jene in Sketches von Monty Python, wenn auch der Humor nicht so bissig wirkt. Manisches Augenzwinkern begleitet hier die Entfremdung." Die Botschaften dieser "melodiösen, irrwitzigen Show" von 1927 "entsprechen ihren Mitteln: Leute, lasst euch nicht verführen von Werbung, die bequemen Fortschritt verspricht, aber unweigerlich ins Hamsterrad zwingt!"

"Dieser "Golem" ist bunt, schrill, laut und doch auch philosophisch", schreibt eine begeisterte Nicole Schnell in den Salzburger Nachrichten (online 23.8.2014). "Regisseurin Suzanne Andrade schafft eine ganz eigene Art des Theaters, indem sie handgezeichnete Animationen mit Schauspiel, Musik und Gesang verbindet."

Als "die am besten gelungene" Schauspiel-Premiere der diesjährigen Salzburger Festspiele empfindet Guido Tartarotti vom Kurier (online 24.8.2014) diese Arbeit. Anders als bei anderen Inszenierungen dieses Jahrgang werde beim "Golem" von 1927 der Inhalt nicht zweitrangig – und das auf unaufdringliche Weise. Obwohl "die Gruppe ihre Themen sehr ernst nimmt – Kapitalismus- und Konsumkritik, Manipulation, Überwachungsstaat, der schleichende Verlust von Freiheit zugunsten einer vom technologischen Fortschritt vorgegaukelten Bequemlichkeit – ist ihr wichtigstes Werkzeug der Humor. Niemals erigiert in dieser Bühnenshow der Zeigefinger, niemals wird der Ton belehrend oder pathetisch-weltverbesserisch."

"Mit herrlich britischem Humor und großartigem Sprachwitz belebt Andrade die detailreich ausgestaltete Welt, deren Charaktere in ihrer Verschrobenheit an Roald Dahl, Wes Anderson und Jean-Pierre Jeunet denken lassen", berichtet Sophia Felbermair für den ORF (online 23.8.2014). "Mit viel Rhythmusgefühl geschrieben, greifen die Texte, zum Teil gereimt, ineinander und gehen immer wieder in (Sprech-)Gesang über. Da fühlt man sich wiederum an Brecht/Weill oder an die Tiger Lillies mit ihrer tragisch-komischen Zirkusmusik erinnert."

Für die Kleine Zeitung (online 23.8.2014) schreibt Christoph Lindenbauer über diese "bitterböse Gesellschaftssatire". Ästhetisch und motivisch fühlt er sich von der "technisch brillant" umgesetzten Animation an Arbeiten von Max Ernst oder an Filme wie "Yellow Submarine", atmosphärisch auch an "Metropolis" erinnert. "Das Feuerwerk an krassen Gags, gnadenlosen Analysen und hemmungslos-direkten "Winks mit dem Zaunpfahl" würde – wie so oft in diesem Genre – schnell taub machen. Aber die Geschichte hält bei der Stange."

Man verbringe "mit den sehr coolen, überlegen und souverän über ihre Mittel verfügenden Briten äußerst angenehme 90 Minuten", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (25.8.2014). Es handle sich um eine "unglaublich reizende Show – die in ihrer Aussage unfassbar platt ist." Denn bei 1927 lerne man mit dem "Golem als tumbe Haushaltshilfe“, die "Leben anhand des Werbefernsehens studiert" und langsam in den Alltag der Arbeitgeber eingreife, wie Werbung die Wunschwelt der Menschen und letztlich ihr Inneres kontrolliere. "So intellektuell überschaubar der Weg zu dieser Erkenntnis auch ist – ästhetisch ist er grandios."

Mit ihren "bildmächtigen, verspielten Verschnitten aus Animationsfilm und Schauspiel" liefere die Gruppe 1927 "Aufbegehrensstücke für Freunde des Naiven", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (25.8.2014). Auch der Golem sei ein "Abend, der formal wieder glänzte, inhaltlich aber unterforderte." Die "allzu eindimensionale Moral“ laute: "Wir dürfen uns von den bösen Maschinen nicht beherrschen lassen."

Was "Suzanne Andrade mit ihrem zunächst einmal so harmlos im gereimten Gestus daherkommenden Comicstrip an die Wand malt, ist die ebenso fürchterliche wie durchaus realistische Vision eines mit den Markt und Konsumgesetzen völlig gleichgeschalteten Menschen", berichtet Sven Ricklefs für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (24.8.2014). "Sicherlich kann man hadern mit dem naiven und manchmal auch arg platten Zugriff dieser Produktion, die trotzdem technisch beeindruckt und sich thematisch immerhin einer schleichenden Gefahr unserer Zeit widmet."

 
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