An den werthen, werthesten, allerwerthesten Goethe

von Frauke Adrians

Weimar, 29. August 2014. Mehr als 1770 Briefe und Notizen hat Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein geschrieben, liebevolle, banale, freundschaftliche, ratsuchende. Und sie an ihn? Niemand weiß es. Charlotte hat einen Großteil ihrer Briefe später zurückgefordert und vernichtet. Welch ein Verlust – und andererseits: Welch eine Gelegenheit für Schriftstellerinnen von heute, sich auszumalen, was Frau von Stein ihrem Freund, ihrem Vielleicht-auch-Liebhaber Goethe mitgeteilt haben könnte, der für die "liebe Lotte" gelegentlich mit "your lover for ever. G." unterzeichnete.

Das große Rollenspiel: 14 Autorinnen und ein Frauenchor

14 Autorinnen haben die Herausforderung angenommen und Charlottes Briefe verfasst, passend zu den erhalten gebliebenen Schreiben des Herrn von Goethe. Die Idee ist großartig. Der Versuch von Lily Sykes, ausgewählte Briefe als "literarisch-theatralisches Projekt" auf eine Bühne des Kunstfestes Weimar zu bringe, ist es nicht: Die Regisseurin will zu viel und überfrachtet das eigene Stück.

your-lover-forever-i 560 thomas-mueller hIn der Rolle der verhinderten Braut: In Weimar tragen Laiendarstellerinnen die nachgedichteten Briefe der Charlotte von Stein vor © Thomas Müller

An historischem Ort, im stuckverzierten – und restlos ausverkauften – Gewehrsaal des Schlosses Ettersburg, erlebte "Your Lover Forever" seine Uraufführung. Neun Frauen aus den Goethestädten Weimar und Frankfurt treten auf, die meisten nicht mehr jung, alle ausstaffiert als verhinderte Bräute: in Weiß, mit üppigen Blumenkränzen auf den Köpfen. Keine von ihnen ist Profi-Schauspielerin, aber alle, raunt das Programmheft verheißungsvoll, "können mit viel Erfahrung in Lebens- und Liebesdingen aufwarten".

Heißt: Die Frauen tragen nicht nur die nachgedichteten Charlotte-Briefe – in kurzen bis sehr kurzen Auszügen – vor, sie kommentieren auch, kritisieren Goethes Verhalten, mal einzeln, mal im Chor, und treten immer wieder aus ihrer Charlotte-Rolle heraus, um Beziehungsgeschichten von heute einzuflechten. Das ist mal unterhaltsam, mal tragisch, meist belanglos. Insgesamt ist es viel zu viel.

Goethe als strahlender Jüngling

Hätte sich Lily Sykes doch auf Charlotte von Stein konzentriert und auf die zum Teil hinreißenden Texte, die Autorinnen wie Justine del Corte, Sibylle Berg, Julia Franck und Katharina Hacker der Goethe-Vertrauten in die Feder diktiert haben! In ihrem Bestreben, "Frauen von heute" zu Wort kommen zu lassen, vermengt Sykes alles beliebig: Goethebriefe mit Charlotte-Nachdichtungen, Literatur mit namenlosen Anekdoten und Lebensweisheiten.

Und sie erlaubt sich auch anderes Überflüssige. In den erdichteten Charlotte-Briefen kommen immer mal wieder Gespräche im Hause Stein vor – nur, dass Herr von Goethe auf der Bühne im Schloss Ettersburg körperlich anwesend ist: Anton Rubtsov, der einzige Profi-Schauspieler des Abends, mimt ihn als strahlenden Jüngling, der von den neun Charlotten mit mehr oder weniger Hingabe angehimmelt wird. Das ist drollig, mehr aber auch nicht. Wie viel stärker würde ein abwesender Herr von Goethe wirken, wie viel glaubhafter wäre er dann als Projektionsfläche für Sehnsüchte, Hoffnungen – und Wut.

Immerhin: Im kurzen zweiten Teil des Abends kriegt Lily Sykes doch noch mal die Kurve. Da konzentriert sie sich endlich auf ein Thema, da legt sie sich fest: Es geht um Goethes Rückkehr aus Italien, es geht um Christiane Vulpius und damit auch um die Enttäuschung, den Zorn der Frau von Stein. Die stärksten Minuten des Abends gehören einem Charlotte-Brief von Ursula Krechel. Die Darstellerin, die ihn vorträgt, bekommt den einzigen Szenenapplaus, als sie Charlottes Furor über den "werthen, werthesten, allerwerthesten Goethe" ergießt.

Das Du ist perdu

Endlich ergibt auch die Neunteilung der Charlotte-Rolle einen Sinn; jede einzelne und alle zusammen zischen ihre Empörung heraus wie ein griechischer Chor. Sogar der Mann am Klavier (Burkhard Niggemeier) greift die Stimmung auf und wechselt von begütigenden Bar-Piano-Evergreens à la "Moon River" und "Somewhere over the Rainbow" ins dissonante, ruppige Fach. "Lieber Freund, es scheint, dass Sie ein ehemaliger Freund gewesen sein werden", ätzt Ursula Krechels Charlotte in perfektem Futur II, "das Du ist perdu." Das saß.

Das saß so gut, dass das Publikum am Ende dann doch lang und heftig applaudierte, auch dem Regie-Team; für den Moment war der konfuse erste Teil fast vergessen. Und so unbefriedigend die Inszenierung war: Das Vergnügen am Gedankenspiel – was hat Charlotte damals wohl wirklich geschrieben? – bleibt. Nachlesen lassen sich die pointierten, nachdenklichen, witzigen, überaus vielseitigen Brief-Nachdichtungen in einem Buch, das die Besucher des Kunstfestes Weimar an der Abendkasse im Schloss Ettersburg erstehen können. Die Inszenierung zieht weiter ans Schauspiel Frankfurt.


Your Lover Forever (UA)
Briefe an Goethe – ein literarisch-theatralisches Projekt
mit Texten von: Sibylle Berg, Justine del Corte, Gesine Danckwart, Julia Franck, Nora Gomringer, Katharina Hacker, Angelika Klüssendorf, Ursula Krechel, Judith Kuckart, Karin Reschke, Kathrin Röggla, Katharina Schmitt, Kerstin Specht und Gerhild Steinbuch
Regie: Lily Sykes, Musik: Burkhard Niggemeier, Ausstattung: Rebekka Dornhege Reyes, Nina Thielen.
Mit: Irene Blumenthal, Gisela Boigk, Renate Kachel, Eva-Maria Köhler, Ulrike Müller-Harang, Regina Pötke, Christine Siebert, Andrea Schmauch, Vanessa J. Schwab und Anton Rubtsov.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

Koproduktion des Schauspiels Frankfurt und des Kunstfests Weimar im Rahmen der Goethe-Festwoche 2014 Frankfurt/Main

www.kunstfest-weimar.de
www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Von "wunderbar vielfältigen und klugen Texten, mal witzig, mal pampig, schlagfertig, lüstern, abgeklärt oder philosophisch", schwärmt Lavinia Meier-Ewert in der Thüringer Allgemeinen (1.9.2014). Sie gingen allerdings in der Inszenierung von Lily Sykes "ein wenig unter". Der Abend sei "ganz unterhaltsam, die Damen sind charmant", aber wenn dann Horst Manfreds und eine Liebesgeschichte auftauchten, die an den "geteilten Himmel" erinnere, sieht Meier-Ewert "doch ein bisschen viel Gedöns" – "dafür, dass die spannungsvolle Beziehung und die Charlotten-Vielstimmigkeit für sich so viel hergeben".

"Leider geht die junge Regisseurin Lily Sykes in ihrer Inszenierung weniger facettenreich zu Werke als die Autorinnen in ihren Texten", urteilt auch Christine Wahl auf Spiegel Online (1.9.2014). So charmant die lebenserfahrenen Darstellerinnen sich auch ins Zeug zu legen versuchten: Das "unnötige Späte-Mädchen-Setting" versenke den Abend in einer Kaffeeklatschatmosphäre, die weder der Vielfalt der Texte noch den Darstellerinnen gerecht werde. Dass es am Ende auf ein "Potpourri bewährter Beziehungsweisheiten" hinauslaufe, liege auch an der zweiten Ebene, auf der die Darstellerinnen aus ihrer eigenen Erfahrung berichteten. "Unterm Strich wird da viel zu viel angerissen und zu wenig vertieft."

Als "charmant" empfindet Bernhard Doppler für den Wiener Standard (2.9.2014) dieses Briefprojekt und stellte die schriftstellerischen Beiträge in ihrer formalen Vielschichtigkeit vor. "Für einen Theaterabend taugen die Antworten allerdings nur bedingt. In der Inszenierung von Lily Sykes werden sie nur als zusätzliches Material für eine Art Kaffeekränzchen im Gewehrsaal des Schlosses Ettersburg verwendet." Das Projekt "Your Lover vor ever" sei auf der Bühne "beliebig geworden".

 
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