MüllerAssoziationsMaschine

von Kai Bremer

Osnabrück, 14. September 2014. Noch im Schlussapplaus wendet sich die Dame zu meiner Linken zu mir und fragt, ob das Stück bei Heiner Müller auch nur drei Schauspieler habe. Der letzte von ihnen, Stefan Haschke, ist just durch eine Klappe im Bühnenboden entschwunden, das Licht aus einer letzten noch leuchtenden Neonröhre unter der niedrigen Decke wird gerade gedimmt. Die Frage treibt die Dame um. Aber ich muss sie enttäuschen: "So ganz eindeutig hat Müller das nicht geregelt", sage ich knapp.

"Vermutlich nicht", hätte ich stattdessen sagen können. Ich verkneife es mir, um nicht den Eindruck zu erwecken, Pedro Martins Beja habe "Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei" gestern in Osnabrück reduziert. Das hätte angesichts dessen, dass Haschke beim Abgang nicht mit dem Sprechtext endet, sondern auch eine abschließende Regieanmerkung Müllers spricht, dem Ganzen die falsche Note gegeben.

Kinderhymne, hochfrequent durchschossen

Im Moment, da Martins Beja Haschke durch die Bodenluke verschwinden lässt wie kurz zuvor Marie Bauer und Patrick Berg, präsentiert er dem Publikum ein Schlussbild, das eine bildgewordene Verneigung vor Müller ist. Die schlichte schwarze Holzbühne (David Gonter) ist nämlich zwischen den je drei Zuschauerreihen angeordnet, so dass das Publikum zuletzt das Publikum sieht: Ich ist ein anderer.lebengundlings2 560 uwelewandowski u"Ich seh dich an der Schreibmaschine schwitzend": Patrick Berg
© Uwe Lewandowski

Die Bühne zwischen den Zuschauern kann wahlweise durch Gazevorhänge, die auch als Video-Projektionsflächen genutzt werden, oder durch goldene Revuevorhänge durchtrennt werden. Erweitert wird sie, wenn Berg und Haschke sich gegenüber ins Publikum setzen und von dort sprechen. Auch die musikalische Begleitung (Micha Kaplan) ist vielfältig. Zu Beginn wird die Erinnerung an die DDR ambivalent aufgerufen, indem die "Kinderhymne" von Brecht/Eisler vom Band erklingt – durchschossen jedoch mit unerträglich hochfrequenten Tönen, die jeden Zahnarztbesuch in den Schatten stellen. Das Lied von den drei Mördern im Stück ist eine melancholische Rock-Ballade mit einem Hauch mexikanischem Blues. In anderen Szenen klimpert ein Cembalo oder zirpt ein Cello, so dass ein wenig Barock-Stimmung aufkommt.

Und er sprach mit seinem Gemächt

Ähnlich mannigfaltig sind die Kostüme. Haschke ist mit hellblauer, wadenlanger Hose, hängenden Hosenträgern und weißem Hemd Soldatenkönig und Lessing. Im Kontrast dazu ist Berg mit fleischigem Schwabbelbauch aus Plastik und wirren langen Haaren als Gundling bizarr-überzeichnet – zumal als er auf Geheiß des Königs seinen Schwanz (den echten, keinen aus Plastik) rausholt und mit ihm zu sprechen beginnt. Bauer trägt Manschetten, fleischfarbene Bandagen, eine zerrissene, helle Leggins und weiße Sneaker und als Friedrich ein grell-rote Perücke samt Maske mit verzerrten Zügen. Die Kostümierung nimmt den Untertitel von Müllers Stück ziemlich ernst: ein Greuelmärchen.

Nun führt Assoziationsreichtum samt ein wenig Trash nicht zwingend zum Theaterglück. Die Dame neben mir mag der Aufführung, wenn sie sich den Text zuhause nochmal angeschaut haben sollte, vielleicht vorwerfen, dass deren zahlreiche Bilder manchmal mehr neben Müllers seinerseits so bildreichem Text stehen, als dass sie ihn veranschaulichen.

Müllers Ästhetik auf den Punkt gebracht

Aber das dem Abend vorzuwerfen, würde an seinem künstlerischen Anspruch vorbeigehen. Denn Martins Beja geht es nicht nur um "Leben Gundlings", sondern um Müllers literarischen Kosmos an sich. Das wird beispielsweise im Übergang von den Friedrich-Szenen zur Kleist-Szene deutlich. Marie Bauer wird erst als Insassin der preußischen Irrenanstalt in eine Zwangsjacke mit Ärmeln, die die gesamte Bühnendiagonale durchmessen, gesteckt. Im Anschluss umschleichen sie die beiden Männer als Friedrichs Leibärzte, um dessen Krepieren hämisch zu begleiten und die Ärmel der Zwangsjacke um Bauer zu wickeln. Derart verpackt spricht sie sodann den assoziations- und bildreichen Kleist-Text, während sie selbst aussieht, wie Ophelia im Schlussbild von "Hamletmaschine" – nur dass sie nicht im Rollstuhl sitzt.

Nicht nur in dieser Szene prägt das Spiel mit Müllers Werk die Inszenierung. Der Lessing-Monolog wird zweimal gesprochen – zu Beginn allein von Haschke als Lessing mit schwarzer Müller-Brille, zuletzt von allen dreien leicht versetzt und unterschiedlich akzentuierend vor einer Schreibmaschine sitzend. Sicherlich hätten die Geschichte und die Ästhetik Lessings, der sich das Stück stellt, auch anders veranschaulicht werden können. Die Geschichte des Stücks aber samt Müllers Ästhetik wird so eindrucksvoll auf den Punkt gebracht: Schließlich ist dieser dreifache Lessing an der Schreibmaschine, der auch Müller oder der andere sein mag, zugleich ein bildgewordenes Zitat von Müllers frühem Gedicht "Zwei Briefe": "Ich seh dich an der Schreibmaschine schwitzend". Mehr künstlerische Verneigung vor Müller ist kaum möglich – auch nicht mit mehr Schauspielern.

 

Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei. Ein Greuelmärchen
von Heiner Müller
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne und Kostüme: David Gonter, Musik: Micha Kaplan, Dramaturgie: Maria Schneider.
Mit: Marie Bauer, Patrick Berg, Stefan Haschke.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

Heiner Müllers Geschichsanalyse bleibt aus Sicht von Christine Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (15.9.2014) in dieser Inszenierung zu sehr im Nebel und macht ihr das Nachvollziehen "des ohnehin thesenhaft verdichteten Müller-Dramas von 1975/76" nicht eben leichter. Pedro Martins Beja entgeht ihrer Ansicht nach "nicht immer den Gefahren, die Inszenierungsmoden mit sich bringen". Wenn die Schauspieler Marie Bauer, Patrick Berg und Stefan Haschke mit ihren starken Talenten nicht nur sämtliche Rollen spielen, sondern auch Texte parallel sprechen müssten, entsteht bei ihr bisweuilen der Eindruck von Beliebigkeit und Desinteresse. Das gelte auch für Müller-Dialoge, die zu Sprecher-Monologen umgeschrieben worden seien. In ihrem Gedächtnis bleiben allerdings "packende Schauspieler, präzise Rollenwechsel, gräulich-schöne Masken und Perückentürme und Marie Bauers hexenhaft verkrümmter Tanz, mit dem sie Friedrichs ins Korsett des preußischen Gehorsams geprügelte Persönlichkeit veranschaulicht", haften.

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