Der freie Wille im Apple-Zeitalter

von Dorothea Marcus

Dortmund, 14. September 2014. Washington D.C. im Jahr 2041. Morde sind abgeschafft. Dank dreier "Precogs", in Protonenmilch lagernden Drogenmütter-Abkömmlingen, gelingt es dem Projekt "Precrime" seit sechs Jahren, jede unrechtmäßige Tötung eines Menschen vorherzusehen – und mit Hilfe von Agenten in selbstfliegenden Anzügen sekundenschnell zu verhindern. Immer, wenn demnächst einer potentiell ermordet zu werden droht, kullert ein Ball, der aussieht wie bei der Lottoziehung – rote zeigen Verbrechen aus Leidenschaft. Bei denen rennt die Zeit, der Mord liegt nur eine halbe Stunde in der Zukunft.

Die künftigen Tatorte sieht Precrime-Polizist Tom Cruise alias John Anderton voraus, indem er mit ausgestrecktem Armen, einer eleganten wie etwas albernen Choreografie, die gespeicherten Visionen der Precogs untersucht. Bis er eines Tages seinen eigenen Namen auf einem Ball entdeckt. Und sich aufmacht, sich selbst als Mörder zu verhindern. Anderton reiht sich damit mühelos ein in jene antiken Dramenhelden Ödipus und Orest, denen Orakel ihr Schicksal voraussagten – dem sie indes nicht entgehen konnten. Ein großartiger Theaterstoff, den Regisseur Klaus Gehre in Steven Spielbergs preisgekröntem und visionärem Hollywood-Film Minority Report (nach einer Story des Kult-SciFi-Autors Philip K. Dick) von 2002 ausgegraben hat. Hat der Mensch einen freien Willen?

Wir zeigen, wie die Illusion entsteht

Im Studio des Schauspiels Dortmund verwandeln vier Schauspieler "Minority Report oder Mörder der Zukunft" mit Hilfe von sechs fest auf dem Boden installierten Videokameras, drei Riesenleinwänden und vielen Requisiten in einen Live-Film. Wie bei Katie Mitchell wird das Theatergeschehen erst auf der Projektionswand komplett, und es ist schon eine Kunst, einen Hollywood-Film mit allen Special Effects fast deckungsgleich in 100 Minuten auf eine Theaterbühne zu bringen.minorityreport2 560 birgithupfel uLive-Film-Produktion unter dogmatischen Bedingungen © Birgit Hupfeld

Man kann sich vorstellen, mit wie viel Spaß der kreative Erfindergeist zur Sache gegangen ist: Da werden Rückblenden mit Hilfe von starr grinsenden Barbiepuppen vor Foto-Tapeten erzählt, Verfolgungsjagden finden mit Hilfe von Spielzeugautos in Plastikröhren statt, angeleuchtet von LED-Taschenlampen. Die Precrime-Unit fliegt mit Kameras über Landschaftsfotos, John Anderton guckt bei seinen Augen-Scans in eine Taucherbrille. Bei all dem sollen die Gesetze von DOGMA 20_13 gewahrt bleiben – "Minority Report" ist die zweite Arbeit im Geiste des Manifests, das in der letzten Saison am Schauspiel Dortmund ins Leben gerufen wurde: "Wir fordern, immer zu zeigen, wie die Illusion entsteht", "Die Dreharbeiten dürfen nur dort stattfinden, wo die Zuschauer anwesend sind".

Tom Cruises melancholisches Heldentum

Es ist ein schön anzusehendes Ballett, in dem sich Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Julia Schubert und Merle Wasmuth lautlos und konzentriert auf das Inszenieren der unzähligen Requisiten konzentrieren, wie Glas aus Plastikschüsseln gekippt, Uhrzeiger per Hand gedreht, Foto-Kulissen gewechselt werden – und dabei noch permanent die Rollen wechseln.

Julia Schubert etwa schafft es bravourös, zwischen dem seherisch-besorgten Precog Agatha mit weit aufgerissenen weißen Wimpern und der völlig durchgeknallten und drogenumnebelten Erfinderin von Precrime in gelber Brille und Lockenperücke zu wechseln. Ekkehard Freye ist nicht nur treuherziger Polizist an der Seite John Andertons, sondern auch halbseidender Chirurg mit Gummi-Eingeweiden an den Beinen, der Andertons Augen herausoperiert (damit sie nicht mehr gescannt werden können), der bösewichtige Gründer von Precrime mit Hornbrille und Lehrer-Tonfall – und noch ein Ehemann, ein Lover, ein Pseudo-Mörder. Nur die tragische Ödipus-Hauptfigur John Anderton ist fest mit Björn Gabriel besetzt, der genau Tom Cruises unbedarftes, melancholisch durchsetztes Heldentum trifft. Merle Wasmuth wiederum ist eine kühl-unbestechliche Beauftragte des Justiz-Ministeriums, die prüft, ob die so erfolgreiche Verhinderung von Verbrechen landesweit eingeführt werden kann.

Stimmen Sie ab mit der Precog App!

Zunächst fragt man sich, ob diese fast exakte Film-Reproduktion nicht eher eine etwas zu selbstverliebte technische Spielerei ist: Nur der über weite Strecken nervige, trashig-aufgesetzte US-Serientonfall der Darsteller vermittelt eine Idee von Distanz. Das ist zweifellos sensationell gemacht, aber auch recht redundant. Doch kurz vor dem Ende dürfen die Zuschauer selber mitmachen, und da öffnet sich schlagartig die Wucht der Frage nach dem freien Willen.minorityreport 560 birgithupfeld uEr fuchtelt fast schöner als Tom Cruise: Björn Gabriel © Birgit Hupfeld

Mit Hilfe einer App dürfen die Zuschauer mitstimmen, ob Anderton den ihm vorhergesagten Mord an Leo Crow begehen wird – immerhin hat der allem Anschein nach seinen eigenen Sohn entführt und ermordet. Dass im Premieren-Publikum 61 Prozent an den Mord glauben, weil sie ihn im Film gesehen haben und das möglicherweise mit dem psychologischen Anker-Effekt zu erklären ist, mag zweitrangig sein. Aufschlussreicher ist der Vorgang, dass die Abstimmung nur auf Android-Handys möglich ist. Denn Apple verweigerte die Bereitstellung. Das passt so exakt ins Bild, dass man es zunächst für einen Fake hält: Da der zur Zeit größte Konzern der Welt seinen Kunden nur "großartige Erfahrungen" ermöglichen will, verweigert er die Bereitstellung einer App, bei der nur eine einzige Frage zu beantworten ist – da kann man offenbar nicht genügend Datenmengen sammeln.

Der (un)freie Wille des Publikums

Zur allgemeinen Erheiterung wird Apples absurder Absage-Brief auf der Bühne verlesen. Und so zeigt zum Schluss die Form-Absage des App Review Teams, wie klar die fundamentalste philosophische Frage der Menschheit mittlerweile entschieden ist: Es gibt keinen freien Willen. Denn seit Google, Apple und Konsorten sich anschickten, die Summe unserer Konsumgewohnheiten algorithmisch zu erfassen, wissen sie früher, was wir (kaufen) wollen, als wir selbst. Einen freien Willen kann es nicht mehr geben, wenn Apple nur noch Apps bereitstellt, die so tief in unsere Datenmengen eindringen, wie wir es selbst nicht könnten.

Dreieinhalb Minuten übrigens wird der Applaus dauern, sagen die Schauspieler voraus – und wie zum Trotz klatschen die Zuschauer vier Minuten lang. Immerhin ein kleiner Trost.

 

Minority Report oder Mörder der Zukunft
Ein Live-Film von Klaus Gehre nach Steven Spielberg und Philip K. Dick
Regie und Textfassung: Klaus Gehre, Bühne: Klaus Gehre, Mai Gogishvili, Kostüme: Mai Gogishvili, Musik: Michael Lohmann, Dramaturgie: Alexander Kerlin, Live-Schnitt: Mario Simon, Sound: Gertfried Lammersdorf, Licht: Rolf Giese, Precog App: Georg Werner.
Mit: Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Julia Schubert, Merle Wasmuth.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Andere Theaterfilm- oder Live-Cam-Experimente aus Dortmund: Hamlet, Nachrichten an das All, Psychose 4.48.

 

Kritikenrundschau

Dem jungen Regisseur Klaus Gehre gelinge mit geradezu spielerischer Leichtigkeit eine Verschmelzung von realer Schauspielerei mit fest installierten Videokameras, drei großen Leinwänden und vielerlei putzigen Requisiten", schreibt Arnold Hohmann auf dem WAZ-Portal Der Westen (15.9.2014). Auch, wenn das Darsteller-Quartett quer durch den Raum hetzen müsse, "um sich in die nächste Rolle zu stürzen und um nebenbei noch Puppen zu animieren, entwickelt sich hier allmählich ein packender Thriller."

Rasant gespielt und inszeniert findet Ralf Stiftel in der Westfälischen Allgemeinen (15.9.2014) dieser Kammerspielversion von Stephen Spielbergs Blockbuster. "Die vier Darsteller übernehmen nicht nur die Rollen aller Hollywoodstars von Tom Cruise über Colin Farrell bis zu Max von Sydow. Sie realisieren – technisch unterstützt von Mario Simon – auch die vielen Special Effects". Teures Blockbuster-Kino werde heruntergebrochen auf das Format der Kleinbühne. "Doch die Fallhöhe zwischen Blockbuster-Perfektion und der lustvollen Improvisation mit Webcams, Barbiepuppen, Spielzeugauto und Topfblumen sorgt bei dem Abend für einen Mordsspaß. Check? Check!"

Das handwerkliche Nachbauen des Films hat für Stefan Keim im Gespräch für "Punkt 9" auf Deutschlandradio (15.9.2014, hier im Podcast) eine "komödiantische Wirkung", aber auch mehr: Das Verfremdungsverfahren bewirke "eine andere Art des Guckens"; das Gewichte verlagere sich "von den Action-Szenen" auf die "philosophische Fragestellung: Hat der Mensch, haben wir heute wirklich noch einen freien Willen, oder wie weit sind wir schon vorgeprägt". Und weil die Schauspieler den Plot nicht nur ironisieren, sondern zugleich richtig in die Handlung einsteigen, bekomme die Geschichte des Protagonisten "eine antike Wucht".

"'Minority Report' ist nach 'Das Fest' die zweite Inszenierung auf Grundlage des 'Dogma 20_13' -Manifestes", informiert Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (18.9.2014). Gehre rücke "die Fiktion unangenehm nah an unsere Lebenswirklichkeit heran". Der größten Herausforderung, den Actionszenen, begegneten die Darsteller mit Experimentierfreude, schreibt sie, und: "Für die rasante Verfolgungsjagd im Tunnel genügen eine Plastikröhre, ein Matchbox-Auto und eine LED-Lampe in Bewegung." "Dass der Polizist der Zukunft (…) fliegen kann, lässt sich mit geschickter Kameraführung auch im Liegen darstellen."

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