Der Eitelstolz des Untertanen

Er sei "wahrscheinlich der größte Liebhaber des Theaters", heißt es ziemlich unbescheiden auf dem Klappentext. Das werden wohl nur wenige unwidersprochen hinnehmen wollen, ist doch die Liebe des FAZ-Kritikers Gerhard Stadelmaier eine recht einseitige: demjenigen Theater, das er selbst Regisseurstheater nennt, begegnet er nämlich nicht als Liebender, sondern als unerbittlich, mancher wird sagen: als verbohrt Hassender.

cover stadelmaiersliebeserklaerungenVielleicht aber ist Gerhard Stadelmaier wenn nicht der größte Theaterliebhaber, so doch der größte Bühnenkunstmonarchist. Und das hier anzuzeigende Buch lässt seine Königinnen und Könige auftreten, vor denen er lustvoll auf die Knie geht ("wenn man die entsprechenden Knie hat", wie er verlauten lässt): "die großen Schauspieler und ihre gewaltigen Figuren". Mit dem Eitelstolz des Untertanen preist er sie, und mit einer gewissen Häme verzeichnet es der Monarchist, wenn auch die Republikaner im Staub vor der Größe der einsamen Bühnenherrscher liegen. So erinnert er etwa daran, wie, wenn Bernhard Minetti ein Theater betrat, dieser "den Raum dominierte, wie sich ihm alle zuneigten, wie das ganze demokratische Ensemble der Voyeure, Flaneure und Abonnenten sich ihm geradezu aufatmend zu unterwerfen schien – da ließ sich ein König herab."

Stadelmaier ist ehrlich genug vorwegzuschicken, dass nicht alle großen Schauspieler in seinem Buch vorkommen können. Dass der Bühnenkunstmonarchist, der er ist, jedoch alle Schauspieler ignoriert, deren Bühnenkunst mit dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR in Berührung gekommen ist, hat wohl Methode: keine Inge Keller, keine Corinna Harfouch, kein Henry Hübchen, kein Ulrich Mühe.

Dafür gibt es ein buntes Panoptikum des BRD-Theaters, beginnend mit einem klugen Essay über Gustaf Gründgens, weiter über Porträts der großen Schaubühnen-Mimen (Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz …) bis hin zu den großen Spielern unter Dieter Dorn, Peter Zadek, Claus Peymann oder Andrea Breth (Cornelia Froboess, Angela Winkler, Rolf Boysen, Gert Voss, Johanna Wokalek …). Manchmal mag Stadelmaiers Panegyrik gefährdet sein, in allzu leeres Wortgepränge zu gleiten (geradezu inflationär wird das Buch von dem Wort "Welt" in allen möglichen Zusammensetzungen durchzogen), manchmal aber kommt man nicht umhin, sich vor diesem zur Entzückung entzündeten Bühnenherrscheruntertanen zu verneigen. Wenn Stadelmaier seine Vision von Shakespeares "Sturm" entfaltet oder den einen großen Moment von Otto Sander im Film "Das Boot" schildert, dann findet er wahrhaft schöne Worte. Worte, die wohl nur einem großen Liebhaber einfallen. Also doch! (Wolfgang Behrens)

 

Gerhard Stadelmaier:
Liebeserklärungen. Große Schauspieler, große Figuren.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012, 240 S., 19,90 Euro.

 

Ein relativ guter Klang

Als ein unvergleichlich geschmeidiges Instrument hat George Steiner, der Literaturphilosoph, den Chor vor über 40 Jahren in seinem Essay "Der Tod der Tragödie" bezeichnet. Treffenderweise. Denn gleichviel, ob man (wie Steiner) vom Ende der Tragödie ausgeht oder nicht – der Chor hat überlebt: Aus ihm ist einst das Theater erwachsen, aus ihm zieht es noch immer Innovations- und Irritationskraft.

cover maskeundkothurn chorKaum verwunderlich also, dass die Zeitschrift "Maske und Kothurn" in ihrer aktuellen Nummer "Formationen des Chorischen im gegenwärtigen Theater" vorstellt. Auch nicht überraschend, dass hier allenfalls ein kleiner Ausschnitt zur Sprache kommt. Einen repräsentativen Querschnitt wollten die Herausgeberinnen ohnehin nicht vorlegen, aber eine lohnende Frage aufwerfen: "Wann ist ein Chor ein Chor?" Die einzelnen Beiträge verlieren sie (leider) immer wieder etwas aus den Augen, aber mit Grund wahrscheinlich. Denn mit dem Bezug auf den Gruppencharakter eines Chores ist nicht allzu viel gesagt, weil jede Gruppe mehr ist als die Summe ihrer Individuen. Weil verschiedene Einzelne verschiedene Gruppen bilden, gerade im Theater.

Was chorische Energie ausmacht, wie sich das Verhältnis von Einzelnem und Masse darstellt, wird in diesem Band daher vornehmlich an konkreten Inszenierungen untersucht, an Claudia Bosses Persern, Volker Löschs Medea und René Polleschs Ein Chor irrt sich gewaltig etwa. Sehr schön, dass auch der leider etwas in Vergessenheit geratene Josef Szeiler hier nicht übergangen wird – in einem Gespräch berichtet er von seiner "Prometheus"-Inszenierung 1983 in Wien und der Arbeit an einem "kreativen Chor". Wann ist ein Chor ein Chor? Szeiler sagt: Im Theater sei ein Chor ein Chor, "wenn jemand dirigiert und alle sprechen gleichzeitig und es schert niemanden etwas." Das erzeuge bestenfalls "einen relativ guten Klang". Er dagegen will mit dem Chor das, was Einar Schleef einst wollte: einen "rituellen Vorgang" schaffen. Auch das gehört zu den Formationen des Chores im Gegenwartstheater: diese Sehnsucht nach dem Rituellen. (Dirk Pilz)

 

Genia Enzelberger, Monika Meister, Stefanie Schmitt (Hg.):
Auftritt Chor. Formationen des Chorischen im gegenwärtigen Theater.
Maske und Kothurn. Heft 1/2012.
Böhlau Verlag, Wien 2012, 118 S., 16,90 Euro

 

Das Leiden bleibt

Es gebe da an den antiken Tragödien etwas, das bis heute kontrovers diskutiert werde, woran sich ablesen lasse, dass sie sich keineswegs erledigt hätten, schreibt der Literaturwissenschaftler Bernhard Greiner zu Beginn seiner ehrgeizigen Studie. Das sei die Frage, ob der Mensch in der Tragödie (und im Leben) einem "übermächtigen, ihn verderbenden Schicksal oder einer ihn ins Unglück stürzenden göttlichen Lenkung ausgesetzt und allenfalls fähig sei, Klage zu erheben" oder ob ihm "ein eigener, von ihm auch zu verantwortender Anteil an seinem Geschick zuerkannt werde".

cover greiner tragoedieDas ist die Frage, ja. Anders aber als zuletzt Wolfram Ette in seiner Studie Kritik der Tragödie gibt Greiner darauf keine eigene tragödientheoretische Antwort, sondern führt in das "komplexe Feld der Determinationen, in das die Tragödie das Handeln des Menschen eingelassen zeigt". Die Tragödie, so Greiner, verhandle den Freiheitsspielraum des Menschen, daher auch der Untertitel dieses Buches: "eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges". Es geht in Tragödien damit immer um das Verhältnis von "Gebundenheit und Selbstverfügung".

Das ist kein neuer, aber noch immer ein eleganter Zugriff auf den Stoff. Denn er erlaubt, von Aischylos bis Botho Strauß die Entwicklung der Tragödie zu verfolgen. Ein Überblicksbuch also, allerdings mit punktuellen Tiefenbohrungen, zu Goethes "Faust" oder Wedekinds "Lulu" zum Beispiel. Bemerkenswert, dass es in diesem Buch auch ein eigenes, aufschlussreiches Kapitel zu Benjamin Cohen und den geschichtsphilosophischen Bestimmungen der Tragödie in jüdischer Perspektive gibt. Schade, dass es zum Gegenwartstheater nichts zu sagen weiß.

An der Gegenwärtigkeit der Tragödie und ihrer ästhetischen Verfahren zweifelt Greiner aber nicht: Sie sei gegenwärtig, insofern die Nötigung weiter bestehe, "die Welt vom Leiden aus zu verstehen", wie Nietzsche es in einem seiner nachgelassene Fragmente formulierte. Denn noch immer werden wir mit Furchtbarem konfrontiert, das sich "logisch-vernünftiger Bewältigung" verweigert. (Dirk Pilz)

 

Bernhard Greiner:
Die Tragödie. Eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges.
Grundlagen und Interpretationen.
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2012, 864 S., 27, 90 Euro

 

Mehr Bücher? Gibt es hier.

 

Davon später

Es beginnt auf einer Alm in Kärnten und endet bei Beethoven und Napoleon. Die Begegnung zwischen Komponist und Kaiser ist (Drehbuch-)Fiktion, die Alm dagegen ein Kindheitsort, an den es ihn "auf meine alten Tage wieder hingezogen" hat: Maximilian Schell. Zwischen diesen beiden Punkten schlägt der Theater- und Filmschauspieler, Produzent und Pianist, den Bogen seiner Lebenserinnerungen.

Glaubenskriegerisch neutral

von Dirk Pilz

Juli 2012. Alles wird immer mehr auf dieser Welt. Mehr Menschen, mehr Informationen, mehr Kunst, auch mehr Unsinn, klar. Unübersichtlichkeit und Orientierungsverlust sind wahrscheinlich jene Merkmale unserer Gegenwart, die jeder abnicken wird.

Was für G'schichten

Es gibt Charaktere, die sich erst auf den zweiten Blick für eine umfangreiche Biographie eignen. Johann Nestroy (1801-1862), der große Mann des Alt-Wiener Volkstheaters, ist so einer. Derart voluminös ist die Liste seiner Stücke und allabendlichen Bühnenauftritte, dass es scheint, als habe er schlicht keine Zeit gehabt für ein Privatleben. Wie weit gefehlt diese Annahme ist, zeigt Renate Wagner in ihrem Buch "Der Störenfried", in dem sie das Theaterleben des Österreichers gründlich und konzis zugleich nachzeichnet.

Der schnellste Brüter

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2012. Ein "ewiges olympisches Theaterdorf" mit jährlich 120 Inszenierungen von Künstlern aus aller Welt. Ein "launisches, trashiges Dorf", das sich als "Mutterschiff, Zentrum, Treffpunkt, Lernort" (Rimini Protokoll) für frei produzierende Theatergruppen profiliert hat: das Berliner Hebbel am Ufer, Theater des Jahres 2004. Nach neun Jahren ist nun Schluss, Matthias Lilienthal dankt ab. Und das Begleitbuch zu dieser theaterhistorischen Ära ist jetzt im Verlag Theater der Zeit erschienen, herausgegeben von der HAU-Pressechefin und stellvertretenden künstlerischen Leiterin, Kirsten Hehmeyer, und Matthias Pees, Chefdramaturg der Wiener Festwochen.

Das Ganze des Denkens

von Dirk Pilz

März 2012. Dieses Buch ist das gehalt- und geistvollste, lehrreichste, wichtigste, scharf- und feinsinnigste, vor allem aber wagemutigste zur Tragödie seit Friedrich Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Das erschien vor 140 Jahren; es hat das Nachdenken über die Tragödie geprägt wie keines zuvor seit Aristoteles' "Poetik". Die wurde, vermutlich, um 335 vor Christus verfasst.

altKein Ratgeber

Wie entsteht ein Stück? Auf dem Theater, argumentiert der Autor (und Dramaturg am Berliner Deutschen Theater) John von Düffel in "Wie Dramen entstehen": Wer Stücke schreibt, muss die Bühne stets im Kopf haben, das Theater kennen und verstehen. Eine Binsenweisheit? Wenn man sich quer durch die dramatischen Erzeugnisse der Saison liest, möchte man sie dem einen oder anderen Jungautor dennoch unbedingt ans Herz legen. Ebenso wie den gesamten ersten Teil des Buchs.

Unbedingte Augen

Sie hat sich mehr als rar gemacht in den letzten Jahren. Auf der großen Theaterbühne sah man Jutta Hoffmann zuletzt vor zwölf Jahren, in einer fast schon versunkenen Theaterepoche: als Rosa Luxemburg in Einar Schleefs Inszenierung "Verratenes Volk" am Deutschen Theater Berlin. Die Schauspielkollegin Inge Keller stellt in dem hier anzuzeigenden Buch die "kleine Anfrage", warum man sie denn in keinem Theater mehr erleben könne.

altNichts weiter

von Dirk Pilz

Juni 2012. Dieses Buch ist das Romandebüt einer Dramatikerin, das allseits als reif aufgenommen wurde, was allerdings nur jene erstaunen kann, die keine Dramen lesen. Es ist ja noch immer so, dass als Schriftsteller von der breiteren Leseöffentlichkeit erst wahrgenommen wird, wer Prosa (oder Lyrik) schreibt. Dass Dramatiker noch immer unter dem Verdacht stehen, bloße Spielanweisungsstichpunkte zu liefern. Dass noch immer das Drama gegen die Inszenierung (oder andersrum) ausgespielt wird. Kann ein Drama einen eigenständig literarischen Wert haben? Wer je ein Drama dieser Romandebütantin gelesen hat, wird feststellen: Es kann, oh ja.

altDas Leben läuft

Von Dirk Pilz

Februar 2012. Alexander Kluge ist 80 Jahre alt, und auch wir wollen gratulieren: herzlichen Glückwunsch! Vielen Dank für die Filme, Interviews und Fernsehproduktionen, vor allem aber für die Bücher! Die Welt wäre ärmer, leerer ohne sie.

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Eine Werkzeugkiste

Wer ein Germanistik-Studium beginnt und mit der Masse an Einführungswerken in Berührung gerät, muss den Eindruck gewinnen, als wolle sich die Professorenschaft gegenseitig darin überbieten, das kompetenteste und verkaufsträchtigste Lehrbuch zu schreiben. Tatsächlich sind viele dieser Werke nichts weiter als schlecht geschriebene Redundanzparaden. Gänzlich freizusprechen von solcherlei Vorwürfen ist auch Franziska Schößlers soeben erschienene "Einführung in die Dramenanalyse" nicht. Die Trierer Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft verstand ihrer Version aber immerhin einige innovative Elemente beizumengen.

altDas Unmögliche wahr machen

von Simone Kaempf

26. Januar 2012. Die Ankündigung, dass jenes Buch, das Thomas Brasch nie geschrieben hat, nun mit diesem vorliegt, wie es im Klappentext heißt, mag verlockend klingen, auch ein bisschen verwegen. Ganz sicher führt sie auf die falsche Spur. Es ist sogar genau das Gegenteil, willl man am Ende ausrufen: "Die Kinder der Preußischen Wüste" ist wohl eher das, was Brasch zu schreiben gescheut hat. Was überhaupt nicht gegen das Buch spricht. 

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Es gibt kein großes weißes Wir

von Nikolaus Merck

9. Mai 2012. Eigentlich wussten wir es, seit die deutsche "Internationalmannschaft" bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 so begeisternd aufspielte: Das große weiße Wir in Deutschland gehört der Vergangenheit an. Migrantenkinder prägen das Bild der neuen Nation.

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Was lernt man im Theater?

"Können wir vom Theater noch etwas lernen?" Diese Frage steht ganz oben auf dem Rückumschlag und klingt, als verheiße sie ein Ja. Auch das Inhaltsverzeichnis hört sich recht vielversprechend an: Da geht es um "Dumme Fragen" und "Autopannen", "Lügen" und "Hochzeit", "Intrigen" und "Rache" und – natürlich – "Lieben" und "Sex". Neugierig geworden, schlägt man den schmalen Band auf.

Ein Leben in Widersprüchen

Angenommen, Pier Paolo Pasolini (1922-1975) wäre durch seine Arbeit als Filmregisseur und Autor nicht weltberühmt geworden. Über seine Vita wäre er wohl eher als wunderlicher Kauz denn als genialer Künstler in Erinnerung: Er war schwul und stellte sich gegen sexuelle Diskriminierung, sprach sich aber auch gegen Abtreibung und Ehescheidungen aus; er war Anhänger der italienischen Kommunisten, obwohl sein Bruder von ebendiesen gemeuchelt wurde; ebenso bezeichnete er sich selbst als Marxisten, ohne Marx gelesen zu haben. Ein pathologisch enges Verhältnis zur eigenen Mutter rundet diesen in der Tat sonderlichen Charakter ab.

Alle waren aufgeregt

von Rainer Nolden

30. Dezember 2011. "Sie wissen, wie hoch ich Ihr Talent schätze. Und eben deshalb bin ich verpflichtet, Ihnen gegenüber ganz offen zu sein. Und das ist mein ganz freundschaftlicher Rat: Hören Sie auf, fürs Theater zu schreiben. Das ist überhaupt nicht Ihr Fach."

Macht und Mutti

von Dirk Pilz

12. April 2012. Vielleicht sollte man das singen? Oder einsam in Bergeshöh' gen Himmel flüstern? Ins Meer hinauskreischen? Hm.

Auf dem Tisch liegen gut 650 Seiten Jonathan Meese. Schwarze Schutzhülle, roter Einband. Es sind "ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst". Für die Auswahl sei herzlich gedankt, denn wie vom Herausgeber Robert Eikmeyer im Nachwort zu erfahren ist, gibt es noch große Mengen unveröffentlichter Manuskripte, darunter auch ein Buch namens "Monosau", angeblich mehrere hundert Seiten lang. Meeses Mutter, Brigitte Meese, hat früh begonnen, die Meese-Manuskripte abzutippen, sie brach nach einiger Zeit zusammen.

Der heimliche Held

Walter Bruno Iltz gehörte zu den autokratischen Alleinherrschern an deutschen Theatern, die nach 1968 von der Generation SteinPeymannFlimm verdrängt und später vergessen wurden. Nach Anfängen als Schauspieler in Dresden wird der 1886 bei Danzig geborene Apothekersohn 1924 Generalintendant in Gera, auf den "General" legt er besonderen Wert. Er setzt neue Dramatiker wie Brecht, Barlach, Zuckmayer auf den Spielplan. 1927 wechselt er an die Städtischen Bühnen Düsseldorf, wo er Moderne wie Hindemith, Weill, Strawinsky, Krenek fördert. Für sein Schauspiel engagiert er den Kommunisten Wolfgang Langhoff, den Juden Leopold Lindtberg und fürchtet sich nicht, gegen den Antisemitismus der NSDAP aufzutreten.

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Mit dem unbeugsamen Willen zum Erfolg

von Nikolaus Merck

20. März 2012. Von Zeit zu Zeit liest man den Spiegel gern, erfährt man daraus den neuesten Klatsch des Landes doch. Wenn es darum geht, mal wieder einer vermeintlich heiligen deutschen Kuh in den Hintern zu treten, sind die journalistischen Krawallmacher aus Hamburg jedenfalls vorne dran. So war es vor sechs Jahren bei der sogenannten Ekeltheaterdebatte, als ein rechter Tor auf die Reise zu den Pisse-Blut-und-Sperma-Sümpfen auf deutschen Stadttheaterbühnen geschickt wurde. Und so ist es jetzt wieder, da vier arrivierte Kulturmanager und –berater das dringende Bedürfnis verspürten, mal ordentlich ins eigene Nest zu kleckern. Der Spiegel bläst in die Posaune: Die Hälfte der Theater, Museen, Bibliotheken muss weg! Und schon schlagen Radio, überregionale Presse, Fernsehen und Internet aufgeregt mit den Flügeln (hier die ausführliche Presseschau). Schönes Spiel. Jedenfalls wissen wir jetzt wieder, wer die Macht hat, Themen zu setzen. Bloß, ging es wirklich darum, die Hälfte der Kunstinstitute hierzulande (und in Österreich und der Schweiz) kurzerhand ersatzlos zuzusperren?

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Die Aura der Selbstverwirklichung

von Matthias Weigel

23. Dezember 2011. Das oberfränkische Wunsiedel wäre eine Kleinstadt wie jede andere: Kein Bahnhof, keine Diskothek, kein Kino. Dafür Kirchweih und Feuerwehrfest, Schulbusse und Stadtkapelle, der CSU-Bürgermeister vom Gehöft nebenan, die Dorfpunks im Jugendzentrum, das Weihnachts-Musical vom Kirchenchor. Würden da nicht einmal im Jahr Fremde einfallen. Andere Klamotten, andere Frisuren. Sie sind in kürzester Zeit mit dem Wirt per Du und bleiben auch unter der Woche bis zuletzt. Sie wohnen in Ferienwohnungen oder auch mal im Campingzelt, und es umweht sie die unerreichbare Aura der freien Kunst, der großen Stadt, des unsteten Lebens, der freiheitlichen Selbstverwirklichung: Die Schauspieler sind in der Stadt.