Der polnische Pate des Postdramatischen

von Thomas Irmer

21. Juli 2008. Als im Januar die Kafka-Paraphrase "Der Hungerkünstler geht" in der Regie von Piotr Kruszczynski in Zittau aufgeführt wurde, fragte sich auch nachkritik.de, warum der polnische Dramatiker Tadeusz Różewicz auf deutschen Bühnen kaum noch bekannt ist. Ein Vielgespielter war er hier nie, doch seine wichtigsten Stücke wurden auf west- und mit einiger Verzögerung auch auf ostdeutschen Bühnen aufgeführt und fanden große Anerkennung als Experimente mit den Formen des Dramas.

Der Lebenserzähler

von Wolfgang Behrens

8. April 2008. Er hatte sich sagen lassen müssen, "wer kein Blut sehen könne, tauge nicht für die große Sache." Die das sagten, waren nicht irgendwer, sondern Leute auf die er etwas hielt, sehr viel sogar: sein Vater und dessen Weggefährte und Freund, der Komponist Paul Dessau. Und sie sagten noch mehr: "die Partei, das sei halt ein großer Kreis, und beim Zusammenrücken in schwierigen Situationen, nun, da werde eben ab und zu mal einer zerquetscht."

Die Tragödie Sarkozy

von Simone Kaempf

8. März 2008. Namen, die immer wieder fallen: Henri, Laurent, Pierre, Élodie. Auf der Hälfte des Buchs blättert man im angehängten Personenregister, um Redenschreiber, Stabschef und Berater auseinander zu halten. Am Ende des Buchs rücken sie in den Hintergrund – wie jeder Hofstaat. "Kätzchen, die um ihn herum spielen", schreibt Yasmina Reza einmal über die Entourage auf dem Rückflug von einem Wahlkampftermin. Dazwischen: Sarkozy.

Die Unergründlichkeit des Menschen

von Lutz Stirl

Berlin, Oktober 2007. Heinrich von Kleist war ein schwieriger Mensch. Und er wird es für seine Biografen bleiben. Gerhard Schulz, Emeritus für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Melbourne, ist dabei der richtige Partner für alle, die in makellosem Stil in die Kleist-Forschung eingeführt werden wollen – seine "Enigma-Variationen" zur bis heute rätselhaften Würzburger Reise Kleists bilden den Höhepunkt seiner Monografie.

Die Banalität des Subjektiven

von Dirk Pilz

Februar 2008. Diskutiert wird ja gern und viel rund ums Theater und die einzelnen Inszenierungen. Eines scheint dabei stets unverbrüchlich zu gelten: Nichts ist objektiv in Sachen ästhetischer Urteilsbildung, alles bleibt letztlich ein Produkt der je eigenen Subjektivität. Objektivität in der Theaterkritik zum Beispiel? Gibt es nicht, kann es nicht geben, braucht es auch nicht.

Pop und Pantoffeltier

von Regula Fuchs

Bern, September 2007. Ausgerechnet das Jahr 1991 war ein Schlüsselmoment für das Theater der Deutschschweiz – jenes Jahr, in dem die Eidgenossenschaft ihren 700. Geburtstag feierte, der jedoch von vielen Kulturschaffenden boykottiert wurde.

Gesprächige Meister

von Hans Christoph Zimmermann

Januar 2008. "Nahaufnahme" nennt der Berliner Alexander Verlag eine neue Buchreihe, die einen möglichst "persönlichen Zugang zu Leben und Werk eines internationalen Künstler" ermöglichen soll. Alle bisher erschienen Bände zeigen auf dem Cover ein Foto des Porträtierten, der den Leser frontal anblickt. Doch nicht nur Nahaufnahme, sondern Zwiesprache ist das Grundprinzip der Reihe; dementsprechend dominiert das Buch füllend ausgedehnte Interview, das den Künstlern Raum zur Selbstdarstellung gibt.

Man kann ja nicht alles wissen

von Dirk Pilz

Berlin, September 2007. Das vom Rowohlt Taschenbuch Verlag herausgegebene Theaterlexikon ist jetzt in der fünften, vollständig überarbeiteten Neuausgabe erschienen. Das ist schön. Noch schöner, dass sich zum 1986 erstmals publizierten Band nun ein zweiter gesellt hat.

Die Experten der Affirmation

von Dirk Pilz

23. Dezember 2007. Stellen wir eine einfache Frage: Warum gibt es dieses Buch? Im Vorwort merken die Herausgeber an, dass es zwar "ein bisschen früh für ein ausführliches Buch" sei, schließlich gebe es Rimini Protokoll gerade mal sieben Jahre. "Doch die Arbeit von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ist", wird uns erklärt, "nicht zufällig in so kurzer Zeit so erfolgreich geworden." Es gibt dieses Buch also, weil es am Erfolg seines Gegenstandes partizipieren möchte. So funktioniert der Markt und dies braucht nicht weiter bemäkelt zu werden – auch wenn es ein schwaches (und entlarvendes) Motiv ist.

Eine Art Grammatik

von Dirk Pilz

Berlin, August 2007. In den Entwürfen zum zweiten Band des Romans "Der Mann ohne Eigenschaften" ist auch ein Kapitel zur "Unsicherheit des Gefühls" enthalten. Robert Musil schreibt hier, zwischen Verhalten und Gefühlen bestehe ein "Verhältnis der gegenseitigen Verstärkung und Resonanz", ein "schwellendes Ineinanderfassen".

Theater als Bildverarbeitungsmaschine

von Esther Boldt

23. Dezember 2007. Schon immer steht das Visuelle auf dem Theater unter Verdacht. Unter dem Verdacht des Populären, des Simplifizierenden, dessen, was der Herrschaft des Textes eins draufzusetzen versucht und in den Feuilletons noch immer gerne als "Regieeinfall" angeklagt wird. Dieser binären Entgegensetzung von Text und Bild zum Trotz sind Theater und Visuelles schon immer Verwandte.

Spiel ist "lachender Gehorsam"

von Dirk Pilz

Berlin, März 2007. Diese Frage steht immer im Raum, auch und gerade in Theaterkreisen: Gibt es so etwas wie Fortschritt in der Kunst? Aber natürlich, tönen die einen und verweisen auf neue theatralische Formen (Pollesch! Marthaler!) und deren Weiterentwicklung.

Nicht mehr an die Kraft des Humanismus glauben

von Hans-Christoph Zimmermann

23. Dezember 2007. Klischees sind immer noch das gängigste Verkaufsargument. Das zeigt sich jetzt wieder an dem Sammelband "Peter Turrini. Schriftsteller". Der Klappenbroschureinband besitzt eine raue Griffigkeit. Auf dem Foto ist der Autor neben seiner Schreibmaschine zu sehen, deren Lettern auch für den Titel verwendet wurden.

Der Verkannte

von Esther Slevogt

Berlin, Januar 2007. Max Reinhardt gehört zu den großen Verkannten der Theatergeschichte. Das mag angesichts seines geradezu legendären Rufs vielleicht paradox klingen. Doch beim näheren Hinsehen ist Reinhardts Ruf zwiespältig.

Wie toll wir doch sind

von Dirk Pilz

November 2007. Theater sind auch Unternehmen. Und Unternehmen sind erstens an guten Umsatzzahlen und zweitens an einem positiven Image interessiert, weil das positive Image dem Umsatz hilft. So weit, so unverfänglich. Nun sind aber bekanntermaßen die Produkte eines Theaters künstlerischer Natur. Will sagen: Ob und wie eine Inszenierung beim Publikum und damit an der Kasse läuft, lässt sich nach wie vor nicht planen.

Sagen Sie Pataphysik!

von Dirk Pilz

Berlin, Dezember 2006. Sie ist die "Wissenschaft der imaginären Lösungen", die "letzte Instanz" und also die "Wissenschaft der Wissenschaften". Die 'Pataphysik, nur richtig mit einem vorangehenden Apostroph geschrieben.

Ohne Provinz und Politik

von Hans Christoph Zimmermann

Oktober 2007. "Werft eure Hoffnung über neue Grenzen" lautet der Titel von Brigitte Bruns Buch zum Theater im Schweizer Exil, das als Katalog zur gleichnamigen Ausstellung Ende April dieses Jahres im Münchner Theatermuseum erschienen ist, aber auch als eigenständige Publikation daherkommt. Die Autorin schildert darin zunächst die regen Verflechtungen des deutschen und Schweizer Theaterlebens vor 1933.