Die Zerbrechlichkeit des Neuen

von Esther Boldt

29. Juli 2016. Am Ende war das A. Zwei Kletterer erklommen die Fassade des Bockenheimer Depots, demontierten die zwei Ts des TAT und ließen nur das A stehen – als Symbol eines Neuanfangs. Leider blieb dieser eine Utopie: An einem milden Abend im Mai 2004 fand die letzte Performance im Frankfurter Theater am Turm (TAT) statt, "For urbanites – nach den großen Städten" des Performancekollektivs andcompany&Co., die sich mit Stadtsterben und Theatertod beschäftigte.

Ein Zeitgeisthändler

von Dirk Pilz

11. Juli 2016. Auf dem Tisch liegt ein schmales Bändchen, mintgrün, pappgebunden. Es ward von einem Theaterkritiker verfasst, den das Rentenalter aus dem Amt vertrieb. Ein in den informierten Kreisen sattsam bekannter Mann, der stets vorgab, einer "radikalen Subjektivität" zu folgen und Kritik als "Kunst der Autonomie" zu betreiben, was allerdings zumeist darauf hinauslief, das private Meinen schon als subjektives Urteil und das ungeschützte Vorurteil bereits als Ausdruck von Autonomie zu nehmen. Im Grunde eine tragische Figur, die das Gefängnis des Geschmäcklerischen kaum je zu verlassen vermochte.

Aus purer Lust

von André Mumot

7. Juli 2016. Am Schluss des Vorworts steht das Datum. Juni 2015. Das ist, ganz lapidar, ein Abschied. Einen Monat später starb Dieter Kühn mit achtzig Jahren. Er hat, nach seiner über tausendseitigen Autobiographie "Das Magische Auge. Mein Lebensbuch", ganz am Ende noch diese wunderliche Ergänzung hinterhergeschoben. Er wusste dabei, dass ihm "der Verlag dieses Buch letztlich zum Geschenk gemacht" hat. "Spätvorstellung" heißt es. Und im Untertitel: "Mein Theaterbuch". Es stehen sechs seiner Stücke darin, die in dieser Form nie aufgeführt worden sind. Wird sich das ändern? Wohl nicht. Wird der Verlag das Buch oft verkaufen? Auch nicht sehr wahrscheinlich. Nein, es ist eben ein Geschenk.

Reminiszenz an "Berlin, einig Theaterstadt" aus Anlass der 25. Wiederkehr der deutschen Vereinigung, mit Blick auf die Theatertagebücher von Michael Eberth.

von Nikolaus Merck

7. Oktober 2015. Im November 1995 fährt der Chefdramaturg des Deutschen Theaters (DT) Michael Eberth ins sibirische Omsk. Mitten im russischen Winter begegnet ihm ein Theaterwunder.

Die Erben Lessings

von Thomas Rothschild

2. Juni 2016. Das Berufsbild des Dramaturgen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts oblag es den Dramaturgen vornehmlich, Vorschläge für den Spielplan zu machen, die Programmhefte zu redigieren und eventuell Strichfassungen vorzubereiten. Oder man beschäftigte sie mit Nebenaufgaben, weil sie von Theatertexten außerhalb des engen Kanons und erst recht von deren geschichtlichen Bedingungen nicht allzu viel Ahnung hatten. Mit der Durchsetzung des so genannten Regietheaters wuchs – im deutschsprachigen Raum – die Bedeutung und das Ansehen der Dramaturgen.

Wie Nutten oder Taxifahrer

von Thomas Rothschild

17. September 2015. Es sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die im Theater buchstäblich im Rampenlicht stehen. Gleichwohl ist Theater ein Ergebnis kollektiver Arbeit, zu der die Schauspieler zusammen mit dem Regisseur einen zwar entscheidenden, aber keineswegs den alleinigen Teil beitragen – wenn auch Besprechungen gelegentlich diesen Eindruck erwecken mögen. Wie oft wird schon die Kunst der Beleuchter gewürdigt, wie oft das Handwerk der Kostümschneider? Wer könnte die Namen von Inspizienten oder von Maskenbildnern nennen, ohne die am Theater nichts läuft?

Der Kosmos kotzt

von Janis El-Bira

17. März 2015. Zum Allerschönsten in der Literatur überhaupt zählen Verschwörungen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Prinzipien einer Verschwörung denen des Erzählens und des Lesens gleichermaßen verwandt sind. Wer sich verschwört, trifft geheime Absprachen, legt falsche Fährten, zieht die Fäden und tritt irgendwann doch immer ins Helle. Der Verschwörung zu folgen, ihr auf die Spur zu kommen, bedeutet andererseits, Sinn zu konstruieren, dem Flüstern eine Richtung abzulauschen, die Zeichen zu lesen. Auf beiden Seiten der Verschwörung lockt die Verheißung einer kaum zu steigernden Freude: Welterschließungseuphorie.

Wider die Vertreibung des Menschen aus der Kunst

von Thomas Rothschild

5. August 2015. Es gibt bestallte Theater- und Literaturwissenschaftler, die so gut wie nie ins Theater, geschweige denn in Konzerte oder Ausstellungen gehen. Wozu auch? Für die Beschreibung einer antiken Arena oder die Auflistung von Premieren an der Comédie-Française, ja sogar für ein Exzerpt von Erika Fischer-Lichtes "Semiotik des Theaters" bedarf es keiner sinnlichen Erfahrung. Man muss dies einmal in aller Deutlichkeit aussprechen, um die tatsächlich intelligenten, pflichtbewussten, fleißigen Professoren zu würdigen, die es auch gibt und die man nur insofern für die schwarzen Schafe zur Rechenschaft ziehen kann, als sie sie aus einem falsch verstandenem Korpsgeist decken.

Ein Wunder

von Eva Biringer

16. März 2016. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, genau genommen Anfang 2015, verzeichnete Deutschland 31 Wolfsrudel, davon sieben in Brandenburg, Tendenz steigend. Dass sie sich in den südlichen, an Sachsen grenzenden Wäldern besonders wohlfühlen, ist keine literarische Erfindung, sondern eine Tatsache. Auch im Zentrum von Roland Schimmelpfennigs erstem Roman steht ein Wolf. Von der polnischen Grenze aus bahnt er sich einen Weg durch das tiefverschneite Brandenburg, Richtung Berlin. Ist "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, ein deutsches Wintermärchen?

Angehörige einer Dynastie

von Thomas Rothschild

15. Juni 2015. Gleiche Bildungschancen: es gibt sie im künstlerischen Bereich ebenso wenig wie in Hinblick auf eine medizinische oder diplomatische Laufbahn. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Elternhaus die Berufswahl und damit das Leben von Kindern ganz wesentlich bestimmt – die zahlreichen Schauspielerkinder, die ihrerseits eine Theater-, Film- oder Fernsehkarriere anstreben, lieferten ihn. Angehöriger einer Dynastie zu sein, ist Segen und Fluch zugleich. Der bekannte Name hilft, keine Frage. Aber wer ihn trägt wird nicht nur an den Vorfahren gemessen, er erbt in der Regel auch die Bürde der Negativurteile, die jene gegebenenfalls einstecken mussten.

Mit diebischem Vergnügen

von Thomas Rothschild

12. Februar 2016. Er war ein sehr österreichischer Schauspieler. Wenn er einen Regisseur hatte, der ihn an die Kandare nahm, einer der größten. Wenn er sich, allzu oft, an den Boulevard verschwendete, immer noch ein begnadeter Komödiant. Dass er darüber hinaus ein liebenswerter und intelligenter Zeitgenosse war, fällt im Theaterbetrieb nicht ins Gewicht. Für seine Umwelt hat es Bedeutung – zumindest so sehr wie sein Talent. Und dann die Stimme, die Sprachfärbung: Wahrscheinlich muss man Österreicher sein, um ihr zu verfallen.

Im Bitterfelder Seelensumpf

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Juni 2015. Das Buch als Buch ist hübsch. Hat am Rücken einen Leinenstreifen, hat innen drinnen drei Schrifttypen. Das was typographisch nicht ins Auge fällt, ist die sich über weiteste Teile hinwegziehende Erzählung von Phillip Odetski. Das was Schreibmaschinenschrieb und von Fehlern und Verbesserungen durchzogen ist, das sind die Briefe seines Vaters Hermann F. Odetski an Margot Honecker. Eigentlich sollte der Sohn diese Briefe zur Post bringen und nach Chile senden lassen. Das tut er aber nicht. Sondern lässt irgendwann seine, Freundin wäre viel zu viel gesagt und Flamme wäre viel zu leidenschaftlich gesprochen, jedenfalls lässt er Nicole einen Antwortbrief erfinden. Das wäre dann der dritte Schrifttyp, der eine hübsche Handschrift imitieren mag.

Theater als Kriegsmaschine

von Andreas Tobler

4. Januar 2016. Es gibt kaum eine namhafte Philosoph*in, die sich nicht im weitesten Sinne mit Theater beschäftigt hat, man denke nur an Adornos Beckett-Lektüren, an Judith Butlers "Antigone"-Deutung oder an Jean-Luc Nancys Reflexionen über die Körperlichkeit des Theaters.

Schabloniaden

von Eva Biringer

11. Juni 2015. Allein aus einer Notsituation heraus reisende Frauen provozieren entweder Mitleid oder Bewunderung. Frauen in dieser Verfassung verlaufen sich bewusst oder nehmen den längeren, an der Küste entlang führenden Weg zum Ferienhaus. Diese Ferienhäuser sind spärlich möbliert und auf unbestimmte Zeit gemietet, die Frauen erwartet dort nichts außer bleierner Schlaf. Statt mit Fremden in schummrigen Bars, betrinken sie sich alleine zu Hause. Sie essen nichts oder trockenes Brot. Ihr Haarschnitt ist eng, mitunter untrennbar an eine männliche Anwesenheit geknüpft.

Ach, gäbs doch nur ein Richtiges im Falschen!

von Theresa Luise Gindlstrasser

16. Dezember 2015. 1991 veröffentlicht, wurde Nevermind von Nirvana zu einem der wichtigsten Alben meiner, deiner, der Musikgeschichte. Auf dem Cover: ein nacktes Baby unter Wasser Richtung Dollarnote blickend. Spencer Elden, das Nirvana-Baby, ist mittlerweile volljährig und studiert irgendwas mit Kunst. Eine ganze Generation, die "Nevermind" in den CD-Regalen der Älteren entdeckt hat, ist mittlerweile volljährig und studiert, so scheint’s, irgendwas mit Kunst.

Die Verschnuckelung des entfremdeten Lebens

von André Mumot

Berlin, 18. Mai 2015. Ist doch alles gar nicht so schlimm, möchte man sagen. Es hat doch so vieles zu bieten, das Theater der Gegenwart. So viel Schönes. Nicht nur Verspieltes, auch Wahres. Auch Realität. Sogar, fürs politischere Publikum, Klassenbewusstsein. Erst kürzlich haben die Performerinnen von She She Pop Stuttgarts Theaterangestellte auf die Bühne gebracht und sie über ihre Arbeitsbedingungen sprechen lassen. Und Rimini Protokoll bringen die Realität unserer Welt doch nun schon seit Jahren auf die Bühne, mit Experten des Alltags, die verlässlich Tacheles reden über die Verhältnisse ihres Daseins. Aber? "Will man etwas über die Entfremdung der Verkäuferin erfahren", sagt Bernd Stegemann, "ist gerade die Verkäuferin die am wenigsten geeignete Person, Entfremdung auf einer Bühne zu zeigen."

Wollt Ihr die totale Agonie?

von Dirk Pilz

3. Dezember 2015. Im Epilog dann die entscheidenden Sätze: "Wir müssen uns entscheiden. Jeder Einzelne muss sich bekennen." Das ist die geschichtliche Situation, die dieses Buch von Philipp Ruch behauptet.

Gold auf den Fingernägeln, nichts auf dem Konto

von Matthias Weigel

28. April 2015. Die allermeisten kennen ihn aus der Werbung. 14 Millionen Klicks auf Youtube, weltweite Aufmerksamkeit dank Aggregatoren wie Buzzfeed, für ein deutschsprachiges Video ist das rekordverdächtig. Ebenfalls viele kannten ihn zuvor schon als Interpreten des ursprünglichen Songs Supergeil, auf dem die spätere Werbung basierte (drei Millionen Klicks). Nur wenige kennen ihn wahrscheinlich als freien Schauspieler und Regisseur der Arbeiten Mittagsruhe in Berlin (Sophiensaele, 2000) oder Carmen Miranda Revue Pavillon (Haus der Berliner Festspiele, 2001). Und davor gab es ihn auch noch als Puppenspieler: Mit seinem Stück "Der kleine Mann im Bauch" tourte er in den 80ern durch Kindergärten und Grundschulen.

Wenn einen die eigene Spur überholt

von Janis El-Bira

19. November 2015. Einmal, es ist schon gegen Ende seines neuen Buchs, lässt Joachim Meyerhoff seinen würdig-gestrengen Großvater mit großer Sorgfalt einige Messtischblätter ausbreiten. Wanderkarten sind das, auf denen der Maßstab so groß gewählt ist, dass auch winzige Details abgebildet sind: Trampelpfade, einzelne Hütten, Zäune und Bänke. Doch den hochbetagten Mann bringt es völlig aus der sonst wie in Marmor gehauenen Fassung, wenn die Wanderwirklichkeit nicht mehr einlösen kann, was die veralteten Karten versprechen. Ein Parkplatz steht dort, wo einst das bevorzugte Restaurant sich befand, das vormals glasklare Nass der Wasserfälle ist längst nicht mehr trinkbar. Mit spitzem Bleistift ersetzt der Großvater in den Karten das Gewesene durch den Ist-Zustand: "Jetzt Parkplatz!", "Kein Trinkwasser!".

... oder Sie werden Regisseur!

von Rainer Nolden

4. April 2015. Der publizistische Zufall will's, dass die Lebenserinnerungen zweier Künstler, Vater und Sohn, gleichzeitig erschienen sind. Die des Vaters als "Neuinszenierung", die des Sohnes als "Uraufführung": Max und Marcel Ophüls, zwei Regisseure, zwei Hochgelobte wie zuvor Verkannte, zwei Leben unter gegenseitigem Einfluss.