Wider die Vertreibung des Menschen aus der Kunst

von Thomas Rothschild

5. August 2015. Es gibt bestallte Theater- und Literaturwissenschaftler, die so gut wie nie ins Theater, geschweige denn in Konzerte oder Ausstellungen gehen. Wozu auch? Für die Beschreibung einer antiken Arena oder die Auflistung von Premieren an der Comédie-Française, ja sogar für ein Exzerpt von Erika Fischer-Lichtes "Semiotik des Theaters" bedarf es keiner sinnlichen Erfahrung. Man muss dies einmal in aller Deutlichkeit aussprechen, um die tatsächlich intelligenten, pflichtbewussten, fleißigen Professoren zu würdigen, die es auch gibt und die man nur insofern für die schwarzen Schafe zur Rechenschaft ziehen kann, als sie sie aus einem falsch verstandenem Korpsgeist decken.

Angehörige einer Dynastie

von Thomas Rothschild

15. Juni 2015. Gleiche Bildungschancen: es gibt sie im künstlerischen Bereich ebenso wenig wie in Hinblick auf eine medizinische oder diplomatische Laufbahn. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Elternhaus die Berufswahl und damit das Leben von Kindern ganz wesentlich bestimmt – die zahlreichen Schauspielerkinder, die ihrerseits eine Theater-, Film- oder Fernsehkarriere anstreben, lieferten ihn. Angehöriger einer Dynastie zu sein, ist Segen und Fluch zugleich. Der bekannte Name hilft, keine Frage. Aber wer ihn trägt wird nicht nur an den Vorfahren gemessen, er erbt in der Regel auch die Bürde der Negativurteile, die jene gegebenenfalls einstecken mussten.

Im Bitterfelder Seelensumpf

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Juni 2015. Das Buch als Buch ist hübsch. Hat am Rücken einen Leinenstreifen, hat innen drinnen drei Schrifttypen. Das was typographisch nicht ins Auge fällt, ist die sich über weiteste Teile hinwegziehende Erzählung von Phillip Odetski. Das was Schreibmaschinenschrieb und von Fehlern und Verbesserungen durchzogen ist, das sind die Briefe seines Vaters Hermann F. Odetski an Margot Honecker. Eigentlich sollte der Sohn diese Briefe zur Post bringen und nach Chile senden lassen. Das tut er aber nicht. Sondern lässt irgendwann seine, Freundin wäre viel zu viel gesagt und Flamme wäre viel zu leidenschaftlich gesprochen, jedenfalls lässt er Nicole einen Antwortbrief erfinden. Das wäre dann der dritte Schrifttyp, der eine hübsche Handschrift imitieren mag.

Tut mehr Unnützes!

von Wolfgang Behrens

20. November 2014. Einmal, gegen Ende des vierten und letzten Gesprächs, sagt es Peter Handke selbst: "Es drängt mich, unmittelbar zu sein (...)." Es ist diese Nähe zu einem Jargon der Eigentlichkeit, die einem in Handkes Werken zu schaffen machen kann. So faszinierend und soghaft das Umkreisen des Unmittelbaren und Eigentlichen auch sein mag – das Benennen der einfachen Dinge und das Herbeisehnen des authentischen Erlebens –, so politisch naiv geriert es sich zuweilen – wohin dies bei Handke geführt hat, ist eine Geschichte für sich (die in dem zu verhandelnden Band auf konsequente Weise nicht thematisiert wird – schade eigentlich!).

Schabloniaden

von Eva Biringer

11. Juni 2015. Allein aus einer Notsituation heraus reisende Frauen provozieren entweder Mitleid oder Bewunderung. Frauen in dieser Verfassung verlaufen sich bewusst oder nehmen den längeren, an der Küste entlang führenden Weg zum Ferienhaus. Diese Ferienhäuser sind spärlich möbliert und auf unbestimmte Zeit gemietet, die Frauen erwartet dort nichts außer bleierner Schlaf. Statt mit Fremden in schummrigen Bars, betrinken sie sich alleine zu Hause. Sie essen nichts oder trockenes Brot. Ihr Haarschnitt ist eng, mitunter untrennbar an eine männliche Anwesenheit geknüpft.

Der Logiker im Liegestuhl

von Thomas Rothschild

21. Oktober 2014. Bruno Ganz hat schon die richtige Wahl getroffen, als er als Nachfolger für den Iffland-Ring den nur ein halbes Jahr jüngeren Gert Voss vorsah. Dass Voss einer der genialen Schauspieler unserer Zeit, dass er einzigartig war – dem wird kaum jemand, nicht einmal ein Verächter seiner Kunst (auch die gab es) widersprechen. Aber worin bestand seine Einzigartigkeit? Am besten hat das, jenseits der Floskeln, Luc Bondy formuliert: "Gert ist logisch, und er versteht etwas davon, logisch zu sein in einer Figur. Aber das in Fleisch umzusetzen, in die Realität zu bringen, das kann Gert wie im Wahn." Und weiter: "Was wirklich nur Voss kann, das sind die tragisch-komischen Rollen. In der Tragik zugleich komisch zu sein, und berührend."

Die Verschnuckelung des entfremdeten Lebens

von André Mumot

Berlin, 18. Mai 2015. Ist doch alles gar nicht so schlimm, möchte man sagen. Es hat doch so vieles zu bieten, das Theater der Gegenwart. So viel Schönes. Nicht nur Verspieltes, auch Wahres. Auch Realität. Sogar, fürs politischere Publikum, Klassenbewusstsein. Erst kürzlich haben die Performerinnen von She She Pop Stuttgarts Theaterangestellte auf die Bühne gebracht und sie über ihre Arbeitsbedingungen sprechen lassen. Und Rimini Protokoll bringen die Realität unserer Welt doch nun schon seit Jahren auf die Bühne, mit Experten des Alltags, die verlässlich Tacheles reden über die Verhältnisse ihres Daseins. Aber? "Will man etwas über die Entfremdung der Verkäuferin erfahren", sagt Bernd Stegemann, "ist gerade die Verkäuferin die am wenigsten geeignete Person, Entfremdung auf einer Bühne zu zeigen."

Die subtile Organisation des Abfalls

von Simone Kaempf

14. Oktober 2014. Schauspieler, die einfach nicht rauswollen aus der Kantine? Ein Regisseur, der mit ihnen herumalbert, statt im aufgebauten Bühnenbild zu probieren? Tage später absolvieren dann alle draußen Sportübungen, in Frauenkleidern, die überraschend in großen Mengen geliefert wurden. Zum Amüsement einer kleinen Zuschauerschaft, die parallel am Haus arbeitet. So geschehen am Hamburger Schauspielhaus, als Christoph Marthaler den "Wurzelfaust" oder "Kasimir und Karoline" probte.

Gold auf den Fingernägeln, nichts auf dem Konto

von Matthias Weigel

28. April 2015. Die allermeisten kennen ihn aus der Werbung. 14 Millionen Klicks auf Youtube, weltweite Aufmerksamkeit dank Aggregatoren wie Buzzfeed, für ein deutschsprachiges Video ist das rekordverdächtig. Ebenfalls viele kannten ihn zuvor schon als Interpreten des ursprünglichen Songs Supergeil, auf dem die spätere Werbung basierte (drei Millionen Klicks). Nur wenige kennen ihn wahrscheinlich als freien Schauspieler und Regisseur der Arbeiten Mittagsruhe in Berlin (Sophiensaele, 2000) oder Carmen Miranda Revue Pavillon (Haus der Berliner Festspiele, 2001). Und davor gab es ihn auch noch als Puppenspieler: Mit seinem Stück "Der kleine Mann im Bauch" tourte er in den 80ern durch Kindergärten und Grundschulen.

Hilflos der eigenen Perfektion gegenüber

von André Mumot

7. Oktober 2014. Man kann es sich vorstellen, bildlich, wie er sich dann zwischendurch, inmitten der schönsten Aufbrauserei, an den Kopf fasst und ganz fassungslos ausstößt: "Alles, was ich hier sage, klingt ja wahnsinnig reaktionär!" Aber wenn Thomas Ostermeier einmal im Schwung ist, wird eben ausgeteilt – gegen eine Gegenwartsgesellschaft, die "widerspruchsfrei ist und befriedet und larmoyant" und deshalb auch meistens das Theater bekommt, das sie verdient.

... oder Sie werden Regisseur!

von Rainer Nolden

4. April 2015. Der publizistische Zufall will's, dass die Lebenserinnerungen zweier Künstler, Vater und Sohn, gleichzeitig erschienen sind. Die des Vaters als "Neuinszenierung", die des Sohnes als "Uraufführung": Max und Marcel Ophüls, zwei Regisseure, zwei Hochgelobte wie zuvor Verkannte, zwei Leben unter gegenseitigem Einfluss.

Das Pissoir muss runter vom Sockel

von Esther Boldt

23. September 2014. Inwiefern kann künstlerische Arbeit politisch oder gar politisch wirksam sein? Diese Frage steht in den letzten Jahren verstärkt im Raum, sie wird auf höchst verschiedene Weisen diskutiert und beantwortet. Das gerade erschienene Arbeitsbuch "Truth is concrete" geht noch einen Schritt weiter und untersucht das Verhältnis zwischen künstlerischer Arbeit und politischem Aktivismus: "A Handbook for Artistic Strategies in Real Politics", so der Untertitel. Herausgegeben wurde es vom Festival steirischer herbst in Graz und seinem ehemaligen Chefdramaturgen Florian Malzacher.

Götterliebling und Untergeher

von Nikolaus Merck

25. März 2015. Eigentlich war es ein Näseln und ein Zerdrücken der Worte, als rutsche Kartoffelbrei abwärts im Schlund. "Das Wort Traum dehnte er, als wollte er die Vokale so lange wie möglich auseinanderhalten", dazu dieses Salon-Wienerisch, das ein ganzes Theater- und Filmzeitalter grundierte. Für seine "aberwitzige, aber sehr klangvolle und melodiöse Sprechgewohnheit" ist Oskar Josef Bschließmayer berühmt geworden.

Am Abgrund der Poetik

von Thomas Rothschild

9. September 2014. Dieses Buch ist ein Kuriosum. Wenn man es nämlich umdreht, von vorn nach hinten und von oben nach unten, kommt es einem nicht nur spanisch vor – es ist dann tatsächlich spanisch. Anstelle des deutschen Titels "Ja und Nein. Vorlesungen über Dramatik" steht da nun auf dem Umschlag "Sí y No. Conferencias sobre dramática". Denn sein Autor Roland Schimmelpfennig wohnt abwechselnd in Berlin und Havanna, und er möchte – wer könnte das nicht verstehen – hier wie dort gelesen werden. Darauf kommt es ja dem Dramatiker an: ein Publikum zu gewinnen. In welcher Sprache auch immer.

Erzähltes Theater

von Nikolaus Merck

März 2015. Günther Rühles zweiter Band zum "Theater in Deutschland", diesmal das zwischen 1945 und 1966 in den Blick nehmend, beschäftigt sich mit dem Wiederaufbau der Theaterhäuser und Ensembles und der Rekonstruktion des Theatersystems, wie es die Nazis bei der Schließung aller Spielstätten 1944 hinterlassen hatten. Und mit der Wiedergewinnung der Errungenschaften der zwanziger Jahre: Bertolt Brecht und Fritz Kortner entwickeln einen neuen Realismus der Bühne, Erwin Piscator re-politisiert das Theater und befreit die Szene von der Allmacht des Wortes. Das Buch bietet 1.200 Seiten Text, 300 Seiten Anhang, Bilder gibt es keine. Die Erzählung schöpft aus dem "unmittelbaren Erleben" (Rühle) der Theaterkritiker, ergänzt um Biographien, Briefe, Archivalien. Der Autor schreibt, als sei er, ein Gott des Theaters, bei allen Aufführungen, die er schildert, selbst Augenzeuge gewesen.

Fremd zu sein bedarf es wenig

von Dirk Pilz

2. September 2014. Zunächst das: Was für ein Luxus, in Zeiten wie diesen ein Buch über Wohl und Wehe der Tragödienkunst zu lesen. Wie beruhigend, versichert zu bekommen, Tragödien gebe es einzig im Theater, nicht da draußen in der Wirklichkeit, auch nicht in uns drin als Wesenszug unserer Seelen oder Sehnsüchte. Bleibt nur zu hoffen, dass sich daran nichts ändert.

Infarktjefährdet

von Dirk Pilz

4. Februar 2015. Es war also damals in den berühmten Neunzigern an der Berliner Volksbühne genau so, wie man es immer befürchtet hat, oder erhofft, je nachdem.

Souveränität wegnehmen

von Christian Baron

21. Juli 2014. Glaubt man Florian Kessler, dann ist die deutsche Gegenwartsliteratur zu brav und zu konformistisch. Eine Erklärung, woran das liegt, schob der Kulturjournalist in seinem viel diskutierten Kommentar in der "Zeit" zu Anfang des Jahres auch gleich nach: Jene durch die Schreibschulen von Leipzig bis Hildesheim ausgespuckte Generation junger Autorinnen und Autoren entstamme einem saturierten Mittelklasse-Milieu. Mangels Lebenserfahrung dominiere daher belangloses Gedöns die literarische Republik; relevante Welthaltigkeit sei praktisch inexistent. Gewiss nicht bewusst, aber doch sinnvoll reiht sich eine soeben erschienene wissenschaftliche Publikation in die daraus entstandene hitzige Feuilleton-Debatte ein.

Jeder Stadt einen Operndolmuş

von Elena Philipp

Berlin, 25. November 2014. Es kurvt ein Operndolmuş durch Berlin. An Bord des Kleintransporters Sänger und Musiker, die in Minimalbesetzung Ausschnitte aus dem Opernrepertoire in die Stadt bringen. In Kiezcafés, deutsch-türkische Begegnungsstätten, Altenheime. Zu denjenigen, denen die Kunstform und Institution Oper bislang eher fern lag. Mit ihrem Interkultur-Projekt "Selam Opera!" streckt die Komische Oper Berlin derart die Fühler aus in den urbanen Umgebungsraum und wirbt seit 2011 um neue Beziehungen: Vielheit ist die neue Normalität, und ihr müssen sich die Institutionen anpassen, so das Credo der Öffnung.

Das Glas wird nicht leer

von Eva Biringer

17. Juni 2014. 2500 Jahre nach seiner Geburt müssen wir uns das Theater als Greis in Kindergestalt vorstellen. Oder ist das Theater schon tot?