Das Glas wird nicht leer

von Eva Biringer

17. Juni 2014. 2500 Jahre nach seiner Geburt müssen wir uns das Theater als Greis in Kindergestalt vorstellen. Oder ist das Theater schon tot?

Alles Leben hinterlässt Spuren

von Sophie Diesselhorst

11. Juni 2014. Neulich im Deutschen Theater Berlin bei Idomeneus nach Roland Schimmelpfennig, der letzten Inszenierung, die Jürgen Gosch vor seinem Tod im Juni 2009 zur Premiere bringen konnte. Fünf Jahre zählt sie, ein biblisches Alter für eine Theaterproduktion. Irgendwann wird sie abgesetzt werden. Ganz voll war es im März 2014 schon nicht mehr.

Alles ist verflochten

von Friederike Felbeck

22. April 2014. Die Pfade, auf denen Kultur von einem Ort an den anderen getragen wird, sind immer auch Handelswege: Die historische Seidenstrasse, die langjährige kulturelle Überprägung der Kolonien, aber auch aktuelle Sonderfonds und Kulturprogramme wie zuletzt "Deutschland und China – gemeinsam in Bewegung" nehmen die Kultur gerne Huckepack und dienen zu allererst der ökonomischen Verzahnung. Das derzeit viel diskutierte, zwischen der Europäischen Union und den USA verhandelte Transatlantische Freihandelsabkommen (TIPP) und die damit verbundene geplante Errichtung der weltweit größten Freihandelszone droht nicht nur Chlorhühnchen und Genmais den Weg nach Europa zu ebnen, sondern auch Kollateralschaden in der Deutungshoheit von Kultur und audiovisuellen Medien anzurichten.

Traurigerweise schwer zu finden

von Dirk Pilz

November 2013. Noch eine Biographie über Büchner? Für die meisten steht doch längst fest, mit wem man es bei Büchner zu tun hat. Im Theater ist er heute in stupider Selbstverständlichkeit sowieso fast immer der Sozialrevolutionäre, der Vorzeigelinke, mit dem sich prima die Verhältnisse wahlweise bejammern oder anklagen lassen.

Unsern Shakespeare gib uns heute

von Rainer Nolden

19. April 2014. Ein literarisches Weltengenie. Nein, eine Nummer kleiner geht es wirklich nicht. Er hat sie alle in den Schatten geschrieben, seine Vorgänger, die Zeitgenossen sowieso. Und die Nachfolgenden hatten es schwer, aus eben diesem Schatten zu treten und selbst zu leuchten. Ein Leuchtturm, der bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht – und alles, was nach ihm kam, vor große Herausforderungen gestellt hat. "Nach Shakespeare hätte keiner mehr ein Theaterstück schreiben müssen", seufzte einst Tennessee Williams.

Wirths Welt

von André Mumot

5. November 2013. ATW. Seine Initialen und die des von ihm ins Leben gerufenen Studienganges sind dieselben. 1982 war es, als Andrzej Tadeusz Wirth in Gießen das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gründete. Aus jener Institution, die FAZ-Wutbürger Gerhard Stadelmaier dann später sehr zu Unrecht als "Unglücksschmiede des deutschen Theaters" bezeichnete, gingen bekanntlich Künstler wie Moritz Rinke, René Pollesch, Rimini Protokoll hervor – allesamt wissenschaftlich sozialisiert mit den Vorstellungen des postdramatischen Theaters, mit Begriffen wie Praxeologie und dem stereometrischen Denken.

Geerdet, handfest, klar

von Georg Kasch

9. April 2014. Sie war nie ein Star, und doch gehört sie zu den festen Säulen der (ost-)deutschen Theaterszene: Ursula Werner war die Mascha in Thomas Langhoffs legendärer "Drei Schwestern"-Inszenierung von 1979 am Berliner Maxim-Gorki-Theater, die Uraufführungs-Charlie in "Die neuen Leiden des jungen W." in Halle, und Rudi Strahl schrieb ihr die Eva der Erfolgskomödie "In Sachen Adam und Eva" auf den Leib.

Bitte kapitulieren Sie!

von Sophie Diesselhorst

29. Oktober 2013. "Ladies and Gentlemen, while you are with us here tonight, we'd like to ask you to try to forget about the outside world completely" begannen Forced Entertainment vor zwölf Jahren ihre Performance "First Night": "Meine Damen und Herren, für die Dauer dieses Abends hier mit uns möchten wir Sie bitten, alles, was mit der Welt da draußen zu tun hat, zu vergessen."

Das Erzählen stockt

von Sophie Diesselhorst

24. März 2014. Das Titelbild: Man guckt von oben auf einen Koala-Bären, der um den ihn bezeichnenden Titel herum in blassgrün ertrinkt. Oder ist er schon längst tot und in Formaldehyd konserviert?

Das Geisterschloss

von Nikolaus Merck

Oktober 2013. Das Buch sieht schön aus, im Stil der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts, mit Lesebändchen, Goldprägung auf Textil und ebenso luftig wie kostbar gesetzt. Ein Handschmeichler, ein Augenschmaus für die Leute seiner Generation. Der Autor Ulrich Tukur, geboren im südhessischen Viernheim, was man ihm manchmal noch anhört, ist Jahrgang 1957. Mithin ein Angehöriger der herrschenden Generation, Angela Merkel, Sigmar Gabriel, die Mehrzahl der Oberherren der DAX-Konzerne, solche Leut'.

Was sich nicht ereignet

von Kai Bremer

18. März 2014. Auch wenn das Nachdenken über Ereignisse nicht neu ist – man denke nur an Heidegger –, so gibt es doch seit einigen Jahren einen regelrechten Boom der Forschungen, die sich Ereignissen und Ereignishaftem widmen – zu nennen sind beispielsweise Hans Ulrich Gumbrechts Überlegungen zur Präsenz und Dieter Merschs Arbeiten. Anna Häuslers Buch, das dem Untertitel nach "Ereignis-Lektüren" bieten möchte, ist allein schon deswegen bemerkenswert, weil es sich zu all diesen Überlegungen entweder gar nicht (die genannten Herren haben nicht einmal den Weg ins Literaturverzeichnis gefunden) oder nur sehr knapp verhält. Das ist – vorsichtig formuliert – selbstbewusst.

Das ist bekannt

von Thomas Rothschild

Oktober 2013. Wann fängt die Gegenwart an? Für Andreas Englhart in den 1960er Jahren. Vielleicht wurde ihm diese willkürliche Setzung durch den Umstand aufgenötigt, dass er "Das Theater der Gegenwart" auf 125 kleinformatigen Seiten unterbringen musste, aber einen geschichtlichen Überblick, nicht einen Essay zur aktuellen Lage liefern wollte. Mehr als eine elementare Einführung konnte und sollte das dem Format der Reihe entsprechend nicht werden. Dass nur das deutschsprachige Theater gemeint ist, unterschlägt der Titel. Versteht es sich von selbst, dass Ariane Mnouchkine oder Robert Lepage nicht zur Gegenwart gehören? Andererseits ignoriert Englhart regionale und sogar nationale Besonderheiten, wenn er etwa Johann Nestroy für das Unterhaltungstheater in Anspruch nimmt, ohne dessen Verwurzelung im Wiener Volkstheater zu erwähnen, die aus benennbaren Gründen außerhalb Österreichs keine Entsprechung fand.

Wir haben ein Problem

von Dirk Pilz

Berlin, 19. Februar 2014. Das Ende der großen Erzählungen ist längst vorbei. Noch immer gilt zwar den meisten als ausgemacht, dass nicht länger gegeben ist, was lange den Menschen Heimat und Geborgenheit verschaffte, sie aber auch einengte und ängstigte, wenn nicht entmündigte, nämlich eine verbindende, Gemeinsamkeit stiftende, die Unterschiede und Individualitäten überwölbende Welt-, Fremd- und Selbstwahrnehmungssicht. Mit den Göttern starb auch die Gemeinschaft der Seelen. Wir haben keine gemeinsame Großerzählung mehr, wir sind Verwickelte in einem Netz von Einzelgeschichten.

Psychogramm im Anekdoten-Netz

von Wolfgang Behrens

2. Oktober 2013. War Leander Haußmann eigentlich weg? Dass er nach einer allgemein als wenig geglückt empfundenen "Sturm"-Inszenierung am Berliner Ensemble 2003 den Theater-Bettel hinwarf (gelegentliche Rückfälle nicht ausgeschlossen), das wussten wir ja. Doch auch um den Filmregisseur Haußmann wurde es ziemlich still, so dass man schon ins Grübeln kam, ob man nicht in bester Boulevardmanier Sonnenallee und Herr Lehmann hinter seinen Namen setzen müsse, um den Leuten einen Begriff zu geben, wer dieser Herr Haußmann denn sei.

Von wegen Boulevard

von Shirin Sojitrawalla

Februar 2014. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwang Yasmina Reza mit ihrem umwerfenden Stück "Kunst" auch hierzulande niveauvolle Lacher auf ihre Seite. 1994 wurde das Stück uraufgeführt und trat dann seinen Siegeszug um die Welt an. Es folgten weitere Erfolgsstücke, die es immer bestens verstanden, den Ernst des Lebens und der Liebe einer gelungenen Pointe wegen zu verspielen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, bloß unterhalten zu wollen.

Als die Nachtkritik erfunden wurde

von Esther Slevogt

Berlin, 18. September 2013. In Europa sortiert sich die politische Ordnung neu. Neue Medien stellen die Struktur der Öffentlichkeit auf den Kopf und sorgen in der Phase ihrer Implementierung für ein allgemeines Krisengefühl, das einem gefühlten Kontrollverlust über die Diskurshoheit geschuldet ist. Denn plötzlich ergreifen neue Stimmen das Wort, die zuvor am öffentlichen Gespräch nicht beteiligt waren. Und verändern es nachhaltig.

Es ist so laut hier

von Eva Biringer

Januar 2014. René Pollesch, der Unermüdliche, schreibt und inszeniert gefühlt vierzig Stücke pro Jahr, bespielt mit hohem Output einen Twitter-Account und wird von klugen Menschen in wichtigen Redaktionen um Gegenwartsdiagnosen gebeten. Und was wären die theaterwissenschaftlichen Seminare dieses Landes ohne ihn? Das Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften ist zu einem Synonym für Bühnenavantgarde geworden und Pollesch als ehemaliger Student zur Gallionsfigur des vielzitierten postdramatischen Theaters.

Einseitig aufrüttelnd

von André Mumot

18. September 2013. Es ist nun nicht weiter erstaunlich, dass jemand, der viel mit dem Theater zu tun hat, ein Buch schreibt, in dem es darum geht, wie nutzlos das Gegenwartstheater ist, und dass man doch bitte wieder den Realismus auf die Bühne bringen sollte. Schon ungewöhnlicher ist aber, dies gleich mit einem gesellschaftskritischen Rundumschlag zu verbinden und das dramatische Darstellungsversagen mit einem Versagen des spätkapitalistischen Subjekts schlechthin gleichzustellen.

Gerüche, Geschichten, Gegenstände

von Dirk Pilz

Januar 2014. Seit 450 Jahren auf der Welt, und noch immer ist des Erstaunens kein Ende. Shakespeare. Geboren am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon, gestorben 52 Jahre später an selbigem Ort. Schauspieler, Theaterbesitzer, Dichter. Verfasser von 38 Dramen, 154 Sonetten und einigen Versepen. Viel gelesen, sehr viel gespielt, noch sehr viel mehr beforscht. Wer sämtliche Shakespeare-Texte gelesen und wenigstens die wichtigste Forschungsliteratur studiert hat (was ist die wichtigste?), also meint, Bescheid zu wissen, kann jetzt gern wegklicken. Allen anderen sei dieses Buch auf den Tisch empfohlen.

Muss Theater sein?

von Tobias Prüwer

18. September 2013. Ein Aufsatzband über die freien darstellenden Künste in Deutschland? Die Autorinnen und Autoren – nicht alle entstammen der Off-Szene – kommen dabei naturgemäß nicht ohne Kritik der Förderstrukturen, der Maßnahmen und Anmaßungen der Kulturpolitik aus. Aber der Widerstreit zwischen Stadt- und freiem Theater hier steht nicht im Mittelpunkt. Vielmehr durchzieht die Beiträge als Erkenntnisinteresse die Frage nach der heutigen Stellung von Theater überhaupt, seinem Vermögen in theaterfernen Zeiten sowie das Verhältnis von Theater und städtischer Gesellschaft und deren Repräsentationsbedürfnis.