Von wegen Boulevard

von Shirin Sojitrawalla

Februar 2014. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwang Yasmina Reza mit ihrem umwerfenden Stück "Kunst" auch hierzulande niveauvolle Lacher auf ihre Seite. 1994 wurde das Stück uraufgeführt und trat dann seinen Siegeszug um die Welt an. Es folgten weitere Erfolgsstücke, die es immer bestens verstanden, den Ernst des Lebens und der Liebe einer gelungenen Pointe wegen zu verspielen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, bloß unterhalten zu wollen.

Es ist so laut hier

von Eva Biringer

Januar 2014. René Pollesch, der Unermüdliche, schreibt und inszeniert gefühlt vierzig Stücke pro Jahr, bespielt mit hohem Output einen Twitter-Account und wird von klugen Menschen in wichtigen Redaktionen um Gegenwartsdiagnosen gebeten. Und was wären die theaterwissenschaftlichen Seminare dieses Landes ohne ihn? Das Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften ist zu einem Synonym für Bühnenavantgarde geworden und Pollesch als ehemaliger Student zur Gallionsfigur des vielzitierten postdramatischen Theaters.

Gerüche, Geschichten, Gegenstände

von Dirk Pilz

Januar 2014. Seit 450 Jahren auf der Welt, und noch immer ist des Erstaunens kein Ende. Shakespeare. Geboren am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon, gestorben 52 Jahre später an selbigem Ort. Schauspieler, Theaterbesitzer, Dichter. Verfasser von 38 Dramen, 154 Sonetten und einigen Versepen. Viel gelesen, sehr viel gespielt, noch sehr viel mehr beforscht. Wer sämtliche Shakespeare-Texte gelesen und wenigstens die wichtigste Forschungsliteratur studiert hat (was ist die wichtigste?), also meint, Bescheid zu wissen, kann jetzt gern wegklicken. Allen anderen sei dieses Buch auf den Tisch empfohlen.

Muss Theater sein?

von Tobias Prüwer

18. September 2013. Ein Aufsatzband über die freien darstellenden Künste in Deutschland? Die Autorinnen und Autoren – nicht alle entstammen der Off-Szene – kommen dabei naturgemäß nicht ohne Kritik der Förderstrukturen, der Maßnahmen und Anmaßungen der Kulturpolitik aus. Aber der Widerstreit zwischen Stadt- und freiem Theater hier steht nicht im Mittelpunkt. Vielmehr durchzieht die Beiträge als Erkenntnisinteresse die Frage nach der heutigen Stellung von Theater überhaupt, seinem Vermögen in theaterfernen Zeiten sowie das Verhältnis von Theater und städtischer Gesellschaft und deren Repräsentationsbedürfnis.

Traurigerweise schwer zu finden

von Dirk Pilz

November 2013. Noch eine Biographie über Büchner? Für die meisten steht doch längst fest, mit wem man es bei Büchner zu tun hat. Im Theater ist er heute in stupider Selbstverständlichkeit sowieso fast immer der Sozialrevolutionäre, der Vorzeigelinke, mit dem sich prima die Verhältnisse wahlweise bejammern oder anklagen lassen.

Das Theater! Und die Liebe!

von Katrin Ullmann

17. September 2013. "Auch wenn man mit seinen Einfällen nicht einverstanden war, darüber schreiben musste man" – Augustus Baum, ein bedeutender, "mit Prominenz gepanzerter" Theaterregisseur, befindet sich nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Herausgerissen aus den Proben zu Tschechows "Möwe" versucht er zunächst vom Krankenbett aus weiterzuarbeiten. Als seine Assistentin Lydia scheitert, die Schauspieler sich Beleidigungen und Feuerzeuge an Kopf und Hals werfen, inszeniert er das ihn umgebende Personal zu einer Geschichte. Es ist eine Geschichte über die Liebe und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen: ewig, unverbrüchlich, augenblicklich, innig.

Wirths Welt

von André Mumot

5. November 2013. ATW. Seine Initialen und die des von ihm ins Leben gerufenen Studienganges sind dieselben. 1982 war es, als Andrzej Tadeusz Wirth in Gießen das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gründete. Aus jener Institution, die FAZ-Wutbürger Gerhard Stadelmaier dann später sehr zu Unrecht als "Unglücksschmiede des deutschen Theaters" bezeichnete, gingen bekanntlich Künstler wie Moritz Rinke, René Pollesch, Rimini Protokoll hervor – allesamt wissenschaftlich sozialisiert mit den Vorstellungen des postdramatischen Theaters, mit Begriffen wie Praxeologie und dem stereometrischen Denken.

So schlecht wie möglich

von Eva Biringer

17. September 2013. Uwe Eric Laufenberg, geboren 1960 in Köln, ist als Regisseur und Schauspieler seit vielen Jahren eine feste Größe im Theater- und Opernbetrieb. Von der Spielzeit 2009/2010 an bis August vergangenen Jahres war er Intendant der Kölner Oper. Nach jahrelangen Unstimmigkeiten zwischen ihm, dem Haus und der Stadt, wurde ihm nach einem umstrittenen Zeitungsinterview fristlos gekündigt.

Bitte kapitulieren Sie!

von Sophie Diesselhorst

29. Oktober 2013. "Ladies and Gentlemen, while you are with us here tonight, we'd like to ask you to try to forget about the outside world completely" begannen Forced Entertainment vor zwölf Jahren ihre Performance "First Night": "Meine Damen und Herren, für die Dauer dieses Abends hier mit uns möchten wir Sie bitten, alles, was mit der Welt da draußen zu tun hat, zu vergessen."

Von andersher beleuchtet

Die "Anmerkungen zum Außenseiter", die Botho Strauß Ende Juli mit seinem Essay "Der Plurimi-Faktor" meinte im Spiegel veröffentlichen zu müssen, sind aus einigen wenigen Passagen zusammengesetzt, die es jetzt im Kontext zu lesen gibt, in dem Band "Lichter des Toren" mit dem schönen Untertitel "Der Idiot und seine Zeit". Man mag die Auswahl als Hinweis darauf lesen, was Strauß für heraushebens- und der Leserschaft eines Nachrichtenmagazins für unbedingt mitteilenswert erachtet. Und wichtig scheint ihm zu sein, den "Plurimi-Faktor" als Untergangsbeschleuniger zu skizzieren.

Das Geisterschloss

von Nikolaus Merck

Oktober 2013. Das Buch sieht schön aus, im Stil der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts, mit Lesebändchen, Goldprägung auf Textil und ebenso luftig wie kostbar gesetzt. Ein Handschmeichler, ein Augenschmaus für die Leute seiner Generation. Der Autor Ulrich Tukur, geboren im südhessischen Viernheim, was man ihm manchmal noch anhört, ist Jahrgang 1957. Mithin ein Angehöriger der herrschenden Generation, Angela Merkel, Sigmar Gabriel, die Mehrzahl der Oberherren der DAX-Konzerne, solche Leut'.

Draußen ist die Wirklichkeit

von Eva Biringer

Juli/August 2013. Wer kennt nicht das Phänomen der Menschen, die gaffend um Unfälle herumstehen? Und woher kommt diese Lust am Ausnahmezustand? Warum richtet humanitäre Hilfe oft mehr Schaden an als Nutzen? Und warum sind Katastrophenfilme für die Kinokasse eine sichere Sache? Fragen wie diese faszinieren die österreichische Schriftstellerin und Dramatikern Kathrin Röggla. Ihr kürzlich erschienenes Buch "besser wäre: keine" bündelt Essays und Stücke, in deren Zentrum die Frage nach der Realität in Abgrenzung zum Ausnahmezustand steht. Weil unsere durchmedialisierte Welt mehr und mehr ins Fiktionale abgleitet, sehnen wir nichts so sehr herbei wie Realität. Und was wäre realer als eine Katastrophe?

Das ist bekannt

von Thomas Rothschild

Oktober 2013. Wann fängt die Gegenwart an? Für Andreas Englhart in den 1960er Jahren. Vielleicht wurde ihm diese willkürliche Setzung durch den Umstand aufgenötigt, dass er "Das Theater der Gegenwart" auf 125 kleinformatigen Seiten unterbringen musste, aber einen geschichtlichen Überblick, nicht einen Essay zur aktuellen Lage liefern wollte. Mehr als eine elementare Einführung konnte und sollte das dem Format der Reihe entsprechend nicht werden. Dass nur das deutschsprachige Theater gemeint ist, unterschlägt der Titel. Versteht es sich von selbst, dass Ariane Mnouchkine oder Robert Lepage nicht zur Gegenwart gehören? Andererseits ignoriert Englhart regionale und sogar nationale Besonderheiten, wenn er etwa Johann Nestroy für das Unterhaltungstheater in Anspruch nimmt, ohne dessen Verwurzelung im Wiener Volkstheater zu erwähnen, die aus benennbaren Gründen außerhalb Österreichs keine Entsprechung fand.

Auftauchen, abtauchen

Das Buch beginnt mit der präzisen Auflistung eines Vormittags, die – anonym verfasst im Schrifttyp Courier New, Punktgröße 12 – in Karins Briefkasten liegt. Und es endet auf der Rollbahn, in einem Flugzeug auf dem Weg nach New York. Es ist aber nicht Karin, Karin Hoffmann, die am Ende von Thomas Jonigks dritten Roman im Flugzeug sitzt, sondern Hans Weber. Dazwischen liegen knapp 200 Buchseiten, eine Hand voll Protagonisten, etliche unausgesprochene Gedanken, zahlreiche Traumsequenzen und unzählige Erlebnisebenen.

coverjonigkmelodram"Melodram" hat Jonigk sein Buch genannt und verweist damit auf das rührselige Filmgenre, bei dem der Zuschauer, ob er will oder nicht, früher oder später aufschluchzt und nach Taschentüchern sucht. Um die Gattung genauer zu definieren, wird auch gern von emotionalisierenden Effekten gesprochen, im englischsprachigen Raum heißen diese Art Filme "Tearjerker" (Tränenzieher).

Für Tränen ist Jonigks Erzählweise zu ironisch-distanziert, doch ein Happy End ist auch nicht in Sicht. Höchstens für Hans Weber. Vielleicht muss er aber vor dem Abflug doch noch das Flugzeug verlassen. Das bleibt offen.

Hans Weber, der schmächtige Mitt-Dreißiger, der immer ein Zitat parat hat, tritt erst in der zweiten Hälfte des Romans in Erscheinung. Vorher geht es um Karin Hoffmann, die noch immer mädchenhaft wirkende Schauspielerin, jenseits der 60 und jenseits der Erfolgswelle. Ganze 37 Ehejahre hat sie mit dem selbstverliebten Regisseur Wolfgang verbracht. In stiller Abhängigkeit. Herausgekommen sind: eine abgebrochene Theaterkarriere, einige Hauptrollen in Wolfgangs frühen Filmen und die gemeinsame Tochter Carla.

Karin Hoffmann lebt in Wien. Tags geht sie spazieren, abends manchmal ins Burgtheater, nachts träumt sie viel. Ihr Leben wirkt einsam, verstaubt, bis jene anonymen Briefe sie erreichen. Irgendwann glaubt sie, dass Wolfgang ihr diese Briefe schreibt, sie auf diese Weise in sein neues Drehbuch hineinschreibt. (Auch dessen jüngster, soeben fertiggestellter Film trägt übrigens den Titel "Melodram".) Irgendwann aber entdeckt Karin, dass Wolfgang seit Jahren eine Affäre mit seiner Produzentin Fiona hat. Irgendwann verlangt sie ganz ruhig die Scheidung – "Schluss, sagt sie, ich bin nicht mehr bereit, Teil deines Systems zu sein" – und nur wenige Seiten später erfährt der Leser von Wolfgangs Unfalltod. An den Steilklippen Südfrankreichs. Die Geschichte, die sich gerade in all ihren Facetten klassisch melodramatisch entwickelt hatte, wird abgebrochen. Fällt wie Fionas BMW die Steilklippen hinunter. Unversehens, abrupt. Der Leser stutzt und liest weiter.

Das irritierende und gleichsam Charmante an Jonigks Roman ist, dass er immer wieder unvorhersehbare Haken schlägt. In trockener und dabei sehr genauer Sprache lässt er seine Figuren auf- und wieder abtauchen. Wie ein kluger, beiläufiger Beobachter skizziert er ihre  ambivalenten Begegnungen, ihre ruhigen Gespräche, ihre überraschend brutalen Auseinandersetzungen. Dabei wird ihre Gedankenwelt ihrer Erlebniswelt nahezu ebenbürtig. Und so kommt in der Geschichte um die alternde Schauspielerin Karin H., die später den jugendlichen, aber gewalttätigen Geliebten Hans Weber haben wird, zwar keine Spannung, aber doch jede Menge Sympathie auf mit der verzweifelnden Hauptfigur, die nahezu traumwandlerisch durch die surreale und verlogene Filmbranche irrt.

Jonigk, 1966 geboren, arbeitet als Regisseur  und schreibt seit 1991 Theaterstücke, Libretti, Drehbücher und Romane. Mit "Melodram" gelingt ihm ein zwar sprödes, aber irritierendes Verwirrspiel zwischen Realität und Fiktion, Film und Frau. Sein Ton ist manchmal ein wenig zu sehr dem Theatermilieu verhaftet, zu bildungsbürgerklug. Seine Sprache aber ist präzise, humorvoll-ironisch und von feiner Poesie. Wie durch ein verwinkeltes Spiegelkabinett wird der Leser von einer Ereignisebene in die nächste geführt. Auf der sicheren Seite ist bald keiner mehr – weder Leser noch Figuren: "Ein schwarzes, bauchiges Wolkenfeld schneidet die Sonnenstrahlen ab. Dunkelheit setzt ein. Und Regen. Karin dreht sich um und geht." (Katrin Ullmann)

Thomas Jonigk:
Melodram
Literaturverlag Droschl, Graz 2013, 195 S., 19 Euro

 

Eine narzisstisch gepolte Kaste

Fragt man sich, warum heute so viel weniger Menschen ins Theater gehen als noch vor einhundert Jahren, sind für Kulturpessimisten die Schuldigen immer schnell benannt: Fernsehen, Kino und Internet, die als diabolische Triade die Massenverblödung unaufhörlich vorantreiben. Dass der Theaterbetrieb selbst daran seinen Anteil hat, wird selten moniert. Und doch vertrieben auch dessen strukturelle Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte die Massen aus den Schauspielhäusern. Der Soziologe Denis Hänzi hat sich in seiner Dissertation jetzt mit eben diesen Neuerungsprozessen am Beispiel des Regie-Berufs beschäftigt.

coverhaenziordnungIn seinem Buch "Die Ordnung des Theaters" zeichnet er jenen Wandel nach, innerhalb dessen das deutschsprachige Theater sukzessive immer elitärer, immer selbstreferenzieller geworden sei und sich zu einer "dominant männlich codierten", auf Selbstoptimierung abzielenden "Erfolgskultur" entwickelt habe, die sich in Vollendung in einer neuen Rolle der narzisstisch gepolten Kaste der "namhaften Regisseure" spiegele. Sie seien es, die den Theaterbetrieb mit einem "beachtlichen Beharrungsvermögen" zu einer exklusiven Veranstaltung gemacht haben und dem Publikum heute nicht mehr nur abverlangen, den gesamten Dramenkanon parat zu haben, sondern auch zu wissen, von wem welche Inszenierung stamme und wie diese sich zu früheren Inszenierungen anderer Regisseure verhalten.

Wie es dazu kommen konnte, lässt sich aus Hänzis wohldosiertem Methodenmix aus diskurshistorischer Analyse und berufsbiographischen Interviews einleuchtend erschließen. Auch wenn der Kabarettist Rainald Grebe in einem seiner Lieder die von konservativer Seite so gerne geschwungene "Die 68er sind an allem Schuld"-Keule zu Recht persifliert, nimmt der Paradigmenwechsel gerade bei ihnen seinen Anfang, weil der Betrieb im Zuge der Durchsetzung des Regietheaters "ab den 1960er Jahren zusehends von der Vermittlungsinstanz des literarischen Bildungskanons hin zum Ort neuer ästhetischer Erfahrungen und kulturell-politischer Reflexionen" avanciert sei. Regisseure, so Hänzi, wollen seitdem als eigenkreative Künstler wahrgenommen werden.

Die Folge: Aufmerksamkeitsökonomische Aspekte gewännen rasant an Bedeutung, während formale Aspekte zunehmend die Inhalte verdrängten. Praktiziert werden Inszenierungen nunmehr als "ernste Spiele des Wettbewerbs". Regisseure müssen demnach "stets jung und flexibel" sein, ihre "Karrieren rasant" verlaufen und sie haben ein "persönliches Charisma" herauszubilden in einer sich durch prekäre Arbeitsbedingungen auszeichnenden "Anerkennungskultur der Bewunderung". Permanent konkurrieren sie in häufig von großen Unternehmen gesponserten Regietalent-Wettbewerben um die Gunst der saturierten Regiegurus, die durch Heben und Senken des Daumens eine inzestuöse Rekrutierungsmaschinerie am Laufen halten, die zeigt: Die "Ordnung des Theaters" ist so strukturiert, dass die Masse gar nicht ins Theater zurückkommen soll. Die selbst ernannte Elite will einfach unter sich bleiben. (Christian Baron)

 

Denis Hänzi:
Die Ordnung des Theaters. Eine Soziologie der Regie.
Transcript Verlag, Bielefeld 2013, 454 S., 32,80 Euro.

 

Beeindruckend gerecht

Frank-Patrick Steckel hat, mit Unterstützung des Laugwitz-Verlags, im letzten Jahr ein ehrgeiziges Shakespeareprojekt begonnen: "Steckels Shake-Speare", die Übersetzung von insgesamt zwölf Tragödien, Komödie und Historien des Klassikers. Dass der ehemalige Bremer und Bochumer Intendant sich hervorragend mit Shakespeare auskennt, ist spätestens seit der Einladung seiner Inszenierung von "Timon von Athen" zum Theatertreffen 1991 bekannt.

coversteckelmacbethDiese Tragödie bildete auch den Auftakt für sein Übersetzungsvorhaben, jetzt folgte "Macbeth“. Was aber leistet die Ausgabe, so dass sie für den Shakespeare-Interessierten reizvoll sein kann? Es ist sicherlich nicht der Umstand, dass die Bände bemerkenswert günstig sind und dass von "Timon von Athen" aktuell gar keine anständige deutsche Einzelausgabe vorliegt.

Die Ausgabe ist zweisprachig im Paralleldruck: Links steht der englische Text nach dem Erstdruck, rechts Steckels Übersetzung. Modernisiert ist das Original nicht, was die präzise Auseinandersetzung mit ihm natürlich enorm erleichtert. Uwe Laugwitz nennt im Nachwort zu "Timon von Athen" dieses Vorgehen eine "originalgetreue Editionspraxis" und vergleicht sie mit der bei "Hölderlin, Kleist, Kafka".

Das ist dem Anspruch nach vielleicht etwas gewagt. Denn zumindest der manch einem Leser pedantisch anmutenden, auf jeden Fall aber akribisch nachahmenden Editionspraxis des Stroemfeld-Verlags, auf die der Hinweis anspielen dürfte, wird die Ausgabe nicht gerecht. Zwar ahmt sie den Zeilenumbruch der Versrede nach, sogar wenn dadurch der Vers selbst abgebrochen wird (was also den weniger an formalen, denn an literarischen Fragen interessierten Leser durchaus kurz irritieren mag). Andererseits ist der englische Text, wen wundert's, nicht zweispaltig gesetzt wie der Erstdruck, Großbuchstaben werden nicht konsequent nach der Vorlage gesetzt. Hier ist die Ausgabe ein wenig pragmatischer als etwa die Kleist-Edition von Roland Reuß und Peter Staengle. Aber ist das schlimm? Vielleicht für Erbsenzähler, nicht aber für die, die sich Shakespeare neu oder erneut erlesen möchten.

Denn die Ausgabe ist schließlich nicht in Leinen gebunden, um in Bibliotheken auf Leser zu warten, sondern für die Auseinandersetzung hier und heute. Sie lädt ein zur Beschäftigung mit dem Original, indem sie es unkompliziert präsentiert. Und vor allem bietet sie eine Übersetzung, die der Vorlage beeindruckend gerecht wird. Sie ist weit prägnanter als die in Deutschland weiterhin kanonische Tieck-Übersetzung. Das gilt nicht nur für die Wortwahl, sondern auch für den Umgang mit dem Vers, der zumal bei "Timon von Athen" eine Herausforderung ist, weil er wiederholt rau und unregelmäßig ist. Ergänzend liefert das Nachwort wichtige Hinweise zu Shakespeares Vorlagen und zur Überlieferungsgeschichte.

Das macht sie teilweise arg prägnant, so dass der mit der Forschung weniger vertraute Leser das eine oder andere nachschlagen muss. Aber dieses Vorgehen ist nicht weiter schlimm, denn es zeigt, was für ein Bild Steckel und Laugwitz vom Leser ihrer Ausgabe haben. Sie setzen konsequent auf einen neugierigen Leser und nicht auf einen, dem man alles in hübsch verpackten Happen servieren muss. Editionsvorhaben sind häufig entweder eine Angelegenheit für wenige Spezialisten, die sich erst mit viel Aufwand in die Edition einarbeiten müssen, oder andererseits ein Buchprojekt, das so tut, als habe man es mit Bewohnern einer Einrichtung für betreutes Lesen zu tun. Steckel macht beides nicht und findet so genau das richtige Maß zwischen den beiden gängigen Extremen. Das ist sehr zu begrüßen.

Wie sehr er Übersetzungen für die Gegenwart anfertigt, zeigt ebenso seine "Macbeth Tragödie", die er vor knapp vier Jahren in Bremen selbst auf die Bühne gebracht hat. Michael Laages hat die Übersetzung damals schon präzise beschrieben. Nun kann sich endlich ein breites Publikum von ihr überzeugen. Aktuell dominiert weiterhin die von Thomas Brasch die Theaterlandschaft. Sie ist von 1990. Experimentierfreudigere Regisseure greifen sogar zu der freieren Übertragung Heiner Müllers aus den frühen 70er Jahren. Die "Macbeth Tragödie" hat das Zeug, beide herauszufordern.

"You shall be King", möchte man Steckel mit Banquo zurufen. Dass hier jedoch besser geschwiegen wird, liegt schlicht daran, dass Steckel sogleich die Ambivalenz des Lobes klar wäre. (Kai Bremer)

 

Steckels Shake-Speare

William Shakespeare:
The Tragedie of Macbeth. Die Macbeth Tragödie, 217 S.
William Shakespeare:
The Life of Tymon of Athens. Timon aus Athen. 246 S.

Laugwitz Verlag, Buchholz in der Nordheide, 2013, je 13 Euro

 

 

Psychogramm im Anekdoten-Netz

von Wolfgang Behrens

2. Oktober 2013. War Leander Haußmann eigentlich weg? Dass er nach einer allgemein als wenig geglückt empfundenen "Sturm"-Inszenierung am Berliner Ensemble 2003 den Theater-Bettel hinwarf (gelegentliche Rückfälle nicht ausgeschlossen), das wussten wir ja. Doch auch um den Filmregisseur Haußmann wurde es ziemlich still, so dass man schon ins Grübeln kam, ob man nicht in bester Boulevardmanier Sonnenallee und Herr Lehmann hinter seinen Namen setzen müsse, um den Leuten einen Begriff zu geben, wer dieser Herr Haußmann denn sei.

Ich bin nicht für alles zu haben

von Elena Philipp

Juni 2013. Was ist echt und was ist Fake? Wo liegt die Wahrheit, wo lauert Lüge? Entlang dieser Bruchkante sortiert sich für die Schauspielerin Elisabeth die Vergangenheit noch einmal neu. Ein "halber Bruder" ist plötzlich aufgetaucht in ihrem Leben, gezeugt von ihrem Vater, nur einen Monat nach ihr selbst. Dieser Paul möchte mehr über den Erzeuger wissen, und Elisabeth schreibt sich in Briefen immer näher an die verhasste, verdrängte Vaterfigur heran: den Abwesenden, den Alkoholiker, dessen Leben an ihr klebt wie eine zweite Haut. An Einen, der nun noch weniger greifbar ist als schon zuvor.

Als die Nachtkritik erfunden wurde

von Esther Slevogt

Berlin, 18. September 2013. In Europa sortiert sich die politische Ordnung neu. Neue Medien stellen die Struktur der Öffentlichkeit auf den Kopf und sorgen in der Phase ihrer Implementierung für ein allgemeines Krisengefühl, das einem gefühlten Kontrollverlust über die Diskurshoheit geschuldet ist. Denn plötzlich ergreifen neue Stimmen das Wort, die zuvor am öffentlichen Gespräch nicht beteiligt waren. Und verändern es nachhaltig.

Zwerge sind Zwerge

Der Dirigent Lorin Maazel hat einst ein Album aufgenommen, das sich "Der Ring ohne Worte" nannte und im Handumdrehen die Klassik-Charts erstürmte. Man darf vermuten, dass viele Käufer der Platte daher so beherzt zugriffen, weil sie sich endlich von dem befreit sahen, was sie schon immer als die "zwangvolle Plage" des Gesamtkunstwerks "Ring" empfanden: Richard Wagners Dichtung. Deren Tauglichkeit ist oft genug angezweifelt worden, und wenn sich Wagner-Verächter heute aus der Deckung wagen, argumentieren sie meist eher anhand der Texte als anhand der Musik.

Einseitig aufrüttelnd

von André Mumot

18. September 2013. Es ist nun nicht weiter erstaunlich, dass jemand, der viel mit dem Theater zu tun hat, ein Buch schreibt, in dem es darum geht, wie nutzlos das Gegenwartstheater ist, und dass man doch bitte wieder den Realismus auf die Bühne bringen sollte. Schon ungewöhnlicher ist aber, dies gleich mit einem gesellschaftskritischen Rundumschlag zu verbinden und das dramatische Darstellungsversagen mit einem Versagen des spätkapitalistischen Subjekts schlechthin gleichzustellen.

Das Theater der nächsten Gesellschaft

von Ulf Schmidt

Mai 2013. Dass Soziologen über Theater schreiben, kommt vor. Zumeist tun sie das in metaphorischem Zusammenhang. Dass Theaterleute die gesellschaftliche Funktion von Theater in den Mittelpunkt ihres Arbeitens stellen, kommt ebenfalls vor. Und zwar nicht selten. Warum also sollte Dirk Baeckers Buch "Wozu Theater?" interessant sein?