Schlechtes Timing und Nagellack

von Max Florian Kühlem

Oberhausen, 24. November 2020. "Der Lockdown kam für Florian Fiedler zu spät." Dieser auf den ersten Blick skurril wirkende Satz des Oberhausener Kulturdezernenten Apostolos Tsalastras ist ein Teil im Puzzle, das die Tragödie des Theater-Intendanten aus der Ruhrgebietsstadt darstellt. Seit Beginn der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus nämlich triumphiert Florian Fiedler mit guten Produktionen und Konzepten. Auch intern scheint die Stimmung am Haus nach personellen Veränderungen besser. Dass sein Vertrag mit dem Ende der Spielzeit 2021/22 ausläuft, ist und bleibt jedoch besiegelt. Warum hat es nicht geklappt mit ihm und Oberhausen?

Sparvirus infiziert Theater

von Harald Raab

Bamberg im November 2020. November-Tristesse in der malerischen europäischen Kulturerbe-Stadt Bamberg. Das E.T.A-Hoffmann-Theater ist nachts rot illuminiert. Nicht, weil es Solidarität mit den Freudenhäusern im Rotlicht-Milieu signalisiert. Lockdown gilt für beide Etablissements gleichermaßen. Es geht um Aufmerksamkeit: Es gibt uns noch.

Schulterschluss der Einzelkämpfer

von Michael Wolf

13. November 2020. Dramatiker haben im Theaterbetrieb einen schweren Stand. So orientiert sich die Spielplangestaltung der Häuser meist nicht an Stücken, sondern an den Regisseuren. Auch die Dramaturgen haben es in vielerlei Hinsicht leichter, sie wissen eine Institution und meist auch eine Festanstellung im Rücken. Theaterautoren hingegen waren bislang ästhetisch wie ökonomisch Einzelkämpfer. In der Corona-Krise sehen sie nun ihre Tantiemen und damit ihr Einkommen wegbrechen. Es scheint geradezu überfällig, dass sie sich eine Interessenvertretung schaffen, um ihren Anliegen mehr Gewicht zu verleihen.

Startschuss für eine neue Ära

von Georg Kasch

6. November 2020. Das ist eine Überraschung: Iris Laufenberg wird von der Spielzeit 2023/24 an Intendantin des Deutschen Theaters Berlin (DT). Wer sich zuletzt durch die Gerüchteküche hörte, vernahm Namen wie Ersan Mondtag, Hasko Weber, Thomas Oberender. Auch Anna Bergmann galt mal als Anwärterin, nachdem die hoch gehandelte Karin Beier sich zu Hamburg und dem Deutschen Schauspielhaus bekannt hatte und Shermin Langhoff (die ihre Ambitionen selbst öffentlich gemacht hatte) am Maxim Gorki Theater verlängert wurde. Manche wetteten auf einen Mensch mit Ost-Biografie. Aber jemand mit Station in Graz? Es gibt wenige Häuser im deutschsprachigen Gebiet, die weiter von Berlin entfernt liegen. Aber diese Grazerin ist eine Heimkehrerin.

Wash your dirty hands

von Sarah Waterfeld

5. November 2020. Neuerdings beharren Kulturschaffende auf der Systemrelevanz der Kunst. Die Systemrelevanz der Theater wollen nicht wenige im löblichen Engagement gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsformen oder gar kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse sehen, denn Theater sind dezidiert keine reinen Unterhaltungstempel, sondern Diskursstätten, in denen aufgeklärt, analysiert, historisiert wird.

Vom Hammer und der Freundlichkeit

4. November 2020. Theaterkritiker*innen sind eine vom Aussterben bedrohte Art. Der Grund dafür: eine dramatisch veränderte Medienlandschaft. Jobs und Plätze für Theaterkritik werden seit Jahren knapper. Die einstigen Großkritker*innen haben längst ihre Hochsitze in den Feuilletons geräumt. Die Rolle der Kritiker*innen als Stellvertreter*innen des Publikums ist fragwürdig geworden, denn "das" Publikum gibt es nicht mehr. Unterschiedliche Zielgruppen tauschen sich über eigene Kanäle in den sozialen Medien aus. Für Literaturkritikerin Sigrid Löffler ist dieses "elektronische Stammtischgeschnatter" eine "unerwünschte Konkurrenz" zum professionellen Kultur-Urteil.

Mehr als Genderfragen

von Falk Schreiber

Hamburg, 2. November 2020. Sympathisch, wie Amelie Deuflhard der Fauxpas gleich bei den einleitenden Worten unterläuft. Die Intendantin des Hamburger Produktionshauses Kampnagel begrüßt die Besucher*innen des vom Ensemble Netzwerk initiierten Geschlechtergerechtigkeits-Arbeitswochenendes "Burning Issues", erwähnt kurz den bevorstehenden Lockdown, bedauert "Wozu sollen unsere Theaterräume gut sein, wenn wir sie nicht live bespielen dürfen?", freut sich, dass die mittlerweile dritte "Burning Issues"-Ausgabe trotz Lockdown und Pandemiebeschränkungen vor Ort (und im Livestream) stattfinden kann. Und erklärt "Das Festiv… die Konferenz!“ für eröffnet.

Nicht spalten, sondern solidarisieren

von Monika Gintersdorfer
in Zusammenarbeit mit Dalel Bacre, Madhusree Dutta, Hauke Heumann, Sarah Israel, Octopus, Schellhammer/Mukenge, Felizitas Stilleke und Gregor Zoch

29. Oktober 2020. Dieser Text ist eine Reaktion auf Veröffentlichungen der letzten Monate zum Thema Klimaschutz und Reisen beziehungsweise NICHT-REISEN von Künstler*innen. Für mich sehr aufwühlend und bedrohlich, aber ich versuchs mit einer kühleren Bestandsaufnahme, bei der mir Künstler:innen und Kollektive in Gesprächen und E-Mails geholfen haben.

"Es braucht ganzheitliche Lösungen"

Christopher Rüping, Katinka Deecke und Timo Raddatz im Interview mit Christian Rakow

28. Oktober 2020. Mit "Dekalog" schuf das Schauspielhaus Zürich im April und Mai dieses Jahres eine mehrteilige Netztheater-Serie über moralische Dilemmata und existenzielle Handlungszwänge (hier die Nachtkritik vom Aufktakt). Angelehnt an die gleichnamige Filmreihe von Krzysztof Kieślowski wurden zeitgenössische Erzählungen im Lichte der biblischen Gebote entfaltet: von "Du sollst keine Götter haben neben mir" bis zu "Du sollst nicht neidisch sein". Die Erzählungen wurden als Monologe im Bühnenraum des Zürcher Schiffbaus live aufgeführt, abgefilmt und parallel über die Website des Schauspielhauses einmalig live ausgestrahlt. Bis zu 1000 Zuschauer*innen schalteten sich pro Episode ein.

Bildet Banden!

von Georg Kasch

28. Oktober 2020. Es ist ein bitteres Déjà-vu: Theater, Opern- und Konzerthäuser müssen schließen. Montag geht's los in Deutschland. Besonders schmerzhaft ist diesmal das Label, unter das die Kulturbetriebe zumindest in Deutschland fallen: nicht Bildung, sondern Unterhaltung. Deren Besuch ist nämlich ab dem 2. November in Deutschland verboten, jedenfalls außerhalb der eigenen vier Wände. Im Entwurf zu den heutigen Beschlüssen der Bundeskanzlerin und der Landeschef*innen werden Theater in einem Atemzug mit Messen, Kinos, Freizeitparks, Vereinssport und Fitnessstudios genannt, aber ebenso mit Wettbüros und Bordellen.