Wer hat Angst vor Vakzina Woolf?

von Tim Tonndorf

4. Oktober 2021. Die Tinte der Unterschrift Otto von Bismarcks unter dem Reichsimpfgesetz vom 8. April 1874, in Folge dessen die Todesfälle durch das hochansteckende Pockenvirus im Kaiserreich binnen weniger Jahre von mehreren Tausend auf eine kleine Handvoll sanken, war noch nicht trocken, da hatten bereits eine ganze Reihe impfgegnerischer Gruppierungen Petitionen im Reichstag eingereicht gegen die Impfpflicht für Kinder zwischen einem und zwölf Jahren. Unter anderem der "hydrodiätische Verein Magdeburg", der "Verband für schwedische Heilgymnastik Berlin", der "Verein für Naturheilkunde Chemnitz" und der "Verein für naturgemäße Lebensweise Frankfurt am Main" ereiferten sich, eine Impfung sei "eitel Lug und Trug", verstoße "gegen alle Gesetze der Physiologie", richte "entsetzliche Verheerungen im Organismus an" und erzeuge "höchst gefährliche Krankheiten", welche "auf schreckenerregende Weise die Kinderwelt dezimieren".

Kompliz:innen suchen

von Anna Opel

29. September 2021. Das Geschäft der Übersetzer:innen, das allzu oft ein Schattendasein fristet, hat jüngst einen ungeahnten Aufmerksamkeitsschub erhalten. In diversen europäischen Ländern entbrannte eine Debatte darüber, wer Amanda Gormans Inaugurationsgedicht "The Hill We Climb" in die jeweilige Sprache übertragen darf. Der Verlag Hoffmann & Campe, der den Text auf Deutsch herausbringen wollte, entschied sich für ein Übersetzerinnen-Team.

Augenblicke, die verweilen

28. September 2021. Zentrale Momente festhalten, in ein, zwei Bildern zeigen, was wesentlich ist an einer Inszenierung, und so das flüchtige Ereignis Aufführung bewahren: Das ist Anliegen und Auftrag der Theaterfotografie. Wie nähert man sich mit der Kamera einer Inszenierung? Worauf achtet man, wann drückt man auf den Auslöser? Darüber sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #39 mit den Fotografinnen Barbara Braun und Ruth Walz.

Das Theater gehört uns

von Lukas Bärfuss

Berlin, 4. September 2021. Der Dramatiker und Georg-Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss saß in diesem Jahr der Jury bei den Autor:innentheatertagen am Deutschen Theater in Berlin vor, gemeinsam mit seinen Kolleg:innen Fritzi Haberlandt und Schorsch Kamerun las er die Texte der Dramatiker:innen. 212 Stücke wurden bei dem Festival eingesandt, drei von ihnen kamen zur Uraufführung, gezeigt bei der Langen Nacht der Autor:innen. Zu ihrer Eröffnung hielt Lukas Bärfuss eine Rede über das Stückeschreiben in Zeiten der Pandemie, Autor:innenschaft – und was das Theater für ihn ist und sein kann. Hier ist sie zu lesen.

Auflaufmodelle

von Lara Tacke, Julian Gutmann, Giorgi Jamburia, Seongji Jang, Lorenz Nolting, Ana Edroso Stroebe, Wiebke Jakubicka-Yervis

6. September 2021. In der anstehenden Bundestagswahl macht die Gruppe der über 60-jährigen 40 Prozent der Wahlberechtigen aus, während die unter 30-jährigen gerade mal auf 14 Prozent der Wähler*innen kommen. Gleichzeitig haben ebendiese über 60-jährigen in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie zur Lösung der rasenden Probleme unserer Zeit, dem Klimawandel, dem Erstarken neokolonialer Ausbeutungsmodelle, Sexismus und Rassismus wenig, wenn nicht gar nichts beizutragen haben. Nun hat sich die weltpolitische Lage in den letzten Jahren derart zugespitzt, dass kürzlich auch das Bundesverfassungsgericht in seinem historischen Klimaschutzurteil befand: Wir haben es hier mit einer radikalen Generationenungerechtigkeit zu tun. Denn hat unser Wirtschaftssystem bisher auf einer Expansion in den Raum basiert – Rohstoffe und billige Arbeitskräfte werden importiert, Müll und Emissionen exportiert – verschiebt das derzeitige Nichthandeln der Politik die Probleme in die Zukunft. Man expandiert in die Zeit und nimmt den kommenden Generationen das weg, was ihnen zur Verfügung stehen müsste, um Gesellschaft und Kultur nach ihrem eigenen Anspruch zu gestalten. Kurzum, ihr lebt auf unsere Kosten.

Was können Medien heute kulturjournalistisch noch leisten?  Oder: Wir müssen reden!

von Petra Kohse

Berlin, 18. August 2021. Wenn das freie Theater anruft und sagt: "Hast du Zeit? Wir müssen reden!", dann ahnt der Kulturjournalismus, was die Stunde geschlagen hat. Beziehungsweise, dass dieselbe der Wahrheit gekommen ist. Denn ja, es stimmt: Das freie Theater kommt im kulturjournalistischen Tagesgeschäft kaum noch vor. Also eigentlich: nicht. Im Sinne einer kontinuierlichen Berichterstattung kommt es nicht mehr vor.

Ein Paternoster der Kritikkritik

von Luna Ali

Berlin, 18. August 2021.

1 In jeder Wiederholung liegt ein Anfang

In seinem Text "Kritik als Berufsstörung" schreibt Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Peter Panter die folgenden Worte: "Doch sind wir leider so weit gediehen, daß Kritik nur noch als Berufsförderung oder Berufsstörung angesehen wird, und so wird denn auch der Kritiker gewertet. Lobt er, ist er für den Belobten ein großer und bedeutender Kritiker; tadelt er, so ist er für den Getadelten ein Ignorant und taugt nichts."

Alleskönner:innen

10. August 2021. Dramaturg:innen machen am Theater alles: Stücke lesen, Themen für die Spielzeit setzen, Proben begleiten, Publikumsgespräche moderieren. Sie kommunizieren, nach innen wie nach außen, und erinnern immer mal wieder daran, dass Theater für ein Publikum entsteht. Ihr Beruf hat sich verändert. Waren sie früher vor allem Anwält:innen der Literatur, sind sie heute vor allem Manager:innen einer Produktion.

 

"Wo die Angst ist, da geht's lang!"

Barbara Frey im Gespräch

Bochum, 3. August 2021. Sie habe kürzlich, erzählt Barbara Frey, in einem Hotelfoyer nahe eines Essener Zechengeländes eine Frauenskulptur gesehen, die "Schwarze Barbara". Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, ist auch Nothelferin des Menschen bei der Gefahr plötzlichen Todes. Und schon sind wir, hier im Bochumer Haus der Kultur Ruhr am Gerard-Mortier-Platz als dem Logistik-Zentrum der Ruhrtriennale und ihrer Intendanz, mitten im Thema. Am 14. August beginnt Freys erste Saison ihrer auf drei Jahre angelegten Intendanz des NRW-Festivals mit ihrer Inszenierung von Edgar Allan Poes "Der Untergang des Hauses Usher". Das Gespräch führt Andreas Wilink.

Jedermann kennt kein Morgen

von Reinhard Kriechbaum

18. Juli 2021. Die Stimme der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ist heuer vom Tonband zu vernehmen. Sie verweist auf das Sicherheitskonzept der Salzburger Festspiele. Und sie betont mit klaren Worten, dass es zu alledem auch die tätige Mithilfe des Publikums braucht. Sprich: Bitte Maske aufsetzen!