Liebesgrüße nach Paris

von Leyla Ercan

9. Mai 2021. Großartig, Paris nun auch! So mein erster Gedanke, als ich die frohe Kunde vernehme, dass Alexander Neef, Generaldirektor der Pariser Oper, sein Haus diversifizieren und öffnen möchte. Als Diversitätsagentin an einem deutschen Mehrspartentheater weiß ich: Der Kulturbetrieb braucht Leuchttürme mit Strahlkraft! Wenn die größte Oper der Welt und eine Traditionseinrichtung wie die Pariser Oper sich zu mehr Diversität in Personal, Programm, Publikum bekennt, dann setzt das Standards in ganz Europa.

Weaponization of Care

by Nishant Shah

May, 2021. In the summer of 2020, when we were experiencing the second wave of the COVID19 pandemic in The Netherlands, the world was suddenly taken ablaze by the Black Lives Matter protests in the USA that quickly spilled over into conversations around race, migration, longing, and belonging into this part of the world. It came as a surprise to many of the stronghold art universities who prided themselves on ‘tradition’ and ‘excellence’ that these categories have been used to exclude and erase histories of violence and persons marked by difference from our canons and classrooms.

Fürsorge als Waffe

von Nishant Shah

8. Mai 2021. Während ich versuche, diesen Artikel zu verfassen, frage ich mich, wie die Institutionen, mit denen ich zusammenarbeite, und die Communities, auf die ich für meine berufliche Zukunft angewiesen bin, darauf reagieren werden. Ich möchte zu Beginn klarstellen, dass meine Erfahrungen aus intersektionaler Perspektive bereits durch mehrere Privilegien abgemildert sind – ich hatte Positionen inne, die mit Macht und Autorität verbunden waren, und wurde von außergewöhnlichen Kollegen unterstützt, die sich nicht bedroht fühlten, sondern in existenziellen Krisen hinter mir standen. Außerdem habe ich den Vorteil, in mehrere globale Netzwerke politischer und emotionaler Solidarität eingebunden zu sein, die mir helfen, meine Arbeit fortzusetzen. Besonders in den letzten Jahren hat es mich verfolgt, wie viel intensiver, prekärer und vernichtender diese Erfahrungen und um wie viel verheerender ihre Konsequenzen für diejenigen sein müssen, die weder durch Privilegien geschützt sind noch über das kulturelle und soziale Kapital verfügen, um sich gegen Bedingungen zu wehren, die sowohl ihr Selbstbewusstsein wie ihr Vertrauen in eine professionelle Praxis aushöhlen.

Der Faktor Mensch

Mai 2021. Lisa Jopt, Gründerin und Erste Vorsitzende des ensemble netzwerks, und Anselm Weber, geschäftsführender Intendant des Schauspiel Frankfurt, sprechen über Machtgefälle im Stadttheater, (Vermeidung von) Machtmissbrauch und gute Theaterleitung.

Patriarchendämmerung

von Christian Koch und Hartmut Welscher

"The Force is not a power you have. It's not about lifting rocks. It's the energy between all things, a tension, a balance, that binds the universe together." Luke Skywalker 

Mai 2021. Derzeit vergeht kaum ein Monat, in dem nicht über Machtmissbrauch an deutschsprachigen Theatern diskutiert wird. Als Mitte März 2021 in einer taz-Recherche Vorwürfe gegenüber dem Intendanten der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr, öffentlich wurden, kommentierte das Internetportal Nachtkritik folgerichtig in einem Tweet: "Was sich abspielte, liest sich wie ein fast klassischer Fall von Machtmissbrauch." "Klassisch" – gab es immer, wird es immer geben. 

Gewöhnliche Grenzüberschreitungen?

27. April 2021. Was ist los an den Theatern?, fragen sich die Beobachter*innen derzeit allmedial. Dort, wo sonst die Kunst im Zentrum steht, wird derzeit vor allem diskutiert. Konflikte brechen auf, deren Bearbeitung seit Jahren dringlich ist. Spätestens seit #MeToo ist’s eine Binse: Gerade an den Theatern, an denen man sich moralisch auf der Seite des Guten, Wahren und Schönen wähnt, hält sich zäh eine sexistische, rassistische und diskriminierende Atmosphäre. Deutlich machen das die aktuelle Debatten um das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatsballett Berlin oder die Volksbühne.

Marode moralische Anstalt

von Esther Slevogt

21. April 2021. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche werden einzelne Ereignisse plötzlich zu Triggerpoints. Zwar brechen aus ihnen die unhaltbaren Verhältnisse noch einmal besonders schmerzlich hervor. Gleichzeitig wirken sie auf die bis dahin weitgehend unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle wirkenden Veränderungsprozesse wie Katalysatoren. Denn sie markieren den Punkt, an dem die Prozesse unumkehrbar werden. Der Fall Ron Iyamu könnte so ein Triggerpoint sein: Ein junger Mann, der an einem renommierten Institut eine Ausbildung zum Schauspieler macht, gerät in den real existierenden Theaterbetrieb hinein und erlebt dort im Rahmen und im Namen der Kunstproduktion Dinge, die ihn existenziell angreifen. Versuche, seiner Not innerhalb der Strukturen, in denen sie sich ereignen, Ausdruck zu verleihen, scheitern immer wieder. An Indolenz, an Ignoranz und der nicht hinterfragten Gewissheit des Betriebs, die künstlerischen Produktionsbedingungen (und die eigenen Absichten) seien die bestmöglichen. Wer mit ihnen in Konflikt gerät, ist selber schuld, ist zu schwach, nicht gut genug, führt gar Böses im Schilde. Als der Schauspieler schließlich mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit geht, werden die Risse, die das System längst hat, plötzlich unübersehbar. Aber fangen wir von vorne an.

Pfauen mit Vergangenheit

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. April 2021. "Was das Publikum selber betrifft, so dürften wir nicht vergessen, dass ein Teil der Zürcher, die das alte Schauspielhaus nachträglich als ihr Schauspielhaus bezeichnen, sich täuschen: Damals (ich erinnere mich) war es ein Emigranten-Juden-Marxisten-Theater. Entdeckt haben sie es als Ruhmesblatt nach dem Krieg; als unser Schauspielhaus liebten sie es; je schwächer es wurde." Das schrieb Max Frisch 1969 in seiner "Rede zum Zürcher Debakel". Mit Zürcher Debakel meinte er den Rausschmiss des Intendanten Peter Löffler und des Regisseurs Peter Stein mit jenem Ensemble (Bruno Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever), das dann in Berlin an die Schaubühne ging. 

Peinliche Wühler

von Michael Bartsch

8. April 2021. Im Jahr 2021 stehen weitere wichtige Wahlen an, und in diesem Frühjahr werden in Kommunen und Ländern teils verspätet coronagestresste Krisenhaushalte beschlossen. Die AfD und die vielerorts schon zu ihrer Light-Version mutierten Freien Wähler nutzen die "Gunst" knapper Kassen, erneut gegen ideologisch missliebige "linksextreme" Vereine und Institutionen Attacken zu reiten, auch gegen große Bühnen. Getarnt werden diese Streichungsanträge mit der "Verantwortung", die schrumpfenden Einnahmen im Interesse aller nach neuen Prioriäten zu verteilen. Im Klartext läuft dieses Ansinnen auf ein Ausspielen der Kultur gegen Gewerbe und Soziales hinaus.

Orpheus digital

von Georg Kasch

Berlin, 31. März 2021. Musiktheater in Zeiten sozialer Distanz – das klingt zunächst einmal nach sicherer Bank. Während sich das Sprechtheater erst an die Aufbereitung fürs Netz herantasten musste, hatte die Oper bei Pandemiebeginn schon einen guten Vorlauf. Mit Live-Übertragungen in Kinosäle und gelegentlichen Internet-Streams hatten die großen Häuser längst wertvolle Erfahrung gemacht. Zudem konnten viele von ihnen auf ein Archiv aus Hochglanzvideokonserven klassischer Inszenierungen zurückgreifen. Entsprechend wurde seit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 rausgekloppt, was die Bestände hergaben. Sogar live gestreamte Premieren gab es etliche. Dass die Show hier derart ungebrochen weitergeht, liegt – neben ordentlicher Budgets und Sponsoren, die fürs Freitesten zahlen – auch am internationalen Reisezirkus: Wer die Sänger:innen und Dirigent:innen nicht zum verabredeten Zeitpunkt nutzt, hat danach kaum eine Chance, sie noch einmal für Endproben zusammenzukriegen.