Der Informierte Künstler

von Thomas Schmidt

Diese Ersetzung der Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle Schritt.
(Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, 1930)

 

Themen: Zukunftsfonds statt Fusionen | Zentrale Rolle des Ensembles | Der Informierte Künstler | Das Drei-Stufenmodell der Mitbestimmung | Überspielhonorare | Einheitstarifvertrag | Nicht-Verlängerungs-Sperre bei Intendantenwechsel | Drei-Gliedriges Gagensystem

 

3. April 2017. Im ersten Beitrag der von nachtkritik.de maßgeblich gestalteten Stadttheaterdebatte hat Matthias von Hartz die Frage aufgeworfen, ob dem Stadttheater noch zu helfen sei? (11/2011) Seitdem ist viel passiert. Das ensemble-netzwerk hat sich gegründet und zwingt die großen Player (Bühnenverein, Gewerkschaft) zu ernsthaften Gesprächen; Art but Fair arbeitet an einer neuen Arbeitsethik, und die Dramaturgische Gesellschaft überrascht gemeinsam mit dem ensemble-netzwerk mit gelungenen Lobby-Initiativen (40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten). Zuletzt haben Harald Wolff, Stephanie Gräve/Jonas Zipf, Christian Rakow und Marcel Klett in ihren Debattenbeiträgen das Theater, das Ensemble und neue Leitungsformen auf deren Zukunftsfähigkeit geprüft.

Warum nachtkritik.de zahlen?

Bitte keine Ästhetisierung von Rechts

25. März 2017. Kann man mit den Feinden der Offenen Gesellschaft reden? Soll man überhaupt? Zuletzt tastete sich das Zürcher Theaterhaus Gessnerallee an den Rechtspopulisten Marc Jongen heran, um dem Eindruck zu wehren, dass an Hochkulturorten nur linke Positionen Gehör finden. Die Kritik ließ nicht auf sich warten. In aller Vehemenz. Das Zürcher Podium wurde abgesagt. Ein Streitgespräch fand trotzdem statt: auf nachtkritik.de, wo die Pros und Contras rund um die Veranstaltung wochenlang diskutiert wurden. Im Podcast in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur reflektiert nachtkritik.de-Redakteurin Sophie Diesselhorst die Problemlage rund um den Diskurs mit Rechtsaußen. Das Gespräch führt Susanne Burkhardt, Redakteurin von Deutschlandradio Kultur.

Unter Ängstlichen

von Dirk Pilz

März 2017. Es ist ja nicht so, dass es einen Mangel an Religion auf deutschsprachigen Bühnen gäbe. Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" zum Beispiel: von Bamberg bis Berlin gern inszeniert. Überhaupt sind Stücke über die vermeintliche Problem-Religion Islam hoch im Kurs. Aber auch sonst spielen Glaubensfragen ständig eine Rolle, so oder so. "Nathan der Weise", "Hamlet", "Faust": lauter viel gegegebene Klassiker mit deutlichem Religionsbezug. Religion gehört schließlich nicht erst in der Gegenwart zu den umstrittensten und heikelsten Themen überhaupt.

Gilt die Freiheit des Andersdenkenden auch für völkische Denker?

Februar und März 2017.  Die (nicht nur) Zürcher Kulturszeneprotestiertgegen eine geplante Veranstaltung im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee. Unter dem Titel "Die neue Avantgarde" sollen am 17. März der Sprecher der baden-württembergischen AfD und Philosophie-Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Marc Jongen, der Publizist Olivier Kessler von der rechten Schweizerischen Volkspartei, der Kunstwissenschaftler und Journalist Jörg Scheller sowie Laura Zimmermann von der liberalen Bewegung Operation Libero  "debattieren, was Kategorien wie 'liberal', 'progressiv' und 'reaktionär' heute bedeuten. Ist die Renaissance des Rechtsnationalen eine Avantgarde-Bewegung?"

Reservate der Unabhängigkeit

von Alexander Kerlin

Dortmund, 1. März 2017. Dieser Essay ist lang geworden. Das war nicht geplant. Ich konnte nicht aufhören. Oder sagen wir so: Es hörte nicht auf, mich anzugehen. Ich nehme das als Indiz: Wir werden es länger mit diesen Angriffen zu tun haben. Länger, als wir annahmen, und länger, als uns lieb sein wird.

I.

Ausgangspunkt zu meinen Überlegungen war ein Kurzaufenthalt in Belarus (= Weißrussland) im vergangenen Herbst. Ob ich nicht einen kleinen Reisebericht veröffentlichen dürfte? Nachtkritik so: "Gern. Wie wäre es, dem Ganzen einen thematischen Spin Richtung Kunstfreiheit zu geben?" Damit war die Büchse der Pandora geöffnet, und ich habe sie nicht wieder geschlossen bekommen. Die folgenden Beobachtungen führen von den USA über Ungarn, Polen und Israel in die Türkei, verharren lange in Belarus – und versuchen immer wieder Rückschlüsse auf die Situation in Deutschland zu ziehen. Es sind unsystematische Stippvisiten in ultrarechte und autokratische Kulturdiskurse und -politiken, auf der Suche nach Berührungspunkten zwischen Donald Trump, der PiS-Regierung in Polen, Viktór Orbán (Ungarn), Aljaksandr Lukaschenka (Belarus) und der AfD.

Die Einheit in der Vielheit

von Marcel Klett

23. Februar 2017. Die Diskussion über die Leitungsform der institutionalisierten Theater hat in den vergangenen Monaten an Intensität zugenommen – und immer wieder entzündet sich die Diskussion an Vorfällen, die zu beweisen scheinen, dass das traditionelle Leitungsmodell fehleranfällig ist. Wenn man nun feststellt, dass die Zahl der Einschläge zunimmt, und wenn gleichzeitig (endlich!) die Arbeitsbedingungen der künstlerisch Beschäftigten an den Theatern in Frage gestellt werden, muss darüber gesprochen werden, ob und wie die Art, Theater zu leiten, reformiert werden sollte.

Und die Nachspielbarkeit?

22. Februar 2017. Heute wurde die Auswahl der sieben Stücke bekannt gegeben, die für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert sind. Schon die Summe von 15.000 Euro, mit denen der Preis dotiert sind, machen ihn zu einem der wichtigsten Stückepreise des deutschsprachigen Gebiets. Aber auch die Aufmerksamkeit, die den Stücken und ihren Inszenierungen in Mülheim zuteil wird. Über die Auswahl, Stückentwicklungen, Nachspielbarkeit sowie das, was fehlt, spricht Georg Kasch in der neuesten Folge unseres Podcasts mit nachtkritik.de-Autorin und Jury-Sprecherin Cornelia Fiedler.

Heimvorteil

von Christian Rakow

9. Februar 2017. Das also soll die Generalmobilmachung des Theaters werden: Schluss mit den stationären Ensembletheatern, Schluss mit dem kostenintensiven Repertoiresystem mit wenigen Aufführungen pro Produktion. Schluss also mit dem traditionsreichen, luxuriösen Stadttheatermodell in deutschsprachigen Landen. Stattdessen Gastspieltheater, tourende Compagnien in Häusern mit einem Minimum an technischem Personal; weniger Produktionsstätten, mehr Aufführungen je Produktion, landauf, landab. So lauten im Kern die Verbesserungsvorschläge, die Dieter Haselbach auf nachtkritik.de mit dem ganzen Stolz des Reißbrett-Strategen der Kulturpolitik unterbreitet. Ein fröhliches back to the roots wäre das: zurück zu den vorshakespeareschen Zeiten der lustigen Wanderbühnen. Und heute drohen nicht einmal die Wegelagerer. Es droht einzig der tagelange Leerstand von Immobilien, wenn die Gaukler weitergezogen sind.

"Theater ist keine top-down-Veranstaltung"

Berlin, 6. Februar 2017. Am 8. Dezember 2016 wurde Klaus Lederer (Die Linke) als Kultursenator der neuen rot-rot-grünen Landesregierung von Berlin vereidigt – da hatte er bereits eine erste heftige Debatte angezettelt, indem er noch vor seiner Vereidigung ankündigte, die Verträge mit dem designierten Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon zu überprüfen. Was ist daraus geworden, und wie stellt Klaus Lederer sich eine Kulturpolitik für Berlin vor? Sophie Diesselhorst und Christian Rakow haben mit ihm gesprochen.

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