Muss der Kanon auf den Müll?

von Sophie Diesselhorst, Ute Frings-Merck, Lilly Merck und Elena Philipp

20. Mai 2019. Das Thema Geschlechterungerechtigkeit am Theater ist eines der meistdiskutierten der vergangenen Saison. Auch das Berliner Theatertreffen stand an seinem abschließenden Wochenende im Zeichen der dreitägigen Konferenz "Burning Issues", die von Nicola Bramkamp (ehemals Schauspieldirektorin in Bonn) und Lisa Jopt (Ensemble-Netzwerk) initiiert wurde und noch einmal die Situation von Frauen im Theaterbetrieb in den Fokus hob.

Thema Frauen im Theater 560 

 

Kurzer Abriss: zweieinhalb Jahrzehnte

Lange Zeit war das Ungleichgewicht von Männern und Frauen im Theaterbetrieb kein Thema, das in der breiten Kulturöffentlichkeit diskutiert wurde – trotz krasser Unterrepräsentanz von Frauen in Leitungs- und Regiepositionen, trotz unterschiedlicher Bezahlung von Männern und Frauen in Theaterberufen. Den Beginn einer systematischeren Auseinandersetzung kann man Mitte der Neunziger Jahre verorten, als sich der Deutsche Kulturrat mit der Situation von Frauen in Kultur und Medien zu beschäftigen beginnt. 1995 erscheint die erste Untersuchung "Kunst und Kultur von Frauen" herausgegeben von der Kultusministerkonferenz. Zehn Jahre später, im Oktober 2005, findet am Düsseldorfer Schauspielhaus die Tagung "Theaterfrauen in Spitzenpositionen" des Frauenkulturbüros NRW statt und legt in einer ausführlichen Dokumentation "Handlungsempfehlungen und Forderungen zur Förderung von Frauen am Theater" vor.

2011 setzt die Fachzeitschrift Theater heute den Schwerpunkt "Mehr Frauen ins Theater" und Theatertreffen-Chefin Iris Laufenberg lädt die Ausstellung "Regie-Frauen" der Theaterwissenschaftlerin Christina Haberlik im Rahmen des Theatertreffens an die Berliner Akademie der Künste ein. 2013 übernehmen mit Karin Beier in Hamburg und Shermin Langhoff in Berlin nach vielen Jahren wieder einmal zwei Frauen die Intendanzen führender Metropolenhäuser. Im Januar 2015 findet auf Initiative von Christina Gassen und Maria Sophie Nübling das Symposium "Theater.Frauen" an der Freien Universität Berlin statt, das Fragen der Repräsentation und der Arbeitsbedingungen von Frauen am Theater diskutiert. Die daraus hervorgegangene Community ist seitdem über die Facebook-Seite Theater.Frauen vernetzt. 

1a FrauenImTheater Kuenstlerische Berufe 560Im Juni 2016 erscheint mit der vom Deutschen Kulturrat im Auftrag der Kulturstaatsministerin Monika Grütters herausgebrachten Studie "Frauen in Kultur und Medien" eine zentrale Untersuchung, die den Zeitraum von 1994/95 bis 2014/15 umfasst und zeigt, dass nur 30 Prozent der Inszenierungen an deutschen Theatern von Frauen stammen, wobei sie noch seltener auf den großen Bühnen inszenieren (22 Prozent). Ebenfalls nur 22 Prozent der Theater werden von Frauen geleitet (gerade mal drei Prozent mehr als 20 Jahre zuvor). Auch die auf der Bühne erzählten Geschichten haben sich meistens Männer ausgedacht: Nur 24 Prozent der aufgeführten Schauspielautor*innen sind weiblich. Im Dezember 2016 nimmt der von Monika Grütters initiierte Runde Tisch "Frauen in Kultur und Medien" seine Arbeit auf, dessen Arbeitsergebnisse Angela Merkel im Juli 2017 im Rahmen einer Abschlussveranstaltung entgegennimmt.

Die Schieflage im Theaterbetrieb hinsichtlich der Repräsentanz von Frauen und Männern spiegelt sich auch in der Theatertreffen-Auswahl 2017, in der – bei mehrheitlich weiblich besetzter Jury – mit Claudia Bauer nur eine einzige Regisseurin vertreten ist, was zu einer der meistdiskutierten Fragen dieses Festivaljahrgangs wird. Im Juni 2017 präsentiert das Festival Theaterformen in Braunschweig unter der Leitung von Martine Dennewald ein Programm, das ausschließlich aus weiblichen Regiehandschriften zusammengestellt ist. Der Deutsche Kulturrat richtet im Juli ein Frauen-Projektbüro ein.

Im Oktober 2017, wenige Tage nach den ersten Harvey-Weinstein-Enthüllungen, geht der Verein "Pro Quote Bühne" an die Öffentlichkeit und fordert 50 Prozent Frauen in allen künstlerischen Ressorts. Erst mit diesem Aufschlag und der ins Rollen kommenden #MeToo-Debatte werden die Zahlen der Kulturratsstudie von der Theateröffentlichkeit richtig wahrgenommen und diskutiert. Im Januar 2018 ruft der Deutsche Bühnenverein eine Arbeitsgruppe ins Leben, deren erstes Treffen im März 2018 stattfindet.

Ebenfalls im März 2018 treffen sich auf Initiative von Nicola Bramkamp und Lisa Jopt 350 Theaterfrauen zur ersten Theatermacherinnen-Konferenz "Burning Issues" in Bonn, in deren Folge verschiedene lokale Theatermacher*innen-Netzwerke entstehen. Für Diskussionen sorgt die Ankündigung der designierten Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann, das Programm für die Spielzeit 2018/19 nur aus weiblichen Regieführenden zusammenzusetzen. Im Juni 2018 beschließt der Deutsche Bühnenverein auf seiner Jahreshauptversammlung einen Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch, im Oktober 2018 nimmt die Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt e.V. als gemeinsame Einrichtung von Arbeitnehmer*innen- und Arbeitgeber*innenverbänden, Sendern und anderen Institutionen der Kultur- und Medienbranche ihre Arbeit auf.

Im Mai 2019 findet "Burning Issues" im Rahmen des Theatertreffens statt, das sich das Thema 2018 bereits mit dem Schwerpunkt "Unlearning Patriarchat" auf die Fahnen geschrieben hatte. Kurz zuvor hat TT-Leiterin Yvonne Büdenhölzer angekündigt, dass für die nächsten beiden Ausgaben des Theatertreffens für die Regiepositionen der Zehner-Auswahl eine Frauenquote von mindestens 50 Prozent gelte.

 

 

Texte und Audio zum Thema auf nachtkritik.de

Überblick: Theater und Sexismus – Bestandsaufnahme von Leopold Lippert (16.7.2015)

Redaktionsblog: Kleidungsempfehlungen einer deutschen Schauspielschule von Esther Slevogt (30.9.2015)

Kolumne: Das Schwarzbuch der Geschlechterungerechtigkeit auf deutschen Bühnen von Georg Kasch (28.3.2017)

Interview mit France Elena Damian und Angelika Zacek vom Verein Pro Quote Bühne von Sophie Diesselhorst und Anne Peter (16.10.2017)

Kolumne: Über mögliche #MeToo-Folgen fürs Theater von Sophie Diesselhorst (16.1.2018)

Theaterpodcast: #MeToo erreicht die Theater von Susanne Burkhardt und Elena Philipp (21.1.2018)

Theaterpodcast: Über #MeToo und einen Kulturwandel an den Theatern von Susanne Burkhardt und Elena Philipp (24.2.2018)

Interview mit der Regisseurin Pinar Karabulut über Frauenfiguren am Theater von Esther Slevogt (28.3.2018)

Interview mit Selina Cartmell, Intendantin des Gate Theatre Dublin von Sophie Diesselhorst (19.4.2018)

Theaterpodcast: Über das Treffen der Theaterfrauen Burning Issues in Bonn von Susanne Burkhardt und Elena Philipp (24.3.2018)

Überblick: Geschlechterungerechtigkeit im Theaterbetrieb – Gründe und Lösungen von Anne Peter (11.5.2018)

Interview mit Schauspielerin Linda Pöppel über ihre Rolle einer Prostiuierten in "In Stanniolpapier" von Esther Slevogt (29.6.2018)

Diagramm-Serie: Geschlechterungerechtigkeit im Theaterbetrieb – Zahlen & Fakten von Anne Peter (23.8.2018)

Essay: Wie Schauspielerinnen im komischen Fach Geschlechterstereotype wegfegen von Anna Opel (30.8.2018)

Kolumne: Über die Bilanz des Vereins Pro Quote Bühne nach einem Jahr von Sophie Diesselhorst (18.12.2018)

Theaterpodcast: Die Theaterdebatten 2018 – im Gespräch mit Fance Elena Damian von Pro Quote Bühne von Susanne Burkhardt und Elena Philipp (21.12.2018)

Interview mit der Regisseurin und Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann von Anne Peter (4.2.2019)

Kolumne: Über die Frauenquote beim Theatertreffen von Esther Slevogt (8.5.2019)

 

Der Stoff, aus dem der Osten ist?

25. April 2019. Muss man eigentlich immer in die Großstadt, um was Tolles zu erleben? "Nö", denkt sich Ende der 1980er ein junger Mann in einem Kaff in Südbrandenburg – und macht aus der Dorfkneipe einen Szeneklub. Davon handelt Alexander Kühnes autobiographischer Roman "Düsterbusch City Lights", der kürzlich am Theater Magdeburg auf die Bühne kam. Für Folge 14 des Theaterpodcast sind Susanne Burkhardt und Elena Philipp zur Premiere gefahren.

Zeige deine Angst

von Axel Sichrovsky

22. April 2019. Ein Ensemble ergreift das Wort. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch abseits. Es artikuliert seine Vorstellungen von guter Theaterleitung, von dem, wofür man in der Kunst einstehen möchte. Es formuliert sich intern und in öffentlichen Stellungnahmen. Dieser Vorgang war bis vor nicht allzu langer Zeit selten. Jetzt häufen sich die Fälle, so scheint mir. Zuletzt und mit großer Strahlkraft in Schwerin.

Wachstum oder Zukunft

von Christian Tschirner

17. April 2019. Seit etwa einem Jahr bereite ich für das Hamburger Schauspielhaus das "Hamburger Menetekel" vor, ein partizipatives Projekt, bei dem Jugendliche die Zukunft der Stadt von den Wänden lesen, um sie dann auf einem Kongress mit Expert*innen zu diskutieren. Diese Zukunft, soviel kann man jetzt schon sagen, sieht nicht besonders rosig aus. In den vielen Gesprächen dazu – mit Lehrer*innen, Stiftungen, Künstler*innen – war immer wieder zu hören: Die Jugendlichen mit einer geballten Ladung alarmierender Nachrichten zu konfrontieren, sei doch gerade jetzt – gemeint ist das Erstarken rechtspopulistischer Parteien – das falsche Signal. Gerade jetzt müsse man doch das Vertrauen in Politik und Gesellschaft stärken, alles andere füttere ja die von rechts geschürte Hysterie. Ich bin anderer Meinung. Es gibt keinen Grund, das Vertrauen in Politik und Gesellschaft zu stärken. Wir stecken in einer zivilisatorischen Krise und gerade der hilflose Versuch, das zu leugnen, beschleunigt den Erfolg der Rechten. Warum?

"Mobbing gedeiht in Vetternwirtschaft"

Juliana da Costa José im Interview mit Sophie Diesselhorst

11. April 2019. An den Bühnen Halle schwelt seit Längerem ein Personalkonflikt. Im Zentrum die Spartenleiter Matthias Brenner (Schauspiel), Florian Lutz (Oper) und der Geschäftsführer Stefan Rosinski. In den letzten Wochen eskalierte der Streit: in Offenen Briefen und in Medienberichten über die PR-Managerin Juliana da Costa José, die nach drei Tagen Arbeit an den Bühnen Halle das Haus wieder verließ. Im Interview mit Sophie Diesselhorst spricht Juliana da Costa José über das Binnenklima und die Probleme am Haus.

Für die Kunstfreiheit
Keine Kriminalisierung kritischer Kunst!

Berlin, 11. April 2019. Gegen das "Zentrum für politische Schönheit" ist wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" ermittelt worden. Das ist ein bedrohlicher Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit. Wir protestieren!

Der lange Schatten des Spardiktats

von Georg Kasch

4. April 2019. Wenn sich gleich mehrere Ensembles und Gruppen eines Hauses gegen ihren Intendanten wehren, ist irgendetwas richtig schief gelaufen. So wie in Schwerin. Im Januar 2018 protestierten die Schauspieler des Mecklenburgischen Staatstheaters zum ersten Mal gegen Generalintendant Lars Tietje, weil er ihnen per Aushang verbot, beim Theaterball "eigenmächtige politische Äußerungen" zu machen. Im November 2018 wandten sie sich erneut an die Öffentlichkeit, ebenso Ballett und Orchester, jetzt wieder. Ihr Vorwurf: Tietje habe sich für den Maulkorberlass nie richtig entschuldigt, er habe führende Mitarbeiter entlassen, andere seien wegen des Drucks freiwillig gegangen; zugesagte Produktionen – und zwar ausgerechnet die politisch brisanten – und Stellen seien gestrichen, das Repertoire ausgedünnt worden.

Konfetti und Konflikte

27. März 2019. Konfetti, Nebel, Schaumstoffquader: Minimale Mittel nutzt die Bühnenbildnerin Katrin Brack, um frei bespielbare Theaterräume zu erschaffen. Mit der vielfach ausgezeichneten Künstlerin sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp über die Kunst des Bühnenbilds. Außerdem fragt das Theaterpodcast-Duo in Folge #13 mit Blick auf den Konflikt an den Bühnen Halle, wie viel Experimente das Stadttheater verträgt.

"Fusionen sollte man im Winter beschließen"

Volker Arnold im Interview mit Georg Kasch und Christian Rakow

20. März 2019. Theaterfusionen sind der spitze Faustkeil der Kulturpolitik. Wann immer Politiker radikal zum Sparen am deutschen Stadttheatersystem ansetzen, bringen sie die Zusammenlegung von Theatern aufs Tapet. Zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern, wo man probierte, das bereits fusionierte Theater Vorpommern (Greifswald, Stralsund, Putbus) mit dem ebenfalls schon zusammengezwungenen Verbund Neubrandenburg-Neustrelitz zum Staatstheater Nordost zusammenzuspannen. Die Pläne liegen inzwischen auf Eis.

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