Wunderbar wegkürzen

von Wolfgang Behrens

15. Juni 2021. Als am 18. März 2020 die Kanzlerin ihre Fernsehansprache zum ersten Lockdown hielt, hatte ich das seltene Vergnügen, die ZDF-"heute"-Sendung gemeinsam mit einer ehemaligen "heute"-Redakteurin anzuschauen. Nach ca. 14 Minuten sagte Petra Gerster, die Nachrichtensprecherin an jenem historischen Tag, den bedeutungsschweren Satz: "Das Corona-Virus hat auch Frankreich fest im Griff." Ohne eine Sekunde des Zögerns entfuhr es da der ehemaligen Redakteurin auf dem Sessel neben mir: "Steht doch auf dem Index!" Ich sah sie entgeistert an, worauf sie erklärte, dass es zu ihrer Zeit für die "heute"-Redaktion eine Liste mit verbotenen Formulierungen gegeben habe. "Fest im Griff haben" habe darauf gestanden, aber auch das Wort "stattfinden". Zum Beispiel.

Jenseits von Identität

von Wolfgang Behrens

11. Mai 2021. Wenn man sich auf der Streaming-Seite von Disney+ herumtreibt, wird man in gar nicht so wenigen Fällen vor dem eigenen Angebot des Konzerns gewarnt. In Bezug auf bestimmte Figurendarstellungen, etwa in Trickfilmen wie "Dumbo", "Aristocats" oder "Dschungelbuch", heißt es dann: "These stereotypes were wrong then and are wrong now." "Diese Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute."

Impfen wie damals bei Peymann

von Wolfgang Behrens

30. März 2021. Gestern habe ich ein neues Wort gelernt. Ich begegnete ihm in einer nachtkritik-Meldung über die Auswertung des Pilotprojekts in der Berliner Philharmonie zur Öffnung von Kulturveranstaltungen während der Corona-Krise. Meine spontane Interpretation des Wortes lief jedoch ins Leere, denn "No-Shows" (ja, um dieses Wort geht es) sind mitnichten das, was derzeit an allen Theatern und Konzerthäusern zu erleben ist, nämlich "keine Shows". Wenn eine erste schnelle Internet-Recherche nicht trügt, dann stammt der Begriff "No-Show" vielmehr aus der Touristik und bezeichnet das Nicht-Erscheinen einer Person, obwohl diese eine Buchung getätigt hat. Im Falle des Pilotkonzertes in der Berliner Philharmonie gab es bei 1000 Buchungen 43 solcher No-Shows – der Quelle zufolge ist das eine recht geringe "No-Show-Rate". Demnach würde eine No-Show-Partei normalerweise bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde locker überspringen (falls sich die Menschen hinter den No-Shows nicht als Nichtwähler erweisen sollten).

Während wir wedeln

von Wolfgang Behrens

16. Februar 2021. Jetzt, da es fast zehn Jahre her ist, schaue ich anders auf diese Szene. Damals erlebte ich sie wie im Rausch, mit einem Mal war es egal, ob ich Kritiker oder Zuschauer war, ein Moment des Dionysischen bemächtigte sich meiner und ich war, ja – ich benutze ein großes Wort: Ich war glücklich. Seitdem habe ich die Situation einige Male geschildert (wenn auch nie in schriftlicher Form), trotzdem ist die Erinnerung an das so unmittelbar und eindringlich Erlebte langsam schwächer geworden. Aber erste heute, um die Erfahrung einer Pandemie reicher – darf man in diesem Zusammenhang von reicher reden? –, erst heute erscheint mir die Szene als eine große Metapher.

Dein ist mein ganzes Herz

von Wolfgang Behrens

5. Januar 2021. Als ich noch ein Zuschauer war, war ich das, was man einen harten Fan nennt. Andere waren unbelehrbare Anhänger von Fußballclubs wie Manchester United, Bayern München oder Westfalia Herne, ich hingegen war ein unbelehrbarer Anhänger des Theaterregisseurs Einar Schleef. Als solcher ging ich natürlich zu allen Heimspielen in meinen damaligen Wohnorten Frankfurt und Berlin – und wie es sich für einen harten Fan gehört, fuhr ich auch, koste es, was es wolle, zu den Auswärtsspielen nach Wien oder Düsseldorf.

Schamloses Othering

von Wolfgang Behrens

17. November 2020. Als Student habe ich mich einmal über einen Philosophie-Professor aufgeregt, der plötzlich in seiner Vorlesung innehielt, einen seiner Hilfswissenschaftler fixierte und ihn fragte: "Habe ich darüber eigentlich mal publiziert?" Mir kam das damals ungeheuer ungehörig vor, ich hielt es für reine Koketterie, die auf eine möglichst servile Antwort spekulierte (und sie kam auch prompt: "Nein, leider nicht!").

Himmlische Längen auf verlorenem Posten

von Wolfgang Behrens

6. Oktober 2020. Als ich noch ein Zuschauer war, liebte ich die Länge. Aufführungen, die ich besuchte, konnten mir gar nicht lange genug dauern, egal, ob sie nun von Breth, Castorf, Schleef oder Steckel stammten, und egal, ob es sich dabei um Wagner-Opern, ungekürzten Shakespeare oder hybride Doppelabende mit zwei oder mehr kombinierten Stücken handelte.