Best never rest

von Wolfgang Behrens

23. Oktober 2018. Ich bin in meinem Leben schon vielen hässlichen Sätzen begegnet. "Best never rest" ist natürlich einer von ihnen, oder "Wenn der Bratmaxe grillt, fängt die Stimmung an", oder auch: "Alles wird gut." Der Schriftsteller Max Goldt hat es sogar einmal unternommen, den hässlichsten Satz der deutschen Sprache zu küren. Ich will die Spannung nicht unnötig steigern und zitiere ihn hier sogleich: "In schonungslos verknappter Sprache bringt er die alltägliche Gewalt auf die Bühne und liefert so eine radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation."

Güldener Grenztest

von Wolfgang Behrens

18. September 2018. Jetzt ist tatsächlich einmal etwas passiert! In mein beschauliches Wiesbadener Dramaturgen-Dasein ist ein goldener Erdoğan hineingeplatzt. Über Nacht stand er plötzlich da – die Macher der Biennale, die von meinem Theater ausgerichtet wird, hatten ihn aufstellen lassen, ohne dass die allermeisten Theatermitarbeiter (darunter auch ich) vorher auch nur irgendetwas davon geahnt hätten. Und es trat ein, wovon Dramaturgen eigentlich träumen: Nicht nur die hiesige Zeitung und der Lokalteil des überregionalen Organs berichteten – nein, von den "heute"-Nachrichten bis zur "New York Times" diskutierte man über diese Erdoğan-Statue, die über Nacht wie ein Ufo auf dem Wiesbadener Platz der deutschen Einheit gelandet war und wie der Monolith in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" bestaunt wurde.

Selber Kälber

von Wolfgang Behrens

19. Juni 2018. Als ich noch ein Kritiker war, dachte ich, die schärfsten Kritiker des Theaters seien die Kritiker. Und vielleicht stimmt das ja auch, je nachdem, was man unter dem Begriff "scharf" subsumieren möchte. Die eine oder andere scharfsinnige Beobachtung schleicht sich schon ab und an in eine Kritik ein; und wer unter Schärfe die Bereitschaft zum Verriss versteht, wird natürlich auch hie und da in Kritiken fündig.

Großes kündigt sich an

von Wolfgang Behrens

16. Mai 2018. Als ich noch ein Kritiker und sogar noch Redakteur bei nachtkritik.de war, ließ Kay Voges, Intendant des Schauspiels Dortmund, einmal anfragen, ob er nicht auf einen Plausch in der Redaktion vorbeikommen könne. Nach der allfälligen Auskunft, dass es keine nachtkritik.de-Redaktion gebe (also nicht als konkreten Ort in Gestalt eines eigenen Büros – die Redaktionstreffen finden bis heute in den privaten Wohnungen statt), verabredete man ein Gespräch auf neutralem Terrain. Während einer Redaktionssitzung legten wir fest, wer von uns diesen Termin wahrnehmen solle. Das Los fiel auf mich.

Gruppenkunde

von Wolfgang Behrens

3. April 2018. Man kann Kritiker*innen in drei Gruppen einteilen:

1) In die Gruppe derer, die geliebt werden wollen,

2) in die Gruppe derer, die gehasst werden wollen, und

3) in die Gruppe derer, denen es egal ist, ob sie geliebt oder gehasst werden.

Die meisten Kritiker*innen werden wohl behaupten, zur dritten Gruppe zu gehören – eine Blitzumfrage unter einem (in Zahlen: 1) befreundeten Kritiker ergab sogar 100 Prozent, wobei der Umfang der Stichprobe vielleicht nicht optimal gewählt war. Ich behaupte jedoch, dass alle jene, die sich selbst der Gruppe 3 zuordnen, lügen, weswegen sich streng genommen alle Kritiker*innen in die ersten beiden Gruppen aufteilen lassen.

Das Gift des Derrida

von Wolfgang Behrens

28. Februar 2018. Und dann war da noch jene Regisseurin, die die Pressereferentin des freien Produktionshauses nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltete, weil in einer großen Zeitung eine schlechte Kritik erschienen war. "Das hätte nicht passieren dürfen", soll sie sinngemäß – wenn auch mit viel derberen Worten – gesagt haben. Warum der Kritiker nicht richtig instruiert worden sei. Warum sie, die Pressereferentin, ihm, dem Kritiker, nicht erklärt habe, wie alles gemeint sei und was er hätte schreiben müssen.

Fantastisch!

von Wolfgang Behrens

23. Januar 2018. Wer kennt das nicht? Die Saaltüren werden geschlossen, das Licht im Zuschauerraum erlischt, der Vorhang öffnet sich, die Temperatur beginnt merklich zu steigen (weil das Theater seine Stammklientel auf Wärmelevel halten muss), noch merklicher wird die Luft dicker – und plötzlich wird der Kopf schwer. Man ist gewillt, ihn oben zu halten – Konzentration! Konzentration! – was hat der Schauspieler da vorne noch eben gesagt? "Das Leben nennt der Derwisch eine Reise" – ach ja, kenne ich, das ist …, jaja, ich bin voll dabei, wie war das, das hat doch auch der … – doch da!, ein Zucken durch den gesamten Oberkörper, und schon schnellt der längst niedergesunkene Kopf von der Brust zurück in die Höhe. Sekundenschlaf. Mitten in der Aufführung weggenickt. Peinlich!