Dein ist mein ganzes Herz

von Wolfgang Behrens

5. Januar 2021. Als ich noch ein Zuschauer war, war ich das, was man einen harten Fan nennt. Andere waren unbelehrbare Anhänger von Fußballclubs wie Manchester United, Bayern München oder Westfalia Herne, ich hingegen war ein unbelehrbarer Anhänger des Theaterregisseurs Einar Schleef. Als solcher ging ich natürlich zu allen Heimspielen in meinen damaligen Wohnorten Frankfurt und Berlin – und wie es sich für einen harten Fan gehört, fuhr ich auch, koste es, was es wolle, zu den Auswärtsspielen nach Wien oder Düsseldorf.

Schamloses Othering

von Wolfgang Behrens

17. November 2020. Als Student habe ich mich einmal über einen Philosophie-Professor aufgeregt, der plötzlich in seiner Vorlesung innehielt, einen seiner Hilfswissenschaftler fixierte und ihn fragte: "Habe ich darüber eigentlich mal publiziert?" Mir kam das damals ungeheuer ungehörig vor, ich hielt es für reine Koketterie, die auf eine möglichst servile Antwort spekulierte (und sie kam auch prompt: "Nein, leider nicht!").

Himmlische Längen auf verlorenem Posten

von Wolfgang Behrens

6. Oktober 2020. Als ich noch ein Zuschauer war, liebte ich die Länge. Aufführungen, die ich besuchte, konnten mir gar nicht lange genug dauern, egal, ob sie nun von Breth, Castorf, Schleef oder Steckel stammten, und egal, ob es sich dabei um Wagner-Opern, ungekürzten Shakespeare oder hybride Doppelabende mit zwei oder mehr kombinierten Stücken handelte.

Häuflein klein im Saale sein

von Wolfgang Behrens

30. Juni 2020. Als ich noch ein Kritiker war, vor gut drei Jahren ungefähr, meldeten einige deutsche Tageszeitungen ein Ereignis, das sie selbst einen Tag zuvor der italienischen Presse entnommen hatten und dessen Symbolkraft damals noch gar nicht abzuschätzen war. Demnach war der Schauspieler Giovanni Mongiano – dem Vernehmen nach ein verdienter Pirandello-Mime – bei einem Gastspiel in der lombardischen Kleinstadt Gallarate kurz vor der Vorstellung informiert worden, dass kein Zuschauer erschienen sei, und auch keine Zuschauerin. Mongiano aber nahm sein Herz in beide Hände und spielte trotzdem: vor einem leeren Saal, nur die Regieassistentin und die Kassendame schauten zu (letzteres immerhin scheint mir nicht unwichtig, denn wenn die Kassiererin, wie man annehmen darf, vom örtlichen Theater gestellt wurde, so war zumindest ihr Mongianos Monolog noch unbekannt).

Lang lebe die Verweiltoleranz

von Wolfgang Behrens

26. Mai 2020. Meine Frau sagt – wenn ich hier einmal die Anfangsworte der Kolumne des unvergessenen Michael Althen verwenden darf –, meine Frau sagt eigentlich nach jedem Stück avancierter Neuer Musik, das wir in einem Konzert hören: "Es war wirklich toll (wahlweise auch: spannend, interessant), aber eine CD auflegen würde ich mir davon nicht." Ich weiß nicht, ob das mehr über zeitgenössische E-Musik aussagt oder mehr über Musik, die sich meine Frau als CD auflegt. Ganz sicher aber sagt es etwas aus über die grundsätzliche Qualität eines Konzerterlebnisses, über die Live-Situation: Das Arrangement Konzert nämlich (und für das Arrangement Theater gilt natürlich dasselbe) zwingt gleichsam zur Aufmerksamkeit; die freiwillige Gemeinschaft, die sich hier bildet, hält eine*n gewissermaßen für die Dauer der Veranstaltung gefangen und ermöglicht so eine ästhetische Erfahrung, der man sich unter anderen Umständen möglicherweise verschlossen hätte. Und manchmal hält man auf diese Weise auch etwas aus, dem man sich vielleicht sogar ganz gerne verschlossen hätte.

Das Minutenspiel

von Wolfgang Behrens

14. April 2020. Nein, ich möchte nicht darüber schreiben. Weil alle darüber schreiben und ich nicht wüsste, was ich noch dazu beizutragen hätte. Andererseits wirkt es auch seltsam, nicht darüber zu schreiben. Da es momentan anscheinend gar nichts Anderes gibt, wirkt es geradezu eskapistisch, wenn man sich äußert, aber nicht dazu. Anstatt mich in Theateranekdoten zu flüchten, möchte ich daher einen bislang unveröffentlichten Text von mir zugänglich machen, den ich geschrieben habe, als ich noch ein Kritiker (oder vielleicht sogar noch ein Zuschauer) war. Da es damals noch nicht möglich war, darüber zu schreiben, ist er insofern unverdächtig, ein Kommentar dazu zu sein. Trotzdem fiel er mir dieser Tage ein, weil er auch eine Art Anleitung enthält, wie man damit zurechtkommen könnte. Der Text stammt übrigens aus einer Zeit, als noch die alte Rechtschreibung galt.

Ich weiß es nicht

von Wolfgang Behrens

10. März 2020. Erlauben Sie (ich verwende hier die generische Höflichkeitsform: alle Menschen, die ich duze oder die von mir geduzt werden wollen, sind selbstverständlich mitgemeint) – erlauben Sie mir, Ihnen ein kleines, mir aber umso eindrücklicheres Begebnis aus meiner Studienzeit zu erzählen! Ich hatte damals das Glück, noch zwei Semester bei Ernst Tugendhat zu hören, bei einem der damaligen Meisterdenker der Freien Universität Berlin und Vorreiter der sprachanalytischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, der übrigens vor zwei Tagen seinen 90. Geburtstag beging. Im Wintersemester 1991/92 hielt Tugendhat seine letzte Vorlesungsreihe an der FU, die später auch im Druck erschienenen "Vorlesungen über Ethik". In der Regel trug er im zum Bersten gefüllten Hörsaal eine knappe Stunde vor, ein zweiter Teil war der Diskussion gewidmet.