Häuflein klein im Saale sein

von Wolfgang Behrens

30. Juni 2020. Als ich noch ein Kritiker war, vor gut drei Jahren ungefähr, meldeten einige deutsche Tageszeitungen ein Ereignis, das sie selbst einen Tag zuvor der italienischen Presse entnommen hatten und dessen Symbolkraft damals noch gar nicht abzuschätzen war. Demnach war der Schauspieler Giovanni Mongiano – dem Vernehmen nach ein verdienter Pirandello-Mime – bei einem Gastspiel in der lombardischen Kleinstadt Gallarate kurz vor der Vorstellung informiert worden, dass kein Zuschauer erschienen sei, und auch keine Zuschauerin. Mongiano aber nahm sein Herz in beide Hände und spielte trotzdem: vor einem leeren Saal, nur die Regieassistentin und die Kassendame schauten zu (letzteres immerhin scheint mir nicht unwichtig, denn wenn die Kassiererin, wie man annehmen darf, vom örtlichen Theater gestellt wurde, so war zumindest ihr Mongianos Monolog noch unbekannt).

Lang lebe die Verweiltoleranz

von Wolfgang Behrens

26. Mai 2020. Meine Frau sagt – wenn ich hier einmal die Anfangsworte der Kolumne des unvergessenen Michael Althen verwenden darf –, meine Frau sagt eigentlich nach jedem Stück avancierter Neuer Musik, das wir in einem Konzert hören: "Es war wirklich toll (wahlweise auch: spannend, interessant), aber eine CD auflegen würde ich mir davon nicht." Ich weiß nicht, ob das mehr über zeitgenössische E-Musik aussagt oder mehr über Musik, die sich meine Frau als CD auflegt. Ganz sicher aber sagt es etwas aus über die grundsätzliche Qualität eines Konzerterlebnisses, über die Live-Situation: Das Arrangement Konzert nämlich (und für das Arrangement Theater gilt natürlich dasselbe) zwingt gleichsam zur Aufmerksamkeit; die freiwillige Gemeinschaft, die sich hier bildet, hält eine*n gewissermaßen für die Dauer der Veranstaltung gefangen und ermöglicht so eine ästhetische Erfahrung, der man sich unter anderen Umständen möglicherweise verschlossen hätte. Und manchmal hält man auf diese Weise auch etwas aus, dem man sich vielleicht sogar ganz gerne verschlossen hätte.

Das Minutenspiel

von Wolfgang Behrens

14. April 2020. Nein, ich möchte nicht darüber schreiben. Weil alle darüber schreiben und ich nicht wüsste, was ich noch dazu beizutragen hätte. Andererseits wirkt es auch seltsam, nicht darüber zu schreiben. Da es momentan anscheinend gar nichts Anderes gibt, wirkt es geradezu eskapistisch, wenn man sich äußert, aber nicht dazu. Anstatt mich in Theateranekdoten zu flüchten, möchte ich daher einen bislang unveröffentlichten Text von mir zugänglich machen, den ich geschrieben habe, als ich noch ein Kritiker (oder vielleicht sogar noch ein Zuschauer) war. Da es damals noch nicht möglich war, darüber zu schreiben, ist er insofern unverdächtig, ein Kommentar dazu zu sein. Trotzdem fiel er mir dieser Tage ein, weil er auch eine Art Anleitung enthält, wie man damit zurechtkommen könnte. Der Text stammt übrigens aus einer Zeit, als noch die alte Rechtschreibung galt.

Ich weiß es nicht

von Wolfgang Behrens

10. März 2020. Erlauben Sie (ich verwende hier die generische Höflichkeitsform: alle Menschen, die ich duze oder die von mir geduzt werden wollen, sind selbstverständlich mitgemeint) – erlauben Sie mir, Ihnen ein kleines, mir aber umso eindrücklicheres Begebnis aus meiner Studienzeit zu erzählen! Ich hatte damals das Glück, noch zwei Semester bei Ernst Tugendhat zu hören, bei einem der damaligen Meisterdenker der Freien Universität Berlin und Vorreiter der sprachanalytischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, der übrigens vor zwei Tagen seinen 90. Geburtstag beging. Im Wintersemester 1991/92 hielt Tugendhat seine letzte Vorlesungsreihe an der FU, die später auch im Druck erschienenen "Vorlesungen über Ethik". In der Regel trug er im zum Bersten gefüllten Hörsaal eine knappe Stunde vor, ein zweiter Teil war der Diskussion gewidmet.

Nie, nie, nie

von Wolfgang Behrens

5. Februar 2020. Als ich noch ein Kritiker war, kam in den Redaktionen, in denen und für die ich tätig war, immer mal wieder die Frage auf, für wen man denn eigentlich seine Kritiken schreibe. Und die Antwort lautete regelmäßig: für den Leser schreibe man, womöglich auch für die Leserin, jedenfalls fürs Publikum. Auch der geschätzte Kollege Michael Wolf ließ sich vor einigen Wochen in seiner Kolumne dahingehend vernehmen, als er forderte: "Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet."

Elf Regeln soll'n es sein

von Wolfgang Behrens

10. Dezember 2019. Ein zentraler Moment des Theaterlebens, der mir zwangsläufig verschlossen blieb, als ich noch ein Kritiker war, ist das Vorsprechen der Schauspielabsolvent*innen an den Häusern, an die sie engagiert zu werden hoffen. Dabei ist das ein für alle Beteiligten höchst aufregender, weil naturgemäß berufs- und karriereentscheidender Vorgang. Und zugleich ein sehr seltsames Ritual: Eine bis in die Haarspitzen motivierte Bewerberin (oder ein Bewerber) entblößt sich emotional vor einigen wahlweise neugierig, semi-aufmerksam oder eisig blickenden Intendanten-, Hausregisseurs- und Dramaturgengesichtern, die sich am Ende meist ein routiniertes "Danke. Wir melden uns!" abringen.

"Bitte bevorraten Sie sich!"

von Wolfgang Behrens

29. Oktober 2019. Als ich noch kein Kritiker sondern nur ein Zuschauer war, erlebte ich einmal mit meiner Cousine C.... in Peter Steins "Kirschgarten"-Inszenierung einen Theatermoment, den wir beide fortan zu unseren komischsten zählen sollten. Was allerdings nichts mit Peter Stein oder Tschechow zu tun hatte. Vielmehr trug sich zu, dass C.... und ich, die wir als Student*innen auf den billigen Plätzen saßen, vor der Pause zwei freie Sitze in der ersten Reihe erspäht hatten, die wir nun am Beginn des dritten Aktes einzunehmen trachteten.