Du bist schön

von Georg Kasch

22. Juni 2021. Im Darkroom brennt selten Licht. Klingt wie eine Tautologie, will aber sagen: Was hier passiert, darüber spricht man nicht. Also dass es einen Ort gibt, an dem vornehmlich Männer mit Männern mehr oder weniger anonymen Sex haben. Zu schmutzig, zu sexuell. Was soll daran auch interessant sein? Schon Oma und Opa haben früher beim Sex das Licht ausgemacht.
Überhaupt Sex: Privatsache. Immer bissl peinlich. Schwer, Worte zu finden. Dabei ist drüber reden das Einzige, was hilft. Denn selbst zwei Menschen in einer Paarbeziehung begegnen sich da immer wieder neu, mit verändertem kleinsten gemeinsamen Nenner und Begehrensnuancen.

All you need? All you get!

von Georg Kasch

18. Mai 2021. Es gibt eine Szene in der kleinen, wunderbaren Serie MaPa, die viel sagt übers deutsche Fernsehen jenseits von 3sat und Arte. Metin, die Hauptfigur, arbeitet im Writersroom einer Soap-Produktion. Vor einigen Wochen ist seine Freundin Emma gestorben, völlig unerwartet – Hirnaneurysma. Seitdem schlägt er sich alleine rum mit seiner Trauer, seiner Wut, seiner Liebe und seiner sechs Monate alten Tochter Lene. Wir haben ihn scheitern sehen zwischen Brei, Handy und Müdigkeit, haben erlebt, wie er sich an der übergriffigen Hilfsbereitschaft seiner Mutter und der hilflosen seiner Freunde abarbeitet. Das alles hinreißend realistisch, mit Dialogen wie in diesem Moment erdacht.

Wofür es sich zusammenzuraufen lohnt

von Georg Kasch

15. Juni 2017. Nicht zu demonstrieren ist auch keine Lösung. Seit 20 Jahren gibt es den alternativen Christopher-Street-Day in Berlin-Kreuzberg für alle, die sich vom kommerzialisierten großen CSD nicht (mehr) vertreten fühlen. Ein CSD, in dem Spruchbänder, Megafone und politische Botschaften das Bild prägen, Transmenschen und Krawalltunten, nicht halbnackte Muskelpakete und pittoreske Dragqueens. Das hat was von den subversiven Anfängen der Parade, als noch Mut dazu gehörte, sich auf offener Straße als polymorph pervers zu bezeichnen. Allerdings wurde von Anfang an darum gestritten, wer wie stark präsent sein darf. Dieser erbitterte Kampf um die queere Deutungshoheit führte oft genug zu Absagen der ganzen Demo. Und das ist ein Symptom.

Die Neiddebatte der Diskriminierten

von Georg Kasch

2. Mai 2017. Neulich war ein Bekannter im Schwuz tanzen. Als er sich irgendwann das T-Shirt auszog – in ähnlichen Clubs nicht unüblich –, motzte ihn ein Mitarbeiter der Security an, sich wieder anzuziehen, seine Halbnacktheit stelle eine Bedrohung dar. Kann der Anblick eines freien Oberkörpers bedrohen? Ein tanzender Körper in einem queeren Club in Berlin? Die Begründung: Männliche Nacktheit könne ein Trigger für Opfer sexueller Gewalt sein.

Kantersiege eines Männersystems

von Georg Kasch

Berlin, 28. März 2017. Ich bin Feminist. Das war nicht immer so. Früher hatte ich den Eindruck, ich kenne so viele Frauen, die was können und wollen, die brauchen meine Unterstützung nicht, die schaffen das auch alleine. Aber das ist ein ebenso dummer Gedanke wie der, das queer nur was für Homos ist. Man muss nur mal auf die Zahlen gucken. Statistisch gesehen bekommen Frauen in Deutschland für jeden Euro, den Männer verdienen, 79 Cent. Oder: Nur fünf Prozent aller Künstler*innen in den Abteilungen für zeitgenössische Kunst in Museen sind Frauen, aber über 85 Prozent der Akte sind weiblich.

Lolita und Maude

von Georg Kasch

21. Februar 2017. Es kann ein Fluch sein, gut auszusehen und im Rampenlicht zu stehen. Klar, man hat auch jede Menge Vorteile: Erfolg im Beruf, beim Flirten, eigentlich überall, und zuweilen liegt im Aussehen ja auch der Grund, warum man berühmt ist. Aber je erfolgreicher und gutaussehender man ist, desto mehr interessieren sich die Menschen dafür, mit wem man das Schlafzimmer teilt (und wenn mit niemandem: warum nicht).

Aber sicher

von Georg Kasch

18. Januar 2017. Vor wenigen Tagen las ich auf Facebook den Eintrag eines Freundes aus den USA. Er ging mit seinen Kindern zum Essen aus. Beim Betreten des Restaurants folgte ihnen ein Mann, dem, kaum war er zur Tür hinein, eine halbautomatische Schusswaffe herunter fiel, direkt vor die Füße der kleinen Tochter meines Freundes.